Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1934)
- Date
- 1934-12-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 52 D Israelit 28. Dezember 1934 anhaftete. Unsere neuen religiösen Versorger können das alles sogar noch viel besser. Die religiösen Gesänge und Chassidimlieder singen sie musikalisch richtiger, sie legen eine Purimfeier hin, die es in sich hat, und die Chanukalichtei" können sie viel eleganter entzünden. Nicht eine „religiöse Renaissance" ist im Anmarsch, wie man uns glauben machen will, sondern das Gegenteil ist der Fall: der unausrottbare religiöse Instinkt im jüdischen Volk, der jetzt zum Durchbruch kommt, die ehrliche Sehnsucht nach Gläubigkeit in den Massen werden von einer im Grunde ungläubigen Intelligenz, die aber aus einer behenden Alleskönnerei heraus sehr viel über den Glauben zu reden versteht, — (vor allem von jenen, den offenen Abfall predigenden, flinken Journalisten und Wanderrednern, die sich den Ehrennamen des Rabbiners beilegen dürfen, ohne daß, in unseren anarchischen Zeiten, eine autoritäre Instanz diese Falschmeldung bestraft) — durch billige Surrogate abgelenkt, in ihrer Schwungkraft gelähmt und schließlich zertreten. Denn die wirklich Suchenden, die von echter Sehnsucht nach dem Glauben Erfüllten werden auf die Dauer in einem verniedlichten, verkitschten Judentum, dem der wahre religiöse Atem fehlt, keine Befriedigung finden. Sie werden ihm den Rücken kehren und werden ihren religiösen Trieb in anderen Welten ausleben. Und die anderen, die leichteren Gewichtes, durch kein verpflichtendes Gesetz in Führung und Zucht genommen, werden, nachdem der erste Eindruck der ungewohnten Formenwelt verblaßt ist, sich bald anderen Sensationen und einem neuen exotischen Hautkitzel zuwenden. Wieder wird dann eine große Hoffnung zerronnen sein, wieder ein prachtvoller Anlauf des Volkes zu seiner inneren Erneuerung schon im Beginn gebrochen. Die gläubige Judenheit hat aus diesem Zustand der Dinge zwei unumgängliche Folgerungen zu ziehen: zum ersten die Notwendigkeit, di-e ideologischen Grenzen schärfer und kritischer zu ziehen als bisher. So eng wir mit den anderen Gruppen in allen Fragen, die die Existenz des Volkes betreffen, — wirtschaftlich, politisch, sozial, — zusammenarbeiten wollen, so eifersüchtig müssen wir über der Reinheit und Reinerhaltung unserer geistigen Güter wachen. Mehr denn je haben wir heute Anlaß, Verfälschungen unserer Anschauungen, die oft eine ähnliche Fassade, aber einen gänzlich anderen Kern aufweisen, mit aller Schärfe abzuwehren. Die kritiklose Nachäffung von Formen und die bedenkenlose Uebernahme modischer Terminologien gehört auch in diesen Zusammenhang. Es ist — um ein Beispiel zu nennen — völlig überflüssig und stellt eigentlich ein Armutszeugnis dar, daß die gesetzestreue Jugend ihre sabbatlichen Zusammenkünfte heute unbedingt Oneg Schabbat nennen muß. Für die Gestaltung des Sabbats brauchen wir von den anderen wahrhaftig keine Vorbilder zu entleihen. Zum anderen aber erhebt sich, mehr ins Positive gewendet, an die gläubige Judenheit die unabweisliche Forderung, daß sie in der Werbung und Sammlung der Verirrten selber die Initiative ergreife, daß sie selber mit einer großangelegten, planmäßigen Aktion ins Volk trete, um die Suchenden auf die Wege zum. wahren Judentum zu geleiten. Eine große geschichtliche Zeit ist angebrochen, die Seelen sind gelockert und--wandlungsfähig. Der gläubigen Judenheit gibt das Schicksal jetzt die seltene Gelegenheit, in die Reihen des Unglaubens einzubrechen und verlorenes Terrain wiederzugewinnen. Sie hat jetzt zu erweisen, ob sie sich ihrer hohen Verantwortung vor den kommenden Geschlechtern bewußt geworden, ob sie dem großen Augenblick gewachsen ist und die geschichtliche