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Der Israelit · 1935-01-10 · Heft 2 (10.1.1935) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 2 (10.1.1935)
Date
1935-01-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 2 Der Israelit 10. Januar 1935 sen Lippen noch nie ein Wort gekommen sei, das einer Unwahrheit nur ähnlich wäre, das jemand verletzen könnte. „Einmal," so erzählte der Advokat, „wurde beim Rabbi eingebrochen. Der alte Rabbi lief dem Dieb nach und schrie nicht „Halt!", sondern: „Ich schenke dir, was du genommen hast und verzeihe dir auch, damit dir G'tt verzeihe ..." Da unterbrach der Vorsitzende: „Und Sie, Herr Advokat, ein gebildeter Mensch, nehmen das alles als bare Münze urid halten diese Berichte nicht für Legenden?" „Legende?" antwortete Grusenberg schlagfertig. „Vielleicht! Merkwürdig ist nur eines, daß man von m i r solche Legenden nicht erzählt, auch von Ihnen nicht, Herr General . . . Wie groß muß wohl - der Mann sein, um den das Volk einen solchen Kranz von Legenden gewunden hat." Die Generäle sahen sich die Rabbiner nochmals an. „Wir halten es in der Tat für undenkbar," sagte der Vorsitzende, „daß 'diese ehrwürdigen Männer eine Unwahrheit sagen könnten. Allein der Deutsche ist so klug, daß es ihm ein Leichtes war, diese Männer hinters Licnt zu führen." Von dieser Auffassung ließ sich das hohe Gericht nicht abbringen. Man konnte schon von Glück reden, daß kein Todesurteil gefällt wurde. Aber der „Memeler" wurde zu zwölf Jahren schweren Kerkers verurteilt. Die Rabbinen waren entsetzt und ratlos. Als man dem Chofez Chajim das Urteil überbrachte, blieb er ganz kalt. Nur ein einziges Wort sprach er aus: ,Sie verfügen über das Schicksal eines Menschen auf zwölf Jahre hinaus. Wissen sie, was die nächsten zwölf Tage ihnen bringen "werden?" Nach wenigen Tagen brach die Revolution in Rußland aus. Die Deutschen besetzten ganz Polen. Die Gefängnistore wurden geöffnet und die politischen Gefangenen befreit. Der ,.Memeler" ist heute angesehener Rabbiner in einer litauischen Stadt. Die Insel der Seligen. Wer einmal dazu berufen sein wird, die Geschichte der deutschen Juden unserer Gegenwart zu sethreiben, wird nicht nur den äußerlich erkennbaren Geschehnissen und Vorgängen sein Interesse zuwenden, er wird vielmehr den lebhaften Wunsch hegen, den Zustand der jüdischen Seele zu rekonstruieren, wie sie die ihr auferlegten Lasten trug, mit ihnen rang, Mehrung an Kraft und Würde aus ihnen schöpfte, in dumpfer Gleichgültigkeit sich an sie gewöhnte, oder gar keuchend unter ihnen zusammenbrach. Er wird es freilich nicht leicht haben, diesem Wunsche wirklich gerecht zu werden. Es gibt kein einheitliches Antlitz der deutsch-jüdischen Seele von heute. Wehleidige Trauer um das Verlorene, Anpassung an das Neue bis zur Selbstvernichtung, törichte Hoffnung auf Wiedereinsetzung in den früheren Stand, leichtsinniger oder träger Uebergang zur Tagesordnung des Geschäfts, besinnungraubender Hechtsprung vom Gestade des Assimilantentums in die lieblich plätschernden Fluten des Zionismus, gespanntes Lauschen auf die tönenden Phrasen eines religiösen Literatenjudentums: Mühe wird der Geschichtsschreiber haben, all diese Züge, die sich noch ständig vermehren, zu einem künstlerischen Bild zu gestalten. Ein Zug darf in diesem Bild nicht fehlen. Für den kommenden Geschichtsschreiber sei hier die Haltung der thoratreuen Jugend verzeichnet, wie siegegenwärtig die Hörsäle