Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1935)
- Date
- 1935-01-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2450858-2450862--81011-2538859- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 Nr. 4 Der Israelit 24. Januar 1935 lung der Dinge bis zur Unerträglichkeit verschärften Existenzkampfe des jüdischen Kauf mannes. Darum ist wohl die Frage berechtigt, ob es sich angesichts des unaufhaltsamen Umschich tungsprozesses überhaupt lohne, den ausbleibenden kaufmännischen Nachwuchs künstlich zu schaffen und zu erhalten. Freilich bliebe die Frage bestehen, was sonst unsere Jugend unternehmen sollte? Dem jüdischen Handwerker in Deutschland, der vornehmlich auf jüdische Kundschaft — die leider nicht immer die jüdische Werkstatt sucht — angewiesen ist, geht es gewiß nicht besser als dem Kaufmann, und es hat zudem nicht jeder junge Mann den Sinn und vor allem die Hände für Hammer und Hobel. Viele erlernen ein Handwerk als Mittel zur Erlangung enes Zertifikats für Palästina. Aber diese Kategorie, über die manches zu sagen wäre, gehört nicht in den Arbeitsbereich der Z. A. d. d. J-, der das noch wichtigere Problem der deutschen Juden in der deutschen Heimat zu lösen hat. Was soll aber geschehen? Während es für die schulentlassenen Mädchen heute nur einen Weg gibt, den zur Ausbildung für den eigentlichen Frauenberuf in einer Haushaltungsschule, ist für die männliche Jugend das Problem insofern komplizierter, als sie in diesem Alter in normalen Zeitläuften in die Vorhallen des späteren Berufslebens zu treten pflegte. Es ist heute schwer, Ratschläge auf lange Sicht zu geben. Aber eines steht fest: noch niemals hat sich dem schulentlassenen jüdischen Jüngling solche Gelegenheit geboten, an seiner geistigen und jüdischen Vervollkommnung zu arbeiten, wie heute, und Eltern, die ihre Söhne nicht auf diesen Weg stoßen, oder ihnen gar diesen Weg verbauen, sind fr)^ tPTJlS? }HfT DK laden schwere moralische Schuld auf sich, versündigen sich an der Seele ihrer Kinder. Es ist ihnen mehr denn je gegeben, das Vakuum, das sich zwischen Schule und Leben für den Jüngling heute so oder so ergibt, mit ein- oder zweijährigem Lernen auf einer Je - s c h i w a h auszufüllen, auf der Jeschiwah, wie wir sie heute in der Friedberger Anlage zu Frankfurt a. M. in einer in Deutschland niegeahnten Blüte sehen. Was der Jungen nach Absolvierung dieser Studienzeit wartet, wissen wir nicht: vielleicht bessere Bedingungen für die Berufsergreifung, vielleicht erst recht der Wanderstab. Aber was auch die Zeit dann dem jungen Menschen hier oder draußen im Ausland bringen mag — er träte nach solcher geistigen Hachschara im besten Sinne mutiger und besser gerüstet ins Leben, gefeit und gefestigt gegen all seine Unbilden, gesund an Leib und Seele; ja auch am Leibe, denn das hohe moralische und sittliche Niveau einer solchen Lehranstalt und die intensive Inanspruchnahme des Geistes für die Thoraiehre in ihren Höhen und Tiefen, all das bietet heute wie immer das wirksamste Serum gegen alle Körper und Geist der Jugend bedrohenden Gefahren im Uebergangsalter. Es ist die allerälteste Berufsberatung, die uns auf diesen Weg weist; ihr Rat ist heute so brennend aktuell und beherzigenswert wie am ersten Tage: yaf? QH3WV Vom religiösen Kriegsschauplatz in Erez Jisroel, Ein palästinensisches Wochenblatt ist in der Lage, ein geheimes Zirkular, das die Leitung der Arbeiterpartei versandt hat, wiederzugeben und das ein bezeichnendes Licht auf die Geistesverwandtschaft der Politiker der Histadruth hoowdim mit dem sowjetrussischen Bolschewismus wirft, sobald es sich um religiöe Angelegenheiten handelt. In dem Rundschreiben wird zunächst als Programmpunkt aufgestellt, daß man dem Misrachi den religiösen Chinnuch entreißen müsse, daß es weiter gelte, die kapitalistische Einwanderung nach Erez Jisroel zu Gunsten derjenigen der Arbeiterklasse möglichst kräftig zu beschnside und endlich, und dies scheint die Hauptsache zu sein, einen Kampf zu entfesseln gegen