Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1934)
- Date
- 1934-12-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 49 Der Israelit 6. Dezember 1934 man als frommer Jude gar nicht gebildet sein könne, also auch ein g&bildeter Mensch kein strenggläubiger Jehudi sein könne. Und wer wollte nicht als gebildet gelten, wer wollte sich nachsann lassen, daß er nicht auf der Höhe europäischer Kultur stehe! bxw> bw |mKj •»jdö rm ^sa wqi naan annoaa .»"niKV mnn ona nbow Und der Schöpfer des jüdischen Volkes klagt im Verborgenen um den jüdischen Stolz, der aus seinem Volke geschwunden ist, denn dies ist der tiefste Grund, wenn er auch vor dan Augen der Menschen verborgen ist, für den Verfall jüdischen Lebens. G'tt allein, der auch das Ver borgene sieht und kennt önriDöl Ti'^pnb lb W> 01p» IfiltP und zeigt auch seinen Großen unc Erwählten, wo die Ursachen und Quallen des Verfalls liegen. Und darin liegt die einzigartige Größe Samson Raphael Hirschs b'"^V daß ihn rrapn würdigte, in dieser Zeit tiefsten Verfalls die Hauptursache des Abfalls zu erkennen. Nicht müde wird er, den jüdischen Stolz zu wecken, das jüdische Selbstbewußtsein zu heben, die Nachahmungssucht zu geißeln, die Würde des jü dischen Menschen zu betonen, die Bedeutung wahrer jüdischer Kultur ins rechte Licht zu rücken und gegen die Umwertung aller Werte, die von den Reformern vorgenommen wurde, mit der ganzen Kraft eines Geistesriesen anzukämpfen. Gewiß ist allgemeine Bildung ein Wert, gewiß freut sich auch der Jude über den Aufschwung allgemein geistigen Lebens, aber niemals kann und darf menschliche Bildung, menschliches Wissen zum Richter über g'ttliche Wahrheit eingesetzt werden. Er stieß di2 Bildung von dem Königsthron, den sie usurpiert hatte, er duldete nicht, daß die Magd den Sitz der Herrin einnehme. Es ist sein Verdienst, daß die ^anw bw jmKä bei einam Teil der deutschen Judenheit wieder eingekehrt ist. Und wie unendlich nötig dieser jüdische Stolz, dieses jüdische Selbstbewußtsein, diese jüdische Würde gerade in unserer Zeit ist, braucht nicht betont zu werden. Und wie Hirsch in seiner Zeit die Forderung aufstellte, daß wir unsere heiligen Schriften als Juden lesen sollen, so glaube ich, daß es für unsere Jugend gar keinen anderen Weg zum Heile gibt, als Hirsch als Juden zu lesen. Unvoreingenommen und unbeeinflußt von allen möglichen Ansichten und Nichtansichten über Juden und Judentum sollen sie Hirsch lernen, um zu erfahren, was Judesein bedeutet, was das Judentum von seinen Bekennern fordert und ich bin überzeugt, daß sie aus ihm lernen werden stolz zu sein auf das alte Judentum, von dem alle saine Kritiker keine Ahnung und keine Kenntnis haben, und mögen sie auch über Kabbalah auf heiligem Boden in unheiliger Weise mit entblößtem Haupte vor barhäuptigen Jünglingen und vor mehr oder minder bedeckten Jungfrauen Vorlesungen halten. Der Sinn jüdischer Mystik, die Seele der jüdischen Geheim-, lehre, erschließt sich sicher nur jüdischen Mensehen, deren ganzes Leben geheiligt und geweiht ist durch treue Pflichterfüllung und durch ein intensiveres jüdisches Leben, als 'wir im Allgemeinen zu führen in der" Lage sind. Und dies sei auch einem ■ Kreise aus unserem eigenen Lager "gesagt, der sicherlich in der besten Absicht gerne über Hirsch hinausgehen möchte, und in dar Pflege der jüdischen Kabbalah das Heil für unsere Jugend und für unsere Zukunft erblickt. Ich kenne die jüdische Kabbaloh nicht, abero^pT» pianX' ich hörte es von meinen großen Lehrern 27"J> daß diese nnnDJ niemals Gemeingut des ganzen jüdischen Volkes werden können, daß sie nie und niemals als Bildungselement für die Jugend in Frage kommen können. Bevor man nicht rrpDlDl D'"tZ7 inne hat, sind die Tore, die in die Geheimgemächer der Thora führen, verschlossen. Die Jugend will Wahrheit und Klarheit über das