Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1935)
- Date
- 1935-01-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450858-2450860--80980-2538826- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
W^^^W^^^^^W^W^^^^^X' :'-S«W5!&ir-; 10. Januar 1935 De r Israelit Nr. 2 Seite 3 Rückblick und Ausblick. [(Fortsetzung von Seite 1.) den sollte, deren Würdigung oft nur ganz Groden, nicht den Massen , möglich war. Und ganz Große sind immer in der Minderheit. Angeklagt ist der Mensch der Wirtschaft und les Berufes. Volkswirtschaft und Geldwirtschaft, >der besser Volkswirtschaft und Indiyidualwirtächaft rangen miteinander; Die Wirtschaft war fherausgelöst aus den sozialen Funktionen,, die sie \ ursprünglich zu erfüllen hatte, nämlich in Arft) eitsteilung, Arbeitsaustausch, die Lebensbedingungen zu erleichtern. Das Berufsleben war losgelöst von dem Lebenssinn des Menschen und /geradezu entsittlicht,, weil es nur auf das Geld abgestellt war. Der Arbeitende und der Persönlichkeitsmensch fielen auseinander. Wem die VäL: ter ein Vermögen hinterlassen hatten, der konnte als Persönlichkeit gelten. Der tote Stoff verließ veredelt, mit allen Feinheiten des Geistes vervollkommnet, die Werkstatt. Die Menschen aber, die daran gearbeitet, ließ man an Leib und Seele verderben. Der Jude hat durch diese Entwicklung das Gefühl für die Arbeit, für das Leben auf dem Lande und für den natürlichen Wert des Menschen weitgehend eingebüßt. Die schwere körperliche Arbeit und Anstrengung war Sache des Sportes geworden, Spiel wurde Ernst, und Ernst Würde Spiel.. All diese Dinge wurden zu einem furchtbaren Ballast für alle, zu einem furchtbaren Explosionsstoff. Und gewiß ist es nicht überall so gewesen. Aber ebenso gewiß ist, daß es viel ärger war, als die Menschen sehen und wahrhaben •wollten. Kierkegard und Schopenhauer, Nietzsche und Ibsen hätten manchen die Augenöffnen können. Aber die Menschen nahmen von ihnen entweder gar nicht oder nur so weit Notiz, als sie ihre Schriften brauchen oder besser gesagt, mißbrauchen .konnten. Wie weit diese Anklagen berechtigt sind, wie weit sie den Menschen zur Last zu legen und nicht auf notwendige Entwicklungsstufen zurückzuführen sind, sei hier nicht untersucht. Sicher ist in dieser summarischen Abrechnung manches tendenziös gesehen und übertrieben. Aber ebenso gewiß ist, daß die zur Last gelegten Tendenzen viel unheilvoller gewesen sind, als ihre Träger sehen und wahrhaben wollten. Die Kulturkritiker des verflossenen Jahrhunderts haben es gesehen und ihre Stimme erhoben, aber die „gute Gesellschaft" nahm von ihr nur soweit Notiz, als sie sie für ihren Trott brauchen oder vielmehr mißbrauchen konnte. Was aber für uns Juden das Schmerzlichste ist: Uns selbst wird an jenen Erscheinungen, wenn nicht die Alleinschuld, so doch die Hauptschuld zugeschrieben. In den Anklageakten, die die deutsche Revolution der vergangenen Epoche vorgehalten hat, sind die Hauptangeklagten: die Juden und das Judentum. "Wissenschaft, Kunst, Staat und Wirtschaft seien, so grotesk es klingen mag, erstp durch das Judentum zu dem geworden, was sie wurden. Abgesehen davon, daß das Judentum dem weitaus größten Teil der in der Oeffentlichkeit wirkenden Personen nichts mehr bedeutete, zeigt |die Geschichte des europäischen Geistes, daß |die Juden überhaupt an seinem Aufkommen nicht beteiligt waren. Weder in England, noch in Frankreich, von wo die Aufklärungsbewegung und der Rationalismus ihren Siegeszug antraten, waren Juden mit im Spiele. Die ersten modernen Demokratien: Amerika Und Frankreich ka- [men ohne Mitwirkung von