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Der Israelit · 1935-01-03 · Heft 1 (3.1.1935) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 1 (3.1.1935)
Date
1935-01-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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sen. Gewiß, der Jüdische Handwerkerverein ist keine Hochschule zur Pflege von Theorien und Ideologien, er ist eine Instanz für praktische Arbeit. Aber gerade darum könnten wir von ihm erwarten, daß er praktische religiöse Erziehungsarbeit leistet, vor allem durch Einstellung des Sabbat als Haupt postulat seiner Wirksamkeit. Nannte man die jü dischen Handwerker „die Frontsoldaten des Friedens", so mögen sie auch die Frontsol daten des Sabbatfriedens sein. Hinter der Front muß aber die Etappe voll ihre Pflicht tun. Die sind wir selbst in allen kauf man nischen und anderen Berufen außerhalb des Hand werks. Wir müssen endlich begreifen, daßmiltf n"H3y kein Problem bloß für Palästina ist, sondern für die gesamte Golah und in erster Reihe auch für Deutschland, wir müssen endlich von Maimonides, den heute die gesamte jüdische Welt feiert, lernen, daßflpTOa-rUWRin ntoHMl'daß an der Spitze der jüdischen Liebe, als oberster Sproß in der Skala der jüdischen Wohltätigkeit, die Beschäftigung des jüdischen Arbeiters, die Berücksichtigung des jüdischen Händlers, des jüdischen Restaurateurs, mit einem Worte die Vorbeugung der Pauperisierung des Bruders steht, so lange er noch als Bruder neben uns, in einer Reihe mit uns rangiert. *py T>nN Ttt- Hierbei haben die Konsumenten und die Kunden in erster Reihe Rücksicht auf die sabbathaltenden Handwerker und Kaufleute zu nehmen. Nicht allein gefühlsmäßig, aus der inneren Verbundenheit mit denen, die sich mit uns im Sabbat einen, sondern auch schon aus Gründen von Recht und Billigkeit, da denen, die zwei Tage in der Woche ruhen müssen, der Lebenskampf am meisten erschwert ist und wir da zu allererst hilfreich einzugreifen haben, wo die größte Not droht. Aus all den Reden, Verhandlungen und Beschlüssen der Tagung geht klar hervor, daß die tüchtigen und tapferen Männer an der Spitze des jüdischen Handwerks das Beste wollen, und es nur einem gewissen Mangel an Orientiertheit zuzuschreiben ist, wenn das religiöse Moment so wenig an den Tag tritt. Wir werden nach wie vor alle Forderungen des jüdischen Handwerks unterstützen, unter der Voraussetzung, daß die Meister, wo sie sich selber zum vollen Sabbat leider noch nicht durchgerungen haben, mindestens ihren jüdischen Lehrlingen u n d Gesellen die Sabbatruhe sichern, und wir werden nicht aufhören, die jüdische Gesamtheit in Deutschland aufzurufen, die jüdische Arbeit, die geweiht ist durch die strenge Arbeitsruhe am siebenten Tage, allezeit so kräftig zu unterstützen, daß der Jüdische Handwerkerverein all seine Hoffnungen auch in wirtschaftlicher und sozialer Beziehung erfüllt sieht, „Die zehn Fragen an das Kind". Ein Münchener Blatt, „Die Sonntagsmorgenpost", hat an zehn Kinder zwischen zwölf und vierzehn Jahren zehn Fragen gerichtet, um auf diese Weise zu erfahren, wie sich die Zeit in der deutschen Knabenseele widerspiegele. Zwei dieser Fragen beziehen sich auf die Juden. Das Blatt will wissen, wie die Jungen über die Juden überhaupt denken und darüber, daß ihre Macht in Deutschland gebrochen sei. Die in der Münchener „Sonntagsmbrgenpost" veröffentlichten Antworten haben folgenden Wortlaut: „1, Die Juden schauen nur auf ihren Geldbeutel. Ihnen ist es ganz gleich, wenn das Deutsche Reich zugrunde geht, weil sie gar keine Deutschen sind; darum können sie auch gar keine Vaterlandsliebe haben wie wir. — 2. Der Jude hat seine Waren in der ganzen Welt gekauft, da bekam er sie billig und uns gab er sie teuer. Sie haben Deutschland im Kino geschwächt, weil sie so Zeug gebracht