Judentum, will vor allen Dingen Wahrheit und Klarheit über sich selbst und über ihre Aufgabe und diese Klarheit kann sie aus Hirsch schöpfen, wenn sie in jüdischem Geiste und mit dem ehrlichen Willen zum Judentum sich in sein Werk vertieft. Es ist nicht wahr, daß dieses Werk den flachen aufklärerischen Rationalismus lehrt. Dieses Werk ist jüdisch in des Wortes wahrster Bedeutung, hat Ewigkeitswert wie die Thora selbst; hat jenen messianischen Hauch, ohne den es wahrhaft Großes im Judentum nicht gibt, König Chiskijah ward nicht n'Wa so lehren unsere Weisen, weil er keine HTE? sagte, weil er meinte: nTwn bv mssa na poiy ■»asw rmrv (vgl. w»rw moi pinjö 'oa> Die Thora ist nicht tote Wissenschaft, sondern Lebenslehre und zum Leben gehört auch Poesie, gehört jener Rausch der Begeisterung, ohne den große Schöpfungen nicht zustande kommen, ohne den die turmhohen Widerstände nicht 2u beseitigen sind. 'DM rrr a'uaarai "iai rnat-KVa ruwri In dessen Seele die min nicht zur flTlP wird, dessen Inneres nicht von der Schönheit der jüdischen Lehre und des jüdischen Lebens singt und klingt, für den leben die jüdischen Gesetze nicht und der lebt nicht für das Judentum, er ist als Jude nicht lebensfähig. Und darum nochmals die Forderung: „als Juden wollen wir ihn lesen," aus ihm und seiner Lehre Begeisterung schöpfen, damit wir als bewußte Juden leben können, stolz auf unser geistiges Erbe, beseligt durch die Weihe jüdischen Lebens, gehoben durch das Bewußtsein, teilzuhaben an der Ewigkeit jüdischer Lehre, geweiht durch tausendfältiges jüdisches Leid, das verklärt wird, indem wir-durch Hirsch lernen, mit „Jesaitischem Ohr" Geschichte zu vernehmen und endlich gewappnet durch seine wahrhaft jüdische Lebensanschauung, die iVTlfl ■ und rJT'f vereint, und die wahrhafte Erlösung bringt. Wird dieser Geist leben, so wird das Judentum leben, ganz gleich, ob im Galüth oder in der alten jüdischen Heimat, die nur jüdisch werden wird, wenn dieser Geist dort heimisch wird. Vorerst kommt noch trübe Kunde von dort; die seichte aufklärerische Periode der fast überwundenen deutschen Haskalah scheint sich dort breit zu machen, nur anstatt daß man in der Sündenmaienblüte der deutschen Reform bestrebt war, Zion und Jeruscholajim zu entfernen, man dort bestrebt ist, die Gebetbücher aus Zion und Jeruscholajim zu entfernen, und anstatt man hier das Hebräische aus den Synagogen bannen wollte, weil das Hebräische als heilige Sprache galt, dort bewiesen wird, daß hebräisch und heilig nichts miteinander zu tun haben. Und galt früher den deutschen Juden als Devise: „Sei Jude in deinem Hause und Mensch draußen," so gilt dort vorerst die Devise: „Sei Jude auf der Straße und Heide in deinem Hause", d. h, daß man sich wohl Jude nenne, aber nicht Jude sei, denn Judesein bedeutet ja: Leben nach den Vorschriften der Thora, Verwirklichung der Thora im Leben. Das ist Thora im Derech-Erez, und es gibt keinen anderen Weg zum Heile, als daß diese Devise uns heimbegleite in unsere Heimat und uns dort die wahre Erlösung bringe. * v-^- S m Korrespondenzen. Deutsches Reich. Die jüdische Wohlfahrtspflege im Bezirk Rhein-Main. Frankfurt a. M., 27. Nov. Eine Tagung des Provinzialverbandes für jüdische Wohlfahrtspflege für Hessen-Nassau und Hessen fand im Gemeindehaus in Hanau a. M. statt. Der Provinzialverband hatte in der Zeit vom April bis Oktober 1934 etwa 37.000 Mk. Einnahmen und bei einem Umsatz von 68.000 Mk. etwa 34.000 Mk. Ausgaben. Die besondere Lage in Hessen-Nassau hat dazu geführt, daß die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden den Bezirk zum Notstandsgebiet erklärt hat. Es wurde betont, daß jüdische Stellen immer erst dann sich der Wohlfahrtspflegefälle annehmen, wenn Mittel der öffentlichen Wohlfahrt, auf die ein Rechtsanspruch besteht, nicht erhalten werden können. Besonders