Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1935)
- Date
- 1935-01-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Der Israelit Nummer 2 1935!'l:V;:-r'^»'ä'->'?;';-"?S^' ' ^'i' , r Feuilleton- Beilage Zwei Geschichten aus dem zaristischen Russland. i. Der „Rebell". Chajim Selig war als Mathematiker und Astronom bekannt. Er leitete die hebräische Zeitung „Hazefirah" in Warschau und war einer der populärsten Führer der Haskalah mit konservativem Anhauche. Er war aus Cheder und Jeschiwah hervorgegangen und daher noch vongesogen mit jüdischem Quellenwissen. In ganz jungen Jahren war Slominski einige Zeit Hauslehrer auf dem Gute eines jüdischen Magnaten bei Tomaschoff. Dort wirkte auch eine junge Französin als Lehrerin der französischen Sprache. Slominski verkehrte oft mit der jungen1 Dame und lernte bei ihr die Anfangsgründe des Französischen, während er sie in sein ureigenes Gebiet, Mathematik und Astronomie, einführte. Eines Tages zeigte ihm die Lehrerin eine Pariser Zeitung, die eine mathematische Preisaufgabe enthielt. Für die richtige Lösung war von der Akademie eine Prämie von hundert Francs ausgesetzt. Slominski nahm die Zeitung mit nach Hause und löste die Aufgabe ohne Schwierigkeiten. Mit Hilfe der Lehrerin schickte er sie am folgenden Tage der Redaktion mitsamt Begleitschreiben und Angabe der Adresse ein. Wochen und Monate vergingen, ohne daß von Paris Anwort kam. Entweder, dachte er, war seine Lösung nicht zutreffend oder sein Brief hatte das Ziel nicht erreicht. Die ganze Sache geriet in Vergessenheit. In einer Winternacht, da das ganze Haus auf dem Hofgute in tiefstem Schlafe ruhte, erhob sich draußen eine wilde Schießerei. Die Menschen erwachten in größter Panik. Eine ganze Reiterschar, Kosaken mit Lanze und Flinte, umringten das Haus. „Wo ist der Hausbesitzer?" wetterte der Führer. Als der Hofbesitzer in bebender Angst, halb nackt, herauskam, schrie ihn der Offizier an, er möchte ihn sofort zu dem Rebellen auf seinem Hofe führen, zu dem jüdischen Lehrer Slominski. Dieser, der im zweiten Stock die ganze Attacke verschlafen hatte, wurde nun aus dem Bette geholt, in einen großen Soldatenmantel gehüllt, und halb bewußltos in einen geschlossenen Militärwagen geworfen. Flankiert von den Reitern mit blankem Degen rollte der Wagen nach Warschau. In Warschau hatte man den Gefangenen in der Zitadelle eingesperrt, und keiner durfte zu ihm in die Zelle. Sein Brotgeber, der jüdische Magnat, der sich sofort nach Warschau begab, lief von Amt zu Amt und konnte nirgendwo feststellen, warum man seinen Lehrer verhaftet hatte und was man ihm zur Last legte. Am wenigsten konnte all die Ereignisse Slominski selbst begreifen. Ein paar Tage unsäglicher Pein waren für den jungen Gelehrten verstrichen. Da wurde mit knarrendem Geräusch die Türe seiner Zelle aufgerissen. Ein eleganter junger Offizier trat über die Schwelle, verbeugte sich, zum größten Erstaunen Slominskis, vor ihm und bat ihn höflichst, ihm ins Büro des Kommandanten zu folgen. Hier erfuhr S., daß der Statthalter Polens, der vielgefürchtete zaristische Kommissar P a skewitsch, ihn zu sprechen wünsche. Slominski brachte sich in Ordnung, Man verschaffte ihm sogar neue Kleider, und nun wurde er vom Offizier in einem Wagen zum Schlosse . gebracht, wo der Zarenvertreter tür Polen residiert. Im Privatkabinett des Kommissars wurde Slominski vom Kommissar mit einem warmen Händedruck empfangen. Etwas verlegen brachte der hohe Beamte Entschuldigungen vor, daß durch ein Zusammenwirken unseliger Mißverständnisse er verhaftet und ihm eine so unwürdige Behandlung für einige Tage zuteil wurde. Und nun klärte sich die ganze Angelegenheit auf. Die Akademie in Paris hatte ein Anerkennungsschreiben mitsamt der Prämie von hundert Francs an den Kommissar nach Warschau geschickt, daß er sie dem jungen Gelehrten überreiche. Paskewitsch, stolz darauf, daß einem Manne aus seinem Verwaltungsgebiete diese Ehre zuteil wurde,, gab einem Offizier den Auftrag, Slominski nach Warschau zu holen, um ihm die Prämie unter Anerkennung zu überreichen. Der Offizier hatte aber den kurzen militärischen Befehl gründlich mißverstanden. Es war eine Zeit revolutionärer Umtriebe, und der Offizier glaubte nun, es handele sich um einen der Rebellen, den er in Ketten unter strenger Bewachung nach Warschau zu führen hatte. Nun wollte Paskewitsch, indem er den Zwi- schenfall aufs Tiefste bedauerte, alles wieder gut machen. Er überreichte Slominski Brief und Geld und machte den Vorschlag, er möge an einer ausländischen Universität Mathematik und Astronomie studieren, wofür er ihm sofort eine große Subvention bewilligen könne. Für seine spätere Zukunft zu sorgen, möge er nur ihm überlassen. Man habe an den russischen Universitäten keinen