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Der Israelit · 1934-12-06 · Heft 49 (6.12.1934) · page 23

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 49 (6.12.1934)
Date
1934-12-06
Page
– (sequence 23)
Language
German
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6. Dezember 1934 Der Israelit Nr. 49 Seite 3 Ausdruck kommt: 1. Abschluß der Mischna; 2. die Befestigung der katholischen Religion; 3. die Festlegung des römischen Rechtes. Die Errichter dieser Schutzwälle sind Rabbi Jehuda hanossie, Augustinus und einige römische Kaiser. „Das große Zeitalter der römischen Jurisprudenz war unter den Antoninuskaisern und währte bis Ende des zweiten Jahrhunderts" (S. 31). In meisterhafter- Weise führt uns Herford vor Augen, welch staunenswertes Standardwerk Rabbeinu hakodausch. vollbrachte, das bis dahin nur mündlich tradierte, kaum übersehbare Material in ein unendlich fein durchdachtes reichgegliedertes System von 6 Ordnungen zu bringen und so eine wunderbare Ergänzung zur schriftlichen 'Lehre zu schaffen. Es wäre ein großer Irrtum, zu glauben, schreibt Herford, daß der Abschluß der Mischna etwa nur für das jüdische Volk wichtig gewesen wäre. Der Beitrag der jüdischen Gedanken zur Zivilisation war direkt und indirekt sehr groß. In den höheren Zweigen der Zivilisation, Theologie, Philosophie, Gesetzeskunde, Medizin gibt es wohl kaum einen Einfluß, der größer wäre als der von der Mischna ausgehende (S. 43). Wenn auch Herford ausführt, daß die drei wichtigen Vorgänge ganz unabhängig voneinander stattfanden, so will uns dünken, daß wir in diesem Punkte Herford widersprechen dürfen. Mag es auch, was Augustinus anbetrifft, wahrscheinlich sein, daß er nichts vom Talmud wußte und mag es auch unter den späteren römischen Kaisern und gar erst unter Justinian erwiesen sein, daß sie bewußt sich nicht vom jüdischen Gesetz beeinflussen lassen wollten, so ist doch ein Einfluß der jüdischen Gesetzgebung auf das römische Recht bis zum zweiten Jahrhundert unverkennbar. Herford selbst gibt uns ja kund: ,,Gerade unter den Antoninen war die Jurisprudenz im römischen Reiche zur höchsten Entwicklung gelangt. Nach dieser Zeit gab es.große Gesetzeslehrer, doch nicht mehr originelle Denker, die eigentlich Neues geschaffen hätten." Nun ist doch allen wohlbekannt, daß Rabbi Jehuda Hanossie mit einem römischen Kaiser aus dem Hause der Antoninen befreundet war, ein Bericht im Talmud hat Ihn sogar zum Milchbruder dieses Kaisers gemacht. Es steht nicht fest, mit welchem Antoninus Rabbi J. H. befreundet war. Rabbi J. H. lebte 135—202, Marcus Aurelius- Antoninus regierte von 161—180. R. J. H. war 26 Jahre alt, als M, A. A. zur Regierung kam und 45 Jahre alt, als er starb. Wenn auch der Einfluß seitens des jüdischen Rechts eigentlich an bestimmten Gesetzen des römischen Rechts nachzuweisen wäre, so möge hier doch genügen, daß die Wahrscheinlichkeit einer Beeinflussung seitens Rabbi Jehuda Hanossie auf Marc Aurel durch mündlichen oder schriftlichen Verkehr noch volle 19 Jahre währen konnte und nach unserer jüdischen Auffassung auch tatsächlich in hohem Grade vorhanden war. Dr. M. A. „Judaism in the New Testament Period*« by R. Travers Herford. London. 192 8. The Lindsey Press. Dieses Buch ist besonders für nichtjüdische Leser bestimmt, die soweit in die Kenntnis der rabbinischen Literatur eingeführt werden sollen, daß sie mit Verständnis das neue Testament zu lesen vermögen. Die Kenntnis der nichtjüdischen Gelehrten von jüdischen Dingen ist im allgemeinen sehr oberflächlich und fehlerhaft, weil sie zumeist nicht an der Quelle schöpfen können. Unter solchen Ums'tänden braucht man sich nicht darüber zu wundern, daß aus irrigen Auffassungen sich dann Vorstellungen ergeben, die antijüdische Gefühle wach werden lassen. Mögen die Gegensätze auch noch so groß sein, so darf doch nicht vergessen werden, daß „auch der Stifter der