Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1934)
- Date
- 1934-12-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2450807-2450857--80955-2538800- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
28. Dezember 1934 Der Israelit Nr. 52 Seite 7 Not in Polen. Warschau, 23. Dez. In der Sitzung der Budgetkommission des polnischen Sejm ergriffen auch mehrere jüdische Abgeordnete das Wort, um das ganze Problem der jüdischen Not in Polen aufzurollen. Der a g u d i s - tische Deputierte Minzberg ersuchte die Regierung gleichfalls um Unterstützung der jüdischen sozialen Einrichtungen. Er erklärte, daß die G e - milus-Chassodim-Kasse Tausende jüdischer Familien vor dem Ruin rette. Die Statistiken der Staatsbanken und städtischen Sparkassen gäben Aufschluß darüber, daß Juden von diesen Banken keine Darlehen in Anspruch nehmen und bekommen. Der Berichterstatter der Kommission, Stronski, erklärte, daß er zugeben müsse, es sei nichts z u r Regelung der Rechtslage der jüdischen Religionsgemeinschaft getan worden. Dagegen habe man die rechtlichen Verhältnisse der Karaiten geregelt. Tschechoslovakei« Tschechoslowakische Regierung verbietet, die Beantwortung von Anfragen betreffend arische Abstammung. Prag, 19. Dez. Das Landesamt für Böhmen hat einen Erlaß herausgegeben, in welchem darauf verwiesen wird, daß Matrikenführer bei der Ausfolgung von Matrikenscheinen nicht bestätigen dürfen, ob die in der Matrik (Standesamtsregister) eingetragene Person bezw. deren Vorfahren arischer Abstammung sind oder nicht. Zur Ausgabe solcher Bestätigungen seien die Matrikenführer nach den Vorschriften nicht berechtigt. Der Erlaß verweist auf das religiöse Bekenntnis, das aus der entsprechenden Rubrik des Matrikenscheins ersichtlich sei. In dem Erlaß wird ferner, ausgeführt, es seien zahlreiche Fälle festgestellt worden, in denen ausländische Aemter an tschechoslowakische Matrikenämter sich um die Ausstellung stempelfreier Matrikenscheine und Matrikenauszüge gewendet haben. Dabei werde eine Bestätigung verlangt, ob die in der Matrik eingetragene Person oder ihre Vorfahren arischer Abstammung seien. Ein solcher Vermerk sei unstatthaft, da nach den Erlässen des Innenministeriums Matrikenscheine ohne Taxe und ohne Stempel an ausländische Behörden nur ausgefolgt werden dürfen, wenn sie auf diplomatischem Wege verlangt werden und wenn Gegenseitigkeit verbürgt ist. Auch die Einsicht einer fremden Person in Matriken sei verboten. Alle derartigen Ansuchen aus dem Ausland seien den politischen Behörden erster Instanz abzutreten. Bedenkliche Ritualmordhetze in der Slovakei. Bratislava, 20. Dez. Durch ein zunächst mysteriös erscheinendes Gerücht wurde die kleine Gemeinde U h r o v e s bei Prienidza in der Slovakei in Aufregung versetzt. Es hatte sich dort ein Mann als Auzt aus Preßburg ausgegeben und von mehreren Leuten Blutproben genommen. Es dauerte" nicht lange Und es verbreitete sich das Gerücht, daß Juden von mehreren Personen -das- Blut'abgezapft hätten,-Um -es -für das Osterbrot zu verwenden. Die Erregung in -der .Ortschaft "war so stark,- "daß Gendarmerie die Ruhe herstellen müßte. Dies: gelang ihr aber 'erst, als sie das-'-Bratislavaer;Staatkrahkenhaus angerufen^ hatte, wodurch die Sache eine 'harmlose' Aufklärung fand: Eiri:' jünger Assistenzarzt der Klinik, übrigens r ein Nichtjude, mußte, um ein wissenschaftliches Werk beenden zu können, von gewissen Personen Blutproben nehmen. Dies nützten dann gewissenlose Elemente zu einer argen Judenhetze aus; die allerdings im Keime erstickt "werden konnte. Spanien. Jüdisches Leben in Spanien. 