Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1934)
- Date
- 1934-12-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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20. Dezember 1934 Der Israelit Nr. 51 Seite 3 Oneg Schabbat [(Fortsetzung von Seite 1.) den und bei jeder sich bietenden Gelegenheit der bösen „Trennungsorthodoxie" eins auszuwischen, nicht abgegangen werden soll. Wir möchten, wissen, wo eigentlich in Deutschland der Sabbat mit stärkerem, dichterem, innigerem Gefühl gelebt und erlebt wurde als in den verrufenen Separatgemeinden. Und wir meinen, daß über diese Dinge eine Meinungsverschiedenheit zwischen den gemeindepolitisch getrennten Lagern der deutschen Orthodoxie nicht besteht, und daß es in Deutschland keine Orthodoxie gibt, — "welcher politischen Richtung auch immer — die nicht weltanschaulich und religiös von Samson Raphael Hirsch geformt und geprägt worden wäre, und die dessen Anschauungen über den Sabbat nicht restlos zu den ihren machte. Doch es geht hier nicht um banale, unfruchtbare Polemik. Es geht hier vielmehr um den Versuch, die beklagenswerte Verwirrung der Begrifcfe, die in den oben zitierten Aeußerungen zutage tritt und die offenbar in weiten Kreisen der deutschen Judenheit vorherrscht, durch ein paar klärende Worte zu ordnen. „Lernen oder Freude", „Oneg oder Schabbat": in dieser Alternative faßt unser Leitartikler die derzeitigen .Erscheinungsformen der Sabbatheiligung in der Judenheit zusammen und zeigt damit, daß ihm weder der Sinn des Lernens, noch der des echtjüdischen Oneg ganz klar geworden ist. Der Ausdruck: „Lernen" hat mit dem gleichlautenden deutschen Wort: lernen sehr wenig zu tun. Es ist ein ganz spezieller, unübersetzbarer Terminus für eine eigenartige, gleichfalls unübersetzbare ' Handlung, für die es eine völlig deckende Analogie nicht gibt. Das Lernen ist keineswegs eine „lehrhafte Uebermittlung jüdischen Wissens" und noch weniger besteht es jri einem „tiefsinnigen Grübeln über einem Blättchen Gemore", um sich dieser geschmackvollen Wendung zu bedienen. Es ist eben nicht nur ein gedankliches Sich-Vertiefen in die Lehre, es ist ein geistig-seelischer Prozeß von dramatischer Bewegtheit und innerer Spannung, der alle Sinne und Fähigkeiten des Lernenden gleichermaßen in Anspruch nimmt, der sowohl den Intellekt als auch Gefühl und Willen anregt, antreibt, ja aufwühlt. Jeder, der einmal wirklich gelernt hat, weiß, welch geradezu magnetische Anziehungskraft der Problemkreis einer Sugja oft ausüben kann, wie die Probleme einen, nicht loslassend, überallhin verfolgen und leidenschaftlich um ihre Lösung drängen, wie man, immer wieder in ihren Bann gezwungen, manchmal fast wie in rauschhafte Entrücktheit gerät, und welch tiefe Befriedigung, welch befreiendes Glücksgefühl man empfindet, wenn eine einleuchtende,, ansprechende Lösung gelungen ist. So ist das Lernen für den Kundigen ein Genuß schon im einfachsten, hedonistischen Sinn; nicht umsonst zählt die Halacha das Lernen zu den Genüssen, die man sich in bestimmten Trauerzeiten zu versagen hat. Für den suchenden Juden aber eröffnen sich beim Lernen noch weitere ungeahnte Möglichkeiten höherer seelischer Freuden und einer Steigerung seines jüdischen Lebensgefühls, die auf anderem Wege kaum in diesem Maße erreichbar sind. Denn in diesen trockenen juristischen Diskussionen werden dem Lernenden ganz unbewußt, ganz unmerklich, ohne viel Aufhebens davon zu machen, aber mit unvergleichlicher, nie mehr