Stunde zu nutzen weiß,*) Wochenrundschau, Maimonides-Feiern. Am Rüstetage zum Pessachfeste werden sich acht Jahrhunderte runden, daß Mosche ben M a i m u n in der jüdischen Welt „Rambam" genannt, in Cordova in Spanien das Licht der Welt erblickt hat, aus welchem Anlaß große Feierlichkeiten vorbereitet werden, auch, und sogar vornehmlich in Kreisen, denen Maimonides nur ein Namen und ein Kapitel der Kulturgeschichte ist, im praktischen Leben aber wenig bedeutet. Immerhin kann es nicht von Schaden sein, wenn, wie bereits berichtet, Gesellschaftsreisen nach dem Geburtshause des Maimonides und den anderen historischen Denkwürdigkeiten in Cordova veranstaltet werden. Es könnte dies vielleicht dem jüdischen Geistesleben in Spanien, von dem bis jetzt hie und da nur schwache Ansätze zu merken sind, einen neuen Auftrieb geben. Und manch einer aus Mittel- und Osteuropa könnte sich vielleicht auf dem geweihten Boden im Zeichen des weltbeherrschenden Meisters zur Selbstbesinnung angeregt fühlen. Begrüßen müßte man es, wenn an Stelle der angekündigten Literatur über Maimonides, man Maimonides selbst zu Worte kommen ließe und den Gedenktag zum Anlaß nähme, die bekannten Meisterwerke des Rambam, die heute für Viele unerschwinglich sind, in billigen Volksausgaben der jüdischen O e f f e n 11 i c h k e i t zuzuführen. Und noch eines. Wenn die palästinensische Presse heute schon mit Artikelserien den Manen Rambams huldigt und große Pilgerfahrten nach dem Grabe vor Tiberias vorbereitet, so wäre ihr doch ein Wort von Maimonides in seinem Mischnakommentar, Aboth Abschnitt I, Mischna 17 in Erinnerung zu rufen: -pTs 'vpw ]wb nt'Rö Q'iaman a>wnw sni '"im irna'ur „Und wisse, daß die Lieder (Presseerzeugnisse), gleichviel in welcher Sprache sie verfaßt sind, erst daraufhin geprüft werden müssen, ob sie sich in die Kategorie der „schönen" und „nützlichen", „erzieherischen" und ,«wertvollen" Rede einreihen lassen (vorausgehend besprach Maimonides die „fünf Arten der Rede") tsö "?ax )wbn *na anip n^i id«* nm-anw „denn der Ausspruch wird nicht verwerflich oder annehmbar c> ~ Sprache und Form wegen, sondern lediglich >.: - a f t seines Inhalt s." Und weiter in diesem Zusammenhange: „Und liegen zwei Hymnen mir vor, die gleichen Inhalts sind und gleich dazu angctar? sind, die Leidenschaften zu wecken, von denen die eine in Hebräisch, die andere aber in Arabisch oder einer anderen Fremdsprache abgefaßt ist, so ist das hebräische Poesiestück weit mehr zu verwerfen, als das in anderen Sprachen. Um wieviel mehr noch ovptpn tup p i*? minn j» pioa vbx rpüjr» aa wenn in dem Zusammenhange Verse aus der Thora oder dem Hohenliede mitverwendet werden, was schon nicht allein verächtlich, sondern sogar verboten ist, denn es ist von der *) Wir empfehlen die bedeutsamen Ausführungen unsres verehrten Mitarbeiters der besonderen Aufmerksamkeit unsrer Leser. Das am Schlüsse ausgesprochene Postulat dürfte, wenn wir recht unterrichtet sind, in aller Kürze organisatorische Verwirklichung finden durch einen groß angelegten Versuch, dem hoffentlich Gelingen beschieden ist, Red. Kleines Feuilleton, R- Travers Herford und S. R. Hirsch y*T. In der letzten Nummer der „Literarischen Warte" des „Israelit" ist von Dr. M, Ascher der unter dem Titel: Some Ancient Safßfjuards of Civilisation" erschienene Vortrag von R. Travers Herford ausführlich besprochen worden, der ganz und gar einer vergleichenden Betrachtung dreier in der gleichen Zeit vollzogener bedeutsamer historischer Vorgänge gewidmet ist: dem Abschluß des Talmuds, der Organisation der katholischen Kirche und der Codifikation des römischen Rechtes, Herford legt dar, wie diese drei historischen Ereignisse sich fast gleichzeitig vollzogen: der Abschluß des Talmuds um