Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1934)
- Date
- 1934-12-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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28. Dezember 1934 O er Israelit Nr. 52 Seite 3 (Fortsetzung von Seite 1.) Schriften sorgsamer befolgt werden, und von Zeit zu Zeit wird uns nicht ohne Genugtuung und sogar mit einem gewissen freudigen Stolz berichtet, daß diese oder jene prominente Persönlichkeit des Jischuw sich wohlwollend über die jüdische Religion geäußert und dem gläubigen Judentum freundliche Worte der Anerkennung gespendet habe. Man sollte meinen, daß wir über eine solche Entwicklung nur erfreut sein könnten. So geringfügig diese Anzeichen einer geistigen Wandlung auch sein mögen, so sollten wir in ihnen doch die leisen Vorboten der kommenden großen Erneuerung erkennen und sie dementsprechend werten. Wir sollten verstehen, — so hören wir es oft, auch von hochstehender Seite, argumentieren — daß eine solche Entwicklung nur langsam und in Etappen vor sich gehen kann, und wir sollten doch den Heilungsprozeß, der Zeit zum Ausreifen braucht, nicht durch unzeitige Polemiken und Demonstrationen stören. Da ja die von uns gewollte Richtung eingeschlagen ist', so werde mit der Zeit unfehlbar auch das von uns erstrebte Ziel erreicht werden. Nur immer sachte, sachte. Wir sollten stille sein und die Entwicklung machen lassen. Sie wird schon dahin führen, wo der liebe G'tt sie haben will. Und wenn es so ist, — argumentiert manch braves Gemüt treuherzig zu Ende — wozu braucht dann das gläubige Judentum überhaupt noch eine besondere Vertretung, wozu noch eine orthodoxe Presse, da doch die Rundschau seit neuestem eine ,,religiöse Beilage" hat, und die rituellen Belange von anderen Gruppen recht gut und ohne Extrakosten ,,mit"verwaltet werden können? Genügsam, geduldig und bescheiden, wie wir sind, würden wir uns vielleicht diesen Gedankengängen nicht verschließen, würden wir vielleicht wirklich die dargebotenen Ratschläge beherzigen, — wenn, ja wenn nur eine Voraussetzung stimmte: wenn dieser sogenannte religiöse Gesundungsprozeß in der Tat die von uns gemeinte Richtung eingeschlagen hätte, wenn er sich wirklich auf dem richtigen Wege befände. Wir würden dann vielleicht sehr wohl an dem großen Erneuerungswerk schweigend mitarbeiten, würden mit vereinten Kräften versuchen, die Entwicklung schneller auf ihrem Wege vorwärts zu treiben, der Stunde harrend, da der gemeinsamen Arbeit der ersehnte Erfolg zuteil wird. Doch leider ist dem keineswegs so. Die Voraussetzung liegt mitnichten vor. Denn bei näherem Hinsehen ergibt sich, daß diese angebliche religiöse Renaissance oder vielmehr das, was unsere Intellektuellen aus ihr gemacht haben, nicht zu dem wahren gläubigen Judentum hinführt, sondern zu seinem Gegenteil: zu einem neuen verfälschten Judentum, zu einer neuen Reform. Wir könnten es verstehen, daß man die Heimkehrenden nicht abschrecken und scheu machen möchte, indem man sie ohne Uebergang alsbald vor die Riesenhaftigkeit des jüdischen Gesetzes mit allen seinen Forderungen und Pflichten stellt, sondern sie in kluger pädagogischer Absicht erst langsam an die ihnen fremde Welt gewöhnen möchte. Wir würden es verstehen, daß man sie zunächst nur mit einzelnen Gebieten des jüdischen Lebens bekannt macht, daß man sie alimählich immer weiter hineinwachsen läßt in das Neue, immer mit der Endabsicht, sie immer tiefer und tiefer vordringen zu lassen, bis sie mit wachsender Vertrautheit stark genug sein werden, das ganze, unverkürzte Judentum zu begreifen und zu leben. Aber unsere so plötzlich und zahlreich aufgetauchten Sachverständigen für religiöse Kultur haben das mitnichten im Sinn. Sie reichen den Durstigen ein paar ausgewählte Stücke aus dem Judentum und sagen ihnen, daß