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Der Israelit · 1934-11-29 · Heft 48 (29.11.1934) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 48 (29.11.1934)
Date
1934-11-29
Page
– (sequence 17)
Language
German
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29. November 1934 Der Israelit Nr. 10 Seite 3 sache erklären wollen. Nein, Herr Dr. Wiener, gerade weil diese von Ihnen herabgesetzte Orthodoxie, von der Sie immer behaupten, ihr Judentum habe sich bei ihr zu einer Konfession, zu einem inselhaften Sonderbezirk des Lebens verdünnt, gerade, sage ich, weil diese Orthodoxie an der unverbrüchlichen religiösen Gesamtdaseinsordnung immer seelisch festgehalten hat, gerade deshalb konnte sie nicht zustimmen, wenn man für Israel eine neue autonome Daseinsverfassung proklamierte und dabei ihren wesentlichen jüdischen Sinn verfehlte. ln> übrigen sind wir ja dieses schiefe Urteil zu hören gewöhnt. Es gab sicher viele Größen des deutschen Judentums in der ersten Epoche der Emanzipation, die es als eine G'ttesfügung empfanden, daß Erez Jisroel unzugänglich war, daß die türkische Verwaltung keinerlei Möglichkeit jüdischer Absiedlung und Entfaltung auf dem heiligen Boden zuließ. Ich habe am eigenen Leibe die ganzen' traurigen Verhältnisse kennen gelernt, die in Palästina noch 1905—08 herrschten, wo die Regierung jeden Versuch der Kolonisation und einer Verselbständigung jüdischen Lebens mit ' eifersüchtigem Auge verfolgte, zu unterdrücken oder einzuschränken suchte, wo eigentlich all die* ersten Anfangserfolge des Jischuw auf illegalem Wege durch die Allmacht des Bakschisch errungen wurden. Selbst unter diesen traurigen Aspekten hat die Orthodoxie immer für Jischuw Erez Jisroel gearbeitet und Grundlage auch der heutigen Entwicklung geschaffen. Genau so wie S. R. Hirsch die Emanzipation als einen Anruf der Vorsehung auffaßte, daß Israel jetzt unter neuen und besseren Verhältnissen seine alte Lebensaufgabe bewähre, so hat die gesamte Orthodoxie aller Länder den durch den Weltkrieg geschaffenen veränderten politischen Aspekt für Erez Jisroel als eine Forderung und einen Hinweis des Schicksals an uns aufgefaßt — und so würde es Hirsch ebenfalls aufgefaßt haben — aber nie als einen Anruf, die Tafeln des Gesetzes zu zerbrechen, das ewig Jüdische von uns zu streifen und mit irgendetwas aus der Völkerkultur Entlehntem zu vertauschen. Wir brauchen wahrlich weder von Wiener noch von sonst einem liberalen Rabbiner, die sogar im Gebet Zion gestrichen haben, uns sagen lassen, daß wir eine Möglichkeit im heiligen Lande versäumen, die der Thora und ihrer Verwirklichung dienen könnte. So bestätigt der Angriff Wieners auf "die Orthodoxie, sie lehne den Palästinaaufbau ohne konstitutive religiöse Grundlegung ab, gerade, daß diese auf der Ganzheit und Ungeteiltheit der jüdischen Lebenssphäre besteht. Für unsre eigne Auffassung gilt vielmehr in vollem Sinne, was Wiener sagt: „Denn vom Zentrum des religiös-nationalen Bewußtseins her, von seiner Einstellung auf eine totale religionsgesetzliche Ordnung aller Verhältnisse wurde das (die Unmöglichkeit einer Gesamtverwirklichung der Thora) bei aller ungewollten Tolerierung immer als , schwerer Abbruch empfunden, der dem natürlichen Auslehen zugefügt wurde. Und alle praktische Minderung der vollen Daseinssphäre schläferte nie das theoretische-Bewußtsein ein, daß der Sinn und das .yon G'tt-gestiftete Recht des jüdischen Geistes die Unterstellung des .gesamten Daseinsbereiches unter das G'ttesgesetz verlange. r- ... Darum verlor auch das Gesetzlichkeitsprinzip nichts von seinem für. das ganze. Judentum konsti- ,,Du sollst kommen zu dem Priester, der sein wird in jenen Tagen." Könnte es Dir denn in den Sinn kommen, zu einem Priester zu gehen, der nicht in Deinen Tagen lebt? Aber wisse: Du hast nur den Priester, der in