Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1935)
- Date
- 1935-01-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 3 D e r Israelit 17, Januar 1935 Kultur anbetrifft, so muß man doch diefixen Programmatiker um ihren Optimismus beneiden, mit dem sie an den großen geschichtlichen Wandlungen cles 19. Jahrhunderts und den durch sie geschaffenen Tatsachen vorbeisehen. Da können wir nicht mit. Auch wir sehen im abgelaufenen Jahrhundert in mehr als einer Beziehung ein Unglück für das Judentum, eine Sackgasse, aus der wir herausmüssen. Aber: Können wir achtlos an der Tatsache vorbeigehen, daß diese hundert Jahre nun einfach da sind und weitere Tatsachen geschaffen haben? Können wir die Augen davor verschließen, daß inzwischen die Umwelt nicht stehen geblieben ist? Die sozialen -und wirtschaftlichen, soziologischen und politischen Verhältnisse, Technik und Verkehr haben in hundert Jahren eine Wandlung durchgemacht und begründet, wie vorher nicht in tausend Jahren, Kann ich einfach sagen: Ich lebe jetzt so, wie man. vor tausend Jahren gelebt hat? Inzwischen ist aus Deutschland ein Industriestaat geworden, die Juden sind in die Großstädte gezogen, alle Funktionen, die sie damals ausgeübt haben, treffen heute auf andere Verhältnisse. Die Lebensbedingungen sind dadurch nicht leichter geworden und gar nicht zu vergleichen mit denen in den Ländern des Ostens, wo die Juden in Zentren zusammenwohnen; und die Entwicklung viel langsamer vor sich geht. . . Und ist denn die jüdische Welt die gleiche wie damals? Anstelle der trotz des Druckes.von außen doch nach innen in ihrer Einheitlichkeit harmonisch und stark wirkenden Geschlossenheit sehen wir heute Zersplitterung. Der weitaus größte Teil der Juden, mit denen wir durch Blut und Schicksal verbunden sind, hat sich vom Boden des geschichtlichen Judentums gelöst und denkt gar nicht daran, zum gesellschaftlichen Ghetto noch ein geistiges auf sich zu nehmen. Der Grenzstrich zwischen jüdischer und nichtjüdischer Kultur geht mitten durch uns. Wollen wir zurück auf die Zeit vor Mendelssohn? Bitte, dann schafft hier ein Ghetto im Ghetto und zieht draußen eine starke Mauer um Eure Kinder, Im Uebrigen werden die „aufgeklärten" Juden bereitwillig die Geschäfte mit der Außenwelt für Euch besorgen. Diesen objektiven Veränderungen gegenüber kann man nicht mit Scheuklappen vor den Augen durch die Welt gehen, um den Weg Mendelssohns von Berlin nach Dessau zurückzuführen. Denn inzwischen hat sich auch Dessau gewandelt. Praktisch ist die Frage: Höhere oder mittlere Bildung? für die Mehrzahl der deutschen Juden heute ohne Bedeutung, sie haben keine Wahl. Was aber wichtig , für sie ist und wir ihnen unter . allen Umständen : erhalten müssen, das ist die Bildung zum brauchbaren Menschen. Aber diese Bildung zu einem Menschen, der sich auskennen und seinen Beruf verstehen will.f verlangt ungleich, msfrr an w;eljtlicher| Vorbildung und Vorkenntnis als -friüher, ungleich mehr, als die: gespottnten Ritter gegeni.den Derech. <crez meinen^ Es , ist. <qehr bezeichnend, daß.r die. Argumente gegen . 'Hirsche-gewöhnlich iweit über das Ziel hinausschießen. Denn jedes Argument gegen ihn richtet, sich auch gegen die Beiufsbjl- : dung und jede Stütze für das letztere ist auch eine Bestätigung Hirschs, Und je mehr . die Sonderstellung der Jüderi in Deutschland ah die Zeit vor der Emanzipation erinnert, destomehr müsseh wir unsere Jugend zur Auswanderung vorbereiten, desto mehr aber müsseh:js.ie auch wiss e n v o n d e r W e Vi. Denn draußen in der Welt — und Erez Israel macht hiervon keine Ausnahme — i s t d i e Sit uätion heute noch oder heute sc'hon durchaus dieselbe, die s. Z. Samson