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Der Israelit · 1934-12-06 · Heft 49 (6.12.1934) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 49 (6.12.1934)
Date
1934-12-06
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
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Seite 12 Nr. 49 Der Israelit 6. Dezember 1934 Ein Bekenntnis. Es ist keine alltägliche Erscheinung, daß ein mo- . derner Mensch ein öffentliches Glaubensbekenntnis ablegt. Dr. Ernst Simon hat es in einem in der ,,Jüdischen Rundschau" soeben erschienenen Artikel getan. Und es scheint uns um deswillen publizistische Pflicht, dieses Bekenntnis zu registrieren, weil Simon als eigentlicher Leiter der „ Mittel stelle für Erwachsenenbildung" — neben Buber — religiöse Wirkungen auf weitere Kreise auszuüben sucht und bisher von vielen jungen und älteren Menschen im Kreise der deutschen Orthodoxie irriger Weise als religiöser Gesinnungsgenosse betrachtet worden ist. Selbst seine ehrfurchtlose und überhebliche Kritik an S. R. Hirsch, die noch in unangenehmer Erinnerung steht, war man geneigt, als eine von zionistischer Parteibefangenheit herbeigeführte Entgleiswig, nicht aber als Konsequenz einer abwei chenden religiösen Ueberzeugung anzusehen. In dieser Hinsicht ist nun erfreulicher Weise Klarheit geschaffen. Dr. Simon erklärt in dem seine religiöse Anschauung umreißenden Bekenntnis, daß er nach seiner Rückkehr aus völlig entjudetem Milieu niemals daran gedacht habe, den „Kopfsprung in die Orthodoxie" zu vollziehen, da einem dabei ja „Hören und Sehen" und auch das „Denken" vergeht. In dieser Ablehnung des historisch gegebenen orthodoxen Judentums, das Hö ren, Sehen und Denken ganz auf G'ttes Thora konzentrierte, wurde der jugendliche Simon durch das betrübliche Erlebnis bestärkt, daß auf dem zwölften Zionistenkongreß die anwesenden R a b b i n e n gegenüber dem Absturz des Zionismus in einen „Normalnationalismus" schwiegen und Buber d Vertretung des religiösen Ethos überließen. Daraus zog er den merkwürdigen Schluß, daß wir „in dieser unsrer Zeit nicht wissen, wer jüdisch „gerecht" ist und. wer es nicht ist." Der Riß gehe angeblich durch alle Lager und durch jedes Herz. „Von dies e r Stunde an wußte ich, daß ich nie „orthodox" sein werd e." Simon gibt dann in fünf Punkten programmatische Andeutungen seines subjektiven religiösen Standpunktes, die nach unsrem Empfinden trotz aller Abgrenzung gegen liberales Konfessionsjudentum, Ka pitalismus, Quietismus, unreligiösen Nationalismus und religiösen Individualismus und Antinomismus doch aufs klarste erkennen lassen, daß er die n-nnn naias der überlieferten jüdischen Lehre verwirft, genau wie seine Lehrmeister Cohen und Buber, von denen er sich nur durch eine Art von Orthopraxie unterscheidet. Die Lehrtätigkeit, die in einer so gearteten Anschauung wurzelt, erzeugt ein Judentum des „Als ob", das den unkritischen Hörer in den gefährlichen Glauben wiegt, er denke und lebe in der Welt des geschichtlichen Thorajudentums, während unter der festgehaltenen Terminologie die Begriffe sich gewandelt haben und dem Glauben der Väter der Boden unter den Füßen weggezogen ist. Josef ben Matthias. Auf der Bühne des Kulturbundes Rhein- Ruhr gelangte das Schauspiel „Joseph ben Matthias" des jungen Kölner Difthters Julius Wolffsohn zur erfolgreichen Uraufführung. Ein Publikum, das sich aus der Geschichte heraus sichtbar angesprochen fühlte, erlebte, zum Teil wohl erstmals, Niedergang und Fall des jüdischen Staates und unsere nationale Katastrophe, die Zerstörung des zweiten Tempels, nach. Das