Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1935)
- Date
- 1935-01-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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wpMPSf^V^W'T« -waff»?*™*- HoloBoll o—ololioilo Erziehung und Lehre v Pädagogische Beilage zum „Israelit" Organ des Bundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer Deutschlands [BE ^]ce][^ ^IIMIE^ H lloj o oll °—° 1 o o jo|| H" -HIIHIIH —IIIHIIh- -HIHI Verantwortliche Schriftleitung: L. Kaufmann, Sprendlingen (Kreis Offenbach) Zum Unterricht im Deutschen in der jüdischen Volksschule. Der Unterricht im-Deutschen schließt die Uebun gen im Sprechen, Lesen und Schreiben in sich. Diese Gegenstände müssen auf allen Stufen in organischem Zusammenhange miteinander bleiben und, soweit es geht, in gleichmäßigem Fortschritte gefördert werden. Hiernach soll der Unterricht im Deutschen Uebungen im Sprechen, Lesen und Schreiben des Hochdeutschen umfassen. Diese Forderung ergibt sich aus der Aufgabe des Sprachunterrichts. Die Kin der sollen nämlich die hochdeutsche Umgangssprache verstehen und sprechen, sie sollen die in der Schriftsprache in Druck oder Schrift niedergelegten Gedanken anderer lesen, und, soweit es nach ihrer Bildungsstufe möglich ist, verstehen und wiedergeben, sie sollen endlich ihre eigenen Gedanken einfach, klar und sprachrichtig schriftlich darstellen lernen. Daß die beiden letzten Aufgaben des Sprachunterrichts es nötig machen, die Kinder mit einer Anzahl guter, volkstümlicher Erzeugnisse der deutschen Literatur bekannt zu machen, ist selbstverständlich. Danach hat der Sprachunterricht einen zweifachen Zweck: er soll ein richtiges Sprach Verständnis und eine gewandte Sprachfertigkeit erzielen. Diesem Zwecke dient zunächst der gesamte Schulunterricht, denn aller Unterricht ist ja Sprachunterricht. Allenthalben im Unterricht wird nämlich der Wortschatz des Schülers verwendet, geklärt und dadurch bereichert, daß für neue Gegenstände, für neuzugeführte Anschauungen und Begriffe die bezeichnenden Worte dargeboten werden. Die Sprachkenntnis wird also erweitert. Anderseits werden die Schüler in allen Lehrfächern veranlaßt, das Dargebotene im Zusammenhange darzustellen. So wird die Sprachfertigkeit gefördert. Diese allgemeine Sprachpflege reicht aber nicht aus; denn viele unserer Kinder bringen vielfach nicht einmal die hochdeutsche Umgangssprache mit, und diese befähigt wegen ihres' geringen Wortschatzes noch nicht zum Verständnis und Gebrauch der Schriftsprache. Daher bedarf die Volksschule noch eines besonderen Sprachunterrichts. Er umfaßt Lektüre, Stil und Sprachlehre oder nach den allgemeinen Bestimmungen: 1 1. die Uebungen im mündlichen Ausdrucke — Anschauungsunterricht, « 2. den Unterricht im Schreiben und Lesen — , Schönschreiben, Rechtschreiben und Aufsatz, 3. den Unterricht in der deutschen Sprachlehre. Beim, Anschauungsunterricht erfordern die Uebungen im mündlichen Ausdruck keinen abgesonderten Unterricht. Sie bereiten vielmehr den Schreib- und Leseunterricht vor und begleiten ihn auf seinen weiteren Stufen. Ihre Stoffe nehmen sie auf der Unterstufe von den einfachsten und den Kindern zumeist bekannten