christlichen Religion nie aufgehört hat, sich als Jude zu betrachten." Der gelehrte Verfasser hat keine Billigung seines Werkes nötig, ■ denn er :ist weit üben die Grenzen seines Vaterlandes als trefflicher Beurteiler jüdischer Dinge wohlbekannt. Er war es auch, der durch seine Werke verstanden hat, dem Namen „Pharisäer" den bösen Beigeschmack zu nehmen. Daß dennoch;wir gar manches anders ansehen als Herford von seinem Standpunkte, versteht sich von selbst. Für uns ist die na byiv nun keine Neubildung in Anlehnung an die schriftliche Lehre aus Nützlichkeitsgründen, son- dem die Entfaltung des wahren Sinnes: deraroaPn-iW/ der wir als natürliche Folge unsere Fortdauer verdanken. Auch ist die Synagoge, die übrigens ca. 400 Jahre zugleich mit dem Tempel existierte, für uns kein Fortschritt gegen den Tempel im Sinne einer Evolution, vielmehr ist sie nach der Zeit des Tempels eher ein 'Notbehelf in Ermangelung des Tempels, wenn auch die vorhergehende gegenseitige Beeinflussung die Synagoge zu einer selbständigen , Institution machte. Herford bemüht sich ' jedenfalls so weit i als möglich, objektiv zu bleiben. Durch, klare wissenschaftliche Beweise zerstört er viele Vorurteile gegen die Juden und beurteilt das Judentum voller Wohlwollen und Güte. In seiner Darstellung des Wesens des Judentums gibt er u. a. in unübertrefflicher Kürze an: Grundglaube: Glaube an Einen G'tt, Schöpfer des Alls," SchlÜSSel ZUm Erfassen des Wesens des Judentums: „Ihr sollt heilig sein, denn heilig bin ich, euer G'tt"; Losungswort des Judentums: „auch wenn Er mich töten würde, vertraue ich nur auf Ihn" (Ijob, 13, 14).' Dr. M. A. Fiavius Josephus, Vom jüdischen Kriege. Von B e - rendts-Graß. I. Dorpat 1924—26; II 1927. Buch I—IV; nach der slavischen Uebersetzung deutsch herausgegeben. Der i. J. 1912 verstorbene Dorpater Professor der Kirchengeschichte Alexander Berendts hat nach verschiedenen Handschriften in Moskau und Kasan u. s. den slavischen Josephus „de bello Judaico" ins Deutsche übersetzt. Kurz vor Ausbruch des Krieges wollte sein Dorpater Kollege Konrad Graß das Werk herausgeben, mußte es aber durch den Krieg um ein Jahrzehnt verschieben. Die weiteren Bücher (V—VII) hatte Berendts noch nicht übersetzt. In seiner Einleitung meint B., daß die slavische Uebersetzung auf der ersten griechischen Relation des Bellum fußt. Sprachlich ist diese erste Relation wohl schlechter als die spätere Bearbeitung. Dafür mag sie volkstümlicher geschrieben sein und weniger unter späteren Einflüssen gestanden haben. B. geht noch weiter und glaubt in der ersten griechischen Relation eine Uebersetzung aus dem von Josephus selbst verfaßten aramäischen Text sehen zu dürfen, so daß der slavische Josephus eigentlich aramäischen Ursprungs ist. Eigentümlich ist diesem slavischen bellum Judaicum die Erzählung vom Auftreten des Stifters des Christentums (S. 268 ff). Die Erzählung findet sich in keiner anderen Relation des jüdischen Krieges, entspricht aber der vielumstrittenen Stelle in den Altertümern (18, 3, 3). Auffallend ist, daß der slavische .; Text, der viel breiter, erzählt, den Namen nicht nennt und auch von einer Auferstehung nichts weiß. Wenn Berendts recht hat, daß der slavische Text auf die erste Bearbeitung zurückgeht, so würde die hier gebotene Erzählung einen großen Wert haben, nicht so sehr für den tatsächlichen Verlauf der Ereignisse als dafür, wie sie 40 Jahre später als das Christentum schon ziemlich verbreitet war, von einem abseits stehenden Juden aufgefaßt wurden. Allerdings scheint die Schilderung der Persönlichkeit nachträglich im christlichen Sinne ausgeschmückt zu sein. Bemerkenswert ist, daß der slavische Text ausdrücklich sagt, daß viele ihn baten, daß „er in die Stadt hineinkomme und niedermache die römischen Truppen und den Pilatus . . ." Deshalb hätten die jüdischen Führer gefürchtet, Pilatus könne das Auftreten des Galiläers zur