Ueberfluß an Mathematikprofessoren. Eine kleine Gegenleistung würde man schon von ihm, so ließ der hohe Kommissar durchblicken, erwarten dürfen . . . Er wisse ja, daß man in Petersburg nicht gewillt sei, Juden hohe Aemter und Lehrstühle anzuvertrauen. Es wäre daher gut, daß er jetzt schon diesen Geburtsfehler mit einigen Tropfen Wasser beseitige . . . Das müßte doch ihm, einem so gebildeten Manne, wenig ausmachen . . . Slominski ging mit dem Brief und dem Gelde, das bei seiner damaligen Lage ein großes Vermögen ausmachte, von dannen. Auf den Vorschlag Paskewitschs, nach dem Auslande zu gehen, kam er nicht einmal mit einem Gedanken zurück. Er blieb Schriftsteller und Privatgelehrter und fand, wie bekannt, später einmal die Anerkennung von Alexander von Humboldt. Die Sache hätte sogar beinahe zu einem diplomatischen Zwischenfalle geführt, denn ohne Verschulden Slominskis kam sie heraus, und von Paris aus wurde in Petersburg wegen der eigenartigen Form der Ausführung des Auftrages interveniert. Doch Slominski selbst reichte einen Bericht ein, in dem er Zeugnis ablegte, daß ihm nicht das Mindeste passiert sei, und daß der Irrtum ihm mehr Spaß als Unannehmlichkeiten bereitet hatte. II. Der Rabbi und der Senator. Die folgende Geschichte spielt ein halbes Jahrhundert später, im Weltkriege, um 1917, da Rußlands Kraft, schon ein Jahr vor Beendigung des großen Krieges, rapid dem Ende entgegenging. Im Mittelpunkte dieser Geschichte steht ein junger Bachur aus Memel, damals Deutschland, der in Radin in der Jeschiwa des C h o f e z Chajim lernte. Als der Krieg ausbrach, konnte er nicht mehr in die Heimat zurück, und so blieb er in der stillen Ecke des Lehrhauses und lernte weiter, gleich beliebt bei den Lehrern wie bei den Kameraden. Da kam der deutsche junge Mann plötzlich, ohne daß man den Grund erfahren konnte, in den Verdacht der Spionage gegen das russische Heer und wurde verhaftet. Es war um die Zeit, da die Deutschen immer tiefer in Litauen und Polen einrückten. Die Bevölkerung, vornehmlich die Juden, ergriffen die Flucht ins Innere Rußlands. Chofez Chajim konnte sich bis zum letzten Augenblick nicht entschließen, mit seiner Jeschiwa Radin, das noch in russischem Besitz war, zu verlassen. Nun kam über den Memeler Bachur das Verhängnis, und der Chofez Chajim fühlte sich mitschuldig, da er mit seinen Jüngern nicht rechtzeitig die Gefahrzone verlassen hatte. Das Kriegsgericht sollte in Lida zusammentreten und das Urteil über den „Memeler", wie der junge Mann allgemein kurz genannt wurde, sprechen. Trotz der Gefahren und Verkehrswiderstände begab sich der Chofez Chajim nach Petersburg, um den berühmten Advokat Grusenberg für den Fall zu interessieren. Grusenberg, wohl ein moderner Jude, aber von großem Respekt vor den Thoragrößen beseelt, empfing den Chofez Chajim mit großer Herzlichkeit. Bevor er noch sein Anliegen anhörte, führte er seinen jungen Sohn dem Rabbi zu und bat ihn, er möchte ihn benschen. Der Rabbi legte seine Hände auf das Haupt des Knaben und sprach: „Möge es dem Sohn gegönnt sein, mehr für seine jüdischen Brüder zu tun als der Vater es konnte." Es konnte dies eine Kritik der nicht immer in absolut religiösen Bahnen sich bewegenden Tätigkeit des großen Advokaten sein, oder auch ein Wunsch, daß sich die Grundlagen und Voraussetzungen in der Politik für die Juden bessern. Vielleicht war das Wort im doppelten Sinne gemeint. Grusenberg erzählte früher oft von diesem Empfang und dem merkwürdigen Segen, der ihn bis ins Tiefste gerührt hatte. Grusenberg fragte auch den Rabbi, ob er und die anderen Advokaten und Intellektuellen, die zwar nicht zum Beshamidrasch gehören, aber doch auf ihrem exponierten Posten in Petersburg einiges für Juden und Judentum tun, auch auf Anteil an der zukünftigen Welt hoffen dürfen. Mit seinem bekannten lieblichen Lächeln antwortete der Rabbi: „Es heißt im Buche der Thora: „Und der Baum des Lebens stand im Garten", wozu noch Raschi bemerkt: „In der r e c ht e n M i 11 e des Gartens" (ys»K3)« Der „Baum des Lebens" stand deswegen in der rechten Mitte, damit er von allen Seiten gleich erreicht werden konnte. Viele Wege, nicht allein der vom Beshamidrasch, führen zum Baume des Lebens, zum Olam Habaa . . ." Das Kriegsgericht trat in Lida zusammen. Grusenberg wirkte als Verteidiger und Chofez Chajim selbst bot sich als Zeuge an und wurde auch verhört. Neben ihm zeugten für den Angeklagten vor Gericht die beiden Schwiegersöhne des Chofez Chajim, Dozenten in Radin, Rabbi Elchonon Wassermann, jetzt bekannter Rabbi in Baranowitsch, und andere mehr. Am Richtertische saßen drei russische Generäle. Grusenberg schilderte die Entlastungszeugen. Er kennzeichnete das heilige Leben und die erhabene Wesensart des Chofez Chajim, über des-