Gegenständen, auf der Mittelstufe von Gruppenbildern und dergl., auf der Oberstufe von den Sprachstücken des Lesebuches. Ihr formelles Ziel ist fortschreitend auf den verschiedenen Stufen, die Befähigung des Schülers zu richtiger und deutlicher Aussprache jedes einzelnen Wortes und zum freien Ausdrucke seiner Gedanken im einfachen Satze, die Befähigung zum korrekten und sicheren Ausdrucke im ÜUSämmengesetzten Satz«- unter Ueberwindung der gewöhnlichen Fehler im Gebrauche der Wortformen und in der Satzbildung, und endlich die Befähigung zur freien und richtigen Wiedergabe fremder Stoffe, j wie zur Ordnung und klaren Darstellung der eigenen Gedanken. Es ist zu unterscheiden zwischen dem Anschauungsprinzip, einem Hauptgrundsatze der Pädagogik, nach welchem aller Unterricht Anschauungsunterricht sein, d. h. anschaulich erteilt werden soll, und dem Anschauungsunterricht als einer besonderen Disziplin. Der Anschauungsunterricht dient zur Wekkung, Klärung und Bereicherung der Vorstellungswelt der Kinder, Sie lernen anschauen, aufmerksam denken. Lehrstoff bildet die Umgebung der Kinder, Familie, Jahreszeit, Wetter, Sonne, Schulhof, Natur usw. Da der Anschauungsunterricht befruchtend auf das Gemütsleben der Kleinen einwirken soll, so wird ein jüdischer Lehrer nicht vergessen, an den Freitagabend, den gedeckten na»-Tisch, Sederabend, nwiatf Geburtstag der nun, mvn mt mit seinem nais?. maw mit naio und D'rn nya*iK, raun mit mu», onis mit n^an» *wy wnn mit seinen Früchten zu erinnern. Bei Besprechung der Blumen erlernen die Kinder die naia- Ein Kind hat wegen Krankheit gefehlt. Der Lehrer begrüßt es mit D'5nn Kam -p-o- Diese nana wird erklärt und auswendig gelernt. Phantasie- und gemütbildende Stoffe für den Anschauungsunterricht im zweiten Schuljahr sind auch die biblischen Geschichten. Warum sollen unsere Kinder nicht auswendig sagen: D'n ia r>K pT man und ia v> D'anpPi D'ffm ia r>K D'a. Hauptsache ist stets: nichts an den Haaren herbeiziehen, nur auf ganz natürliche Weise muß man dem min piK "7~n oy-Prinzip gerecht werden. Soweit vom Anschauungsunterricht, Der zweite Teil des Sprachunterrichts umfaßt den Unterricht im Schreiben und Lesen. Ziel für die Unterstufe (1. und 2. Schuljahr) ist: Die Befähigung der Kinder, zusammenhängende Sprachstücke, richtig lesen und kurze Sätze nicht nur ab-, sondern auch selbständig aufschreiben zu können. Ueber die verschiedenen Methoden zu sprechen, ist hier nicht am Platze: Buchstabiermethode, die ja nur noch geschichtliche Bedeutung hat, da sie längst aus der Schule verschwunden ist, Lautier-, Normalwörter- und Schreiblesemethode. In den letzten 10 Jahren gingen wir von den großen Lateinbuchstaben aus. Diese sind den Kindern nicht nur durch Aufschriften — Straßennamen, Firmenschilder, Lichtreklame, Elektrische — bekannt, sie lassen sich auch leicht durch Stäbchen darstellen und nachzeichnen. (Mit Beginn des neuen Schuljahres darf nicht mehr mit den Antiqua-Buchstaben begonnen werden). Aus der Druckschrift wird dann das Schreiben abgeleitet. Manche nehmen erst die lateinische, manche erst die deutsche Schreibschrift. Während das Ziel im Lesen für das erste Schuljahr