eben dies jüdischer Glauben bedeutet. Sie versichern ihnen, daß sie weiterer Anstrengungen nicht bedürfen, daß das Gebotene für ein jüdisches Leben vollkommen ausreiche, und daß alles Uebrige veralteter, wertloser Plunder sei. Nicht zu einem demütigen, zuchtbereiten Eintreten in die altgeheiligte Ordnung 'des Judentums rufen sie auf, sondern sie offerieren aus dessen reichem Inventar nach kritischer Musterung ein paar nette Stücke zu beliebigem Gebrauch. Tn der gebildeten jüdischen Welt hat sich in den letzten Jahrzehnten gegenüber den traditionellen Formen jüdischer Gläubigkeit eine gewisse Wandlung vollzogen. Die nationale Welle, die Ueberwindung der kahlen Aufklärung, eine neue, gesündere Geschmacksrichtung, die Befreiung von der Verbildetheit des bourgeoisen Jugendstils trugen, das ihrige dazu bei, um das Judentum schon vom Aesthetischen her neu zu sehen und zu werten. Man hat die Poesie des Freitagabonds entdeckt, die Erhabenheit der Seder,feier, die gebändigte Freude des Simchat-Thora und die gelöste des Purimfestes, In dem verachteten Mauscheln lernte man eine saftige, kernige Volkssprache schätzen, dem ungeordneten, lärmenden G'ttesdienst der Chassidim gewann man neue ansprechende Seiten ab, und betende Juden im Tallis wurden, zumindest auf der Bühne und auf Gemälden, wieder allgemein goutiert. Man mochte diese Dinge nicht mehr missen und versuchte sie, — jedoch, ohne sich deswegen mit unbequemen Bindungen zu belasten, — in das nationale Leben einzubauen. Mit dem geschickten Griff des Dekorateurs fischte man sich diejenigen Dinge, deren Zauber einer geschmacklich kultivierteren Generation mittlerweile aufgegangen war, heraus, um der nüchternen Innenausstattung des nationalen Heims ein paar gefällige Akzente zu verleihen. In den Fällen, in denen bewußt sinnentleerte religiöse Formen zu profanen Zwecken verwendet werden, weil man zu ideenarm und zu unschöpferisch ist, um neue zweckentsprechende Formen zu ersinnen, braucht wohl kein weiteres Wort verloren zu werden. Daß in der beleidigenden Degradierung, in dem Mißbrauch altgeheiligter Symbole für dekorative Zwecke keine Symptome religiöser Erneuerung zu erblicken sind, dürfte wohl nachgerade jedem klar geworden sein. Welche allermindeste Steigerung religiöser Gesinnung, welchen auch nur allergeringsten religiösen Einfluß kann man sich davon versprechen, daß der amüsierten Menge die Megilla durch Lautsprecher verlesen wird, oder daß Herr Sokolow bei jeder unpassenden Gelegenheit Schechejonu macht? Und was hat der Prototyp des ganzen Rummels, der Oneg Schab batin Tel A w i w , diese Versammlung barhäuptiger Herren und wohlwollend interessierter Damen, die sich einen literarischen Vortrag und wohleinstudierten Chorgesang anhören, aber vor dem Maariwgebet eiligst die Flucht ergreifen, — mit der Weihe und Innigkeit unseres Schabbos zu tun? Aber es gibt Menschen, die es wirklich ernst meinen mit dem Glauben. Es gibt Menschen — und es sind ausgezeichnete Männer darunter — die diese Dinge wirklich als religiöse Werte hinüberretten wollen in die neue Gestaltung des Volksdaseins. Sie sind aufrichtig bestrebt, das jüdische Leben mit Religiosität zu erfüllen und glauben in subjektiver Ehrlichkeit allen Ernstes, diesem Zweck am besten zu dienen, die Entstehung einer neuen Religiosität aus dem Schöße des Volkstums am sichersten zu fördern, wenn sie nicht alles Ueberlieferte ungeprüft übernehmen, sondern, den nicht mehr zeitgemäßen Ballast abschüttelnd, nach bestimmten Gesichtspunkten ihre Auswahl treffen. Es sind im Grunde die Gedankengänge der Reform, nur ins Volkhafte und Sinnenhafte umgebogen, und nicht mehr rationalistisch und konstruktiv, sondern „organischer" und „mystischer" konzipiert. Was übernommen wird aus der Tradition, — so wird der Unterschied