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Der Israelit · 1935-01-03 · Heft 1 (3.1.1935) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 1 (3.1.1935)
Date
1935-01-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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3. Januar 1935 Der Israelit Nr. 1 Seite 3 Rückblick und Ausblick. ^Fortsetzung von Seite i.) " ' ' " hängnis, das über viele, die das Politische und das Jüdische nicht, wichtig genommen hatten, wie ein Blitz aus heiterem Himmel einschlug, etwas, was ihrem Leben jeden bisherigen Rückhalt nahm. Sonne, Mond und Sterne leuchteten allen Menschen, aber sie verloren ihren Sinn im Vergleich zu den Schicksalen, mit denen es die Juden zu tun bekamen. Eine bis dahin gerade verlaufene Schicksalslinie war jäh unterbrochen, die Quellen des Erwerbes waren verschüttet. Ratlos und verzweifelt standen sie vor den Mauern, ■die die mit zähem Fleiß Und unendlichen Opfern erkaufte Zukunft ihrer Kinder im Zwielicht des Ungewissen verrammelte.. •! Und heute? Objektiv hat sich wenig geändert. Subjektiv sehr viel. Wir sind — aufatmend können wir es sagen — äußerlich und innerlich andere geworden. Aber es darf nicht verkannt werden, daß heute noch zweierlei Juden hier und im Auslande existieren, deren Bemühungen - .sich darin erschöpfen, sich nicht wandeln zu müssen. Die einen stehen heute wie damals noch ganz unter dem Bann des täglichen Erlebens mit seinen zermürbenden, niederdrückenden Geschehnissen. Sie bleiben im Gegenwartsgescnehen stecken. Der auf die Erde geheftete Blick bohrt sich in jedes Fleckchen Erde, das einen Riß aufweist. Von der Erde aus gesehen, ist die Zeit von tausend Kleinigkeiten erfüllt, die alle gleich wichtig erscheinen, und die uns gerne ver- . gessen machen wollen, an das, was viel, viel wichtiger ist, an die Zukunft. Auf der anderen Seite gibt es eine ebenso große Gruppe von deutschen und europäischen Juden, die sich der Zukunft ebenso entgegenstellen, aber von entgegengesetztem Denken erfüllt sind. Machten jene den Fehler, daß sie das tägliche Geschehen überschätzten, so wollen es diese u n t e r - schätzen, nicht nur im einzelnen, sondern auch als Ganzes. Das sind Menschen, die Vogelstraußpolitik treiben, die das heutige Geschehen als Ganzes nicht sehen, weil sie es nicht wahrhaben wollen. Sie nehmen nicht an unseren Schmerzen teil, weil sie in unserem Erleben vorübergehende Erscheinungen sehen, die vorübergehen müssen, denen gegenüber sie gleichgültig sind. Die Hauptsache scheint ihnen, durchzuhalt e n. Hatte jene erste Gruppe über der Vergangenheit die Gegenwart, so will sie übeiv der Vergangenheit die Zukunft vergessen, Hatte jene die Gegenwart zu wichtig genommen, so hält diese sie für zu unwichtig. War der Sinn jener vom Gegenwartsbewußtsein überschattet, daß sie nur ihre persönlichen Erfahrungen sahen und sich nur als Opfer, so denken diese nur immer an die Vergangenheit und sehen die Zukunft nur im Lichte der Vergangenheit. Die Hauptsache ist ihnen, ohne innere Veränderung als die Sieger mit den stärkeren Nerven Vergangenheit wieder herzustellen als Boden für eine bessere Zukunft. Sie weichen aus vor der Gegenwart, aber nicht in erneuernder Arbeit an der Zukunft, sondern durch eigensinniges Festhalten an der Vergangenheit, an die sie sich klammern, an der sie bauen, um nur mit der Gegenwart sich nicht befassen zu müssen. In dem Verhalten dieser zwei Gruppen liegt eine große Gefahr, ein zweifaches Vierkennen, das den Weg in die Zukunft versperrt. Diese aber verträgt weder verzweiflungsvolle Resignation, noch starr zurückgewendeten Blick. Um Abraham, so erzählt