Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1934)
- Date
- 1934-12-06
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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Die exakten Wissenschaften und die moderne Rassentheorie. Von Studiendirektor a. D. Dr. Elias Fink in Frankfurt a. M. Man muß schon weit zurückgehen in die Zeit des Eroberungszuges, den der Darwinismus vor etwa drei Vierteljahrhunderten auf weltanschaulichem Gebiete unternommen hat, um manche Erscheinungen zu begreifen, die im Gefolge der gegenwärtig geltenden deutschen Rassentheorie hervortreten. Damals galt man als wahrhaft modern gebildet nur, wenn man sich als mehr oder weniger nahe vom Gorilla und Schimpansen abstammend betrachtete, obwohl die bedeutendsten Fachgelehrten wie Huxley, Darwin und Häckel sich niemals zu der Ansicht bekannt hatten, der Mensch stamme vom Affen ab. Solche grundlose Uebertreibungen überließen sie vornehm dem urteilslosen Laienpublikum. Ganz anders verhält es sichbei uns in der modernen Rassentheorie, die nur eine der drei Grundlagen der Selektionstheorie bildet und die immer noch überreichlich mit ungesicherten Vermutungen durchsetzt ist. Hat doch erst kürzlich auf der Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte Prof. Dr" Vorschner-Berlin nachdrücklichst betont, daß man mit dem Menschen nicht experimentieren könne, um die Schwierigkeiten der Erbforschung zu beheben, daß man vielmehr abwarten müsse, wo die Natur uns ohne unser Hinzutun gewissermaßen selbst ein Experiment vormache. So begreiflich auch der Wunsch erscheinen mag. den rassenmäßigen Zusammenhang der zeitgenössischen Deutschen mit der germanischen Vorzeit zu begründen, so wenig darf der gewissenhafte Forscher übersehen, daß er sich bei diesem seinem Bemühen auf vielfach umstrittenen Boden bewegt. Wenn schon der Ursprung jener Lebewesen, die dem Menschen an Körperbildung am meisten ähneln, ohne jeden Zweifel in denjenigen Gegenden der Erde gesucht werden muß, wo ein Höchstmaß von Wärme zur Verfügung stand, um wieviel weniger kann ein mit Sprache und Vernunft ausgestattetes Geschöpf wie der Mensch seine Entstehung im kalten Norden gefunden haben! Danach ist leicht zu ermessen, wie unsicher die Bezeichnung „nordisch" für die Herkunft des germanischen Menschen ist. Ein so gewissenhafter Archäologe wie Carl Schuchardt (V o rgeschichte von Deutschland. Zweite Auflage. Verlag R, Oldenbourg. München und Berlin 1934) folgert aus archäologischen Funden vielmehr, daß die ersten Kolonisten des nördlichen Kulturkreises aus dem Westen gekommen sind, Menschen von Chromagnontyp, zu denen später die Neandertaler mit Langschädeln und hohen Gesichtern sich gesellten. Aus der Vermischung dieser beiden Typen ging das Germanentum hervor, der „nordische Mensch". In das Gebiet märchenhafter Uebertreibungen müssen Behauptungen verwiesen werden wie die, daß es früher eine sogenannte Atlantis gegeben habe, einen fabelhaften Kontinent, der einen Teil des jetzigen Atlantischen Ozeans eingenommen habe, oder daß das Runenalphabet ebenso alt sei wie die ägyptischen Hieroglyphen. Bei dem eben gekennzeichneten, höchst problematischen Stande der zuverlässigen Ergebnisse vorgeschichtlicher Forschungen ist für den Mann der Wissenschaft äußerste Vorsicht und Zurückhaltung in allen Zweigen der Rassentheorie eine Selbstverständlichkeit. Umso erstaunlicher ist die Stellungnahme, die Dr. Ludwig Bieberb a c h , ordentlicher Professor der Mathematik an der Berliner Universität, in einem Vortrag vor dem Verein zur Förderung des mathematischnaturwissenschaftlichen Unterrichts mit dem Thema „Persönlichkeitsstruktur und mathematisches Schaffen" bekundet hat. Die Marburger Psychologenschule hat unter Führung von E. R. Jaensch zwei Haupttypen geistiger Betätigung herausgearbeitet: „den S-Typus, der in den Dingen nur das wertet, was der Verstand in sie hineinlegt, oder was kühle Berechnung mit ihnen anfangen kann, und den J-Typus, der mit der Wirklichkeit und in sich integriert ist, d. h. der mit allen Mitteln der Sinne