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Der Israelit · 1934-12-06 · Heft 49 (6.12.1934) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 49 (6.12.1934)
Date
1934-12-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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6. Dezember 1934 Der Israelit Nr.'49 Seite 3 ff Rechenschaft und Ausblick!" (Fortsetzung von Seite 1.) Wenn man von der tätigen Beteiligung am politischen und kulturellen Aufbau des Wirtsvolkes ausgeschlossen war, dann war es ja nur eine naturnotwendige Folge, sich auf die Werte des eigenen Volkstums oder Glaubensgutes wieder zu besinnen, Eine geistige Vertiefung in die jüdische Gedankenwelt war darum der zunächst sichtbare Ausdruck des Willens zum Judentum, Allenthalben begann man auch in nichtzionistischen Kreisen und auch in den Kreisen, die nicht als orthodox angesprochen werden durften, sich mit jüdischen Dingen zu befassen, einerlei ob es Geschichte, Philosophie oder auch nur hebräische Sprachkenntnis war. Stellenweise griff man sogar auf das „Lernen" zurück. Daß es bei den Zeitereignissen aber mehr als um äußerliche Dinge geht, daß hier sozusagen unserer Generation zugerufen wird, gebt Rechenschaft, über eure Einstellung im vergangenen Jahrhundert, das hatten bisher nur wenige erkannt. Wenn also eine große Massenkundgebung unter dem Signum der „Rechenschaft" steht und dabei in aller Klarheit die Frage aufgeworfen wird, ob die Emanzipation ein großer historischer Fehler war, so ist diese Fragestellung allein für Jeden, der die Einstellung der Kreise kennt, aus der diese Fragestellung stammt, ein ungeheurer Fortschritt. Bis jetzt hatte man die Emanzipation als solche als ein gegebenes historisch notwendiges Faktum hingenommen, an dessen Berechtigung auch nur 'zu zweifeln mindestens mit dem Vorwurf der Rückständigkeit bestraft wurde. Den „Umbruch!" sah man sozusagen als eine historische Entgleisung an. Man bedauerte im Innern mindestens die Ungerechtigkeit des Schicksals und des Geschickes, das denen zuteil wurde, die nicht gezögert hatten, ihr Judentum ihrem Deutschtum zuliebe zurückzustellen und nur herzlich wenig Anerkennung fanden. Man hoffte, daß auf irgendeine Art und Weise die früheren Opfer sich lohnen dürften. Man bedauerte, man resignierte oder man hoffte. Das war alles. " U- Nun aber fand man den Mut, die Frage zu stellen: war nicht vielleicht alles falsch? War nicht vielleicht „die Emanzipation ein großer Irrtum". Insofern scheint uns hier zunächst einmal die Fragestellung bedeutungsvoll zu sein. Noch interessanter ist die Antwort. Der Redner verweist auf zwei Dinge. Erstens weist er die Behauptung zurück, daß „das Judentum durch die Emanzipation und durch die Art, wie sie durchgeführt worden sei, gelitten habe. Denn "wer, wie alle nichtnationaljüdische Menschen, das Judentum vor allem als religiöse Gemeinschaft betrachte, könne nicht in ein Verdammungsurteil über das religiösa jüdische Leben, während der letzten eineinhalb Jahrhunderte einstimmen, sondern müsse im Gegenteil feststellen; daß es gerade Deutschland gelungen war, zum geistigen Mittelpunkt der jüdischen Religion für einen großen Teil der Welt zu werden, und daß die durch den Antisemitismus gebotene Politisierung des jüdischen Lebens eine große Reihe hervorragender, fest im Jüdischen verwurzelter Männer und Frauen hervorgebracht hat, die mit den religiösen Leuchten des Altertums und des Mittelalters es wohl aufnehmen können." Kurz gesagt, wird eben hier ausgesprochen: die Emanzipation hat nicht geschadet. Des Weiteren wird darauf hingewiesen, daß man sich bei der Beurteilung der Frage nach dem Zusammenbruch der Emanzipation nicht auf eine Betrachtung des Zustandes in Deutschland beschränken darf. Das