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Der Israelit · 1934-12-06 · Heft 49 (6.12.1934) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 49 (6.12.1934)
Date
1934-12-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 49 1934 Josef von Sevilla. Erzählung aus der Zeit der Inquisition. (Fortsetzung.) „Du weißt natürlich auch, wohin sie geflohen sind," Keine Antwort erfolgte. „Wenn du nicht reden willst, so werden wir dich schon durch dis Folter zum Reden bringen. Man bringe die Instrumente! Noch ist 2s Zeit," wandte er sich noch einmal an Manuel, „rede!" ,,Nein," antwortete Manuel mutig, „durch nichts werdet ihr mich zwingen meine Brüder zu verraten." Unbarmherzig tat . der Scharfrichter seinen Dienst. Doch nicht ein Zucken der Wimpern verriet, daß Manuel überhaupt Schmerzen litt. Er sah ruhig vor sich hin und nichts konnte ihn veranlassen, den Mund zu einer Aussage zu öffnen. Wütend sah der Inquisitor und sah das Volk den mutigen Mann, der Schmerzen und Qualen in einer unerhörten Art widerstand. So viel ritterlichen Mannesmut hatten die Herren in ihren eigenen stolzen Reihen selten zu bewundern. Höhnisch sprach der Inquisitor: „Ich kann warten; Wenn es dir gefällt, kannst du schweigen, solange deine Kraft ausreicht . . ." Doch nicht mehr lange dauerten die Qualen, eine tiefe Ohnmacht umfing seine Sinne und bewußtlos brach er zusammen. — Für heute mußte die Verhandlung unterbrochen werden, und man brachte den bewußtlosen Manuel in seine Zelle zurück. — Nach allen Seiten wurden Reiter geschickt, um den Flüchtlingen nachzusetzen. Doch erfolglos kehrten sie zurück. Sie waren und blieben verschwunden. VI. Verzweiflungsvoll und jeden Augenblick gewärtig, das Schicksal des Vaters teilen zu müssen, saßen die Gattin und Tochter Manuels am Tage nach der Gefangennahme schweigend und teilnahmslos gegen alles andere in ihrem Zimmer. Der Ausgang des ersten Verhörs war ihnen hinterbracht worden, und hoffnungslos blickten sie in die Zukunft. Was sollten sie, die beiden hilflosen Frauen, jetzt ohne Schutz beginnen. Konnten sie nicht auch jeden Augenblick nach dem Gefängnis geschleppt werden? Wer war da, der sie retten konnte? Sie wußten wohl, daß die Gefährten Manuels entkommen waren, doch Hatten sie sicherlich nicht so viel Zeit gehabt, auch ihre Familien in Sicherheit zu bringen. Da wurden sie in ihrem. Hinbrüten von einer Dienerin unterbrochen: „Don Jüda wünscht die Damen zu sprechen," „Gehe in 'dein Zimmer, Mutter," wandte sich Selma an ihre Mutter, „ich kenne deinen Widerwillen, gegen Juda. Was wird er wollen? Sollte er am Ende einen Weg zur Rettung wissen?" Schweigend entfernte sich ihre Mutter und gleich darauf trat Juda durch die andere Tür ein, „Es ist gut, daß ich dich allein treffe, Donna Selma, Es ist eine wichtige Angelegenheit, wegen der ich herkomme. Dein Vater ist gefangen, mit ihm alle seine Genossen, außer mir." „Du irrst," entgegnete ihm Selma kalt, „Sie sind nicht mehr gefangen, sie sind entflohen," Sichtlich bestürzt wurde Juda bei diesen Worten, sollte sein schöner Plan scheitern? „Nur mein Vater ist noch gefangen!" fuhr Selma fort, „Vielleicht waißt du ein Mittel, ihn zu retten!" Bei diesen Worten wurde Juda's Miene wieder zuversichtlicher, doch in Selma stieg ein schwerer Verdacht auf. Weshalb wurden Alle gefangen, nur er nicht? „Sage mir, Juda, wurdest du nicht auch gefangen?" „Nein," entgegnete er lächelnd, „ich war gestern Abend nicht bei deinem Vater, Zu meinem Glücke," setzte er hinzu. Ihr Verdacht wurde iht fast zur Gewißheit, Sollte Juda von dem Anschlag gewußt haben, oder sollte er sogar der Angeber gewesen sein? Zuzutrauen wäre es diesem Menschen, der sich stets als eigennütziger, boshafter und aufdringlicher Mensch gezeigt hatte, wohl gewesen. Doch welche Beweggründe sollte er hierzu gehabt haben? Sie sollte es bald erfahren. Da fuhr Juda fort: „Der Zweck meines Besuches zu dieser Zeit ist, um mich mit dir darüber zu beraten, was du mit deiner Mutter unternehmen mußt, um von hier zu entkommen. Ich weiß ein Mittel, deinen Vater und euch zu retten. Dies Unternehmen ist gefährlich, aber wohl der Belohnung wert, die ich dafür verlange," „Wieder der alte Juda," dachte Selma, „wieder derselbe eigennützige Mensch, der nur gegen Belohnung einen Menschen rettet," „Und was verlangst du für die Rettung?" frag Selma kalt. „Dich," rief Juda leidenschaftlich, „Dich, mein geliebtes Mädchen, mein größtes Sehnen und Verlangen, für dich gehe ich durchs Feuer, um deinen Vater zu befreien." Also darauf hin hatte er gezielt. Schaudernd wandte sie sich von diesem niederträchtigen Menschen ab. Ihre Vermutung war ihr jetzt Gewißheit, er hatte seine Genossen verraten, um jetzt diese Belohnung erpressen zu