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Der Israelit · 1934-12-06 · Heft 49 (6.12.1934) · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 49 (6.12.1934)
Date
1934-12-06
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 49 Der Israelit 6. Dezember 1934 Kinderecke, Es fehlt ein Mann, Von Heinrich Einstädter. I. Die Nacht ist noch nicht gewichen, die lange, schwere Winternacht. Noch liegt sie breitspruig wie ein schlfaendes Ungetüm über der kleinen Stadt, deren Plätze, Gassen und Höfe seine Tatzen und die langen, dichten Strähnen seines Pelzes ausfüllen, daß kein Schimmer des fahlen Morgengrauens, das langsam am Rande des Himmels emporsteigt, in sie dringen kann. An einem etwas zurückliegenden Gebäude knarrt eine Tür, und bald darauf zeigt sich an den Fenstern matter Lichtschein. Es ist die Synagoge, in der das Morgengebat verrichtet werden soll. Der Vorbeter hat wie alltäglich als Erster den heiligen Raum betreten, nachdem er an die Tür gepocht, seine Hand nach dem Pfosten ausgastreckt, sie geküßt und, sich in der Richtung nach dem Thoraschrein verbeugend, gewohnheitsmäßig einen Lichtschalter umgedreht hat. „Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen Israel!" lispeln seine Lippen. Nachdem er auch die folgenden Verse gebetet! und sich wiederholt gen Osten verbeugt hat, schaut er nach der Wanduhr. „Noch zehn Minuten," murmelt er, begibt sich auf seinen Platz und greift nach einem Buche, in das er sich vertieft, kaum aufblickend, als die nächsten Männer eintreten. Nur ein Junge mit einer Schülermütze und einem schweren Bücherranzen unter dem Arm wird von ihm durch ein kaum sichtbares Nicken ausgezeichnet. Endlich schaut er wieder nach der Uhr und läßt seinen Blick über die Anwesenden schweifen. Er zählt sie, indem er statt der Zahlen je ein Wort aus einem Psalmverse spricht: „Hilf deinem Volke und segne dein Erbe, weide sie und trage sie bis zur Ewigkeit." Da man die Gemeinde nicht wie gewöhnlich zählen soll, verwendet er dazu den aus zehn Worten bestehenden sinnreichen Schriftvers, dessen letzter vier Worte jedoch einstweilen ungesprochen bleiben. Die Leute haben bis dahin ebenfalls leise Gebete gesprochen, meist Psalmen oder Stücke aus dem früher sehr verbreiteten "»ns DpV Eine Unterhaltung wird auch vor- Beginn des G'ttesdienstes streng vermieden. Nur der Nachbar des Jungen neigt sich zu ihm hin und sagt leise: „Heute wird es schwer Minjan geben. In S. ist Viehmarkt, da sind die meisten Handelsleute schon seit Stunden fort." „Du kannst wohl vor der Schule nicht mehr heimgehen?" fährt er fort, indem er auf den Bücherranzen deutet. „Geh doch nachher zu mir hinüber und trinke mit uns Kaffee!" Dankend lehnt der Schüler ab. Seine Mutter habe ihm Kaffee in einer Thermosflasche und ein gutes Frhüstück eingepackt. „Ja, die Mutter!" murmelt der alte Mann und betont nochmals „ d i e Mutter". Er nickt vielsagend mit dem Kopfe und denkt*. „Die ist wirklich ein tapferes Weib. Seit sechs Jahren Witwe. Und wie sie ihre Kinder erzieht! Steht sie doch vor Tag auf, damit der Alfred nicht die Schul' nicht versäumt, und macht ihm vorher ein Frühstück zurecht, auf das er sich freut. Bei der gibt es keinen Fehler!" Wieder schaut der Chasan nach der Uhr, greift dann nach seinem Talith und beginnt, langsamer als sonst, die