Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1934)
- Date
- 1934-12-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 49 Der Israelit 6. Dezember 1934 nicht unseres Amtes, sine übermäßige Jubiläums freudigkeit mit der alten Frage des weisen Kohelelh nuny IT na nnnwf? zu stören. Für den historisch denkenden Menschen ist aber dieses rauschende Fest eine gewisse Herausforderung. Ruft ihm doch schon der Name „Phiiantropin" jenes gewiß nicht unwesentliche Frankfurter Glied in der Kette des neühellenistischen Zerstörungswerkes ins Gedächtnis, das damals, in der nachmendelssohnschen Zeit, flutartig in ganz Deutschland und übetseine Westgrenzen hinaus einsetzte, und in der Mainsiadt unter der Sonne Napoleons einen ganz besonders aufgeiockarten Boden fand. Als Bollwerk der neuen Bewegung, die eingestandenermaßen den Zweck verfolgte, „Israels Söhne die Thora vergessen zu lassen und sie von den Gesetzen seines Willens abzubringen", entstand gegen Ausgang des Jahres 1804 das „Phiiantropin", um sich gleich darauf, kaum daß der große Rabbi Pinchas Horowitz, „Baal Haflooh" genannt, die Augen geschlossen hatte, als eine Schule der radikalsten Assimilation zu bewähren. Man muß die Akten nochmals nachlesen, um zu wissen, was das Datum 1804 und 1805 für Frankfurt und die ,,jüdische Kultur" im Rhein-Maingau bedeutete. Das „Phiiantropin" begnügte sich keineswegs mit der bescheidenen Rolle einer höheren Kinderschule, es wollte eine „höhere Schule dar Weisheit" für Alt und Jung sein, der Wissenschaft und Weisheit ohne Voraussetzung, ohne Gebundenheit an G'tt, Thora und Tradition. Aus dem Kreise um das Phiiantropin wurde die Brandfackel gegen die Religion und ihre Träger geworfen, die Brandfackel, die erst später, spät genug, die Schar der Treugebliebenen in Frankfurt, sefern sie sich nicht verschüchtert in die Ecke drückten,gegen die 'mw ■>j;&*> wis einstens die Makkabäer, zum Kampf für Sein und Zukunft aufrief. Schon in dar nächsten Generation konnte man jene Schule des Abfalles an ihren Früchten deutlich erkennen. Denn in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts gibt es in Frankfurt kaum noch eine Möglichkeit, rituell zu leben. Die Zahl der Jünglinge, die morgens in Tefillin und Zizith ihre G'ttverbundenheit bekunden, ist, nach Aufzeichnungen von Zeitgenossen, so gering, daß man sie an den Fingern abzählen kann, und Rabbi Salman Trier, der letzte fromme Rabbiner dar noch geeinten Gemeinde, muß eine Gutachtensammlung zur V e rteidigung der Miloh zusammenstellen — zur Verteidigung des Abrahamsbundes nicht nach außen, sondern nach innen, weil er im Kreise der modernen Juden zum großen Teile abgeschafft war. Das waren die ersten Erfolge der von Creizenach, Heß, Jost, Johlson und Konsorten gegründeten und betreuten höheren Schule. Bis dann endlich um die Mitte des Jahrhunderts dort, wo das größte geistige Trümmerfeld den furchtbaren Zusammenbruch des deutschen Judentums widerspiegelte, in Frankfurt, das neue Licht erstrahlt und von hier weckend und sammelnd, wachsend und werbend sich über den westlichen Horizont verbreitet. Wir wollen damit keineswegs selbstgefällig nur an den uns und unseren Kindern von S. R. Hirsch geschaffenen und eng umhegten Boden denken. Historisch gesehen, ist doch all das, was in der Folge an aufbauend an Kräften im Judentum der westlichen Welt, auch ohne ihn, - ja selbst gegen ihn geschaffen ward, sein Werk, naturnotwendige Entwicklung jener gesunden Reaktion, für die uns eine höhere Vorsehung den rechten Mann zur rechten Stunde geschickt hatte. Wird der Regenerator der westlichen Orthodoxie heute vielleicht nicht in allen gesetzestieuen Kreisen in gleichem Maße als der eigentliche Lichtbringer anerkannt, so war er doch zumindest von G'tt als der Schammes erkoren, um alle verschiedenen Lichter an der einen Menorah zu entzünden. Denn letzte Wahrheit ist, daß es bei aller bunten Parteilichkeit im Judentum im Grunde nu>- zwei Parteien gibt: Gesetzestreue und Gesetzesleugner: O'J'ZJ und DTBND Diesa Gegenwirkung, das