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Der Israelit · 1934-12-20 · Heft 51 (20.12.1934) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 51 (20.12.1934)
Date
1934-12-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 51 1934 Jose! von Sevilla. Erzählung aus der Zeit der Inquisition. (Fortsetzung.) IX. Der alte Gefängnisaufseher hatte seinen letzten Rundgang durch die verschiedenen Zellen beendet; es war alles in Ordnung und ruhig konnte er sich jetzt zu einer kleinen Arbeit niedersetzen. Da pochte es an die Tür. „Wer ist da?" rief der Alte. ,,Ein müder Mönch, der noch keine Zuflucht für die Nacht gefunden hat," antwortete eine tiefe Stimme von außen. Der Aufseher beeilte sich die Türe zu öffnen und herein trat, auf einen Stock gestützt, ein alter, würdig aussehender Mönch, mit langem weißen Barte. „Seid mir gegrüßt, ehrwürdiger Vater, was ist Dein Begehr?" „Laß mich erst ein wenig Platz nehmen, ehe ich Dir antworte, mein Sohn." Nach einigen Minuten schien er sich so weit erholt zu haben, um die Frage des Aufsehers beantworten zu können. ,,Du fragst nach meinem Begehr, mein Sohn," hub er an, „siehe, ich komme sehr weit her und bin schon seit heute früh unterwegs, ohne etwas gegessen zu haben, auch weiß ich noch nicht, wo ich heute Nacht mein müdes Haupt zur Ruhe legen soll. Hast Du vielleicht ein Eckchen, wo ich übernachten kann?" „Gewiß habe ich einen Platz für Dich, alter Vater. Es wäre ja ein Verbrechen, Dich so ziehen zu lassen. Gedulde Dich einen Augenblick, ich will Dir alles zu essen holen, was ich habe: ein wenig Fleisch, Brot und Wein." „Laß das nur, bringe mir ein Stück Brot und einen Krug Wasser, damit bin ich zufrieden." „Ganz wie Du wünschest," entgegnete ihm der Aufseher, und hinaus war er. ,,Es vermutet doch niemand den Josef unter der Kutte," sprach der Mönch vor sich hin. „Der erste Teil ist gelungen, gebe es G'tt, daß sich der zweite Teil meines Vorhabens ebenso glatt abwickelt." Er wurde in seinen lauten Gedanken durch den wieder eintretenden Alten unterbrochen, der ihm einen Laib Brot und einen Krug Wasser hinstellte. Josef griff wacker zu, denn er hatte in Wirklichkeit den ganzen Tag noch nicht viel zu sich genommen, Lächelnd sah ihm der Aufseher zu, wie er dem Brot so kräftig zusprach. „Es schmeckt doch nach einem solchen Marsche," meinte der Alte. „Aber sage mir, alter Vater, warum unternimmst Du noch solche anstrengenden Märsche? Sind dazu nicht Jüngere da?" „Die Pflicht, die Pflicht," entgegnete ihm der angebliche Mönch. „Ich habe mir einmal zum Ziele gesettz, den heiligen Glauben zu verbreiten und werde es auch ausführen. Wie viele Juden konnte ich schon durch die Taufe vor der ewigen Verdammnis retten! Ist dies nicht der Mühe wert? Und wird mein Lohn im Himmel dafür nicht groß sein?" „Das mag wohl sein; aber lasse das doch den Jüngeren zukommen und schone Dich in Deinem Alter; wenn Du es aber auf die Juden abgesehen hast, dann weiß ich noch einen, bei dem Du Dein Glück versuchen kannst. Es ist ein hartgesottener Sünder." „Wo ist er?" frug Josef scheinbar sehr erstaunt. „Er ist ganz in der Nähe, nämlich im Gefängnis, und er soll wahrscheinlich morgen verbrannt werden. Wie viele haben schon versucht, ihn