Entscheidende für eine Behauptung, wie die vom Zusammenbruch der Emanzipation, müsse doch sein, daß auch andere Länder, gleichgültig ob sie sich zu autoritären oder demokratischen Regierungsformen zu benennen bereit seien, den Gedanken der Gleichberechtigung ihrer Bürger aufgeben. Selbst Italien habe dies nicht getan. Also, so lautet das Fazit, „wir müssen jede Dissimilation und 'Äusgliederung vermeiden, die uns nicht aufgezwungen wird." „Wir können keine Schüldfrage •untereinander aufwerfen Unauslöschlich beisteht in uns die Hoffnung auf Anerkennung des "wahren Wertes des Judentums und auf seine ■Eirireihung als gleichberechtigter Faktor in das ■ gesamte deutsche Volkstum und seine Kultur," Soweit die Ausführungen des Herrn Dr. Weil. Wir hatten geglaubt, das deutsche Judentum müsse nun den Tag für gekommen erachten, an dem es zu einer Prüfung seiner Substanz, zu einer Rechenschaft über seine Werte schreitet. Lange würde diese Frage nicht gestellt. Nun wurde!'sie gestellt — und siehe da, man entdeckte nichts weiter, als daß die letzten 150 Jahre, dem religiösen Judentum in Deutschland „nicht, geschadet" haben, daß im Gegenteil infolge der antisemitischen Strömung Männer und Frauen erstanden seien, „die es mit den religiösen Leuchten des Altertums und des Mittelalters wohl aufnehmen könnan." Eine erstaunliche Verkennung der Tatsache n.; Es mag ja zugegeben werden, daß die Polemik in Deutschland mehr gefördert wurde als in irgendwelchen anderen Ländern, Wenn man aber heute aus irgendeiner Einstellung heraus die Behauptung wagt, daß das religiöse Leben der Juden in Deutschland in den letzten 150 Jahren nicht gelitten habe, und man eine solche Behauptung unter dem irreführenden Namen „Rechenschaft" aufstellt, dann ist es an der Zeit, gegen die Behauptung Vei-wahrung einzulegen. Es soll nicht der Sinn dieser Zeilen sein, nun darzulegen, inwieweit durch die assimilatorischen Folgen der Emanzipation das religiöse Leben in Deutschland sich gelockert hat. Aber bemerkenswert will es uns dünken, daß es heute noch immer möglich ist, in einer Massenkundgebung vor Berliner Juden eine derartige, offenkundig falsche These aufzustellen, wie diejenige Dr. Weils. Manche orthodoxe Juden, die das religiöse Leben in Deutschland wahrlich nicht in so rosigem Licht sahen, hatten gehofft, mit einem Schlage müßte sich in Deutschland manches ändern, und auch kühler Denkende hatten sich vielleicht so manchmal gefragt, warum unsere Anschauung noch keine größeren Werbe- Erfolge erzielt habe. Hier hören wir die Antwort, die Antwort, die uns angeht. Weil man nämlich in weiten Kreisen des deutschen Judentums sich bis heute keiner Schuld bewußt i s t. Es geht hier nicht um die Frage, wer für den gegenwärtigen Stand der Dinge verantwortlich gemacht werden soll, es geht hier lediglich um die Frage, inwieweit die deutsche Judenheit heute ein Einsen«fl: hat, daß^mit ihr etwas nicht stimmt. Man merkt zwar, daß für schwächere Gemüter heute vielleicht die Frage ' akut wird, ob nicht die Emanzipation verfehlt war. Man tröstet sich aber mit der Zukunft, weil man des Glaubens ist; sie habe'ja keinen Schaden angerichtet. Da wollten ganz Verwegene unter uns mit feurigen Aufrufen an die Oeffentlichkeit treten und sie zur großen Teschuwo : auffordern. Sie haben eines vergessen: Die Grundlage jeder Teschuwo ist KWnn jisjh' i das Wissen um die Sünde. Dr. Weil bestätigt uns, daß dieses Wissen um dia Sünde einfach nicht vorhanden ist. Man ist eben des Glaubens, das vergangene Jahrhundert habe eine große Reihe hervorragender Persönlichkeiten hervorgebracht, die .es mit den religiösen Leuchten des Altertums und des Mittelalters wohl aufnehmen können. Wenn wir der Ueberzeugung sind, daß das Gegenteil davon