Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1934)
- Date
- 1934-11-29
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 10 Der Israelit 29. November 1934 Sänger in die Dorfsynagoge nicht beten gehen will aus Scheu vor musikalischem Dilettantismus. Die Predigt ist weder ein philosophisches noch sonst ein wissenschaftliches Kolleg. Sie hat nichts zu tun, als das Wort G'ttes, die prophetische und talmudische Lehre an das Ohr des Hörers zu bringen und durch die tiefere Erfassung des geheiligten Wortes den Sinn zu schärfen für die Pflichten des jüdischen Tages. So gewiß die Bibel einzigartig ist und unter der Weihe und Verklärung ihrer ewigen Geltung steht, so sicher ist ihre Erfassung und Ausschöpfung durch den religiösen Menschen jeder rednerischen und wissenschaftlichen Darbietung überlegen. Die Predigt wird immer mit der Urkraft der höchsten Verpflichtung gegen G'tt und Welt wirken, solange sie weiter nichts sein will als religiöser Anruf und Aufruf. Was die Predigt an allgemeinen Anknüpfungspunkten bringt, in Berücksichtigung der Tagesmeinungen und der herrschenden geistigen Strömungen, darf immer nur Beiwerk sein, nur Mittel der Beleuchtung, der Deutlichmachung, aber nie das Wesentliche des Ganzen. Solange der Rabbiner auf religiösem Gebiete kein Dilettant ist, braucht er die auf spezialistischem oder allgemeinem Gebiet überlegene Bildung seiner Hörerschaft nicht zu scheuen. Das Bekenntnis Wolfsbergs deckt m. E. den ganzen Abgrund auf, in den die Rabbinen gestürzt worden sind, gestürzt durch die Schuld der Intellektuellen. Die diesen mangelnde Religiosität verursachte, daß sie am religiösen Gehalt der Predigt kein Interesse nahmen. Daher versuchte mancher Rabbiner, sie dort zu packen, wo die Gebildeten leichter zu haben waren. So wurde die Kanzel erniedrigt, so verlor ein großer Teil der Prediger das Ziel aus den Augen, für das sie bestellt und vorgebildet waren: sich als Diener und Forscher am Wort von ' den Tiefen der Lehre ergreifen zu lassen und ihre Ergriffenheit auf die Hörerschaft fortzuleiten. II. Die alte Weisheit unserer Weisen hat das, was nottut, am glücklichsten zum Ausdruck gebracht in den Worten: aße l'cha raw! Mache dir einen religiösen Führer! (Pirke Aboth 16 und 16.) Alle Erklärer deuten dieses Wort dahin: Der Genies und Idealtypen gibt es nur wenige. Wolltest du solange warten, bis-du einen solchen findest, der durch die Ueberlegenheit seiner geistigen und menschlichen Qualitäten dich, wollend oder nicht, in seinen Bann zwingt, so wirst du vielleicht nie einen Raw finden. Darum: wache dir einen! Gib ihm aus freien Stücken die Vollmacht, dich zu lenken, dich zu belehren, dich zurechtzuweisen und dich zu tadeln, unterwirf dich ihm freiwillig, damit du nicht ohne Halt und Stütze bist: Diese Notwendigkeit hat man in unseren Gemeinden verkannt. Man hat einfach dem Rabbiner den Mut des Führertums geraubt. Man könnte in dieser Beziehung das Mendelssohn-Wort anwenden: erst fesselt ihr uns die Hände, und dann macht ihr uns den Vorwurf, daß wir sie nicht gebrauchen können. Die Gemeinden wollen schlechterdings keine Aktivität, keinen eigenen Willen, keine zielbewußte Führung durch den Rabbiner, Wo ist die jüdische Gemeinde, die dem Rabbiner sagt: Gib uns die Weisung, wir gehen mit dir durch Dick und Dünn? Wo sind die Vorstände, die ihrem gewählten Führer erklären: wir bitten dich zwar, berate dich mit uns, weihe uns in deine Gedanken ein und prüfe ernst, ob wir nicht berechtigte Einwendungen zu machen haben; aber wo du öffentlich eine Forderung erhebst, sei es in der Gestaltung des G'ttesdienstes, sei es in der Regelung der Gemeindeinstitutionen, sei es in der geistigen Beeinflussung oder der sozialen Leistung der Gemeinde, da werden wir hinter dir stehen und. uns mit unserer ganzen Kraft dafür einsetzen, daß dein Wort ernst genommen wird? Wo sind die Intellektuellen, die zu ihrem Rabbiner sprechen: gib uns das Beste, was du aus Bibel und Talmud, aus jüdischer Religionsphilosophie und Geschichte zu bieten hast, wir werden freudig und gern dir lauschen, wir werden dem schlichten Manne aus der Gemeinde zeigen, daß man noch von dir lernen kann, damit auch sie willigen Ohres Thora von dir empfangen? ausgewiesen hat über seine Fähigkeit, jüdische Belange zu beurteilen, der nicht die Einrichtungen der jüdischen Gemeinde in ihren Möglichkeiten und Grenzen kennt, der nicht mitten unter der jüdischen Masse lebt und