der Jeschiwa der Unabhängigen Orthodoxie in Frankfürt a. M. füllt. Um es vorweg zu nehmen: Diese Haltung ist von solch erschütternder Großartigkeit, daß man aus ihr allein den Glauben an die weltüberwindende: Kraft der Thora, an die unzerstörbare Ewigkeit des Volkes der Thora zu schöpfen vermöchte. Eine Insel der Seligen ist diese Jeschiwa. Aus dem Chaos der deutsch-jüdischen Gegenwart hat die Jugend dieser Jeschiwa den Weg zur Thora gefunden; ohne heldenhafte Geste, ohne literarisches Geschwätz, in großer und stiller Selbstverständlichkeit, wie ein Kind, das zur Mutter geht, um sich in Liebe und Trautheit zu bergen. Soll man es für möglich halten? Der Grundzug der Jugend dieser Jeschiwa ist — Heiterkeit. Es ist die Heiterkeit, die nur die Thora zu spenden vermag, nicht Heiterkeit des Reichtums und nicht Heiterkeit der Resignation, sondern Heiterkeit des Berufenseins, Heiterkeit des ständigen Wachsens in die Berufung, Heiterkeit der liebenden Verehrung sich restlos hingebender Thoraführer, Heiterkeit der Freundschaftsbündnisse zwischen wettstreitenden Gefährten. Lauschte einmal ein Unkundiger dem Treiben dieser Jugend, würde er schwerlich merken, daß es sich um Menschen handelt, denen meist der Boden unter den Füßen wankt, und eine durchaus ungewisse Zukunft bevorsteht. Ihr ganzer Eifer gilt dem Studium der Thora, und wenn die allwöchentlich stattfindenden „Verhöre" den Beweis fortschreitenden Könnens liefern, mehrt sich ihnen das Gefühl der Kraft fürs Leben. " ' Denn auf das Leben ist diese Jeschiwa bezogen. Sie bejaht das Leben, weil die Thora. das Leben, braucht zur Bewährung. Aus dem Pentateuch, aus den Psalmen und den Propheten, aus dem Schulchan Aruch wie aus dem Talmud selber übermittelt sie Grundsätze fürs Xeben, und zu Soldaten der Thora will sie ihre Jünger erziehen. Darum kann diese: Jeschiwa auch nicht etwa neutral sein. Im Sinne ihres großen Gründers fordert sie die unbeschränkte Herrschaft der Thora auf allen Gebieten des Wissens und der Tat, Und immer wieder zeigt es sich, daß gerade die Jugend, und heute erst recht, für konsequenten Radikalismus freudigstes Verständnis besitzt. Erstrangige Dozenten verleihen der Jeschiwa, an ihrer Spitze die hinreißende Gestalt ihres Rektors, das geistige Gepräge. Jeder von ihnen eine Persönlichkeit für sich, alle aber völlig geeint in dem Ziele, kompromißlose Thoramenschen zu gewinnen. Gerade die Mannigfaltigkeit der Dozenten-Persönlichkeiten bei unbedingter Gleichgerichtetheit ihres Strebens übermittelt den Hörern eine Fülle tiefster Eindrücke und hat die Jeschiwa mit ihrem, zahlenmäßig in Westeuropa wohl einzig dastehenden, qualitativ hochwertigen, aufnahmefreudigen Menschenmaterial zu hoher Blüte gebracht. Der Aufenthalt auf dieser Jeschiwa bedeutet für die Hörer einen köstlichen Besitz fürs ganze künftige Leben. Die Jugend braucht Heiterkeit, braucht Lebensbejahung, braucht den Frohsinn wachsender Tüchtigkeit. Nicht ohne Staunen wird der Geschichtsschreiber einst feststellen, daß diese Jeschiwa in den schweren Jahren der Gegenwart mit großer Meisterschaft der thoratreuen Jugend den Weg ins Leben gewiesen hat, indem sie sie inmitten unsäglicher Verkennung zu stolzen, selbstbewußten, lebenzugewandten und lebenbejahenden jüdischen Menschen zu erziehen vermochte. .... , Groß ist die Verantwortung, die heute auf jüdischen Eltern ruht, die in Deutschland Kinder zu betreuen haben. Möchten sie in immer wachsendem Maße zur