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Der Israelit · 1935-01-17 · Heft 3 (17.1.1935) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 3 (17.1.1935)
Date
1935-01-17
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton' Beilage Nummer 3 1935 Flucht in die Heimat« Eine Erzählung aus unseren Tagen. .< ' I; ' '■; ';"..; ..; Boris war der dritte und jüngste Söhn der Bankierfamilie Wilde. Vater Norbert Wilde hatte noch Erinnerungen an Beauftragte der Rothschilds in Frankfurt und der Bleichröders in Berlin,' die das Bankhaus seines Vaters und Großvaters..in Geschäftssachen aufsachten. Er selbst verlegte sich auf andere Geschäfte; zum Teile industrielle Unternehmen, die seine schöpferischen Ideen mehr belebten afs die beständig vibrierenden Kurszettel. Er wollte, wie er sagte, lieber gut schlafen, als besonders gut essen. Aber auch so kamen zu der von den Vätern ererbten Million noch einige hinzu, die ihm weiter keine besondere Freude bereiteten, die aber in Zeiten, da sie abzubröckeln schienen, sein Herz mit größtem Kummer erfüllten, der sich wiederum in neuer Tatkraft auswirkte. Angst und Sorge um den. Besitz liefern einen guten Betriebsstoff. Norbert Wilde blieb auf der Höhe.;. Seine Frau Ida, die von Geschäften nichts verstand und ihren Mann nicht ohne Bewunderung in einer anderen, ihr unbekannten Welt sich bewegen sah, hatte nicht den Ehrgeiz, die Dame der großen Gesellschaft zu spielen. , Die Erziehung der drei gesunden und so grundver-; schiedenen Buben nahmen die ersten Jähre ihrer Ehe ganz in Anspruch. Boris, der jüngste, füllte das Leben der Mutter noch aus, als seine zwei Brüder bereits mit beiden Füßen mitten im Leben standen; Eli als junger Arzt mit im Steigen begriffener Praxis und James im Bankhause des Vaters. ' Der Weltkrieg traf nur den ältesten im kriegs-- fähigen Alter. Eli zog als Freiwilliger aus und diente als Arzt mit Offiziersrang. Sein Name stand in der Zeitung, als er nach unerschrockener Pflichterfüllung mitten im Feuer das Eiserne Kreuz erster Klasse erhielt. Vater Wilde war stolz und zuversichtlich, Mutter Ida weinte und sagte nicht, ob im Glücke oder aus. Angst. Nach drei Tagen ständ er wieder in der Zeitung — in der Verlustliste. Norbert Wilde sah die Welt acht Tage lang wie durch angelauf en es Glas und die Zahlen der Kurszettel führten einen wilden Tanz vor seinen etwas kleiner geworde- ,.nen lAüge^ auf.;.Mütter1 Ida r abei" wartete am Eckfenstern des sdipnen ^err^cnaftshause^ auf ihren „Doktor'', den sie nun' einmal,- in der. schmück^fL hefch^rauen Offizie^stin'iform gesehen . hatte.' .iEr Rollte .;d&h bald;wiedjerkomnien . :• Sie,. kar tete noch; üb er .ein - Jahr z ehnt hinaus^ Die Wellen der Umwälzung und Umstellung im jüdischen Berufs- und Gesellschaftsleben schienen am Wilde'schen Hause vorbeizufluten, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen. An kein öffentliches Amt'1 gebunden, sah- Norbert Wilde seine; Brücke zur Welt, eine papierene Brücke, die Goldwert hatte, kaum bedroht. Jämes, dem Geschäfte .und;4'em; Ämüseöi^nthingegeben, kümmerte sich um die neuen Vorgänge w;enig. Boris ergriff aber der Wirbel »der ineuen.Dinge mit wik 'der' Macht, er warf ihn nicht aus dem Gleise,';,yetjfwrzßite ihn eher noch mehr im Böden, auf' jdeny er sich.,,schon ein Jahr früher, nicht zur! restlosen Freude der Eltern, begeben hatte. " j Es begann damit, daß Boris eines Tages vor seine Eltern trat und kategorisch erklärte, er heiße von heute ab nicht mehr . Boris, sondern BarucH, Baruch oder Boruch, Sohn Nossons, wie er vor drei Jahren zum erstenmal zur Thora aufgerufen wurde. So und nicht anders, wenn er auf Anruf überhaupt noch reagieren sollte. Der Bankier sah den hochaufgeschossenen, aber muskulösen- undgutträinierten Jungen groß an. - ■ ,,Auch deinen Vater willst du mit reformieren? Nosson". Norbert Wilde lachte, als sah er sein urkomisches Gesicht im Zerrspiegel — „eine schöne Firma Nosson Wilde und Cie., was?" „Ob Norbert schöner klingt als Nosson, weiß ich nicht," parierte der Junge entschlossen, „Baruch ist auf alle Fälle gesegnet undg e priesen, im Vergleiche zu Boris, der mir nichts bedeutet." Naseweis war die; Jugend allezeit, damit mußte sich Herr Wilde abfinden, und er dachte auch modern genüg, das Autoritätsprinzip nicht auf die Spitze zu treiben, aber das ging denn doch zu weit. * „Sage mal, Boris . . ." „Baruch," verbesserte der Junge. „Meinetwegen" — aber er brachte den neuen Namen dennoch nicht aus der Kehle — „aber wer bringt dich bloß auf solche exzentrischen Ideen? Doch nicht die Kameraden auf dem Leibnitz-Gymnasium?" Dem Jungen schien dieses friedliche Wortgefecht Spaß zu machen. Er war im Zuge. „Die auch — obwohl mich diese nach wie vor gar I s a k oder Moses nennen werden. Aber