Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1934)
- Date
- 1934-12-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450807-2450854--80895-2538737- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 Nr. 49 Der 1/sraelit 6. Dezember 1934 Der „Völkische Beobachter" und „Die jüdische Weltpolitik"- Im Völkischen Beobachter" hat diese Woche der Leiter des Blattes, Alfred Rosenberg, am 29. November und 1. Dezember zwei Artikel veröffentlicht, die sich mit dem Berner Prozeß um die Protokolle der Weisen von Zion beschäftigen und im Zusammenhang damit aus zionistischen Kundgebungen das Eingeständnis einer planmäßigen jüdischen Weltpolitik zu konstruieren versuchen. Was den Prozeß betrifft, so erklärt Rosanberg, daß es sich weniger um die sogenannte Echtheit, als um die innere Wahrheit dessen handele, was in den Protokollen erklärt wird. Es macht also den Eindruck, als ob man an die Echtheit der Protokolle selbst, auf die es doch in Wirklichkeit allein ankommt, nicht mehr glaube. Im übrigen bestreitet das Blatt die Aktivlegitimation der jüdischen Kultusgemeinde in Bern zur Klage, eine juristische Frage, deren Entscheidung man ruhig dem Berner Gericht überlassen kann. Bedeutungsvoller als dieser Artikel ist der zweite Aufsatz, der soweit geht, aus der Tatsache der Zustimmung der deutschen Zionisten zur Politik der Balfour-Erklärung den deutschen Zionisten Landesverrat an Deutschland vorzuwerfen. Die deutschen Zionisten hätten gemeinsam mit ihren ausländischen Parteigenossen auf eine Zerschlagung der Türkei während des Krieges, also auf die Vernichtung eines Staates hingearbeitet, mit dem Deutschland in militärischem Bündnisvertrag stand. Berlin, 4. Dezember. Als Ergänzung zu dem 1933 erschienenen „Gefallenengedenkbuch für die jüdischen Toten des Weltkrieges" gab jetzt der, „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten" die „Kriegsbriefe gefallener deutscher Juden" heraus. Das neue Gedenkbuch wurde im Rahmen einer Chanukahfeier des R. j. F. in einer Berliner Synagoge unter feierlichen Reden der jüdischen Oeffentlichkeit übergeben. Ueber die Entstehung dieses neuen Gedenkbuchas erfahren wir aus der Rede Dr. Löwensteins folgendes: 1933 wurde im Gedenkbuche die Zahl der jüdischen Gefallenen mit mindestens 12.000 angegeben. Von anderer Seite wurde behauptet, daß im Buche unrichtige Angaben gemacht seien, was den Reichsbund zu einer Nachprüfung veranlaßte. Das Ergebnis zeigt, daß jene Zahl eher zu tief als zu hoch gegriffen ist. Bei 3200 Stichproben ergab sich einwandfrei, daß es sich um jüdische Kriegsverluste handelte. Bei der großen rest- Forderungen einer Aerzteversammlung in Die „Fränkische Tageszeitung" vom 3. Dezember berichtet unter der Ueberschrift: „Eine mutige Entschließung!" über eine Versammlung von 500 deutschstämmigen Aerzten in Fürth, bei der nach einem Vortrag des Professors Luxenburger und einer Rede des Gauleiters Streicher ein Telegramm an den Reichsinnanminister Dr. F r i c k gesandt wurde, in dem es u. a. heißt: „Als natürliche Folge ihrer weltanschaulichen Schulung durch den Gauleiter Julius Streicher einerseits und der rassenpoitischen Ausführungen mit den entsprechenden Schlußergebnissen des heutigen Abends andererseits gestatten sich die hier Versammelten an Sie die Bitte zu richten, baldigst dem schon in Kraft befindlichen Es ist natürlich, daß die Zionistische Vereinigung für Deutschland diesen Vorwurf landesverräterischer Haltung mit aller Entschiedenheit zurückweist; sie ist dabei in dar. erfreulichen Lage, auf Erklärungen des türkischen Großwesirs Talaat Pascha und auf eine offizielle Erklärung des stellvertretenden Staatssekretärs* des Auswärtigen Amtes in Berlin aus den Jahren 1917 und 1918 hinweisen zu können, dia den vom „Völkischen Beobachter" heute erhobenen Vorwurf in aller Klarheit entkräften. Aus diesen amtlichen Erklärungen geht hervor, daß die deutschen Zionisten nichts weiter wollten, als die Verwirklichung ihrer palästinensischen Ziele im Rahmen des türkischen Reiches. Hinzufügen möchten wir, daß in jenen Tagen sämtliche jüdischen Parteien in Deutschland und Oesterreich unter Billigung der deutschen Regierungsinstanzen in Konstantinopel gemeinsame Verhandlungen mit der türkischen Regierung führten, um jüdischen Siedlungen im heiligen Lande eine gewisse Autonomie und insbesondere die freie Entfaltung ihres religiösen Gemeinschaftslebens zu sichern. Man sollte von dar Loyalität des „Völkischen Beobachters" erwarten, daß er, nachdem hier in der Tat Dokumente vorliegen, die auch den schwierigsten Skeptiker überzeugen müssen, seinen Vorwurf des Landesverrates gegenüber den deutschen Zionisten von 1917 zurücknimmt. liehen Zahl wurde vom R. j. F. die jüdische Religionszugehörigkeit festgestellt, während die amtliche Nachprüfung das Gegenteil nicht beweisen konnte. Die Mindestziffer