Juden zustande. Die Revolutionen in England und Frankreich, die ihnen, den Boden geebnet hatten, sind ohne,Juden gemacht worden. Unter den Begründern der naturwissenschaftlichen und materialistischen Denkweise befindet sich kein Jude. Ob der Kapitalismus wirklich von Juden eingeführt wurde, ist zweifelhaft, sicher ist, daß er in einem JüLden seinen wirksamsten .Gegner* fand. Und wenn im Laufe des,: Jahrhunderts neben vielen, die - jene Tendenzen leidenschaftlich bekämpften, sehr viele waren, die sich in ihren Dienst stellten und sie verbreiteten, so waren sie doch nicht schuldiger als die Hunderttausende, die in ihnen uen Geist der Moderne suchten und pflegten. Was uns aber vor andern zur Rechtfertigung gereichen könnte und müßte, genügt noch nicht zur Rechtfertigung vor dem Urteil der jüdischen Geschichte. Als Juden sind wir jedenfalls die ersten gewesen, die sich dem Geist des Jahrhunderts so assimilierten, daß sie nicht mehr fragten, ob es im Einklang, ob es im Widerspruch mit dem Judentum geschah. Die Hellenisten erscheinen als Zwerge gegenüber den gebildeten Juden der Jahrhundertwende, die sich teils offen gegen jüdische Lehre und jüdisches Leben wendeten, zum mindesten aber in sich und in ihren Häusern es totzuschlagen suchten. Und zwischen dem Brief Friedländers am Anfang des 19. und den Richtlinien der liberalen Rabbiner am Anfang des 20. Jahrhunderts ist nur ein Unterschied der Taktik zu bemerken. Das 20. Jahrhundert vertrug keine eigene Note, Heute, da uns von allen Seiten diese eigene Note ins Ohr geschrien wird, werden wir uns dessen bewußt, wie wenig wir von ihr bewahrten, wie sehr wir sie verkümmern ließen. Aber auch in dieser rein äußerlichen Veranlassung zur Selbstbesinnung liegt eine über unser deutschjüdisches Schicksal weit hinausgehende Bedeutung. Denn sie ist veranlaßt durch eine Wand- : lung im Denken und Leben eines mitteleuropäischen Volkes, das bereits vor 50 Jahren die Emanzipation der Juden als Grundbedingung für die Anerkennung eines modernen Staatswesens ansah und auch von anderen forderte. Lernen wir daraus, wie wenig wir Juden dem Geiste eines aufgeklärten Jahrhunderts vertrauen dürfen, wenn wirtschaftliche, politische und soziologische Tatsachen, hier unter diesem, dort unter jenem Titel, gegen uns wirken. Gegen sie gibt es kein Allheilmittel. Aber bei aller Anerkennung der sogenannten objektiven Ursachen der Judenfrage, unabhängig von der Zensur, die wir von der Umwelt erhalten, gibt es doch eine innere Judenfrage, die sich immer gleich bleibt: Wes Geistes Kind bist du und wie stehst du zu deinem Judentum? Um dieser Fragen willen und der in ihnen ausgesprochen liegenden ernsten Mahnung willen, und nicht weil die Umwelt uns anklagt, sagen wir heute: Machen wir uns frei von den entpersönlichenden Einflüssen des europäisch-amerikanischen Geistes! Stellen wir wieder die Herrschaft der Seele über den Geist her! Ueberschätzen wir nicht die auf sich selbst gestellten Ergebnisse verstandesmäßigen Denkens und unterschätzen wir nicht die Erfahrungen des Glaubens. Wissenschaft, Kunst und Literatur sollen nicht Selbstzweck sein. Sie seien uns teuer als Sinngeber und Sinndeuter der Wirklichkeit, zur Erschließung einer höheren Wirklichkeit! Der Liberalismus sei uns willkommen, wenn er nicht achilos an den naturgegebenen geschichtlichen und religiösen Bindungen vorübergeht: zum Schutze der in ihrem Rahmen entfaltbaren Gewissensfreiheit! Wirtschafts- und Berufsleben soll nicht mehr losgelöst erscheinen von den sozialen Funktionen, die sie in Arbeitsteilung und Arbeitsaustausch zu erfüllen