Raphael Hirsch berechtigte, ja verpflichtete, mit seinem Kulturprogramm hervorzutreten. Auch wir suchen einen neuen Weg. Aber es muß ein Weg sein, der aus der Gesamtschau der Gelegenheiten und Notwendigkeiten, unter "denen der Jude heute z u'1 e b e n h a t y erwächst. Wir wollen, freilich den" Jugendlichen vor allem zum lernenden Juden erziehen: Im Bewußtsein, daß er nur dadurch das Erbe seiner Väter antritt, daß er im Glauben, Denken, Fühlen und Tun zu den Quellen des Judentums zurückgreift. Die jüdische Schule, das darf ruhig ausgesprochen werden, hat nicht ganz gehalten, was sie versprochen, Sie hat das »Jüdische vom Mittelpunkt in die Peripherie rücken lassen. Die Schule der Zukunft — ob Volks-, Mittel-, höhere Schule — muß der Selbstbesinnung und Selbsterkenntnis des jüdischen Knaben und Mädchens die Wege zeigen* auf denen allein jüdisches Selbst- und jüdisches Kulturbewußtsein .errungen, werden, kann. Alles, was ihm dient, vor allem, das Lernen, muß, sowohl der Stundenzahl als auch der Stundenzeit nach;. in den Mittelpunkt gerückt werden. Und von ihr muß der ganze Schultag seinen Charakter erhalten. Ich stelle mir eine solche Schule vor, in der die Melodie der Thora die Herzen durchzieht und jedem, der durch das Schulhaus geht, aus jeder Klasse entgegentönt. Die Lehrer sind nicht Beamte und die Stunden nicht abgezirkelt. Das Klassenlehrersystem, wie es in der Volksschule besteht, nach dem der Lehrer mit den Schülern eine Familie bildet, zu dem sie alles bringen, mit dem sie alles teilen, schafft das Gefühl gemeinsamen Lebens, Suchens und Schaffens. Das Lernen wird zur Hingabe, das Lehren zur Führung, die weit über die Schulzeit hinaus in die Zukunft wirkt. Ob sie in die Jeschiwa mündet, was mindestens für ein Jahr die Regel sein sollte, ob sie — unter dem Zwang der Verhältnisse — in einen Beruf führt, auf jeden Fall wird mit solcher Liebe gepflegtes Lernen auch nach der Schule nicht mehr abbrechen, das taugliche Lernen zur .liebgewordenen Gewohnheit, und auch für Madchen in einer Art von Beth-Jaakow-Lehrhaus ermöglicht. Von da ist nur' ein kleiner Schritt zum zweiten Ziel: der Erziehung zum Volksbewußtsein. Schlagen wir an unsere Br^ist. Keiner der deutschen Juden hat es aus dem verflossenen Jahrhundert sich so hinübergerettet wie etwa der Ostjude. Und doch: So wenig wie der zweite Schritt ohne den ersten einen Wert hat, so wenig kommen wir für die Erziehung unserer Jugend ohne den zweiten aus. Das Gefühl: gam hu jih'je Tarn: sie gehört einem Volke an, das in die Jahrtausende zurückweist, das ihre Existenz begründet und ihr Entfaltungsmöglichkeiten gibt ,in dem Maße, als sie für es arbeitet, duldet, leidet, geht wie ein Kxaftstrom durch ihre Seele. Daran vermag keine jüdische Erziehung vorüberzugehen, so wenig wie an den Bemühungen des jungen Juden um Palästina, noch einmal wie vor Zeiten die Glut jüdischen Glaubens, die Schärfe jüdischen Denkens und die Kraft jüdischen Tuns in die Wagschale G'ttes zu werfen, um aus eigener Verantwortung mit seinem eigenen Los das Schicksal des jüdischen Volkes zu ergreifen. Und von der Schule vorbereitet führt der dritte Schritt zum ,v erantwortungsbewußten Juden. Mit der Besinnung auf die Wertwelt des Judentums muß auch die Sehnsucht geweckt und wach gehalten werden, ihre Verwirklichung zu sichern, über die vier Ellen der Einzelpersönlichkeit auf die Gesamtheit, durch Zusammenfassung der Kräfte von der Gesamtheit auf einzelne zu wirken, durch Institutionen, deren Einrichtung die Kraft des Einzellebens übersteigen, die errungene Plattform des historischen Judentums zu sichern, auszubauen und zu erweitern: Organisatorische Zusammenfassung auf dem Grunde