Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1935-01-10 · Heft 2 (10.1.1935) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 2 (10.1.1935)
Date
1935-01-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450858-2450860--80978-2538824
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Frankfurt a. M- 10. Januar 1935 6. Schebat 5695 Nummer 2 Roosevelt interveniert zu Gunsten der Freiheit jüdisch-religiöser Betätigung in Sowjetrußland. New York, 7, Januar. Im Astor-Hotel in New York wurde am 6. -Januar in Anwesenheit von 500 Delegierten die 28, Jahreskoriferenz des American Jewish Committee abgehalten. An den Beratungen nahm auch der Präsident des Jewish Board of -Deputies, Neville L a s k i, teil. Der Präsident des Committee, Dr. Cyrus .Adler, gab .in einer Eröffnungsansprache einen TJaberblick über die Lage der Juden in den verschiedenen Ländern. Er erklärte, das American -Jewish Committee sei ständig bemüht, die Freiheit jüdisch-religiöser Betätigung und zionistischer Arbeit in Sowjetrußland durchzusetzen und machte in diesem, Zusammenhang die aufsehenerregende Mitteilung, daß Präsident Eoosevelt sich persönlich für die Verwirklichung dieser Ziele einsetzt. Die Frage bilde zurzeit den Gegenstand «ines Briefwechsels zwischen Präsident Roosevelt und dem sowjetrussischenAußenkommissarLitwinoff. Einen umfangreichen Bericht über die Tätigkeit des American Jewish Committee im letzten Jahr erstattete der Generalsekretär Morris W a 1 d m a n. Die soziale Hilfsarbeit zu Gunsten der Juden in Mittel- und Osteuropa nahm in dem Bericht einen breiten Raum ein. Bei der Besprechung der jüdisch-politischen Fragen wurde die ablehnende Haltung des Committee zur Frage der Einberufung eines jüdischen Weltkongresses ausführlich begründet. In Her Abstimmung wurde zum Ausdruck gebracht, daß das Committee an diesem Standpunkt weiterhin festhält. Zu dieser Frage ergriff auch der Präsident des Board ot Deputies of British Jews, Neville Laski, das Wort, der im Namen der jüdischen Gemeinschaften Englands, Frankreichs, Hollands und Belgiens der Ablehnung des Weltkongresses durch das Committee zustimmte. Präsident Dr. Cyrus Adler und die übrigen Mitglieder der Leitung wurden einstimmig wiedergewählt. Besinnungen zur Judenfrage. Unter dieser Ueberschrift äußert sich Wilhelm Stapel im letzten Heft seiner Monatsschrift „Deutsches Volkstum", rückschauend zum Schicksal der deutschen Juden nach der nationalen Revolution. Er glaubt dieses Schicksal dahin "umreißen zu dürfen, daß man — mit Recht — der politischen „ M i t h e r r s c h a f t " der Juden in Germanien, ihrem Anteil an der „ E r - ziehung" der Nation und der „Mischehe " ein Ende gemacht, im Wirtschaftsleben sie in die Sphäre unbehinderter Teilnahme an, der1 Privat Wirtschaft zurückgedrängt habe. Mitleid mit den dabei unvermeidlichen Leiden einzelner Unschuldiger, auch vieler Einzelnen, sei' bei solchen biopölitischen Geschichts Vorgängen unangebracht, wie der Sang am Meere beim Untergang der Aegypter beweise. So müßten auch die Deutschen überall in der Welt im Zusammenstoß mit anderen Völkern leiden. Die jüdischen Emigranten hätten in Deutschland bleiben und sich hier „ein volkhaftes Sonderleben neben den Deutschen" aufbauen können, statt von außen Deutschland ihre angebliche wirtschaftliche Macht fühlen zu lassen. Für die Juden selbst bedeute das Jahr 