haben, und nicht mehr vergessen lassen an den Sinn des Lebens: „Wir selbst zu sein und uns selbst zu leben in höherem Sinn als Einzelne aus der Mitte der Gemeinschaft." Was den Juden so schwach gemächt hat, war, daß die Apparatur des Daseins, wie Jaspers den Mechanismus unserer Gesellschaft nennt, ihn so in Anspruch nahm, daß er nicht mehr dazu kam, er selbst zu sein. Wenn er nicht zur Maschine wurde, so doch meist ein mitgetriebenes Rad der Gesellschaft, die ihn nur nach seiner Anpassungsfähigkeit schätzte. Das neugefundene alte Judentum fordert, daß wir im Denken und Dichten, in Gesellschaft und Beruf wieder unmittelbarer zum Leben und zu G'tt stehen, daß wir insbesondere unseres jüdischen Lebens persönlicher und allseitig innewerden. Das Jahr 1933 zwang uns zum Abbruch einer hundertjährigen Entwicklung, das Jahr 1934 zum Umbruch auf eine andere Welt, was uns noch fehlt, ist der Durchbruch zu einem neuen jüdischen Menschen. (Schluß folgt.) Wochenrundschau- Die War schauer Jüdische Gemeinde« die J. f. A. und Maimonides« Die ITA. ist eine rührige und tüchtige Nachrichtenstelle, deren Dienst an der jüdischen Oeffehtlichkeit wir nicht schmälern wollen. In g e i s t .i g e n Fragen sollte sie jedoch lieber Meinung und Urteil Berufenen überlassen oder sich von solchen besser beraten lassen, bevor sie Kuriositäten in die Welt hinausposaunt, wie etwa die, daß ,,die Warschauer jüdische Gemeinde eine ablehnende Haltung gegen Mäimon'ides einnimmt." Die ITA hat etwas davon gehört, daß es einmal, vor vielen hundert Jahren, einen Streit um Maimonides gab, in der Hauptsache um sein in arabischer Sprache geschriebenes Werk ,,Möre Nebuchim". Es ist ihr auch zu Ohren gekommen, daß. die. orthodoxe Leitung der Warschauer Jüdischen Gemeinde sich an von bestimmter Seite vorbereiteten Maimoniidesfeiern n i c h t beteiligt. Und nun kombiniert sie mit der ihr eigenen journalistischen Divinationsgabe diese beiden Tatsachen, als hinge die Abstinenz der Warschauer Kehillaleitung mit jenem historischen Kampfe um Maimonides zusammen, „gegen dessen Lehren schon zu seinen Lebzeiten die extrem-orthodoxen Kreise aufgetreten seien." Eine solche Irre fährung.muß entschieden zurückgewiesen werden, denn gerade diese Verwirrung der Begriffev, die-, wie wir fürchten, im Taumel des sogenannten „Rambamjahres" nicht vereinzelt bleiben wird, ist der eklatanteste Beweis dafür, wie recht die Orthodoxie hat, wenn sie, die seit 800 Jahren in jedem Jahre ein Rambamjahr sieht und an jedem Tag die Stimme des Meisters auf sich einwirken läßt, jenen Rummel, der einen betriebsamen Kultus an die Stelle des täglich sich erneuenden tiefen Studiums des Größten aller Zeiten in Kordova und Kairo setzt, nicht mitmacht; nicht aus Gegnerschaft, sondern aus tiefster Verehrung* für Maimonides und sein u n v e rg 1 e i c h 1 i c h e s Werk. < Eine Gegnerschaft, einen Streit um den Rambam gibt es seit 7 0 0 J a hren nicht mehr. Ein solch krasser Anachronismus dürfte einer Nachrichtenstelle, die stets aufs Neueste und Aktuellste bedacht ist, nicht .unterlaufen. Gewiß, Maimonides hatte Gegner. ,Kaum eine Schrift, von den Sendschreiben,ah die Jemeniten bis zu seinem Lebenswerke „Mischne Thora", ist kein Wor;t und keine Schrift von ihm ohne Widerspruch aufgenommen worden. Gar nicht zu reden von seinem „Moreh", um den der Kampf noch ein halbes Jahrhundert über sein Grab hinaus tobte. Was verschlägt das? Rambam hatte sich nach allen Seiten zu verteidigen, ge^ei} den Vorwurf, daß er die einzelnen Halachathesen ohne Nennung der Autoren anführt, daß er ange,blich den lebendigen Fluß