Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1935)
- Date
- 1935-01-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 1 1935 Josef von Sevilla. Erzählung aus der Zeit der Inquisition/ (Schluß.) . Mit Schrecken gewahrte Josef die Soldaten, als er bei Einbruch der Nacht sich dem Platze näherte, um zu erspähen, ob der geeignete Moment gekommen sei; leise schlich er sich wieder zu seinen Freunden zurück, um mit ihnen zu beraten. Was sollten sie jetzt tun? Sollten sie die fast Geretteten jetzt im Stiche lassen? Einige rieten dazu, doch war Josef, wie immer, nicht zu bewegen, seinen einmal gefaßten Plan aufzügeben. Seine Stimme gab den Ausschlag und. das Unternehmen wurde gewagt. Es galt, zunächst die Wachen von den Gefangenen abzulenken. Josef trat deshalb mit noch zweien seiner Freunde aus der Seitenstraße heraus und ging geradewegs auf die Soldaten zu, „Nun, guter Freund," redete er den ersten davon an, ,,hast Du heute Nachmittag auch die weißen Tauben gesehen?" ,.Natürlich habe ich sie gesehen!" „Weißt Du denn auch, was die bedeuten?" frug Josef weiter. „Es werden wohl die schwarzen Seelen der verdammten Juden gewesen sein!" entgegnete ihm lachend einer der Umstehenden; denn während dieses Gespräches waren alle Soldaten neugierig nähergetreten; um zu hören, was hier verhandelt wurde. Da gellte plötzlich ein Schrei durch die Nacht. „Haltet sie! haltet die Räuber, die Hunde, die Juden!" Alle wandten sich erschrocken um, Josef erbleichte. Er wußte, dieser Ruf hatte zu bedeuten, daß das Unternehmen seiner Genossen vereitelt worden war und sie selbst in der größten Gefahr schwebten. Die kaum dem Flammentod Entronnenen wurden, ehe sie sich noch der über ihnen liegenden Balken entledigt hatten, wieder gefesselt, und fluchend machte sich ein Teil der Soldaten an die Verfolgung der Anderen. Diese hatten bereits ihre Pferde erreicht, auch Josef hatte sich zu ihnen gesellt' und nun entspann sich eine Jagd auf Tod und Leben. Die Stadt war bald durchjagt, und nun konnten sich die Verfolger, die den Flüchtlingen an Zahl bei weitem überlegen waren, sich mehr ausbreiten, um diese so zu umzingeln. Immer kürzer wurde der Abstand zwischen Verfolgten und Verfolgern, und bald wurde einer nach dem anderen vom Pferde gerissen. Josef, der bisher noch verschont geblieben war, erkannte die große Gefahr und war jeden Augenblick auf seine Gefangennahme gefaßt. Da durchzuckte ihn ein Gedanke. Ungefähr zweitausend Schritte von ihm entfernt, befand sich die bekannte Ruine; wenn es ihm gelang, dieselbe unbemerkt zu erreichen, so war er fürs erste geborgen. Dem neben ihm reitenden Elieser einige Worte zurufend, lenkte er sein Pferd in einem weiten Bogen nach der Ruine. Anfangs folgten ihnen einige Reiter. Doch bald verloren sie diese aus den Augen, und während Josef und Elieser bereits in der Ruine waren, ritten die Soldaten geradeaus weiter. Die- Anderen konnten zufrieden sein mit ihrer Beute, und unter dem Jubel des Volkes brachten sie ihre Gefangenen in die Stadt zurück, nach dem Gefängnis. Mit Blitzesschnelle verbreitete sich die Nachricht in der Umgegend, daß die jüdischen Verschwörer gefangen waren. Auch wußte man, daß einige von ihnen entkommen konnten, und man machte die größten Anstrengungen, ihrer habhaft zu werden. Josef hatte deshalb wohl auch Grund, sich eine Zeitlang in der Ruine aufzuhalten, ehe er die Flucht weiter fortsetzte. Man war für derartige Fälle vorgesehen, es waren in der Ruine genügend Vorräte aufgestapelt, um einen längeren Aufenthalt zu ermöglichen. Nach einigen Wochen, nachdem sich, wie Josef vermutete, die Aufregung im Volke gelegt hatte, entschlossen sich Josef und Elieser, diese Gegend für immer zu verlassen und nach einem anderen Lande zu entfliehen. Nach langem, langem Umherirren, von der Furcht vor dem Entdecktwerden getrieben, gelangten sie endlich nach einer weit entfernten Küstenstadt, von der von Zeit zu Zeit Schiffe nach Deutschland und Holland abgingen. Lange Zeit mußten sie warten, bis sich eine Gelegenheit bot, noch eine schwere Zeit, die sie durchzumachen hatten! Endlich, nach langem, langem Warten, war ein Schiff nach Amsterdam fahrtbereit, und mit einem Seufzer der Erleichterung, doch auch mit stiller Wehmut, sahen Josef und Elieser ihre geliebte Heimat am Horizont verschwinden. Nach langer stürmischer Fahrt legte das Schiff endlich auf der Reedfe von Amsterdam an. Wer beschreibt die Szene, als Josef mit Elieser in das Haus Manuels, das .sie nach langem Suchen gefunden hatten, eintraten! Lange lagen sich die Männer