Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1934)
- Date
- 1934-12-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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IMJS" ■H Hllh- ™Hlio|oio||o—o o||o|o!|^n —IIIHIII— ^:mi^ ^(M I rziehung und Lehre Pädagogische Beilage zum „Israelit" Organ des Bundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer Deutschlands H Ö}Q]|ÖlfÖ^-0 |(Ö]:Oj|Ö'j H Verantwortliche Schriftleitung : L. Kaufmann, Sprendlingen (Kreis Ottenbach) oe & Erdkundeunterricht in der jüdischen Schule. Vortrag, gehalten in unserer Frankfurter Ortsgruppe m 26. Juni 1934 von Rektor Karl Ochsenmann in Frankfurt a. M. (Schluß.) Für die Erdkunde ist es wichtig, zur Erleichterung 'der Arbeit und Befestigung des Wissens besonders iCliarakterlandschaften — Typen — zu behandeln. 'on hier aus ist mancher lohnende Ausflug in jüdisches Gebiet möglich. 1 Der „Grabenbruch" wird an der Oberrheinischen efebene veranschaulicht. Was liegt näher, als auf das Jordantal, Tote Meer und Rote Meer zu verweiset? Beispiele dieser Art bieten sich in Hülle und ülle. Es möge hier nur eine kleine Auswahl folen. „Durchgangsland" Vorteile und Nachteile wirtschaftlicher und strategischer Natur — Schweiz, Belien — Palästina. „Industriestaat/Agrarstaat" — England/Ungarn — pmwandlungsvorgang in Palästina. i Erdbeben" — an Bruchstellen Italien/Japan — j •rpninN 'rt 's 'n yi&n psi tp -toir ir>n -p-upn | arvnap onvn WS' Kbw- 50 bekannte Katastrophen in {Palästina. „Mineralquellen", Narben der Erdbewegung — Südrand des Taunus, der Rhön, „Nahe-Saalefcjraben" — Tiberias. „Lößgebiet", Anhäufung von Staub durch Wind — iWetterau, China — Negew. | „Erloschene Vulkane" — Eifel, Vogelsberg, Rhön f— Hauran, von basaltischen Riesenergüssen erfüllt. \ „Mitteleuropäische Waldlandschaft" — Eichenwald |auf Buntsandstein, Spessart — Gilead. I Kalk-, Kreidebildungen — Durchsickerung des [Wassers, Wasserlosigkeit, Höhlenbildung — Jura, sKarst — Judäa. | „Salzbildungen" — Großer Salzsee, Kaspisches iMeer — Totes Meer. Küstenformen: Ausgleichsküste — Hinterpommern, Südamerika, Afrika — Palästina mit einer einzigen natürlichen Hafenbildung Haifa. [Jaffa mit winzigem Riffhafen. Wir wollen bei aller Ausnutzung von Konzentra- [tionsmöglichkeiten wahrheitsgemäß Erdkunde erteilen. Nicht wie Menschen von ausgeprägtem Ichgefühl, die alles auf sich beziehen und es erst begreifen, wenn sie es zu sich in Relation gebracht haben, wollen wir Erdkunde nur vom jüdischen Blickfelde aus betreiben. Es gibt Gelegenheit genug, bei ailer Ehrfurcht vor der Wissenschaft jüdische Momente im wissenschaftlichen Unterricht zu betonen. Wir wollen aber die jüdischen Motive nicht an den Haaren herbeiziehen, sondern immer mit pädagogischem Takte jüdische Einschläge zeigen. Wir wollen das weltliche Wissen und die Kultur der Welt an das Judentum herantragen und mit jüdischem Auge betrachten, nicht aber das Judentum in alles hineinprojizieren. Im Golus sind wir Juden ein Objekt der Geschichte. Uns fehlen die Höhenpunkte der Entwicklung, die die Geschichte anderer Völker aufweist. Die Wellentäler sind bei uns ausgedehnter als die Wellenberge. Wir führten keine Kriege, machten keine Eroberungen, kolonisierten nicht. Es fehlen uns die Blüteperioden von Herrschergeschlechtern. Wir haben keine revolutionären Umbrüche zu verzeichnen. Wertvolle Errungenschaften, kaum gewonnen, gehen uns regelmäßig wieder verloren, und wir müssen von vorn anfangen. Historische Schauplätze wie andere Nationen können wir nicht präsentieren, um so mehr Spuren ruheloser Wanderungen. Wir sind, um mit Franz Posenzweig zu sprechen, „eine mit den Gnaden des Unterliegens begnadete Gemeinschaft." Aktiv waren wir nur durch „geistige Betätigung auf dem Innenräum",, und das um so' stärker, je bedrängter unser Dasein wurde. Mit der Erwerbung eines Lebensraun-es wurde die „jüdische" Produktivität immer geringer, es trat „die weltliche, an keinen Glauben und an keine Religion gebundene Kulturleistung" in den Vordergrund. Wir sind ein Volk der Wanderungen. Welche geq- £>aphischen Perspektiven eröffnen sich mit diesem Tatbestand, wie leicht läßt sich nachweisen, daß das ^ort unseres Erzvaters Jakob no'^V ->KB?3n nannn?r>m '■ch in geradezu erstaunlicher Weise erfüllte im Altertum, im Mittelalter, bis