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Der Israelit · 1935-01-10 · Heft 2 (10.1.1935) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 2 (10.1.1935)
Date
1935-01-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 2 Der Israelit ' / 10. Januar 1935 Hierzu sei in knappster Form einiges bemerkt. Das orthodoxe Judentum hat gegen „Zivilisations- und Zersetzungsjuden" in Deutschland und überall in der Welt jahrzehntelang einen schweren Kampf geführt, hat nach politischer Mitherrsch äft und nach Anteil an der nationalen Volks erziehung im großen nie gestrebt, die Mischehe als Verrat und Greuel verdammt und im Wirtschaftsleben nicht die Karriere eines Walter Rathenau, sondern den vom Sabbat bestimmten und eingeengten Broterwerb als sein Ideal betrachtet. Wir dürfen uns also gegenüber den Stapel'- schen Feststellungen als unbeteiligt und objektiv betrachten. Dennoch empfinden wir sie als Halbwahrheiten und darum Ungerechtigkeiten. Es ist u n g e r e c h t, zu unterstellen, die im Bezirke der deutschen Politik tätig gewesenen wenigen Menschen jüdischen Blutes, wie Walter Rathenau, hätten andere als deutsche Interessen vertreten oder gar „weltjüdische Politik" getrieben. Es ist ungerecht, zu verschweigen, daß die vielen Tausende, die auswanderten, dazu gezwungen waren, weil ihnen die Gesetzgebung oder der innerdeutsche Boykott die wirtschaftliche Existenz zerbrach. Es ist ungerecht, die' seit Jahrzehnten Assimilierten auf die Möglichkeit eines „volkhaften Sonderlebens neben den Deutschen" zu verweisen, während sie und ihre Väter und Großväter sich mit Leib und Se e 1 e als Deutsche fühlten, und im übrigen auch inzwischen von seiten des Staates nicht das mindeste geschehen ist, um die Formen eines solchen volkhaften Sonderlebens der deutschen Juden in würdiger Gestalt zu schaffen. Und was die Sphäre der Privatwirtschaft betrifft, so dürfte es auch Herrn Stapel nicht unbekannt sein, wie wirksam die wohlwollenden Absichten des Reichswirtschaftsministeriums bis zum heutigen Tage immer wieder, durch organisierten Wirtschaftsboykott gegen die Juden in Stadt und Land vereitelt werden. Uns schiene es würdiger, wenn eine geistig hochstehende, tief religiöse Persönlichkeit wie Wilhelm Stapel das Gefühl des Mitleidens mit den tausenden von zusammengebrochenen jüdischen Existenzen nicht durch den Hinweis auf biopolitische Notwendigkeiten erstickte, sondern lieber das Wort der jüdischen Agada zu dem zitierten Ereignis am „Roten Meere" beherzigte, das den Weltenschöpfer, selber voll Mitleid mit den untergehenden Aegyptern den jubilierenden Engeln entgegenrufen läßt: „Meine Geschöpfe versinken im Meere — und Ihr wagt es, ein Lied zu singen?" Auch daß die Stärkung des jüdischen Nationalismus durch die Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Volkskörper noch keineswegs eine Kräftigung des „Glaubenstums" bedeutet, sollte Herrn Stapel nicht unbekannt sein. Der österreichische Außenminister garantiert die Gleichberechtigung der nichtkatholischen Staatsbürger. Wien, 4. Januar. In einer am 4. Januar abgehaltenen Pressekonferenz befaßte sich der österreichische Außenminister Baron Berger-Waideneck mit den im Ausland verbreiteten Nachrichten über ungünstigere Behandlung der nichtkatholischen Staatsbürger unter dem gegenwärtigen Regime. Der Außenminister trat diesen Behauptungen mit Nachdruck entgegen und wiederholte in diesem Zusammenhang die vom Bundeskanzler Dr. Kurt Schuschnigg anläßlich der Eröffnung des österreichischen Bundestages am 30. November abgegebene Erklärung, daß die Regierung es als ihre Ehrenpflicht ansehe, den Minderheiten auf österreichischem Boden einen vorbildlichen Rechts¬ und Kulturschutz zu gewähren. Katholischer Priester über die „Protokolle der Weisen von Zion". Brüssel, 3. Januar. Der bekannte katholische Gelehrte und Professor an der Universität Löwen, Pater Pierre Charles, hielt in Brüssel vor einem Auditorium von Geistlichen, hohen Beamten und Offizieren einen Vortrag über die sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion". Der Vortragende, der Mitglied des Jesuitenordens ist, legte die Entstehung dieser Fälschung dar und richtete an die katholische Geistlichkeit den Appell, jener Welle des Hasses entgegenzutreten, die zur Abfassung des besprochenen Buches, das er als „niederträchtiges Falsifikat" bezeichnete, geführt habe. Regelung des Sabbat-Schutzes in Palästina. Jerusalem, 1. Januar. Wie die ITA. erfährt, sollen die Stadtgemeinden Palästinas ermächtigt werden, Bestimmungen für den Ladenschluß und die Festsetzung von Ruhetagen, also auch eines Ruhetags am Sabbat, für ihr Bereich zu treffen. Es wird mitgeteilt, daß der High Commissioner, dem Vorschläge betreffend eine gesetzliche Regelung der Frage für das ganze Land unterbreitet werden, einer solchen die Ordnung für