Erwachen des Zeitalters S. R. Hirschs, das ist der ungewollte und ungeahnte, von Menschen nicht mehr erwartete, aber von G'tt als Posten in seinen Weltenplan eingestellte Erfolg der Philantropingründung von vor 130 Jahren gewesen. Daran zu denken und daran zu erinnern, ist für uns unumgänglich, wenn man schon durch ein an den Haaren herbeigezogenes Jubiläumsfest unsere Erinnerungen weckt. Daß im Festestrubel die Auspizien, unter denen die Schule entstanden ist, mit dem Mantel verstehender Liebe 2Ugedeckt wurden, wollen wir nicht als eine historische oder politische Unaufrichtigkeit buchen. Vielleicht eher als einen Strich hinter einer historischen Entwicklung, deren einzelne Phasen Schmerz- und Schamgefühl erwecken. Aber der Grenzstrich scheint uns nicht dick und abschließend genug; dem Fortwirken der bösen Saat von hundert Jahren noch kein wirksamer Damm entgegengesetzt zu sein. Wir wollen gerechterweise konstatieren, daß die heutige Generation mit der damaligen nicht verwechselt werden darf, und wo einzelne Unbelehrbare noch in den Fußstapfen der alten Reformer wandeln, es mehr Schicksal als Schuld ist: i^no orrniny umtn or*n ixün irmnK« Aber dennoch bewährt sich wieder das alte Wort: n"n ->*y nmm >jot v/s; jvüt .p^aa.. Sünde und Abfall zeugen immer wieder neue Abirrungen von der reinen Wahrheit. . Heute will das „Phiiantropin" von programmatischer Flucht aus dem Judentum in fremde Kulturwelten, aus der Treue in den Abfall gewiß nichts mehr wissen — stattdessen setzt es den neuen Götzen eines erträumten „Einheitsjudentums" auf den Thron und vermißt sich, von seinen Schülern aus assimilierten und aus gedankenlos gesetzestreuen Häusern als „Schule innerer Einheit erlebt." zu werden. Dieses Spiel mit der religiösen Wahrheit, das Sabbatentweiher wie Gläubige in voller Parität als vorbildliche jüdische Persönlichkeiten der Jugend zu Erziehern, und das letzten Endes — ganz gegen seine eigene politische Theorie — die Rasseschule an die Stelle der Glaubens-Schule setzt, es wird von der geschichtlichen Vorsehung; nicht minder sicher gerichtet -werden wie das Idol der Reform der Nemesis der Geschichte zum. Opfer gefallen ist. Angesichts dieser prinzipiellen Einstellung zu dem großen Frankfurter Feste, das, wie uns scheint, eine Art Schwanengesang der höheren, jüdischen Schule in Deutschland darstellt, wäre es kleinlich, an Einzelheiten Kritik zu üben. Die Veranstalter mögen mit ihrem Erfolg in organisatorischer und didaktischer Hinsicht gewiß zufrieden sein. Auf dem Felde jüdischer Pädagogik müssen aber noch andere Maßstäbe angelegt werden. Solange Pädagogik Erziehung, jüdische Pädagogik Erziehung zum Judentum bedeutet, gibt es keine „Pädagogische Woche", hinter der nicht eine Lehrerschaft steht, die das jüdische Jahr und den jüdischen Tag, wie ihn. die Thora fordert, lehrt und lebt. Das mißverstandene Chanukaiest. Kein Fest genießt in allen jüdischen Kreisen so viel Popularität wie Chanuka und kein Fest ist so mißverstanden worden wie Chanuka, obwohl der Sinn keines Festes in unserem Kalender so klar und offen vor aller Augen liegt, wie gerade der des Chanuka. Ein Blick in die jüdischen Blätter, die zu Chanuka erschienen sind» zeigt das Tohuwabohu der Mißverständnisse. „Ein Fest, das uns in die Geschichte stellt", orakelt ein Blatt. Als ob es noch eines Festes bedurfte, um unser Schifflein in die Welten der Geschichte, da wo es am wildesten brandet, hinauszustoßen! „Radikale Absage an die Assimilation," sagt ein anderes Blatt. Was aber dieses Die dünnen und die fetten jÄhren. (Eine Cbanukah-Betrachtung,) Von Rabbiner Ph. Fischer in Sarospatak. „Und es verschlangen die dünnen Aehren die sieben guten Aehren . . ." Dies war auch das Strebeziel von Antiochus Epiphanes und seiner ihr eigenes Volk verratenden jüdischen Anhänger. Sie wollten mit den dünnen, sait- und kraftlosen Aehren d?s syrisch-griechischen Götzenkultes und der hellenistischen Sinnlichkeitsvergötterung" die fetten und guten Aehren des Judentums ersetzen. Doch: „Es