umfangreich war die Arbeit in der Berufsumschichtung; im Oktober wurden allein über 60 Fälle auf diesem Gebiet bearbeitet. Die Umschichtung in. den Frankfurter Lehrwerkstätten und in einzelnen Lehrstellen erfordert monatlich Mk. 2000. In Zusammenarbeit mit anderen Organisationen-mußten auch einige aus dem Rahmen der eigentlichen. Arbeit herausfallende Gebiete, wie Schulfragen usw. behandelt werden.; Die Vertreterin der Zentralwohlfahrtsstelle, -Frl. Trude Blank, erörterte die Schwierigkeiten bei der Finanzierung der Wohlfahrtspflege. .Die , Probleme, die sich hieraus ergeben, sind nicht nur durch die Ueberalterung, sondern vor allem aus der Berufshäufung und der Berufsschichtung der jüdischen Bevölkerung bedingt. Die Nachbarschaftshilfe wird in Zukunft mehr organisiert werden müssen. Eine Binnenwanderung sei nur in einzelnen Fällen bei Handwerkern möglich. Die Fortführung der Umschichtungslehrstäiten ist gesichert; Neuaufnahmen sind aber zurzeit ausgeschlossen, was insbesondere für Mitglieder von Kleingemeinden hart sei. Die „Säuberung". Berlin, 21. Nov. Die „Deutsche Zeitung" befaßt sich in ihrem Wirtschaftsteil mit der Stellung der Juden in der deutschen Wirtschaft. In dem Aufsatz heißt es: „In der letzten Zeit konnte man in den Diskussionen der Oeffentlichkeit immer wieder feststellen, welche große Bedeutung man der Rolle der Juden in der Wirtschaft beilegt. Vielleicht mag das bevorstehende Weihnachtsgeschäft dabei stark mitsprechen; aber auch sonst sind Klagen zu hören, die darauf hinauslaufen, daß die Ausschaltung der Juden in der Wirtschaft noch recht mangelhaft ist." Der Aufsatz rügt, daß „große und gute deutsche Firmen im Ausland noch weitgehend Juden als Vertreter führen. Gewiß mag es nicht immer leicht sein, im Hinblick auf u/iseran schweren Exportkampf hier Auswechselungen vorzunehmen, aber bei gutem Willen und bei hinreichender Geschicklichkeit wird dies gelingen; denn es geht nicht an, daß die Wirtschaft des dritten Reiches von Personen der Rasse vertreten wird, die uns seinerzeit in die Katastrophe hineingetrieben hat." Der Aufsatz kommt weiter auf die Stellung der Juden im Inlande zu sprechen, wo das Problem der Strohmänner und Hintermänner eine große Rolle spiele. Das Problem der Säuberung der deutschen Wirtschaft habe zwei Seiten, heißt es weiter, Einmal sei die restlose Ausschaltung von Juden in leitenden Positionen erforderlich. Auf der anderen Seite gehe es um die Ausschaltung des jüdischen Geistes in der deutschen Wirtschaft, von dem bekanntlich sehr weite Kreise Deutschblütiger seit Jahrhunderten infiziert worden seien. Dies sei der Kampf gegen die liberalistisch'e Wirtschaftstheorie und gegen das liberalistische Wirtschaftssystem, die ihre Wurzeln im jüdischen Geist haben. An der Wirtschaftsgeschichte Deutschlands könne man den Kampf der beiden .Wirtschaftsauffassungen, der zugleich ein Kampf zweier Rassen um die Führung . der Wirtschaft in Deutschland darstellt, verfolgen. Das römische Recht, so wird weiter ausgeführt, sei der Grund für die Erstarrung der stets gebunden gewesenen Wirtschaft der Deutschen im Spätmittelalter gewesen. „Dadurch schaffte das römische Recht den Nährboden für die erste Infektion der deutschen Wirtschaft mit jüdischem Geiste." Schließlich habe jüdischer Geist und jüdischer Einfluß das letzte Tor gesprengt, als die Gewerbefreiheit proklamiert wurde. „So ist der Liberalismus bezw. Kapitalismus mit seinem sog. freien Spiel der Kräfte, das in Wirklichkeit ein chaotisches Spiel ist, die Wirtschaftsform; der Juden und aller der Kreise, die diesem jüdischen Denken erlegen sind, während die geordnete bezw.; gebundene Wirtschaft die Ausdrucksform urdeutsches Wesens ist." Der Aufsatz behandelt sodann dies Stellung des deutschen Menschen, der sich seelisch mit Volk und Vaterland verbunden fühle, weshalb