Geschehen baut sich hier auf um die Gestalt des .Joseph ben Matthias, der sich als Flavius Josephus in der jüdischen Historie einen Na^ men gemacht hat; einen wenig rühmlichen, gilt er doch gemeinhin als Verräter und Ueberläufer. Wolffsohn, der mit viel Liebe den verborgenen Regungen jener ungewöhnlichen Natur nachgegangen ist, vermittelt uns eine mildere Anschauung. Für ihn bleibt Joseph stets der unwandelbare jüdische Joseph, der auch im Lager der Römer seinem Volke die Treue hält und dessen Herz nie aufhört, für Juda zu schlagen. Aber ein Riß geht durch seine Persönlichkeit. An die römische Kaiserin bindet ihn das Versprechen, für ' die geistige Annäherung zwischen den beiden Nationen zu wirken. Seine restlose kämpferische Einsatzbereitschaft erscheint gehemmt durch die Einsicht, daß eine militärische Machtprobe mit den kriegsgeübten römischen Truppen aussichtslos ist. „Für Judäa", aber nicht „gegen Rom!" Dieses, nicht Verräter und nicht glühender Patriot sein dürfen, diese, Deutung ins Tragische also, verlangt einen Gestalter von höchsten dramatischen Graden, der die Spannungsbeziehungen zu schaffen versteht, die für Aufbau und Sprache des Dramas wesentlichste Kräfte hergeben. Wolffsohn ist noch nicht aller Schwierigkeiten Herr geworden, aber das besagt gar nichts, Er hat mutig zugegriffen, und sein künstlerisches Talent gestattet auch dem kritischen Zuschauer und Zuhörer uneingeschränkte Bewunderung, Die Aufführung selbst, die unter der Gastregie Hans Hinrichs stand, hielt sich auf bemerkenswert hohem Niveau. Der junge Friedeberg in der Titelrolle spielte hingebungsvoll, ' brachte sich aber leider durch eine u. E. nicht richtige Auffassung seiner Partie um den verdienten großen Erfolg. Der Dichter entließ das übervolle Haus mit der trostvollen Verheißung, daß die aus den rauchenden Trümmern gerettete Schrift endlich und endlich den Sieg über das Schwert davonträgt, und die Gemeinde bedankte sich dafür wie für" das Geschenk des ganzen Abends bei Autor und Akteuren mit reichem Beifall, aus dem der Veranstalter sich auch ein. Teilchen herausschneiden darf. Den anderen verbleibt dann immer noch genug, namentlich Julius Wolffsohn, den er beglücken darf und verpflichten' muß zugleich. Dr. B. i Tel Awiwer Zahlen, Die Verteilung der jüdischen Bevölkerung auf Groß- und Kleinstädte im Deutschen Reich- Die ITA. entnimmt den Ergebnissen der Volkszählung vom 16. Juni 1933, die jetzt bekannt werden, die Zahlen, die Aufschluß darüber geben, wie sich die Verteilung der jüdischen Bevölkerung im Deutschen Reich auf Groß- und Kleinstädte am Stichtage der Volkszählung gestaltete. Während bei den bisherigen Ergebnissen beinahe durchweg der Zunahme der Gesamtbevölkerung eine Abnahme der jüdischen Bevölkerung entsprach, ist die Konzentration der Bevölkerung in den Großstädten anscheinend bei Juden und Nichtjuden in gleichem Ausmaße erfolgt. Kennzeichnend ist, daß das Anwachsen der in Großstädten lebenden jüdischen Bevölkerung auf eine Binnenwanderung zurückzuführen ist, die die Verminderung der jüdischen Einwohner in diesen Großstädten eingeschränkt hat. Der Anteil der Juden in Großstädten, d. h. in Städten von über 100.000 Einwohnern betrug innerhalb des Deutschen Reiches i. J. 1925 56,76 Proz. der gesamten jüdischen Bevölkerung gegenüber 26,78 Proz. bei der übrigen deutschen Bevölkerung. Am 16. Juni 1933 lebten 30,36 v. H. der deutschen Gesamtbevölkerung in Großstädten, dagegen 70,86 Proz. der deutschen Juden in Städten über 100.000 Einwohnern. Wie sich dieser Zuwachs der Großstädte als Verlust auf die