erwachte Pharao!" heißt es in unserer Sidrah. Auch den syrisch-griechischen Pharao: Antiochus Epiphanes haben die niedersausenden Hammerschläge der Makkabäer aus seinem süßen Traum geweckt! . . . aibn runv Er mußte einsehen lernen, daß sein und seiner jüdischen Helfershelfer Bestreben ein — Traum war . . . D j naturvergötternde,"hellenistische Weltanschauung baute und baut noch immer ihre ganze Lehre und ihr c -.nzes Dasein auf die in der Natur geheimnisvoll wirkenden Kräfte und Gesetze und auf die von der Natur den Menschen dargereichte Gaben auf. Anders aber die jüdische Lebensanschauung. Nach ihr herrscht ein mächtiges, selbstbewußtes, geistiges Wesen über die sogenannte Natur, alle ihre Gesetze und Kräfte. Und dieser G'tt verfügt in höchster Freiheit über die Natur und alle ihre Gänge. it> obw JVD-'bn Daher soll und darf auch der Mensch sein Dasein nicht ausschließlich auf das Kalkül des Natürlichen aufbauen, sondern er muß vor allem auch mit einem höheren, g'ttgesetzten Ethos rechnen. Nicht der bloße Daseinskampf hat das ganze Menschenleben auszufüllen, sondern auch höhere ideale Zwecke warten seiner. Das Heidentum verflügt bloß über die dünnen Aehren. Rechnet einzig und allein auf die ehernen Gesetze der Natur. Israel aber ist im Besitze der vollen und fetten Aehren. Ein freier, selbstbewußter G'tt ist für Israel ein unerschöpflicher Quell des Heils und der Hilfe. Auch die Natur mit ihren ehernen Gesetzen ist keine unüberwindbare Schranke für den Willen dieses G'ttes, so Er helfen will. Und nach der Lehre des Judentums winken die vollen Aehren unsterblichen höheren Seins den auf G'ttes Pfade Wandelnden. Und diesen vollen Aehren galt auch der Heldenkampf der Makkabäer. Und die ihnen gewordene wunderbare G'tteshilfe bewies abermals wie zur Pharaonenzeit, daß es eine g'ttgewollte sittliche Weltordnung gibt, die über alle Naturgesetze triumphiert. Und auch die Wahrheit wurde abermals offenbar, daß Israel der unbesiegbare Herold jener g'ttgesetzten sittlichen Weltordnung ist. Ein G'ttesherold, den G'ttes Hand für und für vor gänzlichem Untergange bewahrt. Ja, solches kündet auch die Chanukah-Menorah mit ihren Lichtlein: Wie die Menorah mit ihren Lichtlein die Finsternis verscheucht, so dringt auch das Auge G'ttes überallhin und läßt die sittliche Weltordnung triumphieren ... Das Tischlied für Sabbat Chanuka, Von Rabbiner Dr. Kaatz in Hindenburg O.-S. Ein weitverbreitetes, für den Sabbat des Chanukafestes bestimmtes Lied ist der fröhliche tat der mit den Worten beginnt naian r^ioi n->invn i^as- Die fünf Strophan des Liedes weisen das Akrostichon om38 auf, Näheres über den Verfasser ist jedoch nicht bekannt. Zunz in seiner Literaturgeschichte der synagogalen Poesie S. 539 rubriziert ihn unter den „Dichtern unbekannter Zeit." Nach J. Davidson, Ozar haschira wehapijut Nr. 3261 ist das Lied zuerst gedruckt in den aschkenasischen Machsorim Saloniki 1555 und Cremona 1560 und zuletzt in dem Werkchen „Die häuslichen Gesänge für Freitag Abend", übersetzt und mit Erklärungen versehen von Dr. Salomon Bamberger ^"ST» Provinzialrabbiner in Hanau. Frankfurt a. M. 1922. Schwierigkeiten bereitet der Refrain r.1-* ■»«« •naum ros? -pix!» .td iva tdb^ Tonn ti5»a Td Wie ist dieser Satz aufzufassen? TD ist ein biblisches Hohlmaß und TD n»a bezeichnet im Talmud ein Feld mit einem Kor Aussaat, wie Bamberger a. a- O. S. 41 in der Anmerkung erläutert. Er übersetzt den Refrain folgendermaßen: „Das Feld verkaufe, das Feld verpachte, miete ein Feld für Sabbat und Chanuka." Aber diese Uebersetzung gibt keinen guten Sinn. Man sieht nicht ein, warum man sein Feld verj kaufen oder verpachten solle, um dann wieder ein i Feld zu mieten, und welchen Zweck das gemietete Feld am Chanuka dienen sollte. Ich glaube daher, daß 1 die Stelle anders aufzufassen .ist und zwar folgendermaßen: Der Verfasser bedient sich hier eines Wortspiels. Er wendet zwar das erste Mal TD fro in der- Bedeutung Feld an. Das zweite Mal aber versteht er unter TD einen Ofen, in welchem man'die in dem