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Der Israelit · 1934-12-06 · Heft 49 (6.12.1934) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 49 (6.12.1934)
Date
1934-12-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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6. Dezember 1934 Der Israelit Nr. 49 Seite 9 Studenten Grotkowski, der vor zwei Jahren bei einer Schlägerei in einer Lemberger Kneipe getötet wurde, kam es am 27. November in Lemberg zu schweren antisemitischen Ausschreitungen. Versuche, während des Zuges zum Friedhof jüdische Passanten anzugreifen, .wurden zwar von der Polizei verhindert, die die Studenten auseinandertrieb. Nach der Rückkehr vom Friedhof, sammelten sich jedoch wieder größere Gruppen von Demonstranten, demolierten ein jüdisches Geschäft in der Lyczakowergasse. und überfielen den 59jährigen Saul Kemmer, der einige Rippenbrüche davontrug, und den 53jährigen Israel Rattner, der gleichfalls erheblich verletzt wurde. Mehrere andere Juden wurden schwer mißhandelt. Erst nach einiger Zeit wurden die Exzedenten von der Polizei zerstreut, Am Nachmittag wurden die Fensterscheiben der Universität und der Technischen Hochschule, vor denen Bomben zur Explosion gebracht wurden, durch den entstandenen Luftdruck zertrümmert. Abends war die Ruhe wieder hergestellt. Lettland. Jüdische Schüler in Lettland vom Unterricht an Sabbattagen befreit. Riga, 2. Dez. Der lettländische Unterrichtsminister hat auf Grund eines ihm vom Referenten für jüdische Angelegenheiten übergebenen Denkschrift die Befreiung dei' jüdischen Schüler an lettischen Volksschulen vom Unterricht an Sabbattagen verfügt. Die Befreiung erfolgt, falls von den Eltern ein entsprechendes Gesuch an die Schulleitung gerichtet wird. Der Erlaß ist von besonderer Bedeutung, da in diesem Jahre besonders viele jüdische Kinder in lettischen Schulen eingeschrieben ,-wurden. Was geht in Lettland vor? R i g a , 26. Nov. Ueber die jüdische Lage in Lettland ist folgendes zu sagen: Seit der Umwälzung im Mai 1934 sind mit allen anderen Minderheiten auch die Juden vollkommen beiseite geschoben. Keine einzige Stadtverwaltung hat noch einen jüdischen Vertreter. In Riga, wo die jüdische Bevölkeurng 12 Proz. ausmacht, befanden sich früher unter den hundert Stadträten acht Juden, heute kein einziger mehr. So auch in D w i n S k und allen anderen Städten und Städtchen. Im Kampfe gegen die fremden Sprachen mußten alle jüdischen und hebräischen Schilder an den jüdischen Geschäften verschwinden. Bei der Entfernung von Juden aus Aemtern und wirtschaftlichen Stellungen macht es keinen Unterschied, ob diese Juden den Rechts¬ und Linksparteien angehörten. Die Bewegung zur Besserstellung des Bauernstandes geht auf Kosten der Stadtbevölkerung, d. h. der Juden. Die Gesetze zur Regelung von Ein- und Ausfuhr verfolgen samt und sonders die Tendenz, die Juden zu verdrängen und den ganzen Handel in lettische Hand zu spielen. Die Verstaatlichung des Versicherungswesens nahm einer großen Reihe von Juden ihre Existenzmöglichkeit. Die Herausdrängung jüdischer Aerzte aus den Krankenkassen nimmt täglich zu. Zu all dem kommt die Zwangssonntagsruhe, die jetzt im Gegensatz zu den früheren Zeiten in ganz Lettland mit aller Strenge durchgeführt wird. All dieses wirkt zusammen, daß sich die Lage der Juden in Lettland von Tag zu Tag mehr verschlimmert. In einigem Widerspruch zu diesem Berichte steht eine Rede des Ministerpräsidenten Ulmanis, die er am 21. November in Mitau bei einer Erinnerungsfeier an die Befreiung Kurlands vor 15 Jahren hielt. Zum erstenmal seit dem Uebergang Lettlands zur autoritären Staatsform sprach der Ministerpräsident in aller Oeffentlichkeit seine Anerkennung über die loyale Mitarbeit der nichtl.ettischeti Völksgruppen am lettischen Staate aus. Mit allem Nachdruck betonte er, daß die lettische Regierung keinen