den Einfluß und insbesondere die gesetzlichen Kompetenzen des Oberrabbinats. Man müsse von der Regierung fordern, daß sie dem Öberrabbinat seine gesetzlichen Befugnisse auf dem Gebiete der Eheschließung, des Erbschaftsrechtes und des Personenstandes überhaupt entziehe und es müsse zu diesem Zwecke, da weder die Agency, noch der Waad leumi diesen Kampf gegen das Öberrabbinat zu führen in der Lage sei, eine Sonderorganisation gegründet werden. Diese solle eine große Volksbewegung mit Hilfe der Presse entfesseln, Massenpetitionen vorbereiten und alle sonstigen Propagandamittel ergreifen, um, wie es heißt, die „Peitsche zu schwingen gegen das Rabbinat und die Krone von seinem Haupte zu reißen." Hier haben wir in Reinkultur den marxistischen Kampf gegen die Religion als „Opium für das Volk", wobei man nicht einmal davor zurückschreckt, die Regierung, mit der man doch als Agency und als Waad leumi so mancherlei zu tun hat, in den Kampf gegen die eigenen rabbinischen Führer hinemzuzeiren. Die Gebote Erzieher zum Judentum. Von Saly Geis. Judentum bedeutet Erziehung. Erziehung aber heißt, seinem Tun nach Gebot und Erkenntnis Grenzen setzen. Für den Juden hat G'ttes Wort in der Thora Gebot gegeben und der Erkenntnis Richtung gewiesen. Ein Fundament in den Mitteln der Erziehung ist die Erweckung der Dankbarkeit. Der Mensch ist gar zu leicht geneigt, alles, was er empfängt, als Selbstverständliches hinzunehmen. Ueber das Selbstverständliche aber denkt man nicht weiter nach und dankt nicht. Auf diese Weise entsteht eine oberflächliche Lebensauffassung, die sich um. Sinn und Zweck des Daseins nicht kümmert, vielmehr kurzsichtig dem Augenblick dient. Dem in G'ttebenbildlichkeit geschaffenen Menschen soll es aber nicht um die in jedem Augenblick entschwundene Zeitlich-- keit, sondern um die Ewigkeit, um diese und um jene Welt, zu tun sein. Dankbarkeit veredelt, macht gütig, macht aufnahmefähig für die Forderungen des Guten. Wem die Dankbarkeit mangelt, der denkt an seine kleinen, von der kurzen Lebensspanne geleiteten selbstsüchtigen Interessen, die in Wirklichkeit Geistesverirrung sind und nicht einmal die Bezeichnung Selbstsucht verdienen, denn sogar diese unedle Eigenschaft sollte weiterdenken lassen. Das unrechte Wollen verwirrt selbst den klarsten Verstand und sieht nicht, daß alles, was nur unter der Sonne gewertet wird und nicht empfindet, wer über die Sonne herrscht, — mag es auch noch so glänzen — am Ende doch zur Nichtigkeit der Nichtigkeiten führt. Täglich dankt der Jude, dem das Wort der Thora verbindlich ist, G'tt, daß Er „durch die Lehre der Wahrheit Irregehen verhindern und ewiges Leben in uns pflanzen will," und er bittet G'tt, ihm zu helfen im Verständnis Seiner Lehre und in Vollbringung Seines Willens, „damit wir nicht um Vergebliches uns bemühen und nicht zur Bestürzung erzeugen." In der Dankbarkeit basiert die Existenz des jüdischen Volkes. Nur dort, wo man heute nach Jahrtausenden dankbar „des Auszuges aus Mizrajim" gedenkt, besteht das jüdische Volk und hat weiter Bestand, denn dieses dankbare Gedenken ist die Voraussetzung für die treue Hut der Thora. Sodann tritt das „Ehre Vater und Mutter", das heißt die dankbare Achtung vor dem, was der Väter Generationen heilig war, als, zweite Vorbedingung hinzu, um dem jüdischen Volke die Erhaltung zu verbürgen, Hiermit wird die ferne Vergangenheit, die freilich auch als Gegenwart empfunden werden will, noch fühlbarer mit der Gegenwart verbunden,~ War das erste Zeugnis und Verpflichtung der Geschichte für die Thora, so ist das zweite Zeugnis und Verpflichtung der Thora selber. Dem Sproß eines edlen Volkes mit einer reichen Geschichte und Literatur, dazu einer Literatur, die gänzlich den Heiligkeitsstempel der (Religion an sich trägt, verleihen das Wissen von diesen Werten und das dankbare Gefühl, aus welchem Schößling und In das gleiche Kapitel fällt die erstaunliche. Stellungnahme der palästinensischen Presse, vom: „Dawar" bis zum „Doar Hajom" gegenüber der