zu bekehren, doch vergeblich. Er ist und bleibt der alte * hartnäckige Jude." „Wer ist das?" frug der Mönch. „Es ist Don Manuel von Sevilla, der schon seit Monaten hier gefangen ist, Du kannst ja einmal zu ihm gehen, er wird Dir aber jedenfalls gar keine Antwort geben." „Ich will es versuchen, begleite mich zu seiner Zelle." Der Wärter zündete seine Fackel an und schritt voran. Lange, feuchte Gänge durchschritten sie und mit Schaudern dachte Josef an die eine Nacht,- die er hier verlebt hatte. Endlich hielt der Alte an und knarrend drehte sich der Schlüssel in dem Schlosse, die Türe öffnete sich und das Licht der Fackel fiel auf das abgezehrte Gesicht Manuels. Mit stummem Mitleid betrachtete ihn Josef. Also das war aus dem Manne geworden! Zu einem Krüppel hatte ihn die Kerkerluft gemacht, aber er wollte dem ja jetzt ein Ende bereiten. „Laßt mich jetzt allein mit dem Gefangenen," wandte er sich an den Aufseher, „ich werde den Weg allein zurückfinden." „Schweigend gehorchte der Alte und entfernte sich langsam. Während Don Manuel beim Eintritt des Mönchs sich mit Abscheu abwandte, wurde er beim Klange der Stimme Josefs aufmerksam. Wo hatte er dieselbe schon gehört? Seine Erinnerung verließ ihn. Da warf Josef seine Kutte ab und mit einem Freudenschrei fiel Manuel ihm um den Hals. Lange verharrten sie in dieser Stellung. Josef raffte sich zuerst auf. „Es ist keine Zeit zu verlieren, Don Manuel! Ich bin gekommen, um Dich zu befreien, folge mir! Frage mich jetzt nichts, denke jetzt nur an Deine Rettung, nachher will ich Dir alles erzählen." „Beantworte mir nur die eine Frage: Wo befindet sich mein Weib, meine Tochter?" ,,Sie sind wohl! Deswegen kannst Du beruhigt sein. Jetzt folge mir, aber vorsichtig, ohne Lärm zu machen." Leise schritten sie in dem langen Gang vorwärts, jedes Geräusch vermeidend; und glücklich gelangten sie bis zum Zimmer des Wärters. „Jetzt vorsichtig," mahnte Josef, „sonst ist alles verloren; oder ich müßte im Falle der Not den Wärter......" Den Rest des Satzes konnte Manuel nicht verstehen, aber er wußte, was Josef meinte. Zu ihrem Glücke war die Türe zu des Aufsehers Zimmer fest geschlossen und glücklich kamen die Beiden bis zur Türe des Gefängnisses. Der Schlüssel steckte. Mit aller Vorsicht drehte ihn Josef um und öffnete die Türe, sie waren frei. „Endlich frei!" stammelte Manuel glückselig. „Folge mir schnell, es ist keine Zeit zu verlieren." Schnell bogen sie um die Ecke, wo einer der Freunde Josefs mit drei Pferden auf sie wartete. Mit der größten Eile bestiegen sie dieselben, und nach wenigen Minuten hatten sie die Stadt durchritten und eilten unter Josefs Führung nach dem Dorfe, wo sich die Gattin und Tochter Manuels aufhielten. „Wo reiten wir hin?" fragte Manuel. „Folge mir nur," entgegnete ihm Josef, „Du wirst sehen, daß ich Dich richtig führe!" „Ich vertraue auf Dich, Josef." Es wurde wenig bei dem Ritte gesprochen und als man sich dem Dorfe bis auf einige hundert Meter genähert hatte, ritt Josef vorwärts, um die Ankunft Manuels zu verkünden. Elieser, der schon von weitem ihr Kommen gehört hatte, eilte ihm entgegen. „Du kommst allein?" rief er enttäuscht. „Nein, ich bringe Don Manuel, er kommt hinter mir her!" „Dann