jüdisch-politischen W o 1-> 1 e n s, Von rein pädagogischen Gesichtspunkteii aus hätte ich die Jugend gerne so lange als möglich der politischen Entscheidung enthoben. Aber der junge Mensch hat heute das Bedürfnis, mit seinem Tun auf das, Was geschieht, sich einzurichten, für das, was geschehen ist, Verantwortung zu tragen, über das, was geschehen soll, auch mitzudenken. Das Alter eines Menschen .errechnet sich nicht nach Sommern und nicht nach Wintern, sondern nach der Härte der Jahre, durch die man sich durchgebissen hat. Kerschensteiner bringt einmal das Bild von den Greifzangen eines Kranes,, die sich zusammenschließen, sobald sie! die Last zu heben habend So mögen auch die jungen Juden unsrer Zeit -— gleich weit entfernt vom Fatalismus wie vom Fanatismus — lernend, ve ra n t w o r - tungsbewußt,.volksbewußt und arbeitsfreudig die Zukunft auf ihre Schulternheben. Fulda, 10. Januar. ' >;£■' Wie schon in der vorletzten Nummer des'. „Israelit" berichtet wurde, tagte in Leipzig^die Agudas Jisroel-Jugendorganisation. Die Tagung sollte in der künftigen Gestaltung der agudistisfchen JügehÄdarbeiti einschneidende Entscheidun- gen- -treffen. 'Durch die entschiedenere Stellungna'hmes vieler Kreise der orthodoxen- Jugend für Agudas Jisroel hat sich ein neues Bild ergeben. Die Tagung war beherrscht' von der/-Frage der 'Regelung des Verhältnisses zwischen lAgu d?k-fi E s r a und Noar Agudati. Es war die erste, nachdem der Noar Agudati gegründet wurde, und der Esra sich entschlossen hat, seine Neutralität aufzugeben. Drei große Arbeitsgebiete, nämlich die Erez J i s r o e 1 - A rfeFe i t, '.die bundische Erziehungsarbeit und die' A e 11 e r en-Arbe i t sollten voneinander getrennt und in ein Verhältnis zueinander gesetzt; werden. Schon bei der pädagogischen Arbeitstagung war die Teilung in diese drei. Arb'eitsge- ' biete zu bemerken. (t Der Methodik der E r]e z >Ji s r o el- Arbeit war das Referat von; Herbert Sohn gewidmet. Der Referent ging von der Voraus- ' setzung . aus, daß in unserer Jugendarbeit Erez ' Jisroel möglichst stark im Vordergrund stehen Die Tagung der Agudas Jisroel - Jugendorganisation 2-. 1: ÄBM^Sff H muß und daß deshalb Von vornherein eine see- III B_i Sil lische Bindung an Erez Jisroel nötig ist. Deshalb- III kvIHLlHi breöichte bei der Bghanidl^pd'et1 ••Metfip'dik der Erez Jisroel-Arbeit^in-den mittleren und älteren. -Gruppen ' die Frage tanserer Einstellung ■ zu Erez Jisroel nicht im yOrdergrund zu .^stehen, - und der Re!i.|)-ent b.es^hranjkfte sicfi auf die" aktuellen Fragen "des heutigen Palästina:. Anhand' ausführlicher Literaturangaben versuchte err<jäten Aufbau einer i* . j \ i{' ~ e'?;'t 1 ' *> i f*T * * » Erezf! 'Jisroel-^ArTjeitsgemeihschaft aufzuzeigen.. Die Diskussion befaßte sich hauptsächlich mit der Frage unserer Einstellung zur Literatur, die nicht vom thoratreueh' Standpunkt aus geschrie- berii ist. Eine kritische':,Steliungnan#oSe.uzu dieser haben natürlich alle zugegeben. Denen, die die- Empfehlung dieser Literatur ablehnten, wurde entgegengehalten, daß eine Ueberängstlichkeit unsererseits nicht am Platze ist. Die Orthodoxie ist sich ihrer festen Stellung innerhalb der Ju- : denheit bewußt und braucht keiner Angriffe von äußen zu fürchten. Die Wahrheit muß und soll von' jedem, der -sie sagt, angenommen werden. Allerdings sei zur kritischen -Prüfung der nichtorthodoxeti' Literatur 1 eine tiefe Kenntnis der Täuroh nötig, lind die Erziehung zur Tauroh' ist die Voraussetzung jeder sonstigen geistigen Arbeit. -iV- ..'.w':..f;;--;' .-. ' ' per h ü h d i s c h e ri E r z i e h u n g s a r b e i t in erster Reihe waren die"Refferate'Von Dr. Erich Eisemann: „Wie erziehen wir zunr Agudis--