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Der Israelit · 1935-01-03 · Heft 1 (3.1.1935) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 1 (3.1.1935)
Date
1935-01-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 1 Der Israelit 3i Januar- 1935 und auf die dahingegangenen deutschen Rabbinen: Dr. Ehrentreu, München; Lerner, Altona; Cohn, Breslau; Auerbach, Halberstadt; Spitzer, Hamburg; Goldschmidt, Breslau; Hildesheimer, Berlin, Victor, Hindenburg und Bamberger, Kissingen vorgenommen. Der Gesang: ,,von den Talmide Chachamim, die den Frieden mehren in der Welt," beschloß die stimmungsvolle bedeutsame Feier. Die eigentliche Arbeit der Rabbinerkonferenz Wurde am folgenden Morgen eröffnet durch ein halachisches Referat des Rabbiners Dr. Ochs- Königsberg über „aktuelle Fragen der K e d u s c h as Erez Jisroel". Es wurde erörtert: der Sinn des Begriffes der Keduscha, seine Motivierung und Ableitung und aus den Motivierungen heraus die Frage ihrer Zeitwilligkeit oder Dauer, mit allen sich daran knüpfenden halachischen Konsequenzen. Inzwischen hatte sich' das zu diesem Vormittag zugelassene Publikum dicht gedrängt im Versammlungssaal eingefunden, und Rabbiner Dr. Hoffmann, Frankfurt a. M. gab unter der gespannten Aufmerksamkeit aller ein Bild über „die religiösen Zustände in Palästina"; wie der „alte Jischuw", sowohl der aschkenasische und der sephardische und dann später die große jüdische Siedlung und jemenitische Kolonie ganz und gar im Religiösen zentriere, ein gan2 eigenartiges, heiliges Kolorit gibt, wie dann die ersten Chowewe Zion-Kolonisten zwar die kolonisatorische Arbeit in den Vordergrund rückten, aber dennoch in Treue das Leben frommer jüdischer Gemeinden pflegten; wie dann der Einbruch eines areligiösen Lebens durch Menschen, deren Idealismus wir bewundern, deren Hingabe an das Ziel der Kolonisation immer dankbar empfunden wird, die aber das Judentum nicht kannten und verstanden, im Lande erfolgte. Jetzt dagegen beginnt der Regenerationsprozeß langsam, aber mit sicherem Erfolg, vor allem durch die bewundernswerte Leistung der religiösen Chaluzim, durch das fromme Schulwerk, das hauptsächlich dem Misrachi, aber auch der Agudas Jisroel und der Privatinitiative zu danken ist, und neuestens auch durch das gesunde, gute baalbattische Element, das in den Städten sich durchsetzt. So viele betrübliche Erscheinungen auch zu beklagen wären, so gebe es doch nach Meinung des Redners keinen Fleck auf der Welt, wo das jüdische Leben so sichtbar alle packt und ergreift wie im heiligen Lande. An diese Erkenntnis knüpfen sich dann Forderungen und Aufgaben für die Rabbinerwelt, was sie zur weiteren Gesundung desi religiösen Lebens im heiligen Lande, zur Förderung eines thoratreuen Schulwerkes zu leisten habe. Ein allgemeiner Bericht des Vertreters der Reichszentrale für Schächtangelegenheiten, Dr. Michael Münk, Berlin über die gesamte Entwicklung der Arbeit in den letzten Jahren, ihre gesetzlichen Grundlagen, die wissenschaftliche Schächtgutachtenliteratur, die praktischen , Versuche der P'hysiologen und die Versorgung der Gemeinden mit Koscherfleisch beschloß di#r Vormittag&tagung. ,.<•.• : *f" Der letzte Vortrag bildete zugleich die Ueber-! Leitung zu der . zweiten Sitzung am .Nachmittag,; die in der Hauptsache dem schwersten und vjej-'] antwortüngsvollsten Problem der Gegenwärt gßfir widmet war:'.!dem S c h e c h i t ä - Problem, pi&f, Referate lagen in den Händen zweier erstklassiger Kenner der Materie, die sich ebenso tief in das weitschichtige halachische Material wie in alle technischen Vorfragen in jahrzehntelanger Arbeit versenkt haben: der Herren Rabbiner Dr. - Jakobovits und Dr. Klein, Berlin. Di£-! Referate wurden unter ungeheurer Spannung, z. T. mit zitternder Erregung mitangehört; Die Herren, die sich mit der Materie am meisten beschäftigt hatten, Weinberg und Munk;, sr., Berlin; Klein, Nürnberg; Ho ff mann, Frankfurt a. M.; der Rosch Jeschiwa Rabbis n p w, Hamburg u. a. m., die im Kreise um die Sprecher saßen, mischten sich dauernd in die Ausführungen der Referenten, so daß es oft wie Rede und Gegenrede, Wort und Antwort hiri- und herging. Es zeigte sich mehr und mehr^.