skandalösen Sabbatentweihung, die sich, an einem der letzten Sabbattage vor der großen Synago g e in Tel Awiw ereignete. , Die Presse scheut sich nicht, die tatsächlichen Ereignisse, die durch Augenzeugen festgestellt sind,; umzubiegen, um, statt der jedem anständigen. Menschen sonst naheliegenden Verurteilung der Sabbat ve r h ö h n e r , lieber gegen die empörte Volksmenge — Doar Hajom spricht von. mehr als 1000 Menschen — zu Felde ziehen zu. können, die sich gegen die provokatorische Sabbat-Entweihung vor dem Eingang zur Synagoge zur Wehr setzte. In Wirklichkeit berichten die Augenzeugen, daß mitten im Gebet, während die Synagoge überfüllt von Betern war, plötzlich mehrere Autos mit ungeheurem Lärm von außen in die Seitengasse vor dem Eingang einfuhren, darunter auch ein Lastauto, vollgepackt mit hebräisch sprechenden jungen Leuten und hebräisch sprechenden Autolenkern und gerade gegenüber den Eingängstreppen Lärm vollführten, Es wäre ein Wunder gewesen, wenn die Menge der Beter ein derartiges fl'aa W Ttthm m WinD*? ruhig mitangesehen; hätte. Das taktlose und provozierende Auftreten des Herrn Remes in der Versammlung des „Poel hamisrachi", über das unser Korrespondent in der vorigen Nummer berichtete, soll demgegenüber nur als ein weniger weittragendes, aber immerhin charakteristisches Symptom registriert werden. Es ist nicht verwunderlich, daß solche und ähnliche Vorgänge, wie auch die Erfahrung, daß die Organe der Linken sich gar nichts daraus machen, die feierlichsten, von ihnen dem Misrachi gegebenen Versprechungen in der Praxis des Lebens ohne weiteres schamlös zu brechen, die Diskussion über die Möglichkeiten eines Zusammenschlusses von Misrachi und Agudas Jisroel nicht zur Ruhe kommen lassen. Insbesondere in dem durch Ehrlichkeit und Mut sich auszeichnenden misraohistischen „Hajessod" wird immer wieder — neuerdings durch einen ArtikeL von Rabbiner J, A, Friedmann in Nachalas Jizchok — der Zusammenschluß aller Thoratreuert als einziges Mittel zum erfolgreichen Kampf gegen den sich steigernden Uebermut der Linken in Erez Jisroel empfohlen. Wir halten es für unsere Pflicht, das festzustellen. Leider ist aber die ganze innere Verfassung des Misrachi mit den nicht enden wollenden kämpferischen Auseinandersetzungen zwischen dem rechten und Stamme er geworden ist, inneren Halt. Doch das Gedenken allein genügt nicht. Hüten, Beobachten, Tun müssen sich gleichzeitig hinzugesellen. Dieses Hüten, Beobachten und Tun zu regulieren, faßt die Erziehungsaufgabe in sich, die G'ttes Wort in der Thora am Juden erfüllen will. Von der ersten bis zur letzten Stunde des Tages gewöhnt die Thora den Juden an Dankbarkeit. Nichtsgeht unbeachtet vorüber, nichts wird als selbstverständlich hingenommen und mit dieser Selbstverständlichkeit seines Wertes beraubt. Wenn die mit dem Körper vereinte Seele zu einem neuen Tage erwacht, wenn die Organe des Körpers ihrer Bestimmung gemäß funktionieren, wenn Wohnung und Kleidung Schutz, Nahrung, Erhaltung und Kraft gewähren, so kündet das alles von einem fortgesetzten neuen Schenken aus dem Born der G'tteshuld. Der Thorajude dankt G'tt für das Erwachen, für das Funktionieren seiner Organe, für. jedes neue Kleidungsstück, für jeden Trunk Wasser, für jede Speise, beim ersten Anblick blühender Bäume, beim Riechen wohlriechender Kräuter, Blumen usw. Verschieden sind die Segenssprüche des. Dankes, damit sein Sinn und "sein Auge bei den Einzelheiten verweile und sich ihrer dankend erfreue. Grollt der Donner, zuckt der Blitz, spannt der Regenbogen seine Farbenpracht an das Himmelszelt, ■— stets soll G'ttes gedacht werden. Es soll kein gedankenloses Empfinden geben.; .; Das verlangt freilich Ruhe, Genügsamkeit, Optimismus und G'ttvertrauen. Wo diese-fehlen, wird der Dank leicht zur leeren Formel und der erzieherische Zweck abgeschwächt. Denn die Hast beachtet nicht, das Verlangen nach Mehr und Mehr schätzt das- Gegebene nicht, der Pessimismus findet mit Nichts Frohsinn, und wer G'tt nur im Münde führt,