zurückweisen würde, der an der produktiven Arbeit im erneuerten Lettland teilzunehmen gewillt sei. Die Woche. Nürnberg . Unter der Ueberschrift,.Nürnbergs Hindenburg-Hochschule j u d e n f r e i" meldet die „Fränkische Tageszeitung", daß die Hindenburg-Hochschule in Nürnberg als eine der ersten deutschen Hochschulen vollkommen judenfrei sei. Die Zeitung unterstreicht die ungeheure Bedeutung dieser Meldung für den Fortschritt in der Lösung der Judenfrage und für die Realisierung des Leitsatzes Julius Streichers: „Ohne Lösung der Judenfrage, keine Erlösung des deutschen Volkes." Kassel. Der Landespressedienst des „DNB." teilt aus Kassel mit: ,,Die Staatspolizei hat einen jüdischen Seifenhändler aus Rhoden (Kreis Arolsen) in Schutzhaft genommen, weil er erhebliche Unruhe in die Bevölkerung getragen und die wirtschaftliche Aufbauarbeit des Staates dadurch gestört hat, daß er zur Steigerung seines Umsatzes behauptete, die Seifenprodukte würden teurer und schlechter." Wien. An verschiedenen Stellen der Stadt wurden trotz Beschlagnahme des Ritualmordbuches nächtlicehrweise Ritualmordplakate angebracht. Warschau. Der Radikalnationale Wladislaw C e s z - 1 i n s k i, der im Sommer 1934 die Rabbiner Silberstein, Onfanger und Reinerman auf der Weichselbrücke beschimpft und mißhandelt hat, wurde vom Gericht für diese Tat zu drei Tagen Gefängnis verurteilt. — Auf einer Landstraße bei Opoczno wurden auf einem Bauernwagen die beiden jüdischen Kaufleute S ü ß k i n d und Kaufmann, sowie die Mutter des Kaufmann tot aufgefunden. Die von der Polizei eingeleitete Untersuchung ergab, daß die jüdischen Kaufleute von unbekannten Tätern überfallen, beraubt und ermordet wurden. Riga, Aus Anlaß der 150 Jahrfeier der ältesten Synagoge Lettlands in Mitau übersandte Minister^ Präsident U 1 m a n i s an die dortige jüdische Gemeinde ein Glückwunschtelegramm, das mit den Worten „Ma towu oholecho jakow" beginnt. Bukarest. Hier ist der griechisch-orthodoxe Metropolit Pimen, der ein großer Freund und Annehmer der rumänischen Juden war, gestorben. Die rumänische Judenheit veranstaltete Trauerkundgebungen zu seinen Ehren. — Die Judenemanzipation in Rumänien besteht jetzt genau 15 Jahre. Aus diesem Anlaß veranstaltete die Bukarester jüdische Jugend einen Festabend. Lemberg. Bei der soeben erfolgten Konstituierung des neugewählten S t a d t r a t s . von Lemberg fiel das Amt eines der beiden V i z e b ü rgermeisters an den von der jüdischen Bevölkerung vorgeschlagenen Kandidaten Dr. C h a j e s. Paris. Die Weltkonferenz der Zionisten-Revisionisten wurde für den 9. Januar 1935 nach Krakau einberufen. London. Das englische Königspaar hatte zu den Feierlichkeiten anläßlich der Vermählung des Herzogs von Kent eine Anzahl hervorragender jüdischer Persönlichkeiten, unter ihnen den Oberrabbiner J. H. Hertz, Lord R e ad i n g und die Mitglieder der Familie Rothschild, geladen. Diese nahmen auch an dem offiziellen Empfang für die Ehrengäste — vorwiegend Fürstlichkeiten aus den regierenden Häusern Europas — teil. Rom. In Rom ist eine Internationale päpstliche Akademie für römisches Recht ins Leben gerufen worden. Auf die Frage des ITA-Vertreters, ob in diese Academia „jüdische wissenschaftliche Autoritäten auf diesem Gebiet und insbesondere „Nichtarier" aus Deutschland sofort berufen werden sollen, wurde die Antwort erteilt, daß die Auswahl der Gelehrten für die Akademie vom Papst und der päpstlichen wissenschaftlichen Akademie getroffen werde, und diese sich in ihren Entschließungen nur von der Berücksichtigung der wissenschaftlichen Qualitäten der Kandidaten leiten lassen und jüdische Gelehrte auf dem Gebiete des römischen Rechts eine Berufung als Lehrer an der neuen Rechtsakademie erhalten werden. Haifa. Die bei Haifa errichtete erste große Eisengieß er e i Palästinas, an deren Leitung auch Juden aus Deutschland beteiligt