Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1935)
- Date
- 1935-01-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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17. Januar 1935 Der Israelit Nr. 3 Seite 5 mit dieser Lösung einer der größten Steine auf dem Wege zur vollen Verständigung der Völker Europas abgetragen wurde. Die Hoffnung einer gequälten Menschheit auf ungestörten Frieden der Welt hat seit Dienstag morgen, seit Bekanntwerden des allerwarteten Resultats, neue Kraft gewonnen. Wir Juden hatten keine Sonderwünsche in diesem Prozesse der Wiederherstellung einer an sich klaren Rechtslage anzumelden. Nicht ganz 3000 jüdische Seelen zählt das Saargebiet, und wir wollen, ungeachtet der Schrecken, die eine bestimmte Greuelpresse uns in dieser Beziehung .seit Wochen und Monaten so schwarz wie möglich an die Wand malt, hoffen und glauben, daß der nun ins Land einkehrenden Ruhe und Rechtsgleichheit auch die Juden in vollem, unbeschränktem Maße teilhaftig werden. Und noch etwas weiter hinaus greifen unser III. Das vergangene Jahrhundert erzählt von .schwerer Schuld, die wir als Juden auf uns geladen haben, indem wir dem europäischen Geiste •die Kraft jüdischen Lebens und Fühlens opferten. Vor Mendelssohn gab es kaum ein jüdisches Kind, das nicht, eingebettet in jüdische Gemeinschaft, erzogen worden wäre. Da war kein Knabe, der nicht den größten Teil des Tages mit Lernen, sozusagen „auf den Knieen der Lehre und G'ttesfurcht" zugebracht hätte. Da gab es keine Scheidung zwischen Ost- und Westjuden im Sinne der deutschen Juden des 19. Jahrhunderts. Der Rabbiner von Minsk konnte nach Fürth, der von Hamburg nach Venedig, der von Metz nach Prag berufen werden, ohne anzustoßen. Denn wie auch die Umwelt hier und dort verschieden Tvar, die jüdische Welt war überall nur eine. Die gegensätzlichen Strömungen gingen nicht von der Landschaft und Kultur der Umgebung aus, sondern entstammten der Tiefe jüdischer Seele, in der sie alle beheimatet waren. Thorawissen, Gläubigkeit und Zusammengehörigkeitsgefühl hielten sie umfangen. Da kam die Aera Mendelssohn, und die Geschlechter bega-, ben sich ihres dreifachen Schmuckes. Deutschland wurde das Land jüdischen Abfalls. bx*\w. ">Bia">s heiße: „Beim G'tte Israels". Was es mit •dieser G'ttesbezeichnung für eine Bewandtnis habe, darüber gibt Benjamin Mussafia in seinem die talmudischen Fremdwörter untersuchenden Werke „Mussaf hearuch" Aufschluß. (Vgl. Aruch ed. Landau V, S. 1280.) Er sagt, die Griechen hätten den vierbuchstabigen G'ttesnamen der Bibel irrtümlich von links nach rechts gelesen und die hebräischen Buchstaben des Namens als griechische angesehen, mit denen sie Aehnlichkeit hatten. Das Wort sei von ihnen daher P o p i gelesen worden, und so sei Popi als G'ttesbezeichnung entstanden. Dies die Erklärung -Mussafias. Sie wird näher begründet und ausgeführt im talmudischen Wörterbuch von Jacob Levy ed. Goldschmidt, Stichwort 'Bis'« I, S. 68. Wie Levy zitiert, berichten die Kirchenväter Origines und Hie- -£3nymus' *n alten Exemplaren der griechischen Bibelübersetzung das heilige Tetragramm unübersetzt in althebräischer Schrift beibehalten worden sei, und unwissende Abschreiber hätten dann diesen G'ttesnamen für griechisch gehalten und ihn Pipi gelesen v" 1 B I). So entstand bei unwissenden, griechisch redenden Juden vielfach die Gepflogenheit, G'tt 'SPS bezw. »SlB zu nennen. Daß an unserer Stelle »aia G'tt bezeichnet, ist also sicher. Was bedeutet aber 'SlB's? Was für eine Bewandtnis hat es mit der hinzugefügten Vorsatzsilbe 'K? Levy gibt sie mit o wieder und erklärt 'Bisnt als „o Popi". Diese Erklärung befriedigt aber nicht; denn wenn 'X hier o hieße, dann bliebe unerklärt, warum es das erste Mal heißt: „O