Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1935)
- Date
- 1935-01-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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24. Januar 1935 D e r I s r a e I i t „Prosperity" in Tel Awiw. {Fortsetzung von Seite 1.) enorm hohen Mieten bezahlen könnte. Stattdessen verlangen die Hauswirte zumindest eine einjährige Vorauszahlung der hohen Miete, oft auch zwei, drei und sogar auch schon vierjährige Vorauszahlung. Hier hört die Fürsorge der. Hauswirte den Mietern gegenüber auf. Man würde tauben Ohren predigen, würde ein- Mieter sich einfallen lassen, nur eine Vierteljahr-Vorauszahlung anzubieten. Heilfroh kann man sein, wenn sich der menschenfreundliche Hauswirt bereit erklärt, einen kleinen Teil in Wechseln hereinzunehmen. So mancher Einwanderer muß seine letzten Reserven, die er mitgebracht hat, für die Miete hergeben. Diese Mietvorauszahlungen fallen um so schwerer ins Gewicht, als seit Jahren die Geschäftsmieten eine unerschwingliche Höhe erreicht haben. Während ein großes Geschäftslokal in den Hauptstraßen vor etwa zwei; Jahren etwa 8—10 Pfund gekostet hat, zahlt man heute für dieses Lokal 40—50 Pfund pro Monat. Dieses Lokal ist inzwischen natürlich auf das Modernste hergerichtet worden. Mieter dieser Läden sind meist deutsche Einwanderer. Mögen ihre geschäftlichen Erwartungen nicht enttäuscht werden. Es läßt sich natürlich für diese kurze Spanne an Zeit noch keinerlei Urteil darüber abgeben, ob diese Geschäfte auch in der Zukunft in der Lage sein werden, solch hohe Mieten zu zahlen Solange die Alijah in einem solch großen Ausmaß anhält, braucht man mit einer Krisis nicht zu rechnen. Noch werden Arbeitskräfte auf fast allen Gebieten verlangt, es fehlt überall an gut ausgebildeten Handwerkern, aber jeder .Mensch, der arbeiten kann und will, bekommt, wenn er nur palästinensischen Boden betritt, Ar beit. Es kommen jedoch in letzter Zeit sehr viele junge verheiratet© Kaufleute, meist Familienväter, ohne jedes Kapital ins Land. Leider haben sie es trotz aller Warnungen unterlassen, in ihrer alten Heimat noch vorher ein Handwerk gründlich zu erlernen. In ihrem früheren kaufmännischen Beruf sind diese Leute kaum unterzubringen, zumal ihnen die Kenntnis der Landessprachen fehlt. Gelingt es trotzdem einem oder dem anderen, in irgend einem kaufmännischen Betriebe unterzukommen, so ist die Bezahlung so gering, etwa 6—8 Pfund monatlich, daß er hiervon unmöglich einen Haushalt bestreiten kann. Es bleibt ihm dann noch übrig, „Schwarzarbeit" zu verrichten, d. h. als ungelernter Arbeiter zu gehen. In den meisten Fällen reichen jedoch seine Kräfte hierzu nicht aus, aber auch im besten Falle kann er nur etwa 25 Piaster täglich, also auch nur 6—7 Pfund pro Monat verdienen. Etwa die Hälfte hiervon geht für Miete drauf, was bleibt dann für den Lebensunterhalt? Diese Familienväter sollten es sich gar sehr; reiflich überlegen, bevor sie sich entschließen; mit leeren Händen in ein ihnen immerhin fremdes Land einzuwandern. Es' gibt hierzulande leider keinerlei Institutionen, die sich dieser Leute annehmen. Von den vielen gesammelten Millionen für deutsche Emigranten ist auch nicht ein fennig für diese bedauernswerten Familienväter vorhanden. Sie gehen hier einer furchtbaren Verelendung entgegen. Schon gar sehr viele haben sich hier bitter enttäuscht gefühlt, schieben aber nachher nicht sich s.elber die Schuld zu, sondern dem Lande, das natürlich nicht in der Lage sein kann, all diese unvorbereiteten, untauglichen Elemente in den Arbeitsprozeß aufzunehmen;. Abgesehen nun von diesen Bedauernswerten, haben