Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1934-11-29 · Heft 48 (29.11.1934) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 48 (29.11.1934)
Date
1934-11-29
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450807-2450853--80890-2538731
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 Nr. 10 Der Israelit 29, November 1934 günstigeren Licht erscheinen lassen, so daß Rabbi sagte: man soll immer den Nutzen der Awera, den S'char Awera, gegen ihren Schaden abwägen. Und gewiß wird die treue Befolgung des jüdischen Gesetzes seinen Bekennern auch manche Möglichkeit künstlerischen und verfeinerten Genusses, manche Stufe der Macht und des Einflusses verschließen, die an sich segenvoll sein könnte. Aber wenn Wesen der Religion ist, dem Menschen eben nur einen begrenzten Teil genießerischer Ausschöpfung des Lebens zu gewähren. — ,,kein Mensch geht aus der Welt, und er hätte nur die Hälfte seiner Begehrungen erlangt" — wenn es Wesen der Religion ist, dem Menschen Selbstbescheidung seines Macht- und Besitzstrebens zu lehren, ihm dafür die höheren seelischen Bezirke und die Gemeinschaft mit dem G'ttlichen zu erschließen — ,,die Thora wird nur erworben mit Verminderung des Derech Erez, mit Verringerung des Geschäfts" — dann hat S. R. Hirsch wohl Recht, wenn er sagt: nur die Sanktionierung und Glorifizierung des Macht- und Genußstrebens führt zur Untreue am jüdischen Gesetz. Wiener hat damit die Selbstcharakteristik der Reform ausgesprochen. Diese geht von der Auffassung aus, das höhere, edlere Genuß- und Machtstreben der Gegenwart, das individuelle Sichauslebenkönnen im ganzen Reichtum weltlicher Bezirke, ohne Rücksicht auf den Schaden der Seele, auf die Vernichtung jüdischer Werte, ist Gegenwert genug, um dessentwillen die Verzwergung und Verkümmerung der Religion gutzuheißen. Unterscheidet sich aber in ihren letzten Wurzeln die Reform von ihrer Antipodin? Wiener holt zum schwersten Angriff gegen Hirsch und die Orthodoxie in Folgendem aus: „Denn das ist es, worin die Neoorthodoxie sich von diesem unterscheidet und was gerade bei ihrem Vater, bei S. R. Hirsch, so auffällt: die alte Triebhaftigkeit ist tief erschüttert; und der laut geäußerte und sicher auch ehrlich empfundene Enthusiasmus ist schon ein Versuch, Deckung zu finden gegenüber den Angriffen der neuen Welt. „Aber diese Einbeziehung und Verwertung der Gehalte und Methoden des ganzen nunmehr dem Juden erschlossenen Kutlurlebens findet ihre Schranken eben bloß an den konkreten Bestimmungen des Religionsgesetzes, das den Juden nur insoweit hindert, vollen Anteil an jenem zu nehmen, als er sich dadurch bestimmter Verletzung klar formulierter Regeln schuldig macht. Die von uns mehrfach berührte Inselhaftigkeit dieses angeblich thoragemäßen Lebens im Ganzen der Persönlichkeit tritt aber deutlich ans Licht. Denn es muß uns klar sein, daß der von Hirsch mit solcher Emphase hervorgehobene jüdische Beruf im Grunde der Erfüllung der gleichen Ideale dient, wie sie seine neologsn jüdischen Gegner als das „Wesen" des Judentums aufgestellt haben, die gleich Hirsch selber tief im Menschen- und Moralbegriff wurzeln." (S. 78). Wir müssen zu unserem Bedauern bekennen, daß wir diese Gleichheit der Verwurzelung im Menschen- und Moralbegriffe nicht anerkennen können. Wir hätten uns über diesen Punkt auch ausgeschwiegen, wie wir überhaupt nur zur Polemik uns entschließen, wo wir uns angegriffen sehen. Aber wenn man solch kühnen Vorstoß gegen Größen wie S. R. Hirsch und die'Seinen wagt, dann ist das auch ein Kegelschieben, und man' muß sich gefallen lassen, wie der alte Fritz durch Mendelssohn, daß der Kegeljunge sagt, wieviele man getroffen habe. Lazarus in seiner „Ethik des Judentums", S. 20 ff, macht darauf aufmerksam, daß die religionsgesetzliche Lebensführung als die Durchflechtung des ganzen menschlichen Daseins mit gesetzlichen Ordnungen ' Quelle ethischer Belehrung und Erziehung sei. Wie die Weisen sagen: G'tt wollte Israel sittlich läutern; darum hat Er ihnen viele Gesetze gegeben. Lazarus beruft sich auf L o t z e , daß die erste formale Bedingung aller Sittlichkeit die