uns die Bibel, auf sein zukünftiges Schicksal, als Stammvater des jüdischen Volkes vorzubereiten, ließ G'tt ihn des Nachts unter den weiten sternenbesäten Himmel treten und er öffnete ihm die Augen für das, was seiner und seiner Nachkommen wartete. Im Aufblick zu den Sternen hörte er die,.Worte: u S o sollen deine Nachkommen sein." Wir kennen die Weite und Tiefe und Schönheit des orientalischen Himmels, aber gewiß nicht um des Aesthetisöhen willen rückt die Bibel dieses Bild Abrahams auf weiter Flur unter dem nächtlichen Himmel uns yor Augen, vielmehr dürfte dem doch ein anderer Gedanke, der Hinweis auf zwei1 Momente, an die sich Menschen in unserer Situation halten sollten, zu Grunde liegen, die wir [beiden Gruppen gegenüber -mahnend und fordernd aussprechen müssen, Wollen wir unter unseren Einzelschicksalen nicht zusammenbrechen, so müssen wir unseren Blick zu den Sternen erheben, um von ihnen aus, von ihrer Weite und von ihrer Höhe, die rechte Stellungnahme zu unserer Lage izu gewinnen. Der Blick auf die Sterne weitet und vertieft unseren Sinn für das Leben der Geschichte. In dem Gedanken an jene größeren Zeiträume, in denen sich nach ewigen, ehernen Gesetzen die Sterne bewegen, werden wir fest. Wenn wir die Geschlechter, die nach Uns kommen, in unser Denken einbeziehen, gewinnen wir den geistigen und seelischen Abstand, den wir brauchen, wenn wir Jugend führen und an Zukunft arbeiten wollen. Sterne und Kinder, sie rufen uns beide ein starkes eindringliches HQ^T zu: ,,mache dich los von der Tiefe und Enge und erhebe dich zur Höhe und Weite," in der alle Engstirnigkeit und Engherzigkeit sich auflöst. Da gelten andere Räume' und andere Zeiten. Lichtjahre verbinden die Generationen unseres Volkes und die Schauplätze seiner Geschichte. Da werden wir zu planetarischem und säkulärem Denken erzogen. Wie solches Denken an Zukunft allein schon das ganze Erleben der Gegenwart wandelt, zeigt uns sehr aufschlußreich die Natur des Geistes an dem Wunder des Erinnerungsvermögens. Wenn wir uns nach so und so langer Zeit an etwas erinnern, so lebt es nur auf, weil es in lebendige Beziehung zu unserer heutigen Situation gekommen ist. Dinge, die mit dem späteren Erlebnis nicht irgendwie in Beziehung stehen, steigen aus dem Meere der Vergessenheit nicht wieder auf. Und selbst die Dinge, deren wir uns erinnern, werden nur so er-innert, daß sie im inneren Zusammenhang mit dem Heute, ja in kausaler Verknüpfung mit dem, was so und so lange nachher passiert, erscheinen. Um dessentwillen werden sie ihrer einstigen „Zufälligkeit" beraubt, oder gar aus dem Zusammenhang, in dem sie damals erlebt wurden, herausgeschält. Dadurch erhält das, was einmal zufällig war, durch das spätere Geschehen einen Sinn, und das, was früher sinnvoll erlebt wurde, duj*ch die Folgezeit einen neuen Sinn, Was hiec unbewußt geschieht, sollen wir bewußt erstreben. So kann jederzeit Gegenwartsgeschehen in seinem Wesen und in seiner Würdigung durch die Blickrichtung auf Zukunft gewandelt werden, indem wir es nur so weit wichtig nehmen, als es über uns hinaus Bedeutung erhält und wirksam werden kann, mit einem Worte: soweit es Geschichte wird. Denn Geschehen ist nicht Geschichte. Das Geschehen berührt uns hier und jetzt, Geschichte wird es erst, soweit es über das Hier und über das Jetzt hinauswirken kann. Da wird manches unter den Tisch des Alltags fallen. Das Geschehen verliert viel von seiner Zufälligkeit und Kleinlichkeit/ wenn wir es geschichtlich erleben, und in seiner Ueberwindung nicht nur am gegenwärtigen Moment, sondern an Zukunft arbeiten. Da enthüllt sich uns Geschichte im Geschehen, wir