Deinen Tagen lebt, wie er immer ist. (Sifri und Raschi.) In Nr. 6/7 der Monatsschrift des „Morgen" stellt Herr Dr. Oskar Wolfsberg in einem tutivem Sinn, wenn manche Teilgebiete durch den Zwang der Umstände außer Kraft gesetzt wurden, geschweige, wenn Schwäche und Lässigkeit Einzelner es an Observanz fehlen ließen. (S. 32/33.) Das ist der Sinn des Kampfes zwischen Traditionalismus und Reform in ihren Schattierungen. Jener will grundsätzlich die alte Einheit des Lebens ebenso erhalten wissen, wie dieser sie zu sprengen und aus dem komplexen jüdischen Dasein eine „Religion" zu sublimieren trachtet. Das ist in der Theorie strenge Scheidung, wie S. R. Hirsch es aufgefaßt hat, die Getrenntheit zweier Konfessionen." (S. 8.) Daß Wiener den letzten Sinn der Organisationsbestrebungen in der Orthodoxie voreingenommen beurteilen wird, ist ihm als liberalem Rabbiner noch am wenigsten zu verargen. „Seit dem Ende des Jahrhunderts begann die Orthodoxie in Abwehr gegen die liberalen Bestrebungen des deutschen Gemeindejudentums sich mehr und mehr mit Erfolg zu organisieren. Aber auch diese Organisation war nicht entfernt darauf gerichtet, eine ..eigentliche jüdische Gesellschaft im Kleinen zu schaffen, in der man sich religiös hätte' ausleben können, sondern sie geht immer nur darauf aus, den Rest religionsgesetzlicher Anwendbarkeiten für die einzelnen Subjekte — sei es gegen Gefahren, die wirklich oder vermeintlich von neologer Seite drohen, sei es dem Staate und seiner Gesetzgebung gegenüber — sicherzustellen." (S. 19.) Es bedarf nicht erneut der Darlegung, wie Wiener hier irrt. Er müßte im jüdischen Milieu einer frommen Gemeinde gelebt haben, um das Schiele seines Urteils am eigenen Leibe zu erfahren. Der Theoretiker des Liberalismus ist seit der Abfassung seines Buches von den Tatsachen der Entwicklung überholt worden. Der große Umbruch in den Reihen des deutschen Judentums hat am besten gezeigt, welche Auffassung noch haltbar ist und welche nicht. Die Praxis hat erwiesen, daß das jüdische Haus und die jüdische Gemeinde, die im Geiste der befehdeten Orthodoxie lebten, ihren Anhängern eine solche starke Heimat im Religiösen und Seelischen bieten konnten, wie sie der Einzelne bei den großen Erschütterungen des Lebens nötig hatte. Der Liberalismus dagegen ist in all seinen Schattierungen ad absurdum geführt und wendet sich, mehr oder minder ausgesprochen, zum Gesetze zurück. Diese T'schuwa verwirklicht sich nicht auf einmal, sondern kann nur allmählich sich vollziehen. Aber gewiß ist, daß der Liberalismus seine Stoßkraft verloren hat und daß alle seine gedankliche Selbstrechtfertigung in einer Zeit überlebt ist, wo die aufklärerischen Tendenzen, die Uebertreibungen des Individualismus in unserer Mitte fast wie lächerliche Anachronismen erscheinen. Auch Wiener hat sich gewandelt. Wenn wir seine neueste Veröffentlichung „Religion in dieser Zeit" (Philo- Verlag und Buchhandlung GmbH., Berlin W 15) gegen seine Rechtfertigungsschrift des Liberalismus halten, so tritt zu unserer Genugtuung eine viel höhere Kraft des Glaubens, ein viel freudigeres Bekenntnis zur Persönlichkeitsreligion des Judentums, zur Bibel und zur jüdischen Gemeinschaft aus ihr . hervor. Auch in ihr sind noch bedauerliche Anklänge an die Verkrampfungen seiner früheren Epoche heraus^uspüren, aber wenigstens ist diese Schrift ein Glaubensbekenntnis und nicht eine Kritik jener Treuen, die in allen Zeiten liberaler Verirrung, im Taumel der Emanzipationsseligkeit das alte Judentum für alle bewahrt haben, auch für Max Wiener. Aufsatz „geistige und geistliche Führung" ein brennendes Problem der Gegenwart zur Diskussion: die Frage der rabbinischen Führerschaft. Es war gewiß ein dankenswertes Unternehmen, diese Frage einmal in den Mittelpunkt der Erörterung zu rücken. Mit ihr ist in noch viel höherem Maße, als der Artikel es ausspricht, der Finger auf die brennendste Wunde des zeitgenössischen Judentums gelegt worden: auf den Rückgang zentraler Führerschaft in den jüdischen Gemeinden; und mit vollem Recht ist die Frage über den Einfluß und die Grenzen des rabbinischen Amtes als Kernstück des Ganzen herausgestellt worden. 