jede Gemeinde besonders vorzieht. Jüdische Aufbau-Arbeit in Cypern. Athen, 6. Januar. Die in Athen erscheinende Zeitschrift „Ergassia" berichtet mit Anerkennung von den in letzter Zeit vollbrachten Leistungen jüdischer Aufbauarbeit in Cypern. Wohlhabende Juden — schreibt das Blatt — haben soeben in Larnaca größere Terrains erworben, auf denen eine Fabrik und 130 Arbeiterhäuser errichtet werden sollen. Ferner wurden bei Larnaca und Ammocostou Grundstücke zur Anlage von Citrus-PIantagen angekauft. Die lebhafteste Tätigkeit entfalten die Juden jedoch in Limassol, wo mehrere tausend Stremmas für Citruspflanzungen gekauft wurden» Diese Gebiete waren früher unkultiviert und ausgesprochene Malarianester. Jetzt entwickeln sie sich zu einem Paradies, das die Be- .wunderung der Besucher hervorruft. Der Name der ersten von Juden geschaffenen und nur von Juden bewohnten landwirtschaftlichen Kolonie ist Fassouri. Sie steht unter der Leitung eines jungen begeisterten Mannes, der voll Vertrauen in die Zukunft ist". Die Finanzgruppe, die er vertritt, hat allein 50.000 Pfund in Kolonisationsarbeiten investiert. Die Gruppe beabsichtigt, die Ländereien zu parzellieren und jüdische Familien im Küstengebiet, wo es guten Boden und Wasser gibt, anzusiedeln. Sie hofft, auf diese Weise im Verlauf von 20 Jahren 25.000 Juden ansiedeln zu können. _ ■ ■:■ . \l Tagung des Administrative Committee der Jewish Agency geschlossen. — Appell zu stärkerer Förderung des Palästinawerks. New Y o r'k , 3. Januar. Die Tagung des Administrative Committee der Jewish Agency in New York wurde mit einer Ansprache des Vorsitzenden, Neville Laski, geschlossen, in der er den Zusammenschluß der nichtzionistischen Mitglieder der Jewish Agency in Amerika zu einer einheitlichen Körperschaft zwecks stärkerer Einflußnahme und Arbeitsmöglichkeit innerhalb der Agency ankündigte. Die Tagung faßte eine Resolution, in'der die jüdische Öffentlichkeit aller Länder zu' stärkerer Förderung des Palästinawerks aufgerufen und die Politik der Exekutive in Bezug auf Legislative Council und Ein wanderungsf rage gutgeheißen wird. In der dritten Sitzung der New Yorker Konferenz hatte das Mitglied der Exekutive, Berl. Locker,. ein politisches Referat erstattet, in dem er die Maßnahmen der Exekutive zu den verschiedenen Problemen der Palästinapolitik eingehend auseinandersetzte. Der Redner begründete ausführlich die Notwendigkeit freundschaftlicher Zusammenarbeit mit der 'Mandatarmacht und wies im Rahmen einer Besprechung des jüdisch-arabischen Problems darauf hin, daß sich die Voraussetzungen für die Erzielung einier Verständigimg zwischen Juden und Arabern in Palästina zusehends günstiger gestalten. Zum Schluß begründete Locker die ablehnende Haltungder Exekutive der Jewish Agency gegenüber dem Projekt eines Legislative Council. Der Budget-Voranschlag wurde dem Administrative Committee durch den Generalsekretär des Keren Hajessod Leo Hermahn unterbreitet. Arabische Exekutiv*? will Klage beim Völkerbund und beim Haager Gerichtshof führen. Jerusalem, 1. Januar. In der soeben in Jerusalem abgehaltenen Tagung der Arabischen Exekutive Palästinas wurden die jüngsten Erklärungen des. High Commissioner an die bei ihm erschienene Abordnung der Arabischen Exekutive betreffend jüdische Einwanderung und Uebertragung der .Konzession für die Erschließung des Huleh-Gebiets an Juden erörtert und im Prinzip beschlossen, Klage gegen England als Mandatarmacht Palästinas beim Völkerbund und beim Internationalen Gerichtshof im Haag wegen angeblicher Verletzung von Bestimmungen des Palästina-Mandats zu Ungunsten der Araber einzureichen. In der Klage soll dargelegt werden, daßdie englische Mändatarmacht jenen Punkt im Mandat vernachlässigt, in dem vom Schutz der Rechte und Interessen der arabischen Bevölkerung in Palästina die Rede ist. Die Tagung beschloß ferner, alle mohammedanischen Staatsoberhäupter zu ersuchen, die Sache der palästinensischen Araber zu fördern, wenn diese vor den Völkerbund gebracht wird. In. erster Reihe sollen die fünf mohammedanischen. Mächte, die Mitglieder des Völkerbundes sind, um eine solche Unterstützung angegangen werden. . Die Arabische Exekutive beschloß femer, eine Proklamation an die mohammedanische und christliche Welt zu richten, in der auf die „sehr ernste Lage" der Araber in Palästina aufmerksam gemacht wird. Weitere Beschlüsse; betreffen den demnächst abzuhaltenden Achten Arabischen Kongreß.; Aus Bagdad wird berichtet, daß nationalistische Notabeln im Irak, die Initiative zur Einberufung eines panarabischen Kongresses nach Bagdad im April d, J. ergriffen haben. Zu diesem Zwecke wurde ein Vorbereitungskomitee gegründet, das mit arabischen Organisationen in Syrien, Palästina und Aegypten Fühlung nehmen soll. , , V

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