haben und die Leute haben schließlich nichts anderes mehr mögen. Die Deutschen wären nur mehr Knechte gewesen und sie die Herren. Und so wollen sie es auch bei den. anderen Völkern machen, daß es in der ganzen Welt nur mehr Knechte und Herren gibt. Uns Bauern haben sie oft sehr geschunden. —- 4. Sie haben das deutsche Volk ausgesaugt, das weiß ich aus der Zeitung. — 5. Der Jude gehört aus Deutschland ausgeschaltet, weil wir es jetzt sehen, wie er im Ausland gegen Deutschland hetzt. — 6. Ein Jude hat gesagt, alles gehört allen, aber er hat gemeint, alles gehört den Juden. — 7. Wenn die Juden in Deutschland nicht so gegen das Volk gearbeitet hätten, dann wäre es nicht vorgegangen gegen sie. — 8. Der Jude hat das Bauerntum ruiniert. — 9. Warum sollen wir die Juden im deutschen Volk behalten, wo wir doch " selber so viele Arbeiter haben. — 10. Der Jude stammt nicht aus dem Deutschen Reich, er schiebt nur das Geld ein, wenn der Arme zugrunde geht, das läßt ihn kalt." Mit diesen Ansichten zu rechten, wäre schon deswegen müßig, weil sie weder1 im Inhalte noch der Form nach etwas neues enthalten, etwas über das, was wir Tag für Tag auch von Erwachsenen zu hören und zu lesen bekommen. Sagt doch einer der Jungen selbst ganz treuherzig, er habe all sein Wissen um die Juden aus der Zeitung. Wie vom pädagogischen. Gesichtspunkte aus diese Enquete zu beurteilen ist, dar rüber mag das Blatt von zuständiger Seite belehrt werden. Die deutsch - palästinensischen Orangen- Verhandlungen. Ein Bericht des „Palestine Economic Service". Tel Awiw, 18. Dezember. Zu den mit Deutschland schwebenden Orangenverhandlungen wird von unterrichteter Seite darauf hingewiesen, daß die gegebene Basis für ein Orangenimport- und Zahlungsabkommen in der direkten Kompensation palästinensischer Orangen gegen den palästinensischen Import deutscher Waren bestehen würde. Eine derartige Kompensation müßte mit dem Haavara-Transfer in Einklang gebracht werden. Palästina hat im ersten Halbjahr 1934 für LP 859.000 deutsche Waren importiert, für das ganze Jahr 1934 dürfte sich ein Import von LP L,8—2 Millionen ergeben bezw. von 22—25 Mitionen Mark. In der Saison 1933/34 wurden nach Deutschland 1.328.835 Kisten Orangen und Grapefruit für LP 638.700 bezw. ca. 8 Millionen Mark exportiert. Der Orangenexport in Vorjahreshöhe und zu Vorjahrespreisen würde also nur 1U dessen ausmachen, was Palästina im Jahre 1934 an deutschen Waren importiert. Man sollte also annehmen, daß für eine deutsch-palästinensische Orangenkompensation eine geradezu ideale Basis besteht und der Abschluß eines solchen Abkommens eine Selbstverständlichkeit ist. Warum, blieb dieser natürliche Weg verschlossen? Der Kapitaltransfer deutscher Juden in Kompensation gegen den deutschen Export liegt in. den Händen der Haavara. Der Kapitaltransfer durch die Haavara muß in Einklang mit so entscheidenden palästinensischen Interessen wier denen des Orangenexportes gebracht werden. Das heißt: die zur Kompensation des Orangenexportes notwendigen Beträge des palästinensischen Importes deutcsher Waren müssen freigehalten werden. Das bedeutet einen teilweisen iH^»;V »ZjEEiW , •<8SWBr Moses als Führer. Von Rabb. M. Jakobovits, „G'tt prüft den Gerechten; so prüft Er die Führer beim Hüten der Schafe. So hat Er König David beobachtet, wie er zuerst die zarten Schafe herausgeführt hat, damit sie das saftigste, mildeste Gras abfressen; dann die ältesten Schafe und ganz zuletzt die kräftigsten. G'tt sprach: Wenn Du es verstehst, die Schafe so zu hüten, wirst Du auch mein Volk gut hüten. Auch Moses hatte gesehen, wie ein Schäfchen davonlief. Er kletterte ihm nach durch enge und gefährliche Abwege, bis er es am Ende fand, wie es an einem Quell seinen Durst löschte. Da nahm er das Schäflein hoch, drückte es an sich und sagte: Hätte ich