wunderbar erweise doch fast all die Tausende deutscher Juden, die seit etwa 18 Monaten ins Land gekommen sind, eine Existenz; finden können. Eine erfreuliche Folge hiervon ist es, daß,bei unseren deutschen Brüdern auch wieder das i In- und religiöses Leben teresse für religiöse, geistige und kulturelle Arbeit, das Interesse für ein Kehillahleben,' das mar» bisher gänzlich vermissen mußte, erwacht ist. Als sichtbares Zeichen sind zunächst zu nennen die „Moria" und „Beth Jakow"-Schulen. Es sind dies die ersten Schulen, die in westeuropäischem und kulturellem Sinne geleitet werden, im Sinne des px *]YT D3T min -Prinzips. Weiter ist die Errichtung eines deutschen Minjans unter der Vereinigung „ J i c h u d " zu nennen. Es sind dieser Vereinigung bereits über 300 Mitglieder beigetreten, so daß sich bald die Notwendigkeit der Berufung eines westlich ausgebildeten Rabbiners herausgestellt hat. Es ist anzuerkennen, daß der „Waad Hakehillah", der Vorstand der Tel Awiwer jüdischen Gemeinde, n03D genannt, dieser Vereinigung großes Interesse entgegenbringt und durch eine hohe Subvention die Berufung eines Rabbiners ermöglichte. In der Person des bekannten Berliner Gemeinderabbiners aus der Synagoge Pestalozzistraße, Herrn Dr. Emil Levy, hat diese Jichud- Vereinigung ihren geistigen Führer gefunden. Vor einigen Wochen fand bereits die feierliche Einführung in sein Amt durch die Herren Professor Loewe und Dr. Kollenscher statt. Es ist nicht zu bestreiten, daß man sich hierbei etwas sehr stark „berlinerisch" fühlte. Als Fortschritt auf religiösem Gebiet ist zu melden, daß der „Waad Hakehila" die Berufung eines in einer süddeutschen Großstadt amtierenden MiOlA rni»' eines Lamdons großen Formates, beschlossen und bereits zur Ausführung gebracht hat. Die Haupttätigkeit dieses 3*1 wird in der Verbesserung bezw. in der Herstellung eines nach jeder Richtung hin einwandfreien Kaschruth liegen, sowie in der Schaffung ausreichender religiöser Institutionen, sowie im Zusammenschluß aller D'HT' auf deren Gefolgschaft er rechnen kann. Jedenfalls ist es sehr erfreulich, daß der ,,Waad-Hakehila" das nötige Verständnis für die Bedürfnisse der deutschen D'KT aufbringt, nachdem die Befürchtung bestand, erM" nach schweren Kämpfen die berechtigten Wünsche erfüllt zu sehen. Wir hätten uns natürlich sehr gefreut, die Erfüllung dieser Wünseh.e .aus der Hand der „Aguda" zu erhalten. Wir wären schon zufrieden, wenn Aguda uns einige Jugendbildner hersenden möchte. Die Kosten sind wahrlich nicht hoch undes würde solche Hilfe der „Aguda" Hunderte von Mitgliedern bringen. Seit Jahren trete ich in den Spalten dieses gesch. Blattes dafür ein, daß „Aguda" uns zunächst einmal ein oder zwei junge Rabbonim' für die Jugenderziehung hersenden solle; das wenige Geld hierfür müßte aufzubringen sein, anscheinend jedoch ist die nötige Einsicht hierfür in den maßgebenden Kreisen noch nicht vorhanden. Wir haben uns aber in v/jj daran gewöhnt, das Gute dort zu nehmen, wo es uns geboten wird. Es ist selbstverständlich, daß auch andere Städte, wie Jerusalem, Haifa, sowie sonstige, noch kleinere Ortschaften, in denen sich größere deutsche Niederlassungen befinden, dem Tel Awiwer Beispiel folgen werden, indem auch sie sich der geistigen Obhut westlicher Rabbonim anvertrauen werden. Es sind in den letzten Monaten eine ganze Anzähl deutsche Rabbonim hier gewesen, um das Terrain zu sondieren. Ich möchte jedoch hierzu bemerken, daß für diese Posten nur junge, tatkräftige und idealistisch gesinnte Herren in Frage kommen können. Gar groß ist die Arbeit und nur g e r i n g der Lohn. Das Einkommen ist auch nicht