Einsicht gelangen, daß es ihre oberste Pflicht ist, ihre Kinder zu wissenden und deshalb auf ihr Judentum stolzen Menschen zu machen. Mochte es den vereinten Anstrengungen gelingen, die Jeschiwa auf ihrer heutigen Höhe zu erhalten, als Rüstungsquell für unsere Jugend, als Wahrzeichen deutsch-jüdischer Leistung in schwerster Zeit. Personalien/ Professor Markon 60 Jahre alt. Hamburg, 2. Jan. Am 27. Januar 1935 begeht der bekannte Orientalist und jüdische Wissenschaftler Prof. Dr. Isaac Markon seinen 60. Geburtstag und blickt zugleich auf eine 35jährige literarisch-wissenschaftliche Tätigkeit zurück. Der Jubilar wurde am 27. Januar 1875 in Rybinsk (Gouvern. Jaroslaw a. d. Wolga, Rußland) geboren und stammt aus einer hoch angesehenen jüdischen Großkaufmannsfamilie, ist Abkömmling des „Lewusch", des „Beer Ha-Gola" und des „Wilnaer Gaon". Nach Absolvierung des klassischen Gymnasiums in seiner Heimat studierte er seit 1896 an der Petersburger Universität Orientalia und Jura, Er war ein Lieblingsschüler von Prof. D. Chwolson, mit dem erschon als Gymnasiast in wissenschaftlicher Korrespondenz stand. Vorübergehend' hörte Markon auch an der Berliner Universität sowie am Rabbinerseminar. Seine Arbeit über „Vergleichung der Kanonischen Gesetze über verbotene Verwandtschaftsehen der apostolischen Kirche mit denen des Talmuds und der Karäer" wurde 1899 mit der goldenen Medaille gekrönt. Seit 1901—1917 wirkte er als Bibliothekar der hebräischen Abteilung der kaiserlichen Bibliothek zu St. Petersburg. Im Auftrage der kaiserlichen Regierung weilte er 1904—1905 zu wissenschaftlichen Zwecken und zum Studium des Bibliothekwesens in Westeuropa. Von 1809—1911 war Markon Dozent der „Akademie für Kunde des Orients" in Petersburg. Seit 1908 (nach dem Ableben des Baron David von Günzburg) bis 1917 war er Ministerialrat und Mitglied des Gelehrten-Komitee im kaiserlich-russischen Ministerium für Volksaufklärung. Von 1915—1917 war er Dragoman des kaiserlich-russischen Ministeriums des Aeußeren, für welche Tätigkeit ihm im Jahre 1916 der Titel „Hofrat" verliehen worden ist. Nach weiteren wissenschaftlichen Arbeiten und Editionen wirkte er von 1922—-1924 als ordentlicher Professor an der neugegründeten Universität zu Minsk. Markon ist einer der größten Kenner des Karäertums, auch der Pijutim-Literatur. Außerdem ist er aber noch ein vielseitiger Gelehrter auf den verschiedensten Gebieten des Judentums, Der Gelehrte Markon spielte auch eine große Rolle im Wirtschaftsleben Rußlands und war eine führende Persönlichkeit der russischen Judenheit. Er zeigte stets großes Interesse für das Wohl der Ge- ' samtjudenheit und besonders auch für Palästina. Zur Zeit von Kerenski war Markon einer der sieben Abgeordneten der russischen Judenheit bei der großen Staatsberatung in Moskau im August 1917. Nach dem bolschewistischen Umsturz wurde Markon als Mitglied des Präsidiums des' Nationalrats "der Juden Rußlands gewählt. Seine bewundernswerte Tatkraft zeigte sich besonders wohltuend auch während des großen Weltkrieges. Im Kriege wurden z. B. seitens der Regierung wie die Geistlichen anderer Religionen auch die Rabbiner vom Kriegsdienst befreit. . Der Regierung waren aber nur die „Kron-Rabbinen" bekannt, die einen gewissen Bildungsgrad, erreicht hatten. Von der Existenz der eigentlichen Rabbinen, die den Mittelpunkt des jüdisch-geistigen Lebens in Rußland darstellten, hatte die Regierung keine Kenntnis, und. ist es Markon