und des Denkens sich ein Bild von der bunten Wirklichkeit zu formen sucht." Diese zwei Typen eignet sich Bieberbach ohne weiteres an und folgert daraus als eine wesentliche Aufgabe nationalsozialistischer Wissenschaft, in den Werken der Wissenschaft, insbesondere auch in der ihm persönlich am nächsten stehenden Mathematik, die deutsche Art zu erkennen, um aufgrund dieser Wahrnehmung eben sie in der Wissenschaft besonders zu pflegen. Woran ist aber das Spezifische der deutschen Art zu erkennen? Bieberbach antwortet: „an der Gegenüberstellung gegen fremde Art." Diese ihrerseits trat z. B. deutlich zutage bei der mannhaften Ablehn ung, die ein großer Mathematiker, Edmund Landau, bei der Göttinger Studentenschaft gefunden hat, weil sein undeutscher Stil in Forschung und Lehre deutschem Empfinden unerträglich ist. Dieser sein ausgeprägter Stil zeigt nämlich deutliche Merkmale des lebensfeindlichen unorganischen S-Typus in der bewußten Ablehnung der Anschauung und des Intuitiven als Mittel der Darstellung und als Quelle der Erkenntnis und in einer virtuosen Handhabung des technischen Apparats und einem Jonglieren mit Begriffen." Hierbei darf man aber nicht etwa den Nichtarier in Edmund Landau zur Verantwortung ziehen, denn mit ihm vom gleichen S-Typus sind nach Bieberbach auch reinarische französische Mathematiker: Cauchy bekundet diesen Typus so deutlich, daß er an die Spitze der Lehre von den komplexen Zahlen den Satz stellt: „In der Analysis nennt man Symbol jede Verbindung von algebraischen Zeichen, die ansich nichts bedeutet, oder der man einen Wert zuerteilt, der von dem verschieden ist, der ihr von Natur zukommt." Und Henry Poincare weist auf das Unbehagen hin, das einem französischen Geiste ein charakteristisches Erzeugnis , des J- Typus wie Maxwells Theorie der Elektrizität und des Magnetismus verursacht. Für Bieberbach, "dem es eine Einsicht von größter Selbstverständlichkeit ist, daß „all unser Tun und Denken in Blut und Rasse wurzelt und von ihnen seine Eigenart empfängt," gilt der Umstand, daß geistige Erzeugnisse der beiden Typen sich wechselseitig mit Unbehagen erfüllen, als hinreichender Beweis für die Berechtigung der gegenseitigen. Ablehnung. „Ein Volk, das eingesehen hat, wie fremde Herrschaftsgelüste an seinem Marke nagen, wie Volksfremde daran arbeiten, ihm fremde Art aufzuzwingen, muß Lehrer von einem ihm fremden Typus ablehnen." Die in diesem Satze ausgesprochene Angst vor rassefremdem Einfluß wissenschaftlicher Lehrer läßt Bieberbach zum Schluß von rassefremder Verführung sprechen, die „dem Deutschen die Quelle seiner eigenen Kraft versperrt." Merkwürdiger Weise hat man aber bislang in wissenschaftlichen Kreisen nichts von derartigen Befürchtungen vernommen. Kein Mathematiker von Bedeutung ist bisher auf den Gedanken gekommen, ein Lehrer der Mathematik, und gar noch der so wenig populären höheren Mathematik, könnte in der Art seiner geistigen Betätigung Herr schaftsgelüste bekunden und als Volksfremder daran arbeiten, dem Gastvolke fremde Art aufzuzwingen. Sterne erster Größe am mathematishen Himmel der Berliner Universität wie Ernst Eduard Kummer und Karl Weierstrass und ebensolche am dortigen physikalischen Himmel wie Hermann Helmholtz und Gustav Robert Kirchhoff haben von Seiten rassefremder Mitarbeiter nicht die geringste Gefahr für das Volk gewittert. Die Mathematiker nicht von dem jüdischen größten deutschen Algebraiker Leopold Kronecker, der schon mit 37 Jahren der Berliner Akademie der Wissenschaften als ordentliches Mitglied angehörte; die Physiker nicht von dem Nichtarier Heinrich Hertz, dem die Welt nichts Geringeres verdankt als die Grundlagen der drahtlosen Verständigung über Ozeane und Gebirge hinweg und der bei allem abstrakten Denken, dem er doch als Mann vom S-Typus verfallen war, die experimentelle Bestätigung für die Faraday-Maxwell'sche Theorie der Elektrizität geliefert hat. Man sieht, wie wenig stichhaltig die Charakterisierung von geistigen Typen ist, wie sie die Marburger Schule aufgestellt und Prof. Bieber-