Gebete, um nicht später eine Pause einlegen zu müssen. Nach und nach kommen noch einige Beter an. Ureejm — wenascejm — ad. Endlich, hört man draußen schleifende Schritte, und ein kränklicher Greis tritt gebückt durch die Tür. Hoäulom. Die vorgeschriebene Zahl ist erreicht. Mit einem erleichterten Aufatmen fährt der alte Vorbeter fort: „Jischtabach". Als der G'ttesdienst zu Ende ist und Alfred seinen Ranzen schultert und mit muntrer Miene dem Ausgang zuschreitet, da grüßen ihn freundliche Blicke, und der Chasan, dem er die Hand reicht, sagt: „Ja, wenn wir dich nicht hätten! Heute wären wir wieder einmal aufgesessen." IL Es ist stets ein niederdrückendes Gefühl, das uns beschleicht, wenn wir beim G'ttesdienst auf Minjan warten müssen, Während ein schon zu Anfang wohlbesetztes G'tteshaus einen erhebenden Eindruck macht, — denn „In der Menge des Volkes liegt eine Verherrlichung des Königs," —, so empfinden wir, wenn die anwesenden Beter selbst die vorgeschriebene Zehnzahl nicht erreichen, den Mangel als ein Zeichen der Unvollkommenheit und Armut, Das lange Warten stört die Andacht, und wenn dann der oder jener seinen Tallis ablegen muß, um Fehlende herbeizurufen, oder wenn gar mehr oder minder laut Bemerkungen geäußert werden und Ungeduldige die Flinte ins Korn werfen und ihr Gebet ohne Minjan fortsetzen, so mindert sich die Freudigkeit, die sonst unsre Herzan erfüllt, wenn wir „durch die Fülle von G'ttes Gnade" sein Haus betreten dürfen. Solche Verhältnisse bestehen nicht nur in kleinen Gemeinden, sondern manchmal sogar in Großstädten, und wenn auch nicht in den Hauptsynagogen, so doch in kleineren Betlokalen, deren er in alten Gemeinden zuweilen viele gibt. Zu einem solchen Minjan, das zwanzig Minuten nach Beginn noch kein Minjan war, erscheint ganz unerwartet ein fremder junger Mann und hilft so den Anwesenden aus der Verlegenheit, Tallis, Tephillin und Tefillo hat er mitgebracht. Er stellt sich bescheiden auf einen etwas abge-' legenen Platz und beteiligt sich andächtig am G'ttesdienst. Der Vorsteher blickt mit Wohlgefallen auf den jungen Herrn, der ihm bekannt vorkommt. Er läßt ihn zur Thora aufrufen, um ihn zu ehren, und als er ihm dort gegenübersteht, weiß er plötzlich, wo er ihn schon gesehen hat. Nach Beendigung des G'ttesdienstes tritt er auf den Jüngling zu. „Verzeihung! Sind Sie nicht aus R.?" „Jawohl," antwortet jener, „aber ich erinnere mich nicht, Sie dort gesehen zu haben." „Ja, das ist schon einige Jahre her. Ich war" dort auf einer Geschäftsreise und besuchte morgens die Synagoge. An jenem Tage, an dem es — wie heute hier — mit Minjan schwer hielt, kam ein Schüler mit seiner Büchermappe, um noch vor Schulbeginn am G'ttesdienste teilzunehmen, und der — waren Sie, Sie Helfer in der Not!" Lächelnd reichte der Jüngling dem Vorsteher die Hand, und die freundliche Einladung zum Frühstück schlägt er diesmal nicht aus. Unterwegs erzählt er, daß er an der Universität studieren wolle und in der Nähe ein Zimmer gemietet habe. Das Minjan hatte für längere Zeit einen Teilnehmer gewonnen, auf dessen Pünktlichkeit man sich verlassen konnte. III. Es ist Chanuka! t Im Beetsaal eines vielbesuchten Höhenluftkurortes versammelt sich eine Anzahl Glaubensgenossen zum Abendg'ttesdienst. Der leitende Arzt eines Sanatoriums hat den Raum zur