Gemeindegrößenklassen von 10.000 bis 100.000 Einwohner und weniger als 10.000 Einwohner verteilt, läßt sich gleichballs aus dem vorliegenden Zahlenmaterial ersehen. Bei der Gesamtbevölkerung verloren überwiegend die kleineren Gemeinden Menschen durch den Zug in die Großstadt. Bei der jüdischen Bevölkerung vollzieht sich die Konzentration in den Großstädten uz Ungunsten der Städte mittlerer Größe. Im Jahre 1925 entsprach die Zahl der deutschen Juden, die in Gemeinden mit 10.000 bis 100.000 Einwohnern lebten, noch einen Anteil von beinahe 16 Proz. an der Gesamtheit der in Deutschland wohnenden Juden; 1933 war dieser Satz auf 13,69 v. H. gefallen. In der kleinsten Größenklasse, d. h. in Gemeinden mit weniger als 10.000 Einwohner lebten i. J. 1933 15,45 Proz. aller deutschen Juden; 1925 waren es noch etwa 17 Proz. — In Sachsen und Preußen hat sich der Anteil der jüdischen Großstadtbevölkerung nicht besonders erhöht, weil hier schon immer ein besonders erheblicher Teil Juden in den Großstädten lebte'. Er stieg von 1925 bis 1933 in Sachsen von 90,80 Proz. auf 91,66 Proz.; in Preußen von 75,6 Proz. auf 76,97 Proz. In Baden und Württemberg dagegen lebten unter 50 Proz. der jüdischen Bevölkerung in Großstädten. In Bayern waren 1933 49,48 Proz. der jüdischen Bevölkerung" in den Großstädten ansässig, dagegen nur etwa 20 Proz. der Gesamtbevölkerung. " Am güristigsten stellte sich ■ die Verteilung der Juden in Hessen, wo die Gesamtbevölkerung der Großstadt Mainz weniger , als?/io der Einwohner Hessens ausmachte, die jüdische weniger als 15 Proz. Wenn, man berücksichtigt, daß in Bayern, Baden und Württemberg der Anteil der' Einwohner der Großstädte an Hder' Gesamtbevölkerung nur 17 bezw. etwa 15 Proz. betrug, so war im Lande Hessens die Verteilung der jüdischen Bevölkerung am ausge- ,] glichensten. Bei dieser Betrachtung sind die Hansegroßstädte auszuschalten, da die überwiegende Mehrheit der Gesamtbevölkerung wie der jüdischen Einwohner in ihren Mauern lebt. Jüdischer Kalender. Die Zeit der jüdischen Kalender ,ist um Roschhaschana. Die Israelitische Taubstummenanstalt Berlin-Weißensee (Verein Jedide Ilmim) macht darin eine Ausnahme. Sein jetzt zum bürgerichen Jahresbeginn erschienene Wandkalender ist aber nichtsdestoweniger jüdisch, sogar gutjüdisch — sowohl mit Hinblick auf die Bilder, die allesamt Erzeugnisse jüdischer Kunst sind, wie auf das komplette jüdische Kalendarium Der Kalender wird der Anstalt, die alle Unterstützung verdient, neue Freunde zuführen. Die Stadtverwaltung von Tel Awiw hat in .den Monaten: Januar bis September 1934 1611 Baubewilligungen erteilt, die insgesamt 10.122 Wohnräume und 200 Geschäftsläderi im Gesämtausmaß von 318.978- Quadratmetern betreffen. In dem gleichen Zeiträum des Vorjahres wurden 1698 Baubewilligüngen für 7098 Wohn- und 199 Geschäftsräume mit einer Gesamtfläche von 240.639 Quadratmetern ausgegeben. Der Wasserverbrauch in Tel Awiw betrug im September 1934 484.659 Kubikmeter gegenüber 382.405 Kubikmetern im September 1933. In den Monaten Juli ibis September. 