Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1934)
- Date
- 1934-12-06
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 49 Der Israelit 6. Dezember 1934 Die Salomonischen Teiche vor Bethlehem. Rast, moderne Karawanen, auf die die alten mit ihren Kamelen ohne Neid hinschauen, vielleicht sogar mit einem mitleidgien Lächeln. Das alte Wüstenschiff bleibt doch in Kraft. Es muß nicht wie jenes fauchende Vehikel immer und immer wieder von neuem gegen teures Geld vollgetankt werden. Es behält Wasser und Nahrung drei Tage lang im Magen . , . Und wenn es für den Weg so viele Tage gebraucht wie das Auto Stunden, was macht das? Man hat ja Zeit. Aber man steht nicht ohne Rührung und Bewunderung vor dem Geiste der Zeiten, vor diesen großartigen Salomonischen Teichen, die in einer Glanzzeit der jüdischen Geschichte die heilige Residenz mit Wasser versorgt haben. Heute werden Versuche unternommen, von hier aus das Wasser nach Jerusalem zu leiten. Also kann das Neue des Alten doch nicht ganz entbehren. Das sollte symbolisch auch auf das andere Wasser gedeutet werden, das dem jüdischen Leben vcn allen Seiten und oft leider zu wenig von den jüdischen Quellen her zugeführt wird. * * * Eine Hühnerfarm gurrt und gluckst uns entgegen. Ihre Herrin und Gebieterin, die junge Hühnermutter bei der Fütterung, lacht so gesund, so zufrieden und heilfroh, wrie wir hier noch kaum junge Menschen lachen sehen. Wie das helle Federvieh zu seiner Ernährerin emporschaut! Und oben der Hahn kräht aus Vergnügen ins Gelände hinaus, als kündete er eine Botschaft. Ein Stückchen neues jüdisches Leben, an dem man seine ungetrübta Freude hat. I * ± I * I Und wieder jenes alte und ewig neue Bild: I AlteJudenbetenanderWestmauer. Nur zwei, denn es istwohl zur ungelegenen I Stunde. Aber auch diese zwei sind eine kleine Diaspora zu zweit. Ein polnischer Chassid vorne, den Kopf krampfhaft an die Mauer gelehnt, hinter ihm ein orientalischer Chacham in in der stolzen Haltung und mit der I ganzen Grandezza seiner spanischen Väter. Ab21* I hart daneben ist die englische Polizeiwache I postiert. Jüdische Tränen unter Polizeiaufsicht. Der englische Helm trübt das Bild, erinnert an eine Szene in Jeremias: Vorne die unter Tränen in die Verbannung Ziehenden und dahinter I die Coldaten in der eisernen Rüstung. Hier aber gehl es nicht weiter. Sie stehen vor der Mauer, vcn dar sie einmal Nebukadnezar und das andere Mal Titus hinweggedrängt hat und zu der j sie immer und immer wieder den Weg fanden j und finden ... * * i * 1 Tagtäglich bringen die Schiffe über Triest, Genua, Neapel oder Konstanza in Rumänien neue Kinder in die Heimat zurück. Man sehe sich die vier Personen unter den Einwanderern auf dem Schiffe an. (Seite 3.) In der Mitte der ältere ehrwürdige Jude aus Polen oder Galizien, der endlich seinen Traum, in Erez Israel zu leben, erfüllt sieht. Der verkörperte Geist des Widerspruches, steht der junge Chaluz ihm gegenüber. Er spottet der alten frommen Träume, ■e r will wachen und das Land aufbauen. Aber in Wahrheit ist auch er unbewußt von der alten Sehnsucht im Blute getrieben. Auf der anderen Seite der typische Russe oder Rumäne, breitschultrig, kraftstrotzend, . an harter Arbeit, Entbehrung und Enttäuschung gestählt. Er hat vielleicht mit den Träumen des Alten nicht viel gemein, aber auch die Phrase des Jungen ist ihm fremd. Er will arbeiten, mit fester Hand zugreifen. Der Lul {Hühnerfarm). Und unten das Kind? Nach wenigen Jahren wird es vom Schmelztiegel in Palästina erfaßt sein und den neuen Typ des Palästinamenschen