Verfügung gestellt, da die „ unheizbare Synagoge während der strengsten Wintermonate geschlossen bleibt. Eine behagliche Wärme erfüllt den würdig ausgestatteten Saal. : Aus dem zu dieser Zeit -herrschenden Dämmer hebt sich an der Südseite die glänzende silberne Menorah ab. Patienten . des Hauses, Einheimische und Fremde, die sich hier zur Erholung und ,zum Wintersport aufhalten, stellen sich zum Minchagebet ein, das ein älterer Herr vorträgt. Während er das Kaddisch spricht, flammt plötzlich an der Decke und am Kronleuchter helles Licht auf und bereitet die Stimmung vor für — Chanuka. Ein schlanker, gut gekleideter Herr umhüllt sich mit dem Tallis und tritt vor die Menorah, um zu entzünden. Wie er die Segenssprüche singt, wenden sich alle Augen ihm zu. Gleich einer Kette von Perlen entquillen die Töne seinen Lippen. Sein seelenvoller Blick haftet an der ruhigen Lichtflamme der Kerze, die er in der Hand hält, als er G'tt preist, der um diese Zeit unsern Vätern Wunder geschehen ließ, der uns am Leben erhalten und zu diesem Fest geführt hat. Dann entzündet er und trägt das Abendgebet vor. Unter den Gästen befindet sich einer, der den Herrn sofort erkannt hat, nämlich der Vorsteher der kleinen Synagoge in N. Aus dem angehenden Medizinstudierenden ist im Laufe der Jahre der Leiter eines sehr berühmten Sanatoriums geworden. Dem Abendgebete folgt die freundliche Einladung des Arztes an alle Anwesenden, heute einer kleinen Feier im anstoßenden Gesellschaftsraume beizuwohnen. Keiner, der ihr nicht gern nachgekommen wäre! Es war ein echtjüdisches, schlichtes, aber gemütliches Fest, bei dem hauptsächlich junge und in der Genesung befindliche Insassen des Hauses die Darbietenden waren. Ihre sinnigen und heiteren Vorträge erzeugten auch in den Augen der vielen Kranken, die teilweise auf Krankenstühlen in den Saal gebracht worden waren, ein helles Aufleuchten und fachten gewiß auch in manchen Herzen wieder neue Hoffnung und Zuversicht an. Natürlich erneuerte unser Freund ■ aus N. im Laufe des Abends seine alten Beziehungen zu dem Herrn des Hauses. Als er sich später in Begleitung eines der ortsansäissigen Teilnehmer auf dem Rückweg nach seinem Hotel befand, hörte er von ihm noch viel Rühmenswertes, das von dem Gastgeber zu erzählen war, und voll innerster Ueberzeugung wurde der Schlußsatz des Berichtes ausgesprochen: „Gerade der Mann hatte uns noch gefehlt!" Kinder dichten Chanukkah. Das Fest der Helden ist jetzt da, Das schöne Fest heißt Chanukka. Die Makkabäer, unsre Ahnen, Griffen mutig nach den Fahnen, Um das Judentum zu retten Aus Antiochus' Sklavenketten. - Es hat eine kleine Heldenschar Das Land gereinigt von den Feinden. Und bald der Tempel geweihet war, In dem sie sich fröhlich vereinten. Ee freuten sich alle Makkahäerherzen Und zündeten an die Chanukkakerzen, Aber sie, merkten mit Schrecken gar bald, Sie hatten nur ein Krüglein Oel für den Unterhalt. Allein durch ein G'tteswunder, Brannte es acht Tage lang hell und munter. Heute ist der Tag wiedergekehrt, Die Makkabäer werden noch immer geehrt. Die Chanukkalichtlein brennen mit mildem Schein Und rufen in jedes Herz hinein: " „Heute vor vielen Jahren 'in alter Zeit, Wurden unsre Ahnen von schwerem Leid befreit." Heinz Katz (10 Jahre alt).

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