noch ein anderer . . ." „Ein anderer?" „Erschrick nicht, lieber Vater, ein älterer polnischer Jude, einer von denen, die du im Korridor durch den Portier — wenn sie Glück haben — mit einer halben Reichsmark abfertigen läßt." „Auch mit dieser Sorte verkehrst du?" ' ' - „Das gerade nicht, aber es traf sich so. Ich war auf dem Nachhausewege aus der Schule. An der Straßenecke stand der fremde Mann in langem^ ratlasschwarzen Rocke, mit rundem großem Filzhüte auf dem. Kopfe. Langer Bart, geringelte Schläfenlocken, na, du weißt ja . . „Ich weiß, ich weiß," wurde Herr Wilde ungeduldig, „weiß nur nicht, was du damit zu tun hast und wie das alles hierhergehört. Hat dich; : der G'ttesbote aus dem Polenlande gesegnet: wie 'der Engel ''Vater Jakob und dir gesagt, dein Name" sei nicht mehr Boris, sondern B'a r u c h?" . ■;;. -. . \ „Beinah sowar es, lieber Vater, aber dennoch etwas anders. Er fragte mich, .wie er am besten nach der Steindammpromenade komme. Ich beschrieb i^mj.den Weg, aber er verstand, es nicht, ganz und ich Sagte ihm, er möchte bei der ersten Kreuzung noch einmal fragen. Da reute es mich schon, den Fremden noch einmal dem Gespötte der Straße auszusetzen, denn Martin und Peter, und .der Kohlhans, und viele Andere,, die bei mir waren, grinsten .schon ganz gehörig . . . Da nahm ich , ihn am, .Arm." „Am Armlt" schrie jetzt die Mutter, die bis; dahin nicht ohne' stilles Behagen der; Unterhaltung izuge'hört hatte, entsetzt auf. „Hast du da-j nach" auch gründlich die' Hände--gewaschen?" . 1 /.Beruhige dicH? Iie1)e iMutterV ich tat es —j schon wegen Martin und. Pe:ter- und Kohlhans,) denn wir kamen' m Berührung . -. . Aber das ist] wenig interessant. Schöner ist das, was folgt. Der Fremde merkte meine Beklommenheit, um seinetwillen und glaubte mich trösten zu müssen. „Wozu sich so was zu Herzen nehmen?" sagte er, Bei uns in Polen sind wir ganz andere Dinge gewöhnt. Man schreit uns auf der Straße Moschke oder Itzik nach. Was will das schon heißen? Wir freuen uns." „Freuen?" fragte ich verwundert. „Gewiß," sagte er, „wenn man nach dreitausend Jahren in unserem Gesichte immer noch die Züge von Awrohom, Izchok, Jaakauw und Mausche wiedererkennt, wie sollten wir uns da nicht freuen?" So sprach der Pole. ,-,Boruch Haschern!" sagte er, „G'tt sei es gedankt, daß man mich noch erkennt . . ." Das nenne ich mir jüdischen Stolz. Von diesen Leuten könnten wir alle was lernen — und ich habe auch was gelernt." „Das solltest du dir schon den ganzen dir zugetragenen Namen zulegen und dich gleich Boruch Haschern nennen," spottete der ältere Bruder, der elegante Jungchef des Bankhauses Norbert Wilde. „Boruch Haschern, gelobt sei der Herr; daß er mir einen so grundgescheiten Brüder gegeben hat," hakte der Jüngere ein und hatte die Lacher auf seiner Seite. Und dabei blieb es. Wer sich das Ohr des jüngsten Wilde sichern wollte, hatte sich, zu Baruch zu bequemen. Das wußten bald die letzten Dienstboten. Man rief den Namen erst lachend und zögernd, bis er von der Gewohnheit sanktioniert wurde. II. Ein Jahr später kam der laue Vorfrühlingssabbat, an dem Norbert Wilde, wie viele Andere, nicht ins Geschäft ging. Boris — Baruchhatte am Freitag sein letztes Examen am Leibnitz- Gymnasium bestanden und sein Reifezeugnis heimgebracht. Er sollte Mediziner werden, gewissermaßen aus Pietät gegen den gefallenen ältesten Bruder, dessen kostspielige ärztliche Einrichtung seit dem Fortzuge des jungen Offiziers noch unberührt dastand, als wartete sie auf den „Annehmer und Erlöser aus der nächsten Verwandtschaft." An jenem Morgen, da die Familie am Kaffeetisch so gesammelt wie nie an einem Sabbatmorgen, saß, schien die Sache mit dem Studium problematisch. Man erwog die Frage einer ausländischen Universität. Norbert Wilde hatte Beziehungen in der Welt. Da erklärte der frischgebackene Abiturient zwischen einem Schlucke und dem anderen leise und. bestimmt, in aller Seelenruhe, er werde überhaupt nicht studieren. „Die Firma hätte am Ende auch noch Platz und Arbeit für einen dritten Chef," warf: der Vater ein/ Norfoert Wilde wollte an diesem Morgan unter" jed^m Preise Aufregungen Vermeiden. „Ich trete auch nicht in die Firma ein," verfügte Baruch. mit der Entschlossenheit seiner siebzehn Jahre und biß zur Bekräftigung herzhaft in seine marmeladebestrichene Brotscheibe. Er aß schon lange keinen Kuchen mehr. „Macht sich selbständig mit einer neuen Erfindung," spottete Janies, der Jungchef. „Unser Brüderchen ist, seitdem er Baruch heißt, stets mit neuen Ideen und Eingebungen gesegnet." Baruch überhörte den Spott. „Ich gehe auf eine Hachschara," sagte er kurz und einfach,- als sprach er von einem Sonntagsausflugß ins nahe Gebirge. (Fortsetzung folgt.)

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