■-'wie immer geringer die Möglichkeiten und Aussiqhr ten Sind, mit irgendeiner Neugestaltung! im Einklang mit der Halacha zu bleiben. Die wissenschaftlichen Gutachten sind viel zu wenig'eindeutig, und wo man eine Gefahrenquelle verstopft hat, tun drei neue sich auf. Einstimmig herrschte die Ueberzeugung, daß eine Entscheidung noch nicht möglich ist. Es wird wohl so auskommen, wie mir schon vor Jahren ein sachverständiger Hamburger Arzt auf meine Beratung mit ihm erwiderte; solange ich Ihnen nicht die beiden Elektroden anIhre Schläfen legen darf, um Sie hier vor mir zu einem harmlosen Versuch für zehn Minuten in Schlaf zu versetzen, daß Sie am eigenen Leibe alle Folgen und Wirkungen des Stromes registrieren können, solange würde ich als Rabbiner ein elektrisches Betäubungsverfahren für unzulässig ,und eine Vermeidung von Tierquälerei und Organverletzung nur für Schein halten. «Aber die ganze Diskussion zeigte die geistige Kraft und das religiöse Verantwortungsbewußtsein unseres gesetzestreuen Rabbinerstandes. Es . wirkte auf die jüngeren Mitglieder wie die Sitzung eines hohen jüdischen Aeropags, und es war allen aus den Herzen gesprochen, als Herr Dr. Jakobovits sagte: vielleicht ist seit Jahrtausenden noch keine Frage so schwerer Tragweite auf die Schultern der Rabbinen gelegt worden wie diese. Die Sitzung muße bereits um sieben Uhr mit dem Maariw-Gebet beschlossen werden, weil der Leipziger Gemeindevorstand die Rabbinerversammlung zu einer festlichen Zusammenkunft im österreichischen Hof geladen hatte. Nicht genug, daß alle Rabbinen Unterkunft in gastlichen Privathäusern gefunden hatten, die Gründerin des herrlichen Altenheimes, Frau Ariowitsch, die 86jährige Greisin sogar sechs Rabbiner bei sich beherbergte, nicht genug, daß das Festkomitee die gesamte Verpflegung bis auf den Reiseproviant in die Heimat zur Verfügung stellte, hatte die Gemeinde es sich nicht nehmen lassen wollen, an einem festlichen Abend mit den Rabbinern vereint zu sein. Die Wirtsleute des Lokals hatten ihre Räume umsonst zur Verfügung gestellt. Herr S. Ho des, der fast 80jährige stellvertretende Vorsitzende der Gemeinde, begrüßte die Erschienenen, denen sich auch der Bojaner Rebbe angeschlossen hatte, und bat seinen Rabbiner, Herrn Dr. E. Carlebach, den eigentlichen Festgruß zu übermitteln. In launigen und ernsten Worten gab dieser nochmals der Freude der Gemeinde Ausdruck, eine Achßanio schel tauro sein zu dürfen. Mehr wie die Gemeinde gegeben, habe sie durch diesen Besuch empfangen und fühle sich für alle Zeiten dadurch ausgezeichnet, schon zum zweiten Male Tagungsort der gesetzestreuen Rabbinen zu sein. Von den Gästen sprachen die Herren Rabbiner Dr5. Horovitz, Frankfurt a. M.; Wo hl gern u t hj, Kitzingen und Nobel, Berlin.:. und brachten dem Rabbiner, der Gemeinde, dejm irfo^11 mitee . und der Jugend in .schöneni Thfwawjör^en voll Humor ' und Efnst-ihre; Huldigung :en|g|g£nv Zum Schluß ' ergriff Oberräbbiner Dr.' C^;r l: ebach, Altona, def Schriftführer.rder^Vpj&mi1^ gung, das' Wottt< Alle ^weltanschaulichen SMfoige' des"' g&setzestreüen^ Judentumsin :-.den- ,jj||z|en: hundert Jahren seien durch eine brftere Tatsache getrübt, durch denBruderkampf innerhalb der Orthodoxie. Das einzige Band, das diese Wunde zum Verheilen bringen sollte und G. s, D. fast zum Verheilen gebraqhit|. hat, ist die Vereinigung träditionell-gesetzestr'euer Rabbiner Deutschlands* Von Esriel Hildesh e i m e r s. A. gegründet, von Männern wie Benjamin A u e r b a c h , ' Wölf F e i 1 c h e n i e 1 d und David H off mann .s. Ä. geleitet, Kot sie in Anerkennung der Notwendigkeit und Berechtigung beider Standpunkte die Harmonie linii den Frieden ihrer rabbinischen Vertreter wieder zur Geltung gebrächt.Diese Gesinnung verkörpere sich vor allem