bilden, der keiner von jenen drei Typen mehr ist, aber doch von allen etwas in sich trägt. Möge der neue Jude so sein, daß er Träger unserer Hoffnung und unserer Zukunft ist. Daran werden wir freilich noch mehr arbeiten müssen, als wir es bis jetzt schon getan haben. * * * Denn das Leben in Palästina geht weiter, mit oder ohne uns, vielleicht sogar gegen u n s, da, wo es ohne uns geschieht. Die Rotationsmaschinen und Dieselmotore im Ruthenbergwerk halten nicht still und versorgen das Land mit Licht und Kraft. Licht und Kraft dem neuen Leben im jüdischen Sinne zuzuführen, das ist heute unsere Aufgabe, unser Interesse an Palästina. Ein Gruß von der gesetzestreuen Kolonie „Machne Jisrael". Von P. Glückmann-Porusch in Jerusalem. Schon lange suchte ich eine Gelegenheit, die zum neuen Leben erweckte Siedlung ,,Machne Jisrael" aufzusuchen. Man sehnt sich nach ihr wie nach einem alten Freund, den man tot geglaubt hat und nun ganz in der Nähe wieder aufgetaucht ist, man muß den alten Freund wieder sehen und begrüßen. Und so nahm ich die Stunde wahr, mich der Gesellschaft von Rabbi ' Mosche Blau und Dr. M. Buxbaum anzuschließen und mit ihnen die Reise nach , der Kolonie zu machen. Schon die Reise ist ein kleines Erlebnis, und nicht zuletzt die Gesellschaft. In Jerusalem können sich die zwei vielbeschäftigten Männer selten den Luxus einer Plauderstunde leisten. Hier aber, losgelöst von den täglichen Geschäften, können wir in Ruhe und Gemütlichkeit über alle laufenden Probleme des Jischuw uns unterhalten. Ganz früh verließen wir Jerusalem, da wir nach .Verabredung schon um zehn Uhr vormittag eine Sitzung in Nazareth, und zwar im Verwaltungshause mit dem Gouverneur in Sachen des benachbarten „Machane Israel" abzuhalten hatten. Also geht es in voller Fahrt durch eine Landschaft, die überreich an historischen Erinnerungen ist. Die Berge Judäas und von Samaria erzählen von entscheidenden Kämpfen und Umwälzungen. Ortsnamen tauchen auf, die wir aus der Bibel gut kennen. An vielen Ortschaften sind mit den Juden auch die jüdischen Namen verschwunden. Die Dörfer sind ohne Juden und tragen arabische Namenschilder. Die Gegend ist überaus fruchtbar. Die Feigenheime wachsen' sich beinahe zu Wäldern aus. Arabische Kinder tänzeln mit Tellern herbei und bieten frische Feigen feil. Bald sind wir in der Stadt Schchem oder Nablus. Der große Platz mit dem Brunnen heißt heute noch „Beer Jakow", obwohl kein einziger Jude mehr in der Stadt wohnt. Der Name Nablus soll, nach Ansicht vieler Gelehrter, aus dem ffipy n b 2 2 im Berichte unserer Thora über die Entführung Dinas in dieser Gegend kommen. Unser Auto saust an den aus der Thora bekannten Bergen G e r i s i m und E b a 1 vorbei. Die Stadt Samaria taucht auf. Das Dorf S i - 1 a h wird von den Arabern als der frühere Sitz des Heiligtumes S c h i 1 o h bezeichnet. Es liegt Betende Juden vor der Heiligen Mauer. auf einem Hochplateau, von wo aus der Blick bis zum Mittelmeere reicht. Hier unten hat sich die Josephgeschichte abgespielt. Die Stadt Gatt i n hieß früher ,,En Ganim" und hat unter ihrem neuen Namen keinen Juden mehr in ihren Mauern. Es tut einem das Herz weh, diesen historischen Boden, der gedüngt ist mit jüdischem Blute, in fremden Händen zu sehen. Aber ein Freudenstrahl leuchtet uns entgegen, da wir in den jüdischen Emek hinunterfahren. Rundherum jüdischer Jischuw, jüdische Arbeit. Weit und^ breit kein arabischer Besitz und keine arabischen Menschen zu sehen. Man möchte singen vor Freude. ,,Leider noch nicht all das, was wir erhoffen," seufzt Rabbi Mosche Blau.