1933 ein Jahr der „Rettung des jüdischen Volkes", das Unterliegen der Assimilation habe das „Volkstum (mitsamt dem Glaubenstum)" zur Macht geführt. Der „Volksjude" werde als wertvoll erkannt gegenüber dem „Zivilisationsjuden", der „Charakterjude" gegenüber dem „Zersetzungsjuden". (Fortsetzung siehe Seite 2.) Aus dem Inhalt: Besinnungeta zur Judenfrage . . Seite 1 und 2 Gleichberechtigung in Oesterreich . Seite 2 Aufbauarbeit auf Cypern..... Seite 2 Arabische Exekutive klagt beim Völkerbunde Seite 2 Die ITA. und Maimonides .... Seite 3 Palästinensische Einwanderungsfragen Seite 4 Heiliges Land oder Palästina Seite 5 Sitzung der Agudaexekutive in Basel Seite 6 Palästinaberichte ......... Seite 8 Ueber das Alter des Luach .... Seite 5 Rückblick und Ausblick. Von Studiendirektor Dr. M. Elias in Frankfurt a. M. II. Wir sehen, wo immer wir hinblicken, die Sturmzeichen einer neuen Zeit, vor deren Forum das vergangene Jahrhundert, vor allem die Menschen der Vorkriegszeit unter Anklage gestellt erscheinen. Angeklagt ist der Mensch der Wissenschaft, die Intelligenz der Gesellschaft und der Intellekt, durch den sie herrschte. Die einfachsten Dinge wurden, so sagt man, durch ihn kompliziert, ein Gefühl der Naturverlassenheit ■ gehe durch die Arbeit jener Gebildeten, machte sie vor Sehnsucht krank, vor Mitleid vor sich selbst schwach* und dann wieder im Gefühl ihrer Unzulänglichkeit bitter oder — überheblich. Der instinktsichere Lebenswille sei systematisch zerstört worden.' Der Geist sei in der Tat zum Widersacher der Seele geworden, und wie die Seele, so sei auch die Kultur vom Intellekt her ausgehöhlt worden. Man hätte geglaubt, rein vom Verstände her, unter Ablehnung aller religiösen und sittlichen Voraussetzungen, den Dingen auf den Grund zu kommen. Aber diese sogenannte Vöraussetzungslosigkeit warf den Menschen nur zurück, und Negertanz, Dadaismus und Kubismus wurden symptomatisch für ein Geschlecht, dem die geistige und soziale Arbeit von Jahrhunderten zu einer Belastung geworden war. Angeklagt ist der Mensch der Kunst und Literatur. Kunst und Literatur, was sollten sie anders sein, als Sinndeuter und Sinngeber der Wirklichkeit, als ständige Mahner der Ewigkeit und Größe im Meere des Zeitlichen und Unzulänglichen! Aber das Geschlecht der Künstler und Literaten zur Jahrhundertwende hätte diese Aufgabe verkannt und verfälscht. Die Werttafeln wurden zerbrochen. Kunst sollte nur um der Kunst willen da sein. Moralität, Zucht und Verantwortung brauchte es für den Künstler in Betätigung seiner subjektiven Kunst nicht zu geben. Es ist eine grausame Ironie der Geschichte, daß solche, allem Jüdischen entfremdete und es verleugnende Zielsetzung dem „jüdischen Geiste" zugeschrieben wurde. Angeklagt ist der Mensch in Volk und Staat. Die Fähigkeit, sich als Glied eines größeren Ganzen zu fühlen, sei ihm abhanden gekommen. Interessen und Interessenten bestimmten die großen Entscheidungen der Gesellschaft. Das Volk war gespalten in politische, geistige und soziale Schichten. Majoritätsbeschlüsse, mit dem ihnen anhaftenden schwankenden Charakter wurden maßgebend für Dinge, deren Entscheidung allen Zufälligkeiten entzogen bleiben, deren prinzipielle Anerkennung nicht von der Zahl der Stimmen, sondern von ihrem Gewicht her bestimmt wer- (Fortsetzung auf Seite 3.) iKi

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.