sind, hat den Betrieb bereits aufgenommen. Jerusalem. Von den für das Halbjahr Oktober 1934 bis März 1935 bewilligten 7500 Palästinaeinwanderungs-Zertifikaten sind 5600 für Männer und 1900 für Frauen bestimmt. „Wir müssen tatsächlich," so schloß der Ministerpräsident, „mit allen zusammengehen, da wir in der Realpolitik keinen Teil der Einwohnerschaft unseres Landes deshalb vernichten können, weil er einem anderen Volkstum angehört." England. „Near east and India" über die Zurückstellung des Legislative Council-Plans. London, 29. Nov. „Near East and India", das Organ des britischen Kolonialamtel, führt in einem Bericht aus Jerusalem die Meldungen über einen angeblichen Entschluß der Palästinaregierung, vorläufig nicht an die Verwirklichung des geplanten Legislative Council heranzugehen, auf die Neuorientierung der arabischen Politik nach der Niederlage des früheren Bürgermeisters von Jerusalem, Raghed Bey Nashashibi, bei den letzten Stadtratswahlen zurück. Diese Niederlage habe auch dazu geführt, daß die Anhänger der Nashashibi- Partei, mit deren Beteiligung am Legislative Council die Regierung gerechnet hatte, jetzt nicht mehr bereit sind, in eine solche Körperschaft einzutreten. Es sei somit im Hinblick darauf, daß jetzt nicht nur die Juden, sondern auch die Araber gegen die Einsetzung des Councils sind, eine völlig neue Situation geschaffen worden. Frankreich. Paul Boncour für internationalen Kamp! gegen den Antisemitismus. Paris, 30. Nov. Auf dem Schlußbankett des Kongresses der Internationalen Liga gegen den Antisemitismus hielt der frühere Ministerpräsident Paul B o n c o u r eine Rede, die der er sich für den Schutz der jüdischen Minderheiten einsetzte und auf die Schritte hinwies, die von französischer Seite zur Erreichung dieses Schutzes unternommen worden seien. Von gewissen Maßnahmen werde zu Unrecht behauptet, daß sie ausschließlich eine innere Angelegenheit des betreffenden Staates darstellten und die anderen Länder nichts angingen. Der Redner erklärte, daß er für den internationalen Kampf gegen den Antisemitismus eintrete, denn ein solcher Kampf sei in seinen Augen nichts anderes, als ein Teil des Kampfes gegen die Erschütterung der allgemeinen Rechtsauffassung. — Die Rede Paul Boncours wurde durch Rundfunk übertragen. Rußland. Jüdische Religiosität in Sowjetrußland läßt sich nicht niederkämpfen. Moskau, 30. Nov. In dem ukrainischen Kreis Winitza, der eine jüdische Bevölkerung von über 400.000 Seelen besitzt, sind offizielle Untersuchungen über die Lage der Juden in den Kleinstädten durchgeführt worden. Die Untersuchung" erstreckte sich auf die verschiedensten Städtetypen, auf Städte mit vorwiegend industriellem Charakter, ausgesprochene Landstädtchen, in denen die Agrarwirtschaft die Hauptrolle spielt, und auf Ortschaften ohne besondere ökonomische Prägung. Bemerkenswert ist, daß in den Berichten der Untersuchungskommissionen darüber geklagt wird, daß, abgesehen von der Schule, in den Städtchen keine sogenannte Kulturarbeit geleistet wird. Der Einfluß der „klerikalen Elemente" sei noch sehr stark. Das Städtchen Schatowe z. B. mit seinen 85 jüdischen Familien, von denen 74 im landwirtschaftlichen Kollektiv organisiert sind, hält sich einen Rabbiner, einen Vorbeter, einen Schächter und einen „Melamed" (religiöser Jugendlehrer), der einem „Cheder" (religiöse Kinderschule) vorsteht. Das schönste Gebäude im Städtchen ist die Synagoge. Der einzige „Fortschritt" in Schatowe — so heißt es ironisch in dem Bericht — ist der, daß an der „Misrach"- Wand in der Synagoge heute nicht mehr der „Gewir" (reiche Bürger) des Städtchens, sondern der Vorsitzende des Kollektivsden Ehrenplatz hat. Im übrigen wird festgestellt, daß in wirtschaftlicher Hinsicht das jüdische Städtchen in der Ukraine sein WittHJIililJiHINjEara.FlBilHJSff

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