1 Barzelonä, 10. Dez; \. Durch die spanische Presse ging dieser Tage eine Notiz,", daß wie in allen anderen 'Ländern auch in Spanien die Frage der Ausländer-Beschäftigung erneut geregelt werden müsse. Im Hinblick auf die aillgemeine Arbeitslosigkeit sei insbesondere die Frage zu prüfen, inwieweit ausländische Arbeiter, welche auf der iberischen Halbinsel Beschäftigung gefunden hätten, durch einheimische Kräfte ersetzt werden könnten. Bei dieser Gelegenheit sprach man davon, daß mehr als 15.000 Juden sich in Spanien, vor allem in Barzelonä niedergelassen hätten, unter denen sich eine bedeutende Anzahl von Schneidern befanden, die eine unangenehme Konkurrenz für das heimische Gewerbe darstellten. Man darf sagen, daß diese Mitteilungen, insbesondere aber die genannten Zahlen über die Tatsachen weit hinausgehen. Die Zahl der auf dem ganzen spanischen Gebiet lebenden Juden ist um ein vielfaches geringer, wenn man den in offiziellen jüdischen Kreisen gegebenen Auskünften nachgeht. Man schätzt die Zahl der nach Barcelona gekommenen Juden auf höchstens 2000. Wahrscheinlich sind aber nicht mehr als 1500 Personen in den letzten zwei i Jahren zugezogen. Rechnet man hierzu noch etwa 1000 Personen, die nach Madrid gegangen sind, mehr sind; es sicherlich nicht, so darf man durch Zusammenzählung der beiden Summen die Zahl von 3000 als Höchstziffer der jüdischen Einwanderung ansehen, denn im übrigen Teil wird man nur ab und zu mal eine jüdische Familie finden, etwa in Valencia oder Sevilla. Eine genaue Ziffer kann deswegen nicht angegeben werden, weil z. B. die eingewanderten deutschen Juden mit den übrigen eingewanderten Deutschen, deren Ziffern zum mindesten als bedeutend angesehen werden muß, zusammengeführt werden und die offizielle spanische Statistik die Fremden nicht nach Religionen, sondern nach Staatsangehörigkeit umfaßt. Daß die in den Zeitungen genannten Zahlen weit über ihr Ziel hinausgehen, wird allein schon dadurch ersichtlich, daß die jüdischen Gemeinden in Barcelona und Madrid nur eine Mitgliederzahl besitzen, die geringer ist als die Zahl 3000. Berücksichtigt man selbst, daß eine Anzahl jüdischer Glaubensgenossen noch nicht den Weg in die Gemeinde gefunden haben, so reden doch die Berichte der jüdischen Gemeinde und der Komitees eine zu deutliche Sprache. Bei dieser Betrachtung sollen die Balearen-Inseln und Spanisch-Marokko unberücksichtigt bleiben. Die Zahl der auf den Balearen lebenden Juden ist relativ klein, die Zahl der in Marokko ansässigen Juden ist seit Jahrhunderten bedeutend, sowohl auf spanischem wie auf französischem Gebiet. Darüber soll aber bei anderer Gelegenheit gesprochen werden. Die jüdischen Gemeinden in Madrid und insbesondere in Barcelona pflegen jüdische Kultur trotz ihrer relativ kleinen' Mitgliederzahl mit der größten Intensität. Wenn es auch keine Synagogen gibt, so stehen mehrere Betsäle zur Verfügung, um nicht nur an den hohen Feiertagen und an allen Sonnabenden, sondern^ auch an den Wochentagen die Gebetsvorschriften erfüllen zu können. Täglich versammelt sich eine kleine Anzahl von Getreuen zur Mincha-Stunde, an Feiertagen sind die Säle voll und am Neujahr und Versöhnungsfest gar reichen die Säle nicht aus, um die Zahl der Frommen zu fassen. Bei offenen Türen ziehen sich die Stuhlreihen in die Gärten hinaus, durch dichtes Gesträuch von der Straße getrennt. * ' ': , :j Ein jüdischer Frauenverein, neuerdings auch ein jüdischer Jugehdbund pflegen alle -Fragen, welche jüdisches Leben umfassen. Es ist Sorge dafür ge^j tragen, daß die Angehörigen der Gemeinde auf einembesonderen Friedhof inmitten ihrer Glaubensgenossen zur letzten Ruhe bestattet werden ■kömcrn:. i :': Die Beiträge sind relativ sehr gering. In Barcelona kann man. mit dem Mindestsatz von drei Pesetas (das sind nach deutschem Gelde etwa Mk. 1.