in die neueste Zeit. Wenn wir mit den jüdischen Zentren uns befassen, dann wirkt viel eindrucksvoller als eine Zahlangabe, die natürlich auch erfolgen kann, die Aufdeckung gesetzmäßiger Veranlassungen. Wir werden bei den Gründen für die jüdischen Massenballungen die Suche nach einem wirtschaftlichen Lebensraum und den „Hang zum Nachbarlichen" bestimmend finden. (Polen im Mittelalter, Newyork in der Neuzeit.) Für die neuzeitliche jüdische Wanderung sei besonders der Wert der Statistik und der graphischen Darstellungen hervorgehoben. Viele Kinder der höheren Schule haben den Hansa- oder Knauers-Atlas, die viel Material für Schülerarbeiten darbieten. Zeitungsnotizen, Berichte jüdischer Vereine Liefern eine stetige Ergänzung. Man spricht sehr viel von verschlossenen Toren für jüdische Einwanderer. Es lassen sich aber doch noch überall Lücken finden, die man ausfüllen kann. Die Menschen, die heute in die Welt hinausgezogen sind nach Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Columbien, Paraguay, nach Südafrika, Südwestafrika, Rhodesien, Kenya, Abessinien, nach Persien, Indien, China und Mandschukuo, sind Pioniere, die Möglichkeiten für eine Nachwanderung eröffnen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in Argentinien, von den ICA-Kolonien abgesehen, sehr wenige Juden, heute leben dort ungefähr 30 000 Juden. In Montevideo, wo vor 15 Jahren fast keine Juden wohnten, zählt die jüdische Gemeinde über 17 000 Seelen. Eine bloße Aufzählung der Länder, in denen Juden sich niedergelassen haben oder sich niederlassen wollen, genügt natürlich nicht. Wenn wir von Siedlungsbestrebungen sprechen, die ja als Gruppen¬ oder Massensiedlungen bis jetzt nur Pläne geblieben sind, dann müssen wir es unter dem Gesichtswinkel geographischen Denkens tun. Warum beispielsweise in Südamerika nur Südbrasilien, Teile Paraguays, der Süden von Chile und Argentinien in Betracht kommen. Warum nördlich von Rio de Janeiro, Asuncion und Santiago de Chile der europäische Arbeiter mit dem einheimischen nicht konkurrieren kann (Klima). Warum die ICA, die in ihren Kolonien in Argentinien eine ganz beträchtliche Bodenreserve besitzt, sie für Besiedlung nicht freigibt. (Lage des Getreidemarktes.) Warum in Afrika nur Einzelsiedlung in Angola, Kenya, Abessinien, Südwestafrika und Südafrika in Frage kommt. (Außer staatlichen wirtschaftliche Gründe. Weil eigene Wirtschaft verhältnismäßig viel Kapital erfordert, darum Beschäftigung junger Menschen in bestehenden Unternehmungen). Das Eingehen auf solche Fragen, die nicht im Lehrplan vorgeschrieben sind, kann mit großem Nutzen gelegentlich geschehen. Sicher wird solcher „Gelegenheitsunterricht" (nach H. Kaiser) das Interesse jüdischer Kinder in hohem Grade finden. Es ist dabei eine straffe Selbstzucht vonnöten, damit der Unterricht sich nicht in leeres Wortgeplänkel auflöse. Wenn im allgemeinen Erdkundeunterricht die Namenkunde schon eine Fundgrube für Merkwürdigkeiten darstellt, so wird in der jüdischen Schule die wortgeographische Ausbeutungsmöglichkeit noch bedeutend erweitert durch die Berührung von Geographie und jüdischer Sprache. Die Namenlehre steht im Dienst der Völkerkunde und der Kulturgeschichte, sie hat außerordentlichen sprachgeschichtlichen Wert. Mit Recht sagt einer der berühmtesten französischen Ortsnamenforscher, Achille Luchard, darüber: „La toponomastique est devenu une branche importante de la linguistique generale. Conduites avec methode et surtout avec une extreme prudence, fondees sur une connaissance serieuse des langues, de l'histoire et de la geographie, les recherches toponymiques peuvent jeter une vive lumiere sur les questions les plus obs'cures et les plus delicates de l'ethnologie." Ein richtig verstandenes Arbeitsunterricht in der jüdischen Schule wird sich deshalb die günstige Gelegenheit, die auf dieser Berührungsfläche geradezu verlockend zur Belebung des Unterrichts reizt, nicht entgehen lassen. Einige Andeutungen mögen genügen: Bach — bni Tal (durch Erosion), nsrpn Ebene (durch, Grotektonik). Die konkreten Bezeichnungen der Himmelsgegenden: m?» (O. Sonnenaufgang), aaa S, von 33} trocken sein), D' (W- — Mittelländisches Meer), ]1DX (N. von ]ss verbergen). Aus der Siedlungskunde: rvrain rmp» (Burg an den Straßen). Aus der Geologie: Libanon