der Fall ist, und wenn wir unsere Aufgabe darin erblicken, die Schäden einer allzugründlichen ' 11' Assimilation, die ja nach den Ausführungen das Herrn Dr. Weil nicht nur für Deutschland, sondern auch für Palästina zur Debatte steht, zu beseitigen, dann ist es zunächst unsere Aufgabe, diese Schäden aufzudecken. Wir müssen zunächst einmal lernen, diesen Menschen, die ja Irrende sind, die sich ja für überaus religiös halten, aufzuzeigen, was Religion ist. Wir meinen, wir dürften von Schuld sprechen, und sehen nun, wie wenig die deutschen Juden über ihren eigenen Zustand überhaupt Bescheid wissen. Wollen wir die Lehren aus der neuen Konstellation ziehen, dann bleibt uns nach dem Bekenntnis des Herrn Dr. Weil nichts anderes Übrig, als zunächst einmal die primitivsten Begriffe jüdischer Religiosität in die Osffentlichkeit zu tragen. Nicht rechten und richten dürfen wir mit denen, die ihr Schicksal nicht verstehen, weil sie es nicht verstehen können, weil ihnen die Fäden zum Verständnis abgeschnitten sind. Daß heute wenigstens die Fragestellung nach der Berechtigung der Emanzipation möglich wurde, ist objektiv sehr viel. Es ist das Ahnen einer möglichen Krankheitsursache, Wertvoller für uns ist die Antwort, die uns besagt, daß ein großer Teil der deutschen Judenheit in seiner religiösen Naivität einfach nicht imstande sein kann, in religiöser Beziehung an die Gedankengänge der großen Leuchten aus dem Altertum und Mittelalter sich anzuschließen, nach denen wir gerne die heutige Generation betrachten möchten. Das ist das Eine, III. Das Andere aber hat uns Herr Dr. Weil ebenfalls klar gemacht. Es ist immer ein merkwürdig Ding um den Beweis irrationaler oder gar transzendenter Anschauungen aus dem Gegenwartgeschehen heraus. Es lassen sich hier gar leicht für alles Beweise erbringen. Sicher ist es, daß der G'ttgläubige, dem die Verheißungen und Aussprüche unserer Weisen eine Wahrheit bedeuten, im Weltgeschehen den g'ttlichen Finger erblickt. Er sollte sich aber wohl hüten, sein intuitives Erschauen andern mitteilen zu wollen und ihnen zu sagen: seht, so mußte es ja kommen, das ist die g'ttliohe Strafe, oder auch der von G'tt gesandte Wegweiser. Eine Ausnahme kann den Skeptiker zu Fall bringen. Das geschichtliche Geschehen in Deutschland allein kann ihn nicht überzeugen. Daß' die antisemitische Strömung nicht nur für die Judenheit in Deutschland, sondern für die der ganzen Welt aufrüttelnd gewirkt hat, ist sicher. Mehr aber besagt sie uns nicht, denn für jeden Beweis unserer Einstellung aus den Umweltsereignissen heraus gibt es einen Gegenbeweis, Die Quelle klarer Erkenntnis kann die Geschichte nicht sein, höchstens ein schwacher Anhaltspunkt. Quelle der Erkenntnis darf eben für uns lediglich die Tauroh sein und die aus ihr gefolgerte Anschauung. Die Entwicklung in Deutschland kann eben ehrlicher Weise nicht als Argument für oder gegen die Assimilation gebraucht werden. Daß aber die Geschichte in Deutschland uns entgegenkommt und unseren Brüdern zeigt, daß trotz aller Assimilation die Geschichte die Möglichkeit sich offen behälti, nicht die zwingende Notwendigkeit, uns auf das währe..Judentum wieder aufmerksam zu machen, sollte als-das. einzige objektiv einwandfreie Moment von uns ausgenützt werden. Die Frage, ob die Emanzipation ein historischer'Fehler war, wurde gestellt. An uns liegt es nun, in geeigneter"- Form eine Antwort zu geben. Wochenrundschau. Zum 130 jähr igen Jubiläum des Philantropin. Daß eine Schule, gegen Uebung und Brauch, den 130 jährigen Geburtstag zum Anlaß eines groß aufgezogenen Jubiläumsfestes nimmt, mag die Sache dieser Schule sein. Es ist eine Frage von Geschmack und Temperament, und es ist

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