können. Doch er sollte erfahren, daß sie ihn durchschaut hatte. „Hinweg, Verräter!" schrie sie Juda an, der Miene machte, sie an sich zu ziehen. „Ich habe dein frevelhaftes Tun durchschaut; ist das dein Dank, den du meinem Vater für seine Wohltaten zollst, daß du ihn verrätst und nachher deinen Lohn einstecken willst. Hinweg, sage ich dir!" Juda hatte dies nicht erwartet; er hatte nicht geglaubt, daß sie so schnell seine Absichten erkannte. — Vorbei war jetzt seine Freundlichkeit. Was ihm auf gütlichem Wege nicht gelungen war, wollte er jetzt mit Gewalt erzwingen. Drohend wandte er sich jetzt an Selma: „Bedenke wohl, was du sagst und überlege, was auf dem Spiele steht. Denn wisse, so gut ich die Macht habe, deinen Vater zu befreien, so gut bin ich auch imstande, dich und dein ganzes Haus zu vernichten. Du hast recht," fuhr er höhnisch fort, „wenn du glaubst, ich habe deinen Vater verraten, aber nichtsdestoweniger wirst du doch die Meine, oder aber, ich führe meine Drohung aus. Ueberlege es dir wohl; ich hole mir morgen um diese Zeit deinen Bescheid." „Spare dir deine Worte, du Ungeheuer; niemals, niemals werde ich einwilligen, und sollte es unser aller Untergang sein." Sie hatte diese Worte so ruhig als möglich gesprochen, und merkte man ihr nichts an von dem Sturm, der in ihrem Innern tobte. War sie es nicht ihrer Familie schuldig, alles dranzusetzen, ihren Vater aus dem Gefängnis zu befreien und vor dem Feuertode zu retten, mußte sie sich nicht selbst opfern, um dies zu erreichen? Sie hatte ja Zeit bis morgen; aber was konnte sie morgen anders sagen, wenn nicht ein Wunder geschah?! „Ich bin wohl jetzt hier überflüssig," sagte Juda gereizt, „bis morgen hoffe ich jedoch bestimmte Antwort von dir zu bekommen, sonst wehe dir und deinem ganzen Hause." Selma würdigte ihn keiner Antwort- Stolz und siegesgewiß entfernte sich Juda aus dem^iause, das er durch seinen Verrat in eine Stätte des Unglücks verwandelt hatte. Unterdessen hatten die entflohenen Genossen Manuels ruhig und unangefochten ihre Flucht fortgesetzt. Ihr Plan war, auf dem kürzesten Wege eine Hafenstadt zu erreichen, um nach Deutschland oder Holland zu entkommen. Das Glück war ihnen hold und glücklich gelangten sie, ohne angehalten zu werden, bis nach Malaga, wo gerade ein Schiff nach Holland abging. Nur Josef war mit noch einigen Jünglingen in der Stdat zurückgeblieben. Sein erstes Ziel war das Haus Don Manuels. In welcher Fassung fand er hier Mutter und Tochter vor. Soeben hatte sich erst Juda entfernt, und zornerfüllt hörte Josef den Bericht Selma» an, Er schwor Juda blutige Rache. Zunächst harrten jedoch wichtigere Dinge seiner. Auf seine Veranlassung wurde das Nötigste auf Pferde gepackt, Manuels Gattin nahm ihr sämtliches Barvermögen an sich, und als die Nacht hereingebrochen war, setzte sich ein kleiner Reiterzug von dem Hause Manuels aus in Bewegung, Lautlos verfolgten sie ihren Weg, nur hie und da unterbrach ein unterdrücktes Schluchzen Seimas die Stille der Nacht, Wie war doch das Unglück über sie hereingebrochen? Gestern waren sie noch alle vereint in ihrem glücklichen Heim, und heute mußten sie ohne den Vater die schöne Heimat verlassen, um nie wieder zurückzukehren. Endlich hatte man ein kleines Dorf erreicht, wo Josef bei einem seiner Glaubensgenossen bereits ein vorläufiges Unterkommen für Mutter und Tochter gefunden hatte. Stumm verabschiedete sich nun Josef, begleitet von den Segenswünschen und dem Danke der Geretteten. Nachdenkend schlug er den Weg nach der Ruine an, wohin er heute die mit ihm verbündeten Jünglinge geladen hatte. — VII. Bald hatte Josef die Ruine erreicht. Laute Freudenrufe seiner Freunde begrüßten ihn. Nach allen Seiten freundlich grüßend trat er auf den im Hintergrunde stehenden Elieser zu. „Nun, mein Freund, habe ich Recht behalten?" „Du hattest Recht, Josef," entgegnete er ihm, „jetzt sehe ich es erst recht ein." Nach diesen Worten wandte sich- Josef an seine ungeduldig wartenden Genossen. „Meine Freunde! Seitdem wir zum letzten Male beisammen waren, hat sich Großes ereignet. Durch Verrat wurden unsere sämtlichen Brüder in Sevilla eingekerkert. Die meisten sind wieder entflohen; nur Einer von ihnen, aber der Edelste, Don Manuel, schmachtet noch im Gefängnis, Er soll und muß befreit werden, und habe ich euch deswegen hierherberufen. Aber noch wegen eines anderen Grundes. Wir wurden verraten. Ihr fraget nicht, wer der Verräter ist, aber ihr sollt zs wissen. Der Verräter war einer unserer Brüder und heißt Juda! Ihr kennt ihn wohl. Bei der letzten Versammlung wurde ich gefragt, warum ich ihn nicht ins Vertrauen zog? Nun, ich hatte recht, daß ich ihm mißtraute?" (Fortsetzung folgt.)

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