gewußt, daß du aus Durst in die Irre liefst, wahrlich, ich hätte dich an einen wahren Quell geführt." (Midrasch rabba.) Unsere Weisen s. A., die keine blinde Heldenverehrung kannten, unterscheiden hier scharf zwischen den Führerfähigkeiten eines Moses und eines David. Mit kurzen, aber anschaulichen Strichen schildert der Midrasch den praktischen Verstand, die Sachkenntnis von König David und die aus diesen Grundzügen sich ergebende Kraft, ein ganzes Volk so zu regieren, daß jeder Stand, jeder Beruf, jede Gruppe zu ihrem jeweiligen Besten geführt wird, selbst wenn um dieses Zweckes, des Glückes der Allgemeinheit willen, einzelne Gruppen zeitweise zurücktreten müssen. Ganz anders ist die Natur unseres großen Lehrers Moses. Die große Herde ist ihm anvertraut. Ein einzelnes Schäflein geht irre. Da scheut er weder Zeit noch Mühe, um es zurückzugewinnen und zu dem besten Quell zu führen. Inmitten der Volksmenge vieler Hunderttausende ist ihm ein einzelner sündiger Mensch so wertvoll, daß er ihn nicht missen kann. Unter Einsatz aller Mühen und Kräfte und Opfer führt er ihn zurück, zum Quell des wahren Lebens. Liebe zu jedem einzelnen jüdischen Menschen ist der Grundzug von Moses' Natur. Einen Schlüssel zu dieser seelischen Grundstimmung unseres großen Führers bieten uns die nun und ihre weisen Erklärer gleich am Eingang der großen Berufungsszene. Stille, feierliche Wüstenlandschaft. Ein einzelner Mensch, Moses, der seine Herden weidet. Die Stimme G'ttes ruft ihn aus brennendem Dornbusch, schildert ihm das Elend und die Not des jüdischen Stammes, dem Er, der Allmächtige, das Land der Väter, einen fruchtbaren Boden als eigenen Besitz, versprochen hat, und fordert von ihm, dieses Volk herauszuführen aus Aegyptens Nacht. Und nun beginnt der große Kampf zwischen Mensch und Mission. Moses, der Mann der Demut, ringt mit dem G'tt der Väter. Er fühlt sich nicht zum Führer befähigt. Seine erste Antwort lautet: 'V W»K» am. „Und sie werden mir nicht glauben," — — — Seltsamer Einwand! Ein Volk, das unter so hartem Drucke lebt, jeglicher persönlicher Freiheit beraubt ist, dem wird eine lichte Zukunft geschildert, in der es als freies Volk auf eigenem Grund und Boden leben kann, und dieses Volk soll nicht gläubig einer solchen Botschaft Ohr und Sinn zuwenden? Doch Moses kannte schon jüdischen Volkes Art und Wertung. Nicht ungeprüften, mit Begeisterung gemalten Zukunftsbildern traut dieses Volk, nicht unerfahrene Jünglinge sind seine Führer, nicht blindes Fühlen und Sehnen darf in diesem Kreise herrschen. Verstand, köstlichste Gabe G'ttes, weise Erfahrung der Aeltesten, bedächtiges Ueberlegen und Prüfen sind vorherrschende Kräfte in Israel. Sie sind keine führerlose, ungeordnete, wilde Schar, sie haben weise Führer, der Rat der Alten ists, an den sie sich halten. „Geh', und versammle die Alten Israels ..." Noch zwei andere Befürchtungen bedrücken Moses' Gemüt. G'ttes Befehl verlangt: „Ich will Dich schicken zu Pharao und Du führe heraus mein Volk, die Söhne Israels, aus Aegypten." „Wer bin ich", ist die angstvolle Antwort des Großen, „wer bin ich, daß ich zu Pharao gehen soll, und daß ich die Kinder Israel herausführen soll aus Aegypten?" „Onauchi," das Erlöserwort, drängt sich ihm auf die Lippen. Pharao, der Tyrann über Hunderttausende von Menschen, der sich selbst Rechte, und Kräfte des. Weltenschöpfers zuschreibt, wird er einem schlichten Menschen glauben? Wer ist die gewaltige Erlöserkraft, die ihn zur Demütigung zwingen wird. Und was sind andererseits meine Verdienste und meine Fähig*-' ke'.iec. daß ich die Kinder Israels hinausführen soll? Fehlen mir doch vollständig die werbende Kraft der Rede und die mit fortreißende Begeisterung des Massenführers. Der Allgütige nimmt ihm der bangen

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