Einheit des Menschen sei, daß so der Rabbi- . nismus, in dem alles und jedes durch symbolische Handlung oder eines Brauches Uebung geweiht wird, alle Lebensregungen auf g'ttliches Gebot zurückgeführt werden, die Einheit des Herzens angestrebt hat, daß durch die zeremoniale Pflichterfüllung die Menschen fort und fort aus den Banden des Natürlichen und Gewöhnlichen erlöst, bei allem Tun und Wollen mit Handlungen umgeben sind, welche einzig und allein einem idealen Interesse dienen. So hat das ganze jüdische Gesetz eine ethische Bedeutung und zwar eine ins Leben und in die seelische Gewöhnung tiefer eingreifende als die sonst nur mögliche vereinzelte ideale Handlung. Die Reform hat sich trotzdem über das Ethische des Zeremonialgesetzes hinweggesetzt. Wie kann sie behaupten, mit Hirsch im gleichen Menschen-' und Moralbegriff zu wurzeln? Hirsch wurzelt im realen Menschenbegriff und kennt den Menschen, wie er immerfort in Gefahr steht; die Einheit der Persönlichkeit zu verlieren, und wie er der ständigen Erziehung bedarf, durch Handlungen, durch Gebote und Verbote an seine ewige Bestimmung erinnert werden muß. Die Reform war gegen diesen Menschenbegriff, blind. Sie raubte ihren Bekennern die Einheit der Persönlichkeit, Hirsch wurzelte in dem Moralbegriff, daß die geschichtliche Treue, die historische. Bindung, das Erbe einer vieltausendjährigen Vergangenheit den Menschen verpflichte, daß eine Religion, in der G'tt Eins und Alles ist, nicht mit einer Anbetung im Geist und in der Wahrheit erfüllt werden kann, sondern in einer konsequenten Durchführung des G'ttesgedankens für alle Lebensäußerungen. In welchem gleichen Moralbegriff wurzelt die Reform? Jüngst nahm ich an einer Sitzung einer Zentralbehörde des deutschen Judentums teil. Bei dem sich anschließenden Imbiß waren die zwei Orthodoxen die einzigen, die sich zum Essen wuschen, den Segensspruch sprachen und benschten. Ich erhob mich und fragte die Versammlung: beten wird selbst der Heide; jeder religiöse Mensch wird seinen Dank gegen G'tt für das Mahl zum Ausdruck bringen. Warum wir Juden nicht? Die anwesenden Liberalen sagten: je seltener man benscht, um so eindrucksvoller ist es. Mit welchem Recht hat die Reform das tief ethische menschenerzieherische Gebot: „wenn du gegessen hast und satt bist, so sollst du segnen den Ewigen, deinen G'tt," außer Kraft gesetzt oder in seiner Geltung beschränkt? Ist nicht gerade Wesen und Sinn dieses Gesetzes, nicht nur bei feierlichem Anlaß, sondern gerade im Alltag des Lebens den Menschen an G'tt zu erinnern, damit er nicht ,,esse und satt sei und vergesse den Ewigen, seinen G'tt?" Aber ich will auf das rein Ethische zurückgehen. Das jüdische Gesetz bestimmt z. B., daß den Toten keine bezahlten Kräfte beisetzen sollen, daß reines chessed schel emmes jedem in der letzten Stunde zuteil werde, und daß alle in gleicher Weise, ohne Unterschied, ob reich? oder arm, der Majestät des Todes gegenüber behandelt werden. Gibt es einen höheren menschlichethischen Gesichtspunkt? Was hat die Reform daraus gemacht? Ich könnte so Beispiel an Beispiel, Zug an Zug reihen. Man zeige uns die liberalen Häuser, in denen der Arme noch als Bruder mit am Tische sitzt, wo zu Fest- und Freudenmahl jeder Arme sich miteinfinden darf, wo ohne Rücksicht auf Heimatzugehörigkeit jeder Jude als Bruder empfunden wird, wo das — gewiß ethische —, Zinsgesetz, wo die strenge Keuschheit im Verhältnis der Geschlechter zueinander noch gilt wie in den echten alt- und neoorthodoxen Häusern. Nicht einmal für die Synagoge hat die Reform den Symbolausdruck unserer Sittenreinheit und Keuschheit: die Trennung der Geschlechter, durchgeführt, nicht in den Hochzeitsbräuchen den Gedanken, daß erst unter der Chuppa die Braut dem Bräutigam zugeführt wird, aufrechterhalten, und meist die Mikweh zuschütten lassen und damit das eheliche Leben seines weihenden adelnden Rhythmusses beraubt. Fürwahr, es sind völlig andere Menschen- und Moralbegriffe inder Reform als in der Thora. Diese lehrt den Gedanken des Sittlichen zuende zu denken, ihn bis in seine letzten Verflechtungen und Ausläufer im Leben zu