sei G'tt gelobt!" rief Elieser. X. In einem Augenblick war das ganze Haus auf den Beinen. Weib und Tochter schrieen vor Freude auf, als sie den Mann und Vater erblickten. Manuel selbst weinte stumm vor Dankbarkeit, Endlich raffte er sich auf. Da fiel sein Blick auf Josef, der sich bescheiden zurückziehen wollte. „Wie soll ich Dir danken, Du edler Jüngling!?" wandte sich Manuel an ihn. Josef wehrte ihn ab. „Hast Du Dich nicht auch geopfert, um*uns aus dem Gefängnis zu befreien, bliebest Du nicht allein im Gefängnis, während die anderen flohen? Nicht Du brauchst uns zu danken, sondern wir Dir; wären wir in der Lage gewesen, Dir zu helfen, wenn Du Dich nicht aufgeopfert hättest? Dir gebührt Dank. Und denke ferner an das, was ich Dir bei unserem Abschied im Gefängnis sagte. Siehst Du jetzt ein, daß die Vereinigung unserer Jünglinge doch etwas auszurichten vermag? Hätte ich ohne sie Deine Befreiung wagen können? Nein! Auch haben meine Genossen den Verräter gefangen und werden wir über ihn zu Gericht sitzen." „Laßt ihn laufen, den Elenden; er wird schon seinen Lohn finden." „Das wird auch geschehen," mischte sich Elieser in das Gespräch, „wir haben beschlossen, ihn zu töten, doch er bat so für sein Leben, daß ich ihm versprach, wenn Don Manuel glücklich entkommt, wir ihm das Leben schenken wollen; so wird es wohl jetzt auch geschehen." „Das - hast Du recht gemacht, mein Sohn," antwortete ihm Don Manuel. „Wir wollen zunächst aber einmal überlegen, was wir jetzt tun!" „Da gilt kein langes Ueberlegen, Don Manuel," entgegnete ihm Josef, „es heißt handeln. Verzeihe, daß ich so zu Dir spreche, aber Du wirst einsehen, daß Deines Bleibens hier nicht länger sein kann. Es ist das zweite Mal in kurzer Zeit, daß Gefangene aus dem Gefängnis entflohen sind, man wird also um so schärfer nach dem Entflohenen suchen, und Du wirst ihnen wohl nicht noch einmal in die Hände fallen wollen!" „Was meinst Du also, was wir jetzt tun sollen, ich vertraue Dir ganz, ich habe ja Deine Umsicht kennen gelernt." „Ich halte es für das Beste, wenn Ihr so rasch als möglich diese Gegend verlaßt und versucht, auf einem Schiff, das nach Holland oder Deutschland geht, zu entkommen," „Du sprichst nur von uns, wirst Du und Deine Freunde nicht mit uns ziehen? Ich glaube, daß Ihr eben so wenig hier bleiben könnt, als wir!" „Ich werde Euch so lange begleiten, bis ich Euch in Sicherheit weiß, ob ich mit Euch ziehe, darüber kann ich heute noch nicht entscheiden." „Darüber können wir ja auch noch reden," versetzte Don Manuel, „zunächst will ich dafür sorgen, daß alles zur Weiterreise gerichtet wird, daß wir sofort bei Tagesanbruch aufbrechen können, es ist wirklich höchste Zeit, bis dahin wollen wir aber noch ein wenig ruhen, denn es stehen uns sicherlich große Strapazen bevor," Seinem Wunsche wurde auch entsprochen und bald herrschte wieder tiefes Schweigen, Unterdes war auch im Gefängnis die Flucht Manuels entdeckt worden. Niemand anders als der angebliche Mönch konnte der Retter gewesen sein, doch blieben alle in derselben Nacht noch angestellten Nachforschungen vergebens. Die weitere Verfolgung mußte auf den nächsten Tag verschoben werden,

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