annähernd mit dem in Deutschland zu vergleichen. Es ist für geringes Entgelt gewaltige Aufbauarbeit zu leisten, da alles noch sehr im argen liegt. Hier kann eben nur ein gerüttelt Maß „Idealismus" den Sieg davontra-, gen. Es soll auch hier hervorgehoben werden, daß gerade für unsere älteren und verdienstvollen Rabbonim noch keine Möglichkeit vor- __Nr. 4 Seite 3 handen ist, sich hier anzusiedeln, da sie physisch wohl meist nicht in der Lage sind, diese gewaltige Aufbauarbeit heute noch leisten zu können. Die finanzielle Kraft dieser erst noch aufzubauenden Gemeinden läßt die Berufung älterer Rabbonim, deren Wirken vorwiegend in der Erteilung von Schiurim und belehrenden Vorträgen liegen dürfte, leider noch nicht zu. Die Schiurim würden ja auch nur für wm in Frage kommen, da unsere heutige Jugend, ob mit Recht, oder zu Unrecht, nur von jugendlichen Führern geführt werden will. Es ist wohl darüber kein Wort zu verlieren, daß die Erteilung von Schiurim sehr wichtig und für einen Jehudi unentbehrlich sein müßte. Leider jedoch übertrifft heute schon das Angebot bei weitem die Nachfrage. Man kann von früh bis abends, in unzähligen Bothe-Midraschim Schiurim ohne Entgelt hören. Ich will jedoch gleich bemerken, daß für die aus Deutschland Kommenden die Sprache der Vortragenden meist unverständlich ist. Aber auch für Schiurim, die in selbstlosester Weise von deutschen Lomdim gegeben werden, ist leider keine Beteiligung zu erzielen. Hier wohnende D^KT' die in Deutschland zu den eifrigsten Schiurbesuchern gehört haben, beteiligen sich hier an keinem Schiur, obwohl die Gelegenheit hierzu reichlich vorhanden ist. Man muß allerdings in Betracht ziehen, daß die meisten Herren, bei den hiesigen schweren Arbeitsverhältnissen in der Woche am Abend derart ermüdet sind, daß sie keinem Schiur mehr folgen können; bliebe mithin nur der Sabbat, der muß aber den dringendsten familiären und gesellschaftlichen Verpflichtungen vorbehalten bleiben, zumal der Sonntag hier vollständiger Arbeitstag ist. Auf diese Weise ist es leider nicht möglich, einen auch nur einigermaßen besuchten Schiur ins Leben zu rufen. Möge '"Wn auch hiei* recht bald einen Wandel zum Guten eintreten lassen. Wochenrundschau. Jugendliche treten ins Berufsleben. Tausende von jüdischen Jugendlichen werden nach wenigen Monaten mit der Somilentlassung ..vor der Frage stehen: was nun? Die Berufsfrage war im jüdischen Kreise schon von jeher die Sorge der Väter und der Söhne, sie ist heute, bei der Sperre vieler Erwerbszweige für Juden, schon nahezu eine Schicksalsfrage für unsere Jugend. Der „Zentralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau" erläßt zum kommenden Schulentlassungstermin ein Rundschreiben, in dem eine Gefährdung des Nachwuchses des Kaufmannsstandes durch die Hinwendung der Jugend zu handwerklichen Berufen festgestellt wird. Es soll dem Lehrlingsmangel abgeholfen werden Und bei Vermittlung von Lehrstellen auf Güte der gebotenen Ausbildung gesehen werden, die dem Lehrling gestattet, seinen Beruf möglichst überall in der Welt auszuüben. Es wird dabei die Notwendigkeit in Betracht gezogen, für die kaufmännischen Lehrlinge eine besondere zusätzliche Ausbildung in sprachlicher und beruflicher Hinsicht in die Wege zu leiten. Es wird hier u. E. eine Tatsache konstatiert, ohne die Konsequenzen aus derselben zu ziehen. Der Mangel an kaufmännischen Lehrlingen resultiert, wie hier schon richtig gesagt wird, aus dem gesteigerten Interesse unserer Jugend an handwerklichen Berufen. Diese Umstellung unserer Jugend hat aber ihren Grund in der wirtschaftlichen Krise, in dem infolge der Entwick-