zusammen mit dem Petersburger Oberrabbiner R. David Tewil Katzenellen-; bogen durch große Bemühungen beim Reichskanzler, Minister des Innern und Kriegsminister gelungen, ca.: 5000 Rabbinen von der Dienstpflicht, zu befreien. Nur gestützt auf das große Ansehen und Vertrauen,- das diese beiden Persönlichkeiten Rußlands beider Regierung genossen, wurde seitens der Regierung jeder als „Rabbiner" anerkannt, der durch die Unterschrift dieser Beiden als „Rabbiner" bezeichnet wurde. Durch Ausweisung der Juden aus den Städten des Ansiedlungs-Rayons nach dem inneren Rußland, sind, auch die Rabbinen obdachlos und brotlos geworden. Es bildete sich sofort ein Komitee, zur Unterstützung der Ausgewiesenen und Flüchtlinge. Neben diesem Komitee hat Prof. Markon zusammen mit dem Petersburger Rabbiner David Tewil Katzemellenbogen ein Gesuch durch den amerikanischen Botschafter eingereicht, um von Amerika eine größere Summe zur Unterstützung der Rabbinen zur Verfügung gestellt zu erhalten, und die amerikanische Judenheit hat dieser Aufforderung durch Ueberwei-; sung von 200.000 Rubel Folge geleistet. ' Markons Haus war der Mittelpunkt des geistigen jüdischen Lebens in Petersburg. Eine besondere Rolle hat er gespielt in orthodoxen Kreisen als Führer der Orthodoxie der russischen Judenheit. Die meisten Versammlungen der russischen Rabbinen haben in seinem Hause stattgefunden. Als in Petersburg im Jahre 1910 eine rabbinische Versammlung abgehalten wurde, haben sämtliche Rabbiner Polens ihm die Vollmacht zur Vertretung der geistigen Interessen der Juden Polens erteilt. Als im Jahre 1907 die Petersburger Gemeinde einen Rabbiner wählen wollte, hat die Gemeinde Markon bevollmächtigt, eine Reise in das Ansiedlungsrayon zu unternehmen, üm einen passenden Kandidaten zu finden. Besonders hervorgetreten ist er in dem bekannten ,,Ritualmord"-Prozeß Beilis, wo er durch Artikel mit großer Würde, viel Sachkenntnis und sprühender Schlagfertigkeit antisemitische Angriffe abgewehrt hat. Im Anfang des Jahres 1926 wurde Professor Markon nach Berlin berufen als Mitredakteur der „Encyklopädia Judaica". Das Berliner Rabbiner-Seminar benutzte die Gelegenheit der Anwesenheit dieses hervorragenden russisch-jüdischen Gelehrten, um im Laufe von fünf Semestern eine Reihe wissenschaftlicher Vorlesungen aus dem Gebiet der jüdischen Geschichte und Literatur einzuordnen, die auch außerhalb sde Kreises des Seminars großen Anklang fanden. Im Laufe seines Aufenthalts in Berlin hat Markon großen Anteil genommen an dem Jüdischen Lexikon, wo er ca. 300 Artikel veröffentlicht hat. Eine besondere Tätigkeit hat Markon auch entfaltet in den Arbeiten für die „Akademie der Wissenschaft des < Judentums" und hat nicht nur regen Anteil genommen an der Wissenschaft des Judentums, sondern hat auch im Laufe von einem Monat in Holland Und Belgien ca. RM < 40.000 gesammelt. . Im Jahre 1928 wurde Markon als Leiter der Bibliothek und Lesehalle der jüdischen Gemeinde Ham? bürg berufen, wo er sich große Verdienste erwor-.. ben hat. ■ ''• Wir wünschen dem verehrten Jubilar weiteres Wirken in ungetrübter Kraft und Freude. V"Vmy Wochenkalender. Vom 12. — 19. Jan. 1935 / Vom 8. — 15. Schebat 5695 •>ÖY> 5p Samstag 12 K»pR33 8 m Sonntag 13 9 31 Montag 14 10 3ß Dienstag Jan. 15 vsv ■ 11 13 * ' "' \ Mittwoch 16 12 •13 Donnerstag 17 13 . U Freitag . 18 14 . ii ' Samstag 19 15 na yqv ni?Qn m'P 'v hVbm

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