gegenüber der alten Reform begründet — soll nicht wie ehemals rationalistisch umgedeutet und ausgehöhlt werden, sondern soll durchaus in seinem religiösen Ursinn, ganz so wie das alte Judentum es aufgefaßt hat, erhalten bleiben. Dies könne sich aber nur auf einzelne, auch jetzt noch als wertvoll angesehene Lehren und Formen beziehen; nicht alles, was das alte Judentum als wesensnotwendig betrachtet habe, könne von den Heutigen bejaht werden. Daß so fundierte Anschauungen vom Standpunkt des strenggläubigen Judentums absolute Häresien sind, ist ihren Schöpfern und Trägern bekannt und wird gelassen in Kauf genommen. Daß sie aber selbst unter dem Aspekt ihrer eigenen Teleologie ein ungeheurer Trugschluß sind, daß ihnen ein fundamentaler Irrtum und sehr naive Vorstellungen zugrunde liegen, scheint noch längst nicht allen bewußt geworden zu sein. Man kann nicht aus dem großen Sinnzusammenhang: Judentum, in dem jedes Glied unlösbar mit dem andern verkettet ist, einzelne Teile herausbrechen und glauben, sie behielten in ihrem isolierten Zustand unverändert die wundertätige Kraft, die ihnen früher eignete. Man hat dann wohl die einzelnen Lehren und Formen in der Hand, aber es fehlt das geistig-seelische Band, das sie zusammenhielt und ihnen Bedeutung gab. Ihres Hintergrundes beraubt und von der Quelle, die sie nährte, abgeschnitten, schrumpfen sie zusammen und verlieren ihren eigentlichen Sinn. Wer nicht den ungeschmälerten Gesamtgehalt des Judentums bejaht, dem haben die einzelnen Symbole nichts zu sagen. In dem milden Schein der Sabbatkerzen, der die Herzen unserer Neugläubigen entzückt, lebt die innige Gebärde der Mütter, mit der sie die Lichter segneten, und der gesammelte Ernst der Väter, mit dem sie aus dem Alltag hinaustraten in die feierliche Stille des Sabbats. Aber in einer Welt, die den wahren Sabbat nicht mehr kennt, die die. sabbatliche Gebundenheit nicht mehr als wohltätig zu empfinden vermag und für die höhere Sabbatseele kein Organ mehr hat, ist der Sabbatleuchter nichts als ein armseliges Theaterrequisit." Die Symbole drücken nicht sich selbst aus, sondern sind nur die letzte Krönung eines aus Gesetz, Lehre und intensivster seelischer Bereitschaft gefügten Aufbaus, ein untrennbares Wellenteilchen im hohen Rhythmus von Versagen und Gewähren, Verzicht und Erfüllung. Die erlösende Heiterkeit des Sukkothfestes und die trunkene Freude des Simchath-Thora kann der nicht wahrhaft empfinden, der nicht zuvor die Erschütterungen der Furchtbaren Tage und der Bußzeit zuinnerst durchlebt hat. Und wo die fraglose, unbedingte Bejahung des Gesetzes nicht vorhanden ist, wo die tiefe gläubige Atmosphäre fehlt, ist das chassidische Lied nichts als ein einfältignaives Gedudel, die Sederfeier abgeschmacktes Theater, das Purimfest ein alberner Mummenschanz. Die kostbaren Edelsteine, willkürlich herausgebrochen aus der Krone des Judentums, wandeln sich in der raubenden Hand in wertlose Kiesel. Und die pfiffige Methode, sich die Rosinen herauszuklauben, versagt, weil nämlich die Rosinen dann anfangen, bitter zu schmecken. So geht auch das Wenige, das unsere neuen Religionsstifter aus der Tradition gerettet zu haben glauben, unweigerlich verloren. Nicht daß ihr Auswahljudentum bloß halb ist, es ist nichts; nicht, daß es bloß unvollständig ist, es ist vol 1kommen wertlos. Die arglosen Gemüter unter uns, die nicht jedem Bluff gewachsen sind, mögen endlich begreifen, was hier vor sich geht. Nicht ein Wieder-zu-Ehren-Bringen der alten Symbole und Formen findet statt, sondern, indem sie skrupellos annektiert, ihres eigentlichen Sinns entleert und „populär" gemacht werden, geht ihnen auch noch der letzte Rest an scheuem Respekt „vor den frommen Bräuchen", der Reiz wenigstens des Fremdartigen verloren, der ihnen bisher noch