verwischbarer Tiefenwirkung alle jene jüdischen Werte und Inhalte eingeträufelt, über die unser Autor so treffliche Worte zu sagen weiß; hier saugt er unverlierbar den Geist des Judentums in sich ein, und hier wird sein jüdisches Wesen geformt und gehämmert; und von der geöffneten Gemara steht er'nicht nur wissender und. gebildeter auf, sondern zugleich irgendwie geadelt und geläutert, ist er beruhigter, geschlossener, harmonischer, „erbauter" als von allen Predigten und Orgelklängen der Welt. Also weit entfernt davon, ein trockenes, langweiliges Studium unverständlicher' Ritualvorschriften zu sein, birgt das Lernen vielmehr eine rülle von Möglichkeiten zu verfeinertem Genuß und seelischer Bereicherung und Erhebung, wie sie keine andere jüdische Betätigung zu bieten vermag. Es ist nun aber nicht so, daß diese Früchte des Lernens nur dem Lernenden selbst zugute kämen, während derjenige, der nach Vorbildung oder sonstigen persönlichen Voraussetzungen es nicht zu einem tieferen Thorawissen gebracht hat, von einem Teilhaben daran ausgeschlossen wäre. Ein intensiv gepflegtes Lernen; seitens aller, die dazu nur irgendwie in der Lage sind, hat auch noch die Eigentümlichkeit, daß es auf seine Umgebung ausstrahlt, daß es Haus, Kreis, Gemeinde in seinen Bannbereich zieht und mit Thorageist durchwärmt. Die dichte Lernatmosphäre eines Hauses erfaßt auch die nichtlernenden Hausgenossen, sie findet ihren anschaulichen Ausdruck ' in Stil und Gepräge des Hauses und gibt jedem Haus und jedem Kreis, in welchem sie heimisch ist, eine eigene, unverkennbare, echtjüdische Note. Erst das eigentümliche Fluidum, das vom Lernen ausgeht, erst der Wochenrundschau, „Gerechtigkeit" gegen „Erfüllung/* Gerechtigkeit wird von den Juden Oesterreichs verlangt, nichts mehr und nichts weniger als das. „Erfüllung" wird ihnen, wie wir in jüngster Nummer an dieser Stelle berichteten, von der katholischen Mission als Köder vorgegaukelt. Gegen die Zeitschrift „Erfüllung" nimmt nun Frau Irene H a r a n d , die verdiente Vorkämpferin des jüdischen Rechtes in Oesterreich, in dem von ihr herausgegebenen Blatte „Gerechtigkeit" Stellung. Sie selbst; so erzählt sie, sei in Verdacht der Missionswerbung gekommen, da in einer lieblosen Zeit viele Menschen nicht glauben können, daß man ganz selbstlos, ohne Nebenzwecke zu verfolgen, für eine gute und gerechte Sache eintrete. In einer der von ihr abgehaltenen großen Versammlungen nahm auch ein katholischer Geistlicher das Wort, um die radikalste Lösung der J u d e n f r a g e auf dem Wege der Taufe vorzuschlagen. Bei dieser Gelegenheit schon erklärte Frau Harand, daß eine Missionstätigkeit innerhalb der Harand-Bewegung nicht in Frage komme. Hier werde, ein Kampf lediglich im Namen der W a h r h, e i t und Gerechtigkeit geführt. „Wer von den jüdischen Mitmenschen eine Gegenleistung verlangt, der führt den Kampf nicht allein um der Gerechtigkeit willen." Ein Religionswechsel unter dem politischen und wirtschaftlichen Drucke der Zeit wäre eine sittliche Selbstentehrung, und eine Kirche, die unter Ausnutzung der Konjunktur dem Religionswechsel Vorschub leistete, würde die Höhe ihrer Aufgabe gewiß nicht erfaßt haben. „Das Festhalten eines Menschen an seinem Glauben verkörpert schon an sich einen solchen sittlichen Wert, daß es wirklich schade wäre, ihn zu zerstören." So weit die „Gerechtigkeit" gegen die „Erfüllung". Wozu noch zu bemerken wäre, daß die von der Harand-Partei erstrebte Gerechtigkeit eine wirkliche