1. Wir wollen nicht darüber rechten, ob jener Artikel in der Beurteilung des gegenwärtigen Rabbinerstandes in Deutschland wie im Osten überall das Richtige trifft-, ob nicht der Verfasser die Vergangenheit unberechtigterweise in einer gewissen Glorie sieht und die Gegenwart mit einem falschen Maßstab mißt. Von den rabbinischen Persönlichkeiten, die er genannt hat, steht m, E. nur David Hoffmann so einzigartig dar, daß seiner Universalität und der Vorbildlichkeit seines religiös-menschlichen Charakters schwer irgend jemand als Partner an die Seite gestellt werden kann. Gegenüber allen andern von ihin genannten Namen wird der Unvoreingenommene unter den Lebenden vollwertige und ebenbürtige Persönlichkeiten nennen können. Darin kann also nicht der Grund der Schwierigkeit liegen. Die Armut kommt in diesem Falle wirklich von der Pauverte. Die Führerschaft fehlt, weil man dem Rabbiner schlechterdings die Führerschaft nicht mehr zubilligen will. Das Judengesetz von 1847 und die gesamte Entwicklung des deutschen Judentums hat den Rabbiner aus der maßgeblichen Entscheidung über das religiöse Schicksal der Gemeinden ausgeschaltet. Seine Domäne in der Oeffentlichkeit blieb die Kanzel. Aber auch hier hat der allmächtige Wille der Gemeindegewaltigen ihn mehr und mehr von der Linie abgedrängt, durch das Wort der Lehre die Führung und Gestaltung der Dinge zu richten und zu beeinflussen. Nicht nur, daß ihm das Echo fehlte, daß keine Willigkeit vorhanden war, die gegebene Weisung zu prüfen und den Versuch zu machen, sie zu verwirklichen; es wurde meist ganz einfach als Nörgelei und unnötige Einmischung in fremde Kompetenz, als Störung des Gemeindefriedens von den Maßgeblichen abgelehnt. Mehr und mehr wurde dadurch die Predigt auf das Ziel der Erbauung oder der allgemeinen Betrachtung hinübergelenkt, und auch diese wurde in den . steifen Kothurn einer wohlgesetzten, allzu vornehmen Diktion gezwängt, damit in dieser veredelten Form noch weniger eine Forderung, eine Kritik zu erspüren wäre. Das PatEös unserer Kanzel ist ein Ausdruck dafür, daß der Rabbiner nicht mehr als das Gewissen der Oeffentlichkeit schlicht, offen und wahr sprechen darf, daß er nicht mehr eine Katze eine Katze und Rolet einen Schelm nennen kann, daß sein Wort schmerzlos, ohne an Empfindlichkeiten zu rühren, die Ideen und Leitgedanken des Judentums zu behandeln habe. ' Es ist klar, daß die Predigt .dadurch auch ihr eigentliches. Gebiet verfehlen mußte. Wolfsberg wirft die Frage auf, ob nicht Menschen deshalb dauernd der Synagoge fernbleiben, weil sie gegen „das Dilettantische der Problembehandlung" von der Kanzel herab Abneigung empfinden, weil „meist die rednerische Tat des Predigers den Vergleich mit Vortrag oder Kolleg nicht aushalte." Darin liegt für mich das stillschweigende Zugeständnis, daß man die Kanzel in eine Konkurrenz gedrängt hat, die ihr nicht zusteht, der sie nicht gewachsen ist. Es ist dieselbe irrige Vorstellung, die aus der Synagoge und ihrem Gebet eine musikalisch-theatralische Darbietung machen will und die dann zu dem Resultat gelangt, unsere Vorbeter halten den Vergleich mit Opernsängern, unsere Chöre den mit den philharmonischen Orchestern nicht aus. Und die Abneigung jener — mir allerdings in meiner rabbinischen und rednerischen Praxis noch nie vorgekommenen — Uebergebildeten, die aus Scheu vor dem Dilettantismus fernbleiben, wäre nichts anderes, als wenn ein jüdischer Musiker oder Religiöse Führerschaft

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