von 12.0 0 0 jüdischen Kriegsverlusten muß nun als endgültig zutreffend.gelten. Die „Kriagsbriefe gefallener deutscher Juden" stellen einen etwa hundert Seiten starken Band dar, der mit Versen, Tagebuchblättern und Stellen aus einem Brief des 1915 in Frankreich gefallenen Dichters Walter Heymann eingeleitet wird. Dann kommen die Verfasser der Briefe in alphabetischer Reihenfolge gewissermaßen wie bei einem militärischen Appell zu Wort. Zwischen dia Briefe, in denen durch die Schilderung von Kampfepisoden und Szenen aus dem Schützengraben immer wieder der Geist des Opferwillens bis zum Letzten und der Rhythmus des großen Kriegserlebnisses hindurchklingen, sind Dichtungen jüdischer Frontkämpfer eingestreut, die aus diesem unmittelbaren Erleben heraus geformt sind. Fürth. Arier- und Erbgasundheitsgesetz den selbstverständlichen, natur- und volksnotwendigen Abschlußparagraphen folgen zu lassen, des Inhaltes, daß jede versuchte körperliche Gemeinschaft zwischen deutscher Frau und Judenstämmling genau so wie die vollzogene, mit schwerster Strafe geahndet wird, bei der deutschen Frau mit der Aberkennung der deutschen Staatszugehörigkeit, Verbringung in ein Arbeitslager und bei vollzogener körperlicher Gemeinschaft mit einem Judenstämmling mit Unfruchtbarmachung; beim Judenstämmling mit ebenfalls sofortiger Aberkennung der deutschen Staatszugenorigkeit, mit Beschlagnahme seines gesamten Vermögens, mit mindestens fünf Jahren Zuchthaus und nachheriger sofortiger Ausweisung aus Deutschland als unerwünschter Fremdrassiger." Das Telegramm ist unterzeichnet: I.v A.: Dr. Dr. A, Streck, SA-San.-Brigadeführer. Die „Frankf. Zeitung" weist im Anschluß an diesen Bericht darauf hin, daß gesetzlich bisher nicht einmal die E in g e h u n g ne u e r M i s c he h e n verboten sei, wenn auch der nationalsozialistische Staat eine solche Eheschließung als unerwünscht betrachtet. Keine Aenderung der deutschen Einstellung zum Judentum, Berlin, 2, Dezember. Wie das „Berliner Tageblatt" aus. Chemnitz berichtet, gab Reichsinnen m in ist er Dr. F r i c k bei den dort stattgefundenen großen Kundgebungen, in denen er über die Reichsreform sprach, folgende Erklärungen zur Judenfrage ab: „Wir stehen auf dem Standpunkt, daß Deutschland den Deutschen gehört. Damit haben wir den Haß des internationalen Judentums auf uns gezogen. Aber die Herrschaften täuschen sich, wenn sie glauben, uns mit irgendwelchen Schwierigkeiten, besonders auf dam Gebiete des Exports, auch nur um Haaresbreite von unserem Wege abbringen zu können." Das internationale Judentum habe bereits ein Friedensangebot unter der Voraussetzung gemacht, daß man dia deutsche Einstellung zum Judentum ändere. Die Annahme eines derartigen Angebots könne nicht in Frage kommen und kein Jude habe ein Recht, sich über ungerechte Behandlung in Deutschland zu beklagen. Eine neue Etappe der jüdischen Palästina-Kolonisation. Jerusalem, 2. Dezember. Im Namen der Palästina-Exekutive der J e - wish Agency hat der Leiter des politischen Departments, Mosche S h e r t o k , die Konzession für die Besiedlung des Huleh-Geb i e t e s in Nordpalästina offiziell übernommen. Damit ist eine bedeutsame neue Etappe jüdischer Großkolonisation in Palästina erreicht. Das Gebiet umfaßt 57.000 Dunam, davon entfallen 17.000 Dunam auf den Meromsee. Für die Ansiedlung von Juden sind 34.000 bis 37.000 Dunam bestimmt. Der Rest ist für die Ansiedlung der Araber des Gebietes reserviert. Die Juden haben die Verpflichtung übernommen, die Ent- und Bewässerungsarbeiten auf dem ganzen Komplex, einschließlich des arabischen Teils durchzuführen, Mit der Uebernahme der Konzession hat die gegenwärtige Exekutive der Jewish Agency die Verhandlungen über dieses Gebet abgeschlossen, die seinerzeit von Dr. Weizmann mit Unterstützung Dr. Arlosoroffs eingeleitet worden waren. Mit den Drainagearbeiten im Huleh-Gebiet wird bereits in allernächster Zait begonnen. High Commissioner Sir Arthur Wauchope empfing eine arabische Delegation, die Beschwerden über die von Juden getätigten Bodenkäufe, sowie gegen die jüdische Einwanderung vorbrachte, von der sie behauptete, sie werde im kommenden Jahr dazu führen, daß die Juden die Bevölkerüngsmehrheit in Palästina erlangen. High Commissioner Sir Arthur Wauchope antwortete mit einer umfangreichen Erklärung, in der er eine Reihe wichtiger Palästinaprobleme, darunter auch die Uebertragung der Huleh-Konzession an die Juden berührte. In Bezug auf den Legislative Council erklärte Sir Arthur: >,Ich bedaure, daß die Verwirklichung des Planes längere Zeit erfordert; sobald ich jedoch nach Ablauf eines entsprechenden Zeitraums in der Lags sein werde, zu beurteilen, wie sich . die neuen Stadtverwaltungen bewähren, dann werde ich die Besprechungen über die Einsetzung des Legislative Council aufnehmen." Kriegsbriefe gefallener Juden.