—) monatlich Mitglied der Gemeinde werden. Da alle. "MitjjjliediöV^nter^'ä'enen sich auch ' angeseUeH'espanische Juden dert besten Gesellschaft befinden, sich gegenseitig außerordentlich für das Wohl und Wehe der Gemeindemitglieder interessieren, ist es, abge-, sehen von dem moralischen Rückhalt, nur von Vorteil, der Gemeinde anzugehören. Die Gemeinden; stellen rein religiöse Ver'einigunf gen daiy da es in Spanien keinen Antisemitismuö 'gibt. Daß es auch in Zukunft keinen geben wird, :därf allein aus der Tatsache geschlossen werden, daß fein äußerlich die spanischen' Juden oder die eingewanderten Juden sich von den übrigen Spaniern nicht durch Haar- und Hautfarbe, durch ihre Art und Weise usw. unterscheiden, im Gegenteil. Der Spanier ist in seinen Bewegungen so lebhaft, er redet mit südlichem Temperament, also derartig laut, daß der eingewanderte Jude stiller und ruhiger wirkt, selbst wenn er etwa in Deutschland aufgefallen sein sollte. Hinzu kommt, daß während der berüchtigten Inquisition kein Rassenantisemitismus getrieben wurde, sondern nur Glaubensantisemitismus und daß vor nunmehr 400 Jahren Tausende von spanischen Juden den katholischen Glauben angenommen haben. Man darf daher heute sagen, daß in einer sehr großen Anzahl von spanischen Familien jüdisches Blut fließt. Die spanischen und alle in Spanien lebenden Juden können ohne Schwierigkeiten allen ihren religiösen Vorschriften nachgehen, es gibt ebenso jüdische Fleischer wie jüdische Bäcker. Spanien, welches als eines der überzeugt gläubigsten katholischen Länder betrachtet werden muß, reiht die jüdischen Glaubensgenhssen ebenso wie die Protestanten unter die Zahl der andersgläubigen Staatsangehörigen ein, ohne die bürgerlichen und menschlichen Freiheiten dadurch auch nur im geringsten zu beeinträchtigen. So kann der Jude im Spanien von heute in Ruhe und Frieden die Pflichten seiner Religion erfüllen, so stellen die jüdischen Gemeinden nicht die schlechtesten Getreuen dar, welche alle Anhänger des jüdischen Glaubens auf der Erde zu einer Gemeinschaft verbinden. Palästina. Von Bne Brak und den anderen religiösen Stützpunkten in Erez Jisroel. Jaffa, 17. Dez. Am hellsten Sabbatmittag kam ein Auto mit einigen jüdischen Insassen in die Kolonie angefahren. Sofort wurde das Fahrzeug von Juden umringt, die verlangten, daß der Wagen bis zum Sabbatausgange im Orte bleibe. Arbeiter kamen den Automobilisten zu Hilfe und es entstand eine Schlägerei, der auch die herbeigeeilte Polizei kein Ende machen konnte. Als dann berittene Polizei ankam, wurden mehrere angesehene Mitglieder der Kolonie verhaftet, die gezwungen wurden, am Sabbat ins Auto zu steigen, um nach Tel Awiw gebracht zu werden, was natürlich größte Aufregung im ganzen Orte hervorgerufen hat. Die Kolonie „Bne Brak" konnte diese Woche ihren neuen Rabbiner, Rabbi K a 1 i s c h , einführen. Rabbi Kaiisch zählt zu den Skirniwitzern Chassidlm und ist sowohl als Thoragelehrter wie tatkräftiger Mann bekannt. Der Empfang des neuen Führers ging in feierlicher und herzlicher Weise vor sich. Herr Pinje Lewin aus Polen, der nun zum dritten Male in Erez Jisroel weilt, besuchte alle Siedlungen, wo sich orthodoxe Positionen befinden; die mit Hilfe des Keren Hajischuw erhaltenen Bes Jakowschulen wie die Poale Agudas Jisroel-Gruppen und alle anderen Instanzen der Agudas Jisroel, Bekanntlich ist der Bes Jakow-Schule in Jerusalem auch ein K i n d e r g'ä r t e n angegliedert, der sich ausgezeichnet entwickelt. Bei einer Chanukahf e i e r zeigten die 'Kleinen und 'Kleinsteh, was sie alles hier unter fachmännischer Leitung schon-gelernt haben;. Gut verlaufene Chanukahfeiern fanden in allen religiösen Organisationen; in Stadt und Land. statt. In „Machne Jisrael'" bekam die Chanukahfeier :noch einen eigenen festlichen Charakter durch die Grundsteinlegung für den neuen Bau unter Teilnahme von Herrn Pinje Lewin. Es ist zu konstatieren, daß es überall im Lande mit der orthodoxen Arbeit kräftig vorwärts geht. Die Palästina-Einwanderung deutscher Juden in den beiden letzten Jahren. Jerusalem, 19. Dez. In einer Pressekonferenz in Jerusalem machten die Mitglieder der Palästina-Exekutive der Jewish Agency, Dr. Arthur Ruppin und Dr. Werner Senator, Mitteilungen über die Palästina-Einwanderung deutscher Juden in den beiden letzten Jahren, Es sind in dieser Zeit i5.042 Juden aus Deutschland nach Palästina gekommen was 24 Proz,' der gesamten jüdischen Palästina-Einwanderung ausmacht. Durch die