Veranlassung nehmen, sie selbst zu töten. Deshalb machten sie dem Landpfleger Mitteilung. Pilatus habe darauf „viele von der Volksmasse" umgebracht, den Verklagten selbst habe er freigesprochen, da er kein Unrecht an ihm gefunden und er habe ihn freigelassen, weil er sein sterbendes Weib geheilt habe. Nun hätten sich wieder viele Anhänger um den Galiläer gesammelt und aus Neid hätten die Gesetzeslehrer dem Pilatus 30 Talente gegeben, daß er ihn' töte. Der Landpfleger hätte ihnen dann frei gestellt, nach Gutdünken zu handeln. Da hätten sie ihn gegen das väterliche Gesetz gekreuzigt. Die letzte Schilderung macht durchaus den Eindruck einer späteren christlichen Ueberarbeitung in ziemlich naiver Auffassung. — Die auffällige Tatsache, daß die ganze Erzählung in der späteren Bearbeitung des bellum von Josephus weggelassen, aber in noch viel christlicherem Sinne in die Altertümer aufgenommen wurde, ließe sich nach dem Vorbilde Laqueurs (Der jüdische Historiker Fiavius Josephus) durch die Wandlungen des Josephus erklären. Ursprünglich mag er die Erzählung als interessant erwähnt haben. Bei der späteren offiziellen griechischen 'Ausgabe hielt er es nicht für opportun, über die Entstehung des am kaiserlichen Hofe nicht beliebten Christentums zu sprechen. In seiner letzten literarischen Periode, als Josephus für seine von Justus von Tiberias so stark angegriffenen „Altertümer" unter den Christen einen Leserkreis suchte, hat er dann die ganz christlich gefärbte Stelle eingefügt. — Abgesehen von der Entstehungsgeschichte dse Christentums bietet derslavische Josephus noch viele Abweichungen von den gewöhnlichen' Texten und dürfte für die Josephusforschung von größter Bedeutung werden. M. A. Erinnerungen, und Welteindrücke eines Naturforschers. Von Molisch. Wien u. L!eipzig. 1934. Verlag Emil Haim u. Co. Ladenpreis geh. Mk. 6.—, geb. Mk. 9.—. Man erwartet nur interessante Reiseberichte eines berühmten Naturforschers und man erhält außer diesen den belehrenden Unterricht eines Weltweisen. Man möchte wieder ein Jüngling sein, um bei diesem großen Forscher in die Lehre gehen zu können, man möchte zu seinen Füßen sitzen, um von seinem Munde Weisheit zu vernehmen. Es ist hier wohl nicht der Platz, von der in der Chemie weltbekannten Molisch- Reaktion, von der lebenden Bakterienlampe und vielen Erfindungen und Entdeckungen zu reden, die seinen Namen weltbekannt machten. Wenn Molisch erzählt, sind selbst scheinbar ganz gleichgültige Dinge für uns von Bedeutung: „Prof. Chiari reichte mir eine Zigarette und als ich nach der am Tische liegenden Zündhölzchenschachtel die Hand ausstreckte, um die Zigarette anzuzünden, sagte er rasch: „Verzeihung, das sind Institutszündhölzchen, nehmen Sie meine privaten," griff darnach in seine Tasche und überreichte sie mir. Er tat es aus Rücksichtnahme auf Staats- und Privateigentum." Es ist kein Buch, das speziell jüdische Themen auch nur streift, ja nicht einmal der Name Jude wird erwähnt. Molisch behandelt aber alle Fragen, soweit sie nicht technische Fachfragen sind, im Sinne eines wahren, reinen Menschentums und deshalb müssen sie auch jeden Leser dieses Blattes interessieren Dr. M. Ä. Heinrich v. Treitschke. Deutsche Geschichte im 19. . Jahrhundert. Zusammengefaßt und herausgegeben Yon Heinrich Heffter. Leipzig. Alfred Kröner Verlag, Leipz i g. Erster Band: Zusammenbruch und nationale Erhebung. Mit 11 Abbildungen. XXIV und 418 Seiten. Geb. Mk. 3.50. Zweiter Band: Staat und Kultur der Friedenszeit. Mit 15 Abbildungen. 