1934 wurden in Tel Awiw 863 Geburten und 122 Todesfälle verzeichnet. Im Jahre 5694 "wurden in Tel Awiw 1374 Ehen geschlossen (i. J. 5693 bloß 193), die Zahl der Scheidungen 329 gegenüber 212 i. J. 5693. Die Baustoff-Industrie in Palästina bemüht sich, dem gesteigerten' Bedarf' nachzukommen. In und bei Tel Awiw sind heue Baumaterialien-Fabriken im Entstehen. Die erste Silikat-Fabrik stellt jetzt bei ununterbrochenem Betrieb täglich 80.000 bis 100.000 Silikat-Ziegel her. Neue Fabriken werden auch : im Emek-Sebülun bei Haifa gebaut,: um die Versorgung dieser aufstrebenden Stadt mit Silikat-Ziegeln, sicherzustellen. ' ' (Der Ausweg.) Unter dem Titel „Der Ausweg" beginnt in Paris, 20 rue Chauchat,. eine neue, anscheinend als Monatsheft gedachte Zeitschrift zu erscheinen, die sich mit allen Fragen der Auswanderung, der Berufsumschichtung und der Siedlung befassen will. Das erste uns vorliegende Heft, an dessen Spitze der Hohe Kommissar für Flüchtlingsfürsorge beim Völkerbund ein Geleitwort für die Zeitschrift veröffentlicht, macht einen günstigen Eindruck. Das an sich etwas trockene und eintönige Thema wird in einer Reihe von sachkundig und dabei keineswegs langweilig geschriebenen Abhandlungen umschrieben. R. Lambert, Paris verbreitet sich über die Mentalität des Emigranten, ein Ungenannter in einer mehr theoretischen, recht tiefsinnigen Studie über die Begriffsbildung des Auswanderungsproblems, während aus Dänemark recht interessante Erfahrungen bei der Umschichtung der Emigranten in einem dort zu diesem Zwecke eingerichteten Umschulungs- , betrieb mitgeteilt werden. Josef Löwy, Haifa schreibt über philantropische, staatliche und privatwirtschaftliche Siedlung, Prof. Rheinstrom über die Grundzüge des französischen Steuerrechtes. In der „Rundschau" wird über die Aussichten der Wirtschaftsentwicklung in Palästina, Siedlungsversuche auf Cypern und Korsika und über englische Siedlungspläne für das Imperium berichtet. Gerade dieser letztere Bericht, der bisher in der Oeffentlichkeit kaum bekannt geworden ist, enthält viele interessante Momente, die auch bei der Beurteilung der jüdischen Siedlungsfragen von Bedeutung sind. Nach Ansicht des englischen Regierungskomitees besteht auf den Erfolg landwirtschaftlicher-Siedlungen heute keine Aussicht, da landwirtschaftliche Massenprodukte hur zu Preisen abzusetzen sind, bei denen Siedlungen ohne' sehr bedeutende Kapitalinvestionen nicht mehr rentabel produzieren können. In einer besonderen Rubrik werden die Mitteilungen des Hochkommissars ' für Flüchtlingsfürsorge zusammengestellt. Ein juristischer Briefkasten und kleine Glossen machen den Schluß. (Jüdische Gedenkfeier am,; Königsgrabe.) Die Spitzen der weltlichen und geistlichen Mitglieder der jüdischen Synode in Jugoslavien versammelten sich am Grabe des Königs Alexander I.1,'um seinem Andenken eine Andacht zu widmen. Es hatten ■sich''etwa' 350;Repräsentanten des Judentums in Jugoslavien in Belgrad eingefunden, wo sie. die gemeinsame Fahrt zur letzten Ruhestätte des ermordeten Königs unternahmen. An der Spitze der Delegation, "der sämtliche Mitglieder des Zentralaussch.usses des Bundes der: jüdischen Gemeinden, zehn Rabbiner und die Mitglieder der Präsidien, von 410 im Gemeindeblinde organisierten Gemeinden, -angehörten, schritten der Großrabbiner Dr. A 1 k a 1 a y und der Präsident des Gemeindebundes Dr. Pops. Vor der Grabeskirche wurden Gebete in hebräischer Sprache gesprochen. Dies ist der erste Fall in Jugoslavien, daß Rabbiner vor einem andersgläubigen-Heiligtum Gebete verrichteten. Nach dem Gottesdienste begaben sich die Vertreter des jugoslavischen Judentums in die Königsgruft, wo der Präsident Dr. Pops eine längere Ansprache über die Bedeutung des Wirkens des verblichenen Herrschers hielt. Er sagte: Die Juden Jugoslaviens werden den Idealen König Alexanders treu bleiben. Wie die anderen Bürger werden auch die Juden dem jungen König Peter II. Treue und Liebe bewahren. Die Delegation legte am.Grabe des Königs Alexander einen kunstvoll gearbeiteten silbernen Kranz' nieder.

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