verfolgen. Sie hat wirklich das Ziel einer Heiligung des Lebens durchgeführt. Für sie ist Heiligung Versittlichung, Versittlichung Gesetzlichkeit. Die Reform, die, ein jugendlicher Heißsporn, über Ehrfurcht und Treue hinwegging, begnügte sich mit der allgemeinen ethischen Linie, der Proklamierung von Recht und Liebe,« ohne daran zu denken, eine wirkliche Lebensgestaltung in Durchführung dieser Prinzipien zu fordern. Und wenn behauptet wird: die alte Triebhaftigkeit des Jüdischen als freisteigende natürliche Lebensäußerung sei tief erschüttert und der Enthusiasmus für das Religiöse sei bereits ein Versuch, sich zu decken und zu schützen, so mag das für viele Kreise gelten. Die Macht der feindlichen Welt, die Isolierung vieler Juden in Zwerggemeinden, in denen kein starkes jüdisches Leben pulsierte, mußte in Richtung einer religiösen Erkaltung wirken; vor, allem aber erfolgte die Lähmung des jüdischen Willens von innen her durch den Spott und den Hochmut über die Rückständigkeit dessen, der sich selbst treu bleiben wollte. Diesen Irrenden mußte Hirsch die Freude am Judentum zurückgeben, diesen von des Gedankens Blässe Angekränkelten neues Feuer in die Seele gießen; der Ablehnung, dem kalten Spott die Wärme seiner Begeisterung entgegensetzen, nicht aus mangelnder Triebhaftigkeit, sondern aus dem erhöhten Mut des Glaubenskämpfers. „Hirsch bleibt bei aller Unabdingbarkeit seiner Gesetzestreue von Anfang an noch vor seiner organisatorischen Wirksamkeit darauf gerichtet, niemals den modus vivendi zu verfehlen. Das heißt, er will hinsichtlich der deutschen Juden in seiner vor allem auf sie gerichteten Arbeit den Tatsachen der Emanzipation Rechnung tragen. Und so wird ihm die Forderung Jer. 92, 5—7 zum Schlüssel für die praktische Einrichtung des Judentums in der Völkerwelt." (S. 72.) Wir fragen, was heißt: „ihm wird die Forderung Jer. 29, 5—7 zum Schlüssel für die praktische Einrichtung des Judentums in der Völkerwelt?" Was sollte ihm sonst zum Schlüssel werden, wenn nicht diejenige Kundgebung aus prophetischem Mund, die zum ersten Male, als Israel ins Gallith ging, ihm die gebührende Wegweisung und Wegzehrung bieten sollte? Kann denn ein orthodoxer Jude einen anderen Schlüssel finden oder sich machen als den von Jirmija* gegebenen? Alles, was Wiener über die Orthodoxie an Vorwürfen erhoben hat, bricht vor diesein Wort des Jirmija in nichts zusammen. Einen besseren Kronzeugen brauchen wir wahrhaftig nicht, und wenn wir also Wiener folgen, so könnten wir sagen: die von S. R. Hirsch gegebene Lehre ist weiter nichts als die Forderung des Propheten Jirmija. an die Juden des Galuth. „Diese Beurteilung der Tendenzen der westeuropäischen Orthodoxie wird auch durch die Tatsache jenes Mißtrauens gestützt, das wir in ihrer Stellungnahme zum nationalen Aufbau Palästinas beobachten können. Denn wenn sich auch ein Teil von ihr : dem Zionismus organisatorisch, obzwar als eigene geschlossene Gruppe eingefügt hat, so bleibt immerhin das Faktum bestehen,! daß ein beträchtlicher Teil und noch dazu ein' mit größter Tatkraft, Opferwiliigkeit und Zielbewußtheit 'Seine Tendenzen, verfolgender, die Schaffung einer autarken gesellschsftLc-hen Grundlage ablehnt, auf der gerade die historisch gewordene jüdische Gesetzesreligiön verwirklicht und fortgebildet werden kann." (S. 20.) Hier kommt der Zionist in Wiener einmal, zum Vorschein. Obwohl er den Vorwurf gegen, die Orthodoxie selbst als ungerecht empfindet, da ja ein großer Teil der deutschen Orthodoxie im Misrachi eifrige Vorkämpfer der nationalen. Bestrebungen sind, also ihre Auffassungen sich sehr wohl mit der nationalen vertragen, so soll doch der „Teil mit größerer Opferwilligkeit" die Schaffung feiner autarken gesellschaftlichen Grundlage für das Judentum ablehnen. Das ist natürlich ein völlig schiefes Urteil. Was die Orthodoxen ablehnen, ist eine unreligiöse, nicht in der Thora wurzelnde gesellschaftliche Grundlegung, und nur weil ihr' das Religiöse alsconditio sine qua non gilt, verhielt sie sich skeptisch gegen diejenigen, die Religion als Privat-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.