682 Seiten, Geb. Mk. 4.20. Daß die 100. Wiederkehr des Geburtstages eines angesehenen Geschichtsschreibersdie . Aufmerksamkeit des Lesepublikums wieder auf ihn lenkt, ist begreiflich und rechtfertigt durchaus die Herausgabe seines Haupt- und Lebenswerkes, wenn auch nur in verkürzter Gestalt, wie es hier vorliegt. Auch aus dieser Taschenausgabe bekommt man den vollen ungeschmälerten Eindruck von der rühmlichen Kunst Treitschkes in der plastischen Schilderung von Land und Leuten und von der überzeugungsvollen Wärme, mit der er sich zum nationalen Gedanken und zum deutschen Wesen bekennt. Dieses hervorragende Geschichtswerk können wir Juden leider nicht genießen, ohne an allen jenen Stellen, — es sind ihrer mehr als dreißig — wo der Verf. von Juden und Judentum spricht, peinlich berührt zu werden. Hier ist Treitschke so voller Vorurteile und Verkennung des wahren Wesens des Judentums, daß er oft ungerecht wird. Während er einerseits sich bemüht, den „eingefleischten Judenhaß" (II 244), wie ihn etwa die Burschenschaftliche Bewegung auf ihre Fahne geschrieben hatte, zu erklären, um ihn begreiflich erscheinen zu lassen, spricht er (II 413, 487) schlankweg von „ererbtem jüdischen Christenhaß", ohne auch nur den Versuch zu^einem Nachweis, geschweige denn eine Begründung dieser seiner dogmatischen Behauptung zu unternehmen. Aber auch seine Rechtfertigung für den Judenhaß hält einer näheren Kritik nicht stand, denn sie beruht auf mangelhafter Kenntnis des Judentums. Daß er den Talmud in der Ursprache nicht hat lesen können, wird man ihm füglich nicht zum Vorwurf machen dürfen, obwohl er nur aufgrund solcher Kenntnis von dessen „finsteren Fanatismus" hätte reden dürfen (II 245). Allein es gab zu seiner Zeit schon genug in deutscher Sprache abgefaßte Werke — wir verweisen nur auf das hervorragendste und umfassendste, den Kommentar zum Pentateuch von Samson Raphael Hirsch —, aus denen eine eingehende Kenntnis des Judentums, wie es sich aus dem Talmud und dem nachbiblischen Schrifttum darbietet, zu schöpfen ist auch für denjenigen, der die hebräische und aramäische Sprache nicht beherrscht. Solche Bücher kann aber Treitschke nicht gelesen haben, wie es doch wohl für ihn als gewissenhaften Historiker Pflicht gewesen wäre. Wie hätte er denn sonst es wagen können (II 575) in hämischer Weise zu schreiben: „er (der preußische Staat) forderte nur, daß sie (die Juden) sich durch ehrliche Arbeit ernähren und die schwierige Kunst des Waschens und des Kämmens nicht ganz versäumen sollten." Der hier angedeuteten tiefen Unkultur ist der Talmudjude gar nicht fähig, weil sein Religionsgesetz ihm nicht gestattet, auch nur einen Bissen Brot ohne vorangegangenes Händewaschen zum Munde zu führen. Der vielgeschmähte Talmud geht in seinen Anforderungen an Körperreinheit viel weiter; als irgendein noch so sorgfältig ausgearbeiteter Kodex reinlicher Lebensführung, denn er verlangt Händewaschen auch nach jeder natürlichen Verrichtung. Mit Hervorhebung dieser Irrtümer Treitschkes wenden'wir uns zugleich auch an Heffter, der ja in seiner so wohlgelungenen Zusammenfassung des Originalwerkes nicht gezwungen war, den Verfasser auch in den gerügten Stellen in extenso zu Worte kommen zu lassen. In seiner dankenswerten Zusammenstellung am Schlüsse des zweiten Bandes gibt er einen genauen Nachweis über die Zusammengehörigkeit der einzelnen Abschnitte seiner Ausgabe mit denen des vollständigen fünfbändigen Originalwerks, wodurch der Leser leicht instand gesetzt ist, die ihn besonders interessierenden Stellen dort im Wortlaut ungekürzt nachzulesen: Da wäre es doch wohl nicht allzuschwer gewesen, diese Taschenausgabe freizuhalten auch von schiefen Auffassungen des Verf., die durch den Weltkrieg deutlich genug widerlegt sind. Wenn Treitschke selbst (II 245) bekennen mußte, daß zur Zeit des Befreiungskrieges „von den Juden Westpreußens, die sich eben erst aus dem polnischen Schmutze herausarbeiteten, deutsche Gesinnung billigerweise noch gar nicht zu erwarten war," so wußte doch der Herausgeber sicherlich, welcher Wandel in den letzten hundert Jahren hierin sich vollzogen hatte und wie in unserer Zeit die deutsche Judenheit eben so begeistert dem Rufe zu den Waffen gefolgt war

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