in den Armen, auch die Frauen zeigten rückhaltlos ihre Freude über das Wiedersehen der treuen, erprobten Freunde. Mit tiefer Trauer hörte Manuel ihre Berichte von der unverändert schrecklichen Lage ihrer Brüder in Spanien. Jahre sind seit diesen Ereignissen vergangen. Durch Fleiß und Ausdauer hatte sich Josef zu einer angesehenen Stellung in seiner neuen Heimat emporgeschwungen, und ihm zur Seite waltete seine treue Gattin Selma, die, wie sie sagte, den* von dem Verräter Juda für die Befreiung ihres Vaters geforderten Preis auch dem wirklichen Befreier — Josef auszahlen durfte. Kinderecke. Der Geburtstagswunsch. Von Hermann Seckbach in Frankfurt a. M. Recha Goldmann hatte es nicht leicht. Fünf jüngere Geschwister machten ihr mehr oder minder tagsüber viel Arbeit, das ging bereits frühmorgens an, noch ehe sie zur Schule ging, und kam sie von der Schule nach Haus, gab's zuerst für sie häusliche. Pflichten, und dann erst war's ihr möglich, an ihre eigenen Schulaufgaben heranzugehen; Die Eltern hatten ihre Sorgen. Während der Vater mühselig dem Erwerb nachging, mußte die Mutter zu Hause alle geschäftlichen Angelegenheiten für ihn erledigen. Es war deshalb nötig, daß Recha sich ihrer kleineren Geschwister annahm, um sie fürsorgend zu betreuen. Heute war Rechas zwölfter Geburtstag. Schon lange hatten die Eltern vor, diesen Tag festlich zu begehen, um dem Kinde eine besondere Freude zu bereiten. War doch Recha nicht nur eine Stütze der Mutter, sondern auch der Stolz des Vaters, der mit inniger Befriedigung Rechas liebe Art beobachtete. Während Recha noch schlief, holten die Eltern leise die übrigen Kinder aus ihren Betten, kleideten sie fein an und gingen mit ihnen in das Wohnzimmer, wo der festlich gedeckte Kaffeetisch stand. Soweit möglich, hatten die größeren ein Sprüchlein gelernt, aber alle hielten eine kleine Ueberraschung bereit, um damit Recha zu erfreuen. Dann ging die Mutter festen Schrittes in das Schlafzimmer der Kinder hinein, um Recha zu wecken. „Na, aber hör' einmal, du Langschläferin, willst du heute denn gar nicht aufstehen? Es ist nur gut, daß dein Geburstag in die Ferien fällt." Noch schlaftrunken, rieb sich Recha die Augen. Dann aber sah sie zu ihrem Erstaunen, daß alle Kinderbetten bereits leer waren. Ein frohes Ahnen zog durch ihre Brust, als die Mutter sie umarmte und der Vater hinzukam, um ihr die ersten Masseltow-Wünsche auszusprechen. Es blieb Recha nicht lange Zeit, sich anzuziehen, denn nebenan wartete schon eine lustige Gesellschaft, die mit hellem Jubel und Jauchzen das Geburtstagskind empfing. So überaus drollig brachte dann die vergnügte Kinderschar ihrem Hausmütterchen ihre poetischen Ergüsse vor, daß die Eltern ganz beglückt zuhörten. Dann aber kamen all die kleinen Leckermäulchen zu ihrem Recht. Gar zu schnell verging der Tag bei Scherz und Spiel, und abends gingen alle vergnügt zu Bett. Recha war von dem Erlebten so erfüllt, daß sie gar nicht zum Schlafen kommen konnte. Die Mutter, die dies merkte, setzte sich an ihr Bett, um noch ein Weilchen mit ihr zu plaudern. Frohbewegt streichelte Recha ihre Hände. „Wenn ich so bei dir sitze, mein Liebling," sagte dann die Mutter, dann denke ich zurück an vergangene Zeiten, an die Zeiten, wo wir Kinder so ganz des Segens des Elternhauses uns bewußt waren!" „Ach, Mutti," meinte Recha, „bei uns ist es doch so schön. Weißt du, wenn Vater mit uns am Schabbos die Sidroh durchgeht und so gut zu erklären weiß, und wenn dann Verwandte und Bekannte zu uns kommen, denen du, liebe Mutti, immer eine Freude bereitest. Wie gemütlich ist es dann immer, da kann ich mir gar nichts Besseres denken!" „Ja, mein Kind, trotz unserer Alltagssorgen geben wir uns alle Mühe, unser Heim in dem von unseren Eltern übernommenen Sinne weiterzuführen. Wie vieles hat sich heute aber um uns herum geändert! Wohl gibt es jüdische Häuslichkeiten nach unserer Ueberlieferung. Aber doch, wenn ich sehe, wie alles sich mehr und mehr selbst am Schabbos, außerhalb des Hauses abspielt, wenn ich beobachte, wie die Kinder, losgelöst vom Elternhause, den Sabbattag verbringen, dann halte ich das, wenn der Zweck zum Teil noch so gut ist .nicht für richtig. Geht doch das Gefühl der Zusammengehörigkeit innerhalb der eigenen Familie mehr und melir verloren. Wäre es nicht schöner, tausendmal schöner, wenn in dieser schweren Zeit jüdische Häuser allsabbatlich ihre Türen den draußen stehenden Bedürftigen öffnen würden? Es sind hierzu nicht mal besondere Aufwendungen nötig. Welch herrliches Beispiel von Gemiluth-Chesed-Erfüllung