von pb' das weiße Gebirge (gehört teilweise der Kreideformation an), Europa (von aiy). Die Erdkunde, die sich ja nicht auf einen Raum beschränkt, sondern weit darüber hinaus fortschreitet zur Erfassung aller Erdräume, kann in unserem Sinne die Wege zum Verständnis des uns mehr oder minder befremdend berührenden Kulturgutes von Juden in anderen Himmelsstrichen vorbereiten. Wir werden Abessinien nicht verlassen, ohne das Falaschaproblem anzudeuten. Es gibt Werke genug, die uns dabei wertvolle Dienste leisten. Daß Palästina eine genaue systematische Behandlung erfährt, daß wir den jüdischen Kalender gründlich erarbeiten, aber erst dann, wenn es sich aus dem amtlichen Lehrplan ergibt, ist eine Selbstverständlichkeit. Ebenso werden wir die Konzentration mit dem hebräischen Unterricht, wo sie sich ohne Verzerrungen ermöglichen läßt, erstreben. Vorbereitend arbeiten wir mit dieser Blickrichtung schon auf der Unterstufe, wenn wir mpbm mr> erklären, wenn wir auf der Mittelstufe am Schlüsse der ersten nena von ~f? roe? die Verse übersetzen und erklären, die uns auf die Oberflächengestaltung des Landes, auf die Volkskunde, auf die Bedeutung des Landes als Siedlungsboden, auf die Bodenbeschaffenheit als Quelle der Wirtschaft verweisen, wenn wir auf der Oberstufe über bv nbsn oder awa nban reden, wenn wir uns in die Psalmen vertiefen, die die Ordnung der Schöpfung als eine noch gegenwärtige Offenbarung von G'ttes Größe und Herrlichkeit besingen. Wo kann der Schüler basser erkennen, „wie alles sich zum Ganzen webt, eins in dem andern wirkt und lebt, wie Himmelskräfte auf- und niedersteigen und sich die goldenen Eimer reichen" als im "^sa 'a-ia» im 104. Psalm, in dem der königliche Sänger David unseren Planeten „als einen Inbegriff höchster Zweckmäßigkeit und Schönheit" in unübertrefflicher Weise darstellt. Zweierlei Voraussetzungen sind für die Durchführung des Unterrichts in diesem Sinne vom Lehrer zu fordern, einmal gründliche Beherrschung des erdkundlichen Stoffes und zweitens Aufgeschlossenheit für die jüdischen Belange. S. R. Hirsch sagt an einer Stelle: „Die ganze Erde mit der sich auf ihr und an ihr entwickelnden Menschheit ist ein G'ttesberg, und jeder Fleck auf ihr eine Ihm geheiligte Stätte." Wenn wir solche Auffassung uns zueigen machen und in solchem Geiste versuchen, unsere Jugend Erde und Himmel und was sie füllet, mit jüdischen Augen sehen zu lassen, dann wirken wir, selbst, wo wir keine jüdischen Momente im Unterrichte verwerten, im Dienste der altjüdischen Wahrheit: •pN "jm DJ? mm Tin^n ns' Oneg Sabbath und tiefere Bedeutung Von J. Raphael. Dem Leserkreis dieser Blätter braucht nicht auseinandergesetzt zu werden, aus welchen Gründen der Oneg Schabbath, der anscheinend eine weitere Quelle der Betriebsamkeit geworden ist und eine Fülle wertvoller jüdischer Aufbauversuche, viel guten Willen und eine gehörige Portion „Flucht vor wirklichen Entscheidungen" zusammenfaßt, noch lange nicht die tatsächliche Eroberung des Schabbath und die ausschließliche Verwirklichung des Schabbath ist, und daß eben die Art und Weise, mit der das deutsche Judentum zum großen Teil an den Sinn des Oneg Schabbath herantritt, den Schabbath gewissermaßen „unterwegs" hält. Unser heute aufgezogener Oneg Schabbath kann auch gar nicht den Typus eines etwa neu gewonnenen Schabbath repräsentieren. Dafür war die vorausgegangene Auflösungsarbeit jüdischer Substanzen eben zu gründlich gewesen. Mehrere Generationen hatten sich mit allen möglichen Experimenten auf den Schabbath gestürzt, hatten reformiert und „verbessert". Wir haben heute allen Anlaß, darauf zu achten, daß nicht auch der jetzt in den deutsch-jüdischen Bezirk einfach hineingestülpte Oneg Schabbath ein neues Instrument der. Reformsucht oder ein Schabbath-Ersatz in der Maske einer Erbauungsstunde und einer „Freitagabendfeier" wird. Den Initiatoren der Idee vom Oneg Schabbath muß sehr deutlich und klar gesagt werden, daß es hier nur um eine Wegbereitung geht, um eine Teilkraft, um eine aktuelle Willensanstrengung großen Stils, die darauf hinzielt, den verschütteten Weg freizulegen, der zur umfassenden Größe des Schabbath führt. Das kann allerdings nicht ausreichend geschehen, wenn nun aus der Not der Gegebenheiten lediglich die Tugend der Zusammenführung unserer Ju- B