ist, Befähigung der Kinder, richtig zu lesen, ist die Aufgabe für das zweite Schuljahr das fließende Lesen. In der Mittelstufe muß das Kind zur Fertigkeit im Lesen gebracht werden mit besonderer Beachtung der Interpunktion. Die Oberstufe muß die Geläufigkeit im Lesen weiterpflegen, ganz besonders die rechte Betonung. Das Ziel für diese Stufe ist, die Kinder dahin zu führen, daß sie Sprachstücke, deren Inhalt ihrem Lebenskreise nicht zu fern liegt, leicht und mit Ausdruck vom Blatt lesen. Manche Lesestücke, z. B. „Die drei Freunde" sind ganz jüdischen Ursprungs, (rnn 'D nsan dum). Wir lesen im Teil: „Doch besser ist's, Ihr fallt in G'ttes Hand als in die Hand der Menschen", Ich frage nur: „An welche Stelle in der nbsn denkt Ihr?" Prompte Antwort.'?i$>Bsf>M a«»»»Tavn na aa nbti. Lesestücke wie „Belsazar" und „Der Graf von Habsburg" müssen wir auch behandeln, ersteres des ''in 'V wegen, durch letzteres lernen unsere Kinder auch Gebräuche anderer Religionen schätzen und achten. Sobald der Grundgedanke eines Lesestückes entwickelt ist, läßt sich dieser oft sehr leicht durch ein Wort unserer b"t D'aan wiedergeben. Der Plan schreibt uns vor: Sprichwörter und bildliche Redensarten. Für erstere sind die nux 'pis und ^vn eine Fundgrube, ia» mn mnr was sich sogar in Frankfurter Mundart wiedergeben läßt. r»ina*j?mttöyVoaJv?». Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, na» at& 'am nasn na, Was G'tt tut, das ist wohlgetan. Wer "kennt nicht Hillels Ausspruch: nnn ">r>b nsraa n^tsa.?nayn &b "pan^ 'io -^sn Müßiggang ist aller Laster Anfang, juti ia» ">iob Hochmut kommt vor dem Fall, Bildliche Redensarten: mal inn Kraut und Rüben, nbi xeri p'oa. Etwas Unmögliches. fi«n -irsrai a->avn »as'Srj Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Diese Beispiele, die sich noch durch viele vermehren ließen, beweisen zur Genüge, wie sich das pR Tn d? nnn-Prinzip im deutschen Unterricht verwirklichen läßt, unbeschadet des grundsätzlichen Standpunktes, daß die Deutschstunde Deutschstunde bleiben muß. Oberster Grundsatz muß immer bleiben! Nichts gewaltsam herbeiziehen. Der natürliche Gang des Unterrichts muß es ergeben. Vergessen wir nie, wodurch sich eine jüdische Volksschule von einer anderen Volksschule unterscheidet: 'nm dk »a nur durch den jüdischen Geist, Gesundheitspflege und Fürsorge des Kindes im Talmud und Midrasch*). Von L. Wiesner in Wien. Nach der Halacha belaufen sich die Verpflegekosten eines Kindes höher als die einer erwachse- *) Aus einer Reihe von Aufsätzen: Das Kind im Talmud und Midrasch. nen Person, Es sollen daher minorenne Erben nicht von der gemeinsamen Erbschaftsmasse, sondern von dem ihnen zukommenden Anteil verpflegt werden, weil sonst die großjährigen Erben benachteiligt würden.1) Zum körperlichen Gedeihen des Kindes dienten namentlich warme Bäder und Einreibungen mit Oel.2) Der achtzigjährige Chanina b. Chama, der imstande war, auf einem Fuße stehend, sich den Schuh des anderen Fußes aus- und anzuziehen, sagte, daß er diese Kraftleistung seiner Mutter verdanke, die ihn in seiner Kindheit mit Oel und warmem Wasser gepflegt hatte.2) Zuweilen wurden Kinder zu Heilzwecken auch in Wein gebadet,4) und