das Jahr 500 der gewöhnlichen Zeitrechnung, die Vollendung des großen römischen Gesetzeswerkes des Kaisers Justinian 533, und der Aufbau der katholischen Kirche durch Augustin, dem Zeitgenossen von Raw Aschi". Travers Herford erblickt in dem Zusammenfallen dieser drei Ereignisse, die die nachfolgende Geschichte auf Jahrhunderte hinaus bestimmten und doch räumlich gar nichts miteinander zu tun hatten, ein Werk der waltenden Vorsehung, ein Zeugnis für die Führung der Geschichte durch G'tt. Er bemerkt in seinem Vortrage, daß hier nach seiner Ueberzeugung das merkwürdigste Zusammentreffen der Geschichte vorliege und fügt hinzu, seines Wissens sei darüber in der Literatur noch nie etwas gesagt worden. Es ist nun interessant, daß sich Travers Herford mit dieser letzteren Annahme in einem Irrtum befindet. Vielmehr war es Rabbiner S. R. Hi r s c h, der schon vor 75 Jahren im Adarheft seiner Monatsschrift „Jeschurun" 1860 in einem seiner herrlichsten Aufsätze unter dem Titel „Und gleichwohl" genau den gleichen Gedanken in hinreißenden Worten entwickelte, den Herford jetzt selbständig gefunden hat. Rabbiner Hirsch knüpft an ein talmudisches Wort im Traktat Merfilla an, in dem der Vers (Leviticus 26, 44) arrbob nvbs* «Vi dviok» tf? dtwik p*w onvna nst oi *]Ri -an« T.'-a *isr\b wie folgt erläutert wird: „Nicht verachtet habe ich sie; in den Tagen der C h a 1 d ä e r , denn ich stellte ihnen Daniel, Chanania, Mischael und Asarja; nicht verworfen: in Hamans Tagen, denn ich stellte ihnen Mordechai und Esther; ließ sie nicht vernichten: in den Tagen der Griechen, denn ich stellte ihnen Simeon den Gerechten, den Hasmonaer und seine Söhne und den Hohepriester Matisjohu; habe meinen Bund mit ihnen nicht aufgehoben: in den Tagen der Römer, denn ich stellte ihnen Rabbi und die Weisen der späteren Zeit." Rabbiner Hirsch schildert — nach einer tiefeindringenden historischen Darstellung der drei ersten, vom Talmud hier nebeneinandergestellten Golus-Zeiten die vierte, die des „römischen Exiles", die charakterisiert wird durch das Werk „Rabbis und der Weisen der Zeit", d. h. der Männer der talmudischen Ueberlieferung — das Erziehungswerk des Talmudstudiums am jüdischen Volke und schließt wie folgt: „Fast gleichzeitig hat Jakob und Esau — äußerlich — an dem gleichen Werk gearbeitet. Fast in denselben Jahrhunderten, in welchen das römische Kaiserhaus an Codifizierung des römischen Rechtes und am Ausbau der römischen Kirche arbeitete und damit die beiden Faktoren schuf, die bis in unsere Tage hinein die Gestaltung der zivilisierten und zivilisierenden Welt beherrschten, hat Wnpn mirp 1M"V hat das Haus Rabbis und die sein Werk fortsetzende Reihe den m*mn •>»an an Codifizierung und Entwicklung des G'ttesrechts und der G'ttes-,, Kirche" gearbeitet und damit die einheitliche Lebensgestaltung des zerstreuten Judas inmitten der römischen Welt auf dem Boden des G'tteswortes gerettet. Jenes, das Menschenwerk, Esaus würdig von der Gewalt des „Schwertes" und der „Macht" getragen; dieses, das G'tteswerk, schwertlos, machtlos, ja alle Schwerter feindlich gegen es gezückt und alle Mächte gewaltig es bekämpfend, nur in dem Geiste und dem Leben eines Volkes gerettet, und dieser Geist mitten in der Nacht hell aufleuchtend, und dieses Leben mitten unter den Gräbern ringsum aufblühend. Das ist die Geschichte des Ringkampfes Jacobs und Esaus während des Galuth der römischen Nacht," Es wird für Travers Herford nicht uninteressant sein, von dieser Feststellung, die eine bemerkens^ werte Bestätigung für die Richtigkeit seines Gedan-j kens bietet, Kenntnis zu nehmen. In der letzten Nummer der Berliner Zeitschrift „Der Morgen" findet sich ein Auszug aus dem erwähnten Herford'schen Vortrag in deutscher Uebersetzung. De