G'tt Is^ raels und sie darf nicht in dein Haus kommen." Die Hinzufügüng des „und" muß dqch einen Grund haben. ' Nach Analogie des Parallelberichtes in Babli, iVedarim 22b, wo es heißt wb xa»'»tj *b itina na Kb „Nein, Glaube und unsere Hoffnung. Sehen wir in unserer eigenen höchst unklaren Rechtslage in Deutschland von Anfang an nur eine Folge der verworrenen weltpolitischen Lage, der Entrechtung Deutschlands in mancherlei Hinsicht, so muß man jeden Versuch einer Wiederherstellung des völkerrechtlichen Gleichgewichtes in der Welt als neuen Schritt und neues Mittel zur Reinigung der geladenen Atmosphäre begrüßen. Fallen einmal alle Schranken und Schrauben, die die Sieger nach dem großen Weltenringen dem Besiegten auferlegt haben, dann, so glauben und hoffen wir, ist auch im Lande selbst die Bahn freier für Recht und Gerechtigkeit, die man uns heute unter den starken Spannungen der Weltpolitik leider in vielfacher Beziehung vorenthält. Durch das befreite Saargebiet führt eine Straße zum großen Völkerrechte, von der auch eine Gasse zum Judenrechte abbiegt. Die Einsicht, wie viel wir damit verloren haben, ist aber bereits allgemein geworden. Deutschland wird das Land jüdischer Läuterung. Wir geben uns keiner allzugroßen Illusion hin. Aber eine irgendwie positive Revision der jüdischen Haltung läßt sich doch bei allen Parteien beobachten. Die an einer deutsch-jüdischen Zukunft bauenden Richtungen, vom RjF. bis zu den Zentralvereinlern, erkennen an, daß die Vernachlässigung des jüdischen Wissens, die Scheu, sich außer in den wenigen Stunden der Synagoge zum Judesein zu bekennen, unehrenhaft und für die Widerstandskraft tödlich gewesen ist. Außer den Notwendigkeiten der Umschichtung, die ihnen die Zeit auferlegt, arbeiten sie an einer neuen würdigeren Emanzipation, an dem Bilde eines neuen Geschlechtes, das aus Ehrgefühl und Charakter jüdische Geschichte und jüdisches Brauchtum so hochhält wie die Liebe zum Deutschtum. Aber auch die deutschen Zionisten, deren Geschichtsauffassung in wesentlichen 'Zügen eine überraschende und für viele Juden erschütternde Rechtfertigung erfuhr, haben, wenn man der „Jüdischen Rundschau" glauben darf, mancherlei gelernt. Im geistigen Nationalismus suchen sie zu den materiellen und politischen Aufgaben, beim Herrn des Alls, ich werde nicht davon genießen," wäre man versucht, an unserer Stelle ">« als Negation aufzufassen und bs-\w> 'biö'K zu übersetzen: „Nein, beim G'tte Israels . , ." Aber man sähe nicht ein, warum der Fragende als Negation einmal 'R und das andere Mal anwendet. Vielmehr ist meines Erachtens folgende Erklärung einleuchtender: Es dürfte anzunehmen sein, daß der Ausdruck 'Bis'x hier einen doppelten Sinn hat: Er wird im ersten Satz als Schwurformel angewendet und im zweiten Satz als Begründung, warum der Schwur Geltung habe. Ich vermute nun, daß es sich bei 'K um das Wort ti handelt. Der Buchstabe n entspricht bekanntlich dem griechischen Buchstaben Eta und wird in der griechischen Bibelübersetzung vielfach als bloßer Hauchlaut mit einem Spiritus lenis wiedergegeben, z. B. mn Eva, ]iain Aermon usw. Ebenso in anderen griechischen Schriften, z. B. on'fi Eiromos (Josephus, contra Apion 1, 17)'. Man kann daher annehmen, daß das Wort 'n von griechisch redenden Juden nach griechischer Mundart Ai oder Ei ausgesprochen wurde. Da ferner im Gegensatz zur hebräischen Sprache, in der es außer bei Eigennamen nur sehr wenig Komposita gibt, die griechische Sprache mit Vorliebe Komposita anwendet, so konnte bei den griechisch sprechenden Juden das Wort 'n leicht mit dem folgenden Nomen zu einem Kompositum verschmelzen, zumal ja 'n oft in der konstruktiven Form che vorkommt. Das Wort »n wird an zahlreichen Stellen der Bibel als Schwurformel