häufig wurde Wein auch zur Reinigung vom Schweiße verwendet, ein Mittel, von dem die Mutter sowohl für sich als auch für ihr Kind Gebrauch machte.5;). Als zuträgliches Genußmittel wurde kleinen Kindern gerne Honig verabreicht.6) Beliebte Näschereien, die man Kindern oft reichte, waren Nüsse und geröstete Aehren.7) Zur Abwendung der gefürehteten Kinderkrankheit MlaOR Erstickungskrankheit haben zur Zeit des Tempels die Männer des Standes nayn ">vi8, jeden Mittwoch gefastet und gebetet.8) In vornehmen Familien wurden, wie noch heute, die Kinder von Zeit zu Zeit gewogen und die Gewichts-Zu- und Abnahme kontrolliert. Die Witwe des Doeg b. Josef, eines reichen Bürgers zu Jerusalem, der bei seinem frühzeitigen Tode einen jungen Sohn hinterließ, hatte diesen alljährlich gewogen und die jeweilige Gewichtszunahme dem Heiligtume in Gold gespendet.8) Die Wiege, in der das Kind gewöhnlich am Tage ruhte, während es bei Nacht in der Regel bei der Mutter schlief,10) hatte die Form eines kleinen Bettes mit kurzen Füßen, die zuweilen in Vertiefungen des Bodens eingelassen waren, um der Wiege einen festeren Halt zu geben.11) Sie war gewöhnlich aus Holz,19) doch gab es auch solche aus Glas.13) Bei der Holzwiege mußten, bevor sie in Gebrauch genommen wurde, alle rauhen Stellen geglättet werden, damit das Kind bei Berührung mit ihnen keinen Schaden nehme.14 Zuweilen war unter der Wiege ein Rädergestell, wie bei unseren Kinderwagen, angebracht.15) Es gab auch Schaukelwiegen. Nach der Meinung eines Lehrers stand die erste Schaukelwiege im Hause Abrahams. 1H) Der einförmige Ton der Glöckchen an der Wiege, die beim Schaukeln derselben ertönten, bewirkte ein baldiges Einschlafen des Kindes.18a) Zum Zwecke der Reinhaltung des Bettzeuges und als Unterlage für das Kind diente eine Lederdecke17) Diese war zuweilen, wie es scheint, gedoppelt, derart, daß zwischen beiden Lagen durch eine Oeffnung, na'B genannt, die Füllung strohsackartig mit Stroh oder ähnlichem Material erfolgte.18]! Zur Befestigung dieser Matratze oder Unterlage an der Wiege waren an der letzteren Ringe n^s angebracht.19) Wie die Wiege, so gehörte auch der Kindersessel, in welchem das Kind, sobald es älter geworden war, den größten Teil des1 Tages sitzend verbrachte, zu den nötigen J) B. bathra VIII, 7. '2) Kilajim II, 2. 3) Chulin 24b. 4) Tosefta Terumoth IX, 15, Tosefta Sabbat XII, 13. r>) Jer. Maaser Scheni II, 1, Jer, Sabbat XIV, 3. e) Joma 75b, Ex. r. 25, 3; vgl. Ex. r. V, 9. 7) Schir r. I, 7 Ex. r. III, 4, vgl. Ex. r. II, 4. 8) Taanith 27b, Jer. Taanith IV, 3, vgl. Raschi zu Gen. I, 14. 9} Sifra Bechukothai, VI, 3; vgl. Joma 38b, Echa r. I, Jalkut § 1014. 10) Jer. Makkoth II, 4. ") Oholoth XII, 4- ") Kelim XVI, 1, Gen. r. AI, 10. la) Tosefta Kelim, B. bathra VII, 12. ") Kelim XVI, 1; vgl. Sanhedrin 20b ob. lr') Tosefta Kelim B. mez. V, 12. Nach Ploß, das Kind II, S. 262 scheinen die Griechen und Römer den Kinderwagen nicht gekannt zu haben. ie) Gen. r. L III, 10. 18a) Tosefta Kelim B. mez. I, 13. Sabbat 58b, vgl. Raschi, Jer. Sabbat VI, 1. 17) Kelim XXVI, 5 (no'iyn ny) Tosefta Kelim B. bathra IV, 8. 18) Tosefta Kelim B. mez. VI, 2. lfl) Parah XII, 8.