Gerechtigkeit ist, wogegen „Duft der Thora" verleiht der Sabbatfeier ihre Würze, ihre besondere Anmut, ihren Chen. Nur aus einem mit Thorageist dicht getränkten Erdreich kann ein lebendiger, freudespendender, mit allen Sinnen erlebbarer Sabbat erwachsen, nur solchem Boden ein wahrhafter sabbatlicher Oneg entsprießen. Ohne die sie hegende Thoraluft werden die religiösen Bräuche schal und saftlos. Ohne Kenntnis der Thora, ohne unablässiges, intensives Lernen ist ein lebendiges Judentum nicht denkbar, Und wenn man der deutsch-jüdischen Orthodoxie einen Vorwurf machen kann, so nicht den, daß sie das Lernen allzusehr in den Mittelpunkt gestellt hätte, sondern daß sie zu wenig gelernt hat, und ihre religiöse Uebung dadurch oft den Charakter des Mechanischen und Unverstandenen annahm. Nicht so, daß wir nun mit dem derzeitigen Zustand in der orthodoxen Welt restlos zufrieden wären. Gewiß fehlt der Art der Sabbatheiligung noch ein gut Teil Innigkeit und Verinnerlichung im Westen, Schönheit und Würde im Osten. Und ein einseitiger Puritanismus der bloßen Gesetzesbefolgung oder des bloßen Thorastudiums ohne die notwendige Ergänzung durch Weihe und Freude scheint auch uns dem Wesen des Sabbattages nicht gerecht zu werden. Aber die notwendige und wünschbare Vervollkommnung kann nur durch das Medium der Thora geschehen, durch die Erfassung ihres wahren Sinnes, durch die Erspürung ihrer innersten Absicht. (Schluß folgt.) jene Erfüllung nur ein Phantom ist. Als zu Beginn unseres Jahrhunderts sich von der Aufklärung Wege zum Taufbecken eröffneten, und auch noch lange später sich Stimmen erhoben für die Lösung der Judenfrage wenigstens für die Zukunft, für die Kinder, durch Aufnahme der letzteren statt in den Bund Abrahams in die K5rchenregister, da sprachen wir in bitterer Ironie von einer Dr. Eisenbarth-Kur: Wo der Kopf ab ist, da gibt es kein Hals- und Zahnweh mehr . . . Heute trifft aber auch dieses Witzwort nicht mehr zu, heute, im Zeichen des Rassenprinzipes, geht auch für die Augen der Welt aus der Taufe nicht der Christ, sondern der schlechtere Jude hervor. Schon bei einer rein vernunftmäßigen Bewertung der Angelegenheit innerhalb der österreichischen Judenheit, kann die Ausbeute der neuen Missionswerbeaktion nicht sehr groß sein. Es ist aber Ehrenpflicht, wahrheitsgemäß zu registrieren, daß die tapfere Frau Harand und ihre Mitkämpfer mit all jenen dunklen Bestrebungen nichts zu tun haben. Der „orthodoxe" Kronzeuge für den Makkabi. Das Komitee für die zweite Maltkabiade in Palästina hat seinen Sitz in London und Dr. L e 1 e w e r , der zugleich Präsident des Weltmakkabi ist, als Vorsitzenden. Ueber die Vorbereitungen für die bevorstehende Makkabi-Olympiade weiß das Komitee Dinge und Zahlen zu nennen, die allen Sportlern das Herz in der Brust höher schlagen lassen. So wurde in Haifa für die große Schau ein Schwimmstadion erbaut mit 2800 Sitzen. Auf dem Programm der großen Feierlichkeiten steht auch die Grundsteinlegung für das „Kfar Hamakkabi" (Makkabäerdorf). Alle zionistischen Spitzenorganisationen in Palästina haben ihre Beteiligung an der Werbeaktion für die Makkabiade zugesagt. Eine lange Liste von jüdischen Sportmeistern in allen Ländern der Welt, die an der Makkabiade teilnehmen, ist den Bekanntmachungen beigelegt. Unter den Persönlichkeiten, die die Patronage über die Makkabiade übernommen haben, werden u. v. a. Lady Melchett, Sir Montague, James de Rothschild, Chajim Weizmann, Chiefrabbi Dr. I. J. Hertz genannt.