angewendet, z. B. Num. 14, 21, Richter 8, 19, 1. Sam. 25, 34 usw. Es bedeutet: „Sa wahr . . , lebt." Sein einfacher Sinn ist jedoch: „Er lebt." Die Worte bvnw 'Bis'« wären also so viel wie bvnvn 'p^R »n- Demgemäß wäre der Satz,wa*> vbby xb bW» »SttMt zu übersetzen: „So wahr der G'tt Israels lebt, sie darf nicht die ihnen erwuchsen, dem Bilde des neuen Ju- ^den Züge einzufügen, die er in der Zeit vor Mendelssohn trug: Gläubigkeit und Traditionstreue. e Wie weit dieser Weg auf dem Grunde liberalistischer Weltanschauung — Religion ist immer noch Privatsache — zu jüdischer Verpflichtung führt und wie weit die zur Zeit maßgeblichste Schicht der zionistischen Arbeiterschaft in Palästina sich diesem Bilde einfügen läßt, müssen wir ihnen überlassen. Maximilian Landau hat in diesen Blättern jedenfalls mit Recht dagegen Verwahrung eingelegt, daß auf dem . Wege zu geistiger Neugestaltung altgeheiligte Begriffe und Formen, losgelöst von dem sie" tragenden Fundament des Glaubens und Tuns, als Judentum ausgegeben werden. Was aber für uns wichtiger ist, ist der neue Weg, den w i r gehen wollen, den wir gehen müssen, wenn wir zugeben, daß eine neue Zeit neue Wege zu suchen und neue Menschen zu fordern habe. Neue Wege, neue Menschen? Aber wozu denn? Gibt uns die tausendjährige Geschichte unseres Volkes nicht das leuchtende Vorbild des alten Juden? Hat er versagt, daß wir einen neuen anziehen wollen? So oder ähnlich fragt wohl eine mit jugendlicher Energie und lodernder Thorabegeisterung geladene Gruppe, die dazu übergehen will, eine Art von jüdischem Cluny zu begründen, ein Programm zu entwickeln, das erst kürzlich in dem hier angezeigten Buch von S. Schwab einen beredten Dolmetsch gefunden hat. Sie sieht in der Zeit vor Mendelssohn all jene Kräfte lebendig, die uns zum Neubau nötig sind und vollständig genügen. Auf Grund dessen fordert sie ein Zurückgehen auf jene Zeit, eine Reduzierung der profanen Ausbildung auf ein Minimum, soweit es „zum Beruf hilft." Etwaige Zugeständnisse für darüber hinausgehende „flüchtige" Beschäftigung rechtfertigen sich nur höchstens aus der Möglichkeit, dadurch die Thora besser zu verstehen und — für einige wenige — aus der Notwendigkeit der Abwehr. Die charakterlich«, geistige und seelische Entwicklung erwartet sie einzig und allein vom „Lernen", das den jungen Menschen mindestens bis zum 17. Jahre den größten Teil des Tages festhalten solle. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß die leidenschaftliche Hinwendung zum Lernen in unseren Reihen ein freudiges Echo findet. Aber, was die Beurteilung der sogenannten profanen in mein Haus kommen." Die Antwort R. Joses 'SiS'R waV rMy kVi Vr-w bedeutet dagegen: „Es lebt der G'tt Israels und sie darf nicht in dein Haus kommen." So findet die ganze Stelle ihre, wie ich glaube, einleuchtende Erklärung. (Saar-Gedenkprägung der Bayerischen Staatsmünze.) Aus Anlaß der Abstimmung im Saargebiet hat die Bayerische Staatsmünze im Einvernehmen mit dem Saar-Bevollmächtigten des Reichskanzlers nach Entwürfen des großen saarländischen Bildhauers Fritz Koelle eine hochkünstlerisch ausgeführte Saar- Gedenkprägung aufgelegt. Die Prägung ist in alter Fünfmarkstückgröße, in Feinsilber und in Bronce ausgeführt und zum Originalpreis von RM. 6.— bezw. RM. 3.— bei allen Banken, Bankgeschäften und Sparkassen erhältlich. Wer die Münze erwirbt, hilft damit allen Notleidenden an der Saar. Wochenkalender. Vom 19. — 26. Jan. 1935 / Vom 15. — 22. Schebat 5695 'Ol' 5p 19 15 RapRM Samstag na •ypv nwan rrvw 'v nV«n Sonntag 20 l 16 03 Montag 21 17 0 Dienstag Jan. 22 täv 18 KD Mittwoch 23 19 30 Donnerstag 24 20 30 Freitag 25 21 "TO Samstag 26 22 no 1W Rückblick und Ausblick. Ton Studiendirektor Dr. M« Elias in Frankfurt a. M.