werden uns langsam bewußt, daß alles so kommen mußtef daß es längst vorbereitet war; da ahnen wir die höhere Weisheit, die planvoll die Fäden geknüpft hat, wir sehen das Ueberweltliche und Uebermenschliche, das über die Spanne unseres Lebens hinausweist. Stellen wir darauf unser Auge ein und unser Denken, dann wird manches, was gestern noch wichtig erschien, als nichtig erkannt werden, und nur das, das freilich um so schärfer, gesehen werden, was unsere Zeit als Beginn und wir als Träger einer neuen Epoche zu leisten haben. Alles hängt davon ab, ob wir diesen Unterschied zwischen Geschehen und Geschichte, zwischen Augenblicks- und epochalem Bewußtsein in uns tragen. Sein oder Nichtsein hängt daran. Die Kraft der Ueberwindung zeigt, daß wir stärker sind als das Leben, sie wird zur schöpferischen Kraft des Lebens aber nur für diejenigen, die sich mit dem, was sie persönlich zu tragen haben, als Träger der Geschichte fühlen. Für diejenigen, die sich als Opfer fühlen, werden sie zu einer Quelle der Vereinzelung, der Schwäche und der Illusion, daß nur die Zeiten sich ändern müssen, der Mensch von heute aber bleiben könne, der er gestern war, Von da führt kein Weg zur Weite, zu Generationen, zur Geschichte, zum Judentum^ (Fortsetzung folgt.) Wochenrundschau, Das jüdische Handwerk und der Aufbau« Vor! kurzem hielt der Verein selbständig er Ha n dwerker jüdische n. G1 a ub e n s in Berlin seinen Handwerkertag ab, der mit dem Jubiläum des vierzigjährigen Bestehens dieses Vereins verbunden war. Seit den vier Jahrzehnten seines Bestehens waren die Ziele und Bestrebungen des Vereins noch nie so bedeutsam und aktuell wie heute, da die Not der Zeit im jüdischen Kreise eine Umschichtung und Umstellung hervorgerufen hat, die fast auf eine Umwertung aller bisherigen Werte im jüdischen Berufsleben hinausgeht. Dieser gesteigerten Bedeutung entsprach auch der äußerliche Rahmen der Veranstaltung. In den Reden wurde von den Verdiensten des jüdischen Handwerkervereins, aber noch mehr von seinen Aufgaben innerhalb Deutschlands wie auch in Palästina gesprochen, Ob es zu diesem äußeren Rahmen nötig war* : das Vereinsbanner feierlich durch die Synagoge zu tragen und es neben der Kanzel aufzupflanzen, darüber kann man geteilter Meinung sein. Im G'tteshause gibt es nur ein Banner, mit dem Umzüge gemacht werden, ein Banner, das alle Berufe und alle Schichten mit einem geistigen Bande umschlingt, das Banner der Thor a. Wir würden uns nicht an Kleinigkeiten und Förmlichkeiten klammern, wo eine große Sache in Frage steht, hielten wir es nicht am Platze, gerade an diese symbolische Handlung unsere Ansichten und Ermahnungen anzuknüpfen, die wir mit den aufrichtigsten Segenswünschen für das jüdische Handwerk und seine Träger und Förderer im genannten Vereine verbinden. I}er Vorsitzende, Herr Louis Wolff, unterstrich in seiner Festrede, daß der Handwerkerverein sich nicht auf die Berufsarbeit in engerem Sinne beschränke, sondern sich auch im Dienste der gemeinsamen Interessen der deutschen Judenheit fühle, heute mehr denn je, da allgemein anerkannt werde, daß das Handwerk die Basis für die Zukunft des deutschen Judentums sein werde. Wir möchten diese Kombination von Judenheit und Judentum dahin deuten, daß der verdiente Vorsitzende nicht allein die gemeinsamen Interessen der derzeitigen Judenheit kennt, sondern auch die Forderungen des Judentums, den. Schrei eines guten Teiles unserer Jugend nach echtem, ungeteiltem . und unverfälschtem Judentum, nach einem Halte über des Tages Schwankungen hinaus im Positiven und Religio-

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