auch in der Seniorenschar der Vereinigung, ihrem Vorsitzenden und dem ehrwürdigen Rabbiner Dr. W r e s c h n e r , Homburg, vor allem in der Person des Rabbiners Dr. Esra Mu n k ," Berlin, der aus den* tiefen Gerechtigkeitsgefühl, das ihn beseelt, aus der Achtung vor aller Wahren Frömmigkeit trotz aller Entschiedenheit des eigenen Standpunktes allen die Bruderhand reichte und damit zum Vorbild für alle deutschen Rabbinen der Gegenwart geworden sei. In tiefer Ergriffenheit richteten die beiden Letztgenannten auch ihrerseits das Wort an die Versammelten. Dr. Münk führte aus: es sei seine Ueberzeugung, ,daß die Differenzen unter den Rabbinen nur ein Machlaukes leschem schomajim, ein idealer Wettkampf um ideale Ziele, aus gleicher Treue ^ur Tradition, wenn auch aus verschiedenem Temperament und verschieden innerer Haltung geboren seien. Solch ein-Kampf kann und'soll und darf ewig-bestehen, ohne das Ziel des Friedens je zu bedrohen. Wie als Echo dieser Worte klang aus dem Munde des Herrn Oberkantors Wilkomirski ein- Os schesch meaus und eine Vertonung der Birchas hatauro, und er zwang alle, in immer wiederholtem Chore zu singen: „und wir alle wollen sein Kenner Deines Namens und Studenten Deiner Thora um der Sache willen," sowie ein Gesang des greisen Oberkantors Schneider, der alle Segnungen der Neumondeseinleitung den Rabbinen widmete. Mit dem Tischgebet, von Rabbiner Dr. Wreschner gesprochen, und einer kurzen Kaffeetafel endete die hinreißend schöne Feier. Noch einmal wurde in der Sitzung, am Mittwoch morgen das Verhältnis der Austrittsorthodoxie zur Gemeindeorthodoxie vom allerhöchsten Niveau aus zur Diskussion gestellt. Es wurde ganz besonders durch eine rhetorisch glänzende, aus tiefstem kollegialem Gefühl hervorquellende Rede des Rabbiners Breslauer, Fürthzum - rechten Sichverstehen und gegenseitiger Würdigung emporgehoben.' Nach einer kurzen Debatte über die Frage der Verwendung der Synagogen f ü r nichtg'ttesdienstliche Zwecke, wo mancher Notschrei über die Entweihung unserer G'tteshäuser zu Gehör kam, folgten dann die Referate der Herren Rabbiner Dr. Höffmann, Breslau und Carlebach, Altona über „die Stellung des Rabbiners und die Möglichkeit seiner Wirksamkeit". Hoffmann gab einen' Ueberblick über die geschichtliche Entwicklung des rabbinischen1 Amtes und eine Fülle von Ratschlägen und Anregungen aus seiner Praxis, wie in Thora, Awoda und Gemilus Chaßodim der Rabbiner auf dem Platz sein könne. Der zweite Referent entwickelte zunächst eine gewissen Typenlehre, wie sich der rabbinische Typ nach Ländern und Zeiten darstelle, um dann auszuführen: nach der Brechung der Macht des Rabbinerstandes durch die Reform und die deutsche Gesetzgebung des früheren Jahrhunderts müsse der Rabbiner als Schöpf er von Gemeinschaf t der Freiwilligen, aber echter inniger seelischer Gemeinschaft ein Führertum allein" durch die Werbekraft der Thora, durch die «Macht seiner Persönlichkeit und die 'zentrale; Stellungdes Rabbiner h a u s e s wieder erringen» Die' Rabbinen' dürfen diesen 'Führerarispruch; nitoht aüfgeben; nicht nur als die: einzig Wissenden Um das Judentum in den Gemeinden hätten Sie dazu das Recht; sondern auch weil sie die moralische Probe ihrer Ueberzeugung erbracht, haben. Seit Begründung der Reform hätten fast, alle durch eine kleine Nachgiebigkeit sich die größten und materiell besten Rabbinate erringen l können. Sie haben nie ihre Treue zum Opfer gebracht. Aber nur der Selbstlose, der sein Ich dem Ewigen unterordnet und nicht: >zum!Knecht der Launen Gemeindegewaltiger wird* : hat den Anspruch auf Führerschaft. Resolutionen und Wahlen' beschlossen die Vormittagssitzung. < In der letzten. Sitzung des Nachmittags kamen dann in einer für alle beglückenden Weise die jüngeren Rabbiner zum Wort über das Thema: „Die 'geistesgeschichtliche Lage der .jüdischen Gegenwart"; Herr Rabbiner Dr,. Altmann, Berlin eröffnete den Reigen in einer formvollen-

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