ihr Wollen und ihr Verlangen sich zur Richtschnur nehmen kann. Würde der junge Rabbiner so von seiner Gemeinde empfangen werden, dann würde sich von selbst seine Aktivität steigern, er würde mit großem Mut darangehen, die Lethargie, das Dahindämmern, die Gleichgültigkeit zu bekämpfen. Er würde sich selbst ein ernstes Ziel stellen, gemäß den ihm verliehenen Kräften wenigstens in einer ihm liegenden Richtung seine Gemeinde zu einem wirklichen Fortschi'itt hinzuführen. Dem Rabbiner wird dagegen jede Regung eines Führerwiliens übel angerechnet, jeder Versuch, „an der seelischen Auflockerung und Befreiung aus der Erstarrung" zu wirken, als lästiger Uebergriff zurückgewiesen. Ja, nicht einmal eine ganz eigentlich halachisch-rabbinische Entscheidung, ein Psak, wird als autoritativ und unanfechtbar anerkannt. Und zwar nicht nur von den Liberalen, den Menschen freier religiöser Einstellung. Nein, diese Auflehnung und Ablehnung gegenüber der rabbinischen Autorität zeigt sich allzuoft bei sogenannten Frommen, bei denen, die auf ihre religiöse Grundhaltung sich etwas zugute tun. Wir stehen hier vor einer hochinteressanten psychologischen Erscheinung. Es gibt tinter uns viele, die ihrer inneren Veranlagung nach gern Rabbiner geworden wären, aber wegen der peinlichen Verantwortlichkeit und unwürdigen Abhängigkeit dieser Stellung einen anderen geistigen Beruf ergriffen haben, in denen aber die rabbinische Ambition dauernd nachwirkt und vorlaut sich geltend macht. Diese Männer eines verdrängten Rabbinism u s können nicht ablassen, ihre Rabbiner zu bevormunden. So wird der rabbinische Einfluß selbst von Wohlmeinenden gehemmt und zerstört, die nicht Distanz zu wahren verstehen. Sie wollen nicht sehen, wie durch ihr Beispiel die große Menge derer, die kein eigenes Urteil besitzen, die sonst durch die suggestive Macht des geistlichen Amtes leicht zu führen und zu beeindrucken wären, des religiösen Kompasses beraubt werden . Statt des Rabbiners übernimmt die Führung aber nicht ein geistig Berufener, der Fachmann, der genauere Kenner irgendwelcher Spezialgebiete, sondern zumeist, was leider ausgesprochen werden muß, der Ungeist. Der Zufall der sozialen Stellung oder — noch verhängnisvoller — der Parteizugehörigkeit entscheidet bei den Vorstandswahlen. Männer, denen zum großen Teile alle Kenntnis des Judentums fehlt, werden die verantwortlichen Lenker des Gemeindeschicksals, ja sogar meist solche, die nicht einmal die Psyche der Gemeindemitglieder kennen, mit ihnen nur in lockerer Beziehung stehen und in den meisten Dingen von den Schreibern oder dem Schamosch der Gemeinde ihre Information erhalten. Diesen Naiven, diesen Neulingen im jüdischen Daseinsbezirk soll der gute Wille gewiß nicht abgesprochen werden. Aber es ist zu natürlich, daß sie ihre dem echten jüdischen Empfinden fremde Gefühlswelt zum Maß aller Dinge machen, ohne zu ahnen, wie ihnen jeder objektive Maßstab der Beurteilung abgeht. Sie aber sind es, die den Rabbinen als die Herren der Situation, als Lehrmeister und Richtungweiser, als ein religiöses Orakel gegenübertreten. Mit ihren Vorurteilen, ihren letzten aus der Parteiversammlung oder der jüdischen Zeitung mitgebrachten Erkenntnissen soll der Rabbiner sich demütig auseinandersetzen. Wenn man an diese „Führung" denkt, da möchte man aufrichtig einem' von Wolfsberg angeregten, etwas erweiterten, praktischen Vorschlag zustimmen, daß* für das Vorstandsanxt eine; bildung gefordert werde, daß keiner an;, verantwortungsvoller Stelle unserer Verbände oder unserer Gemeinden stehen dürfte, der sich nicht ' III- Da aber die „weltlich-geistige Führung", wie sie Wolfsberg verlangt, doch nur in Ausnahmefällen zu verwirklichen sein wird, so bleibt die Möglichkeit einer religiös-kulturellen Gesundung und Niveau-Erhöhung unserer Gemeinden abhängig von den Rabbinen und Lehrern. In unserer Zeit, wo die geistige Anregung von außen sich der jüdischen Masse mehr und mehr verschließt, wo die Zahl der akademisch Gebildeten, die immerhin eine Rangerhöhung unseres Kreises bedeutet haben, abnimmt, wird es zu einer vitalen, entscheidenden Frage: wieweit werden unsere Rabbinen und Lehrer wieder geistige Erwecker ihrer Gemeinden sein, wie wird durch sie jüdisches Wissen, jüdische Geistigkeit dem Gesanatorganismus zugeführt und zu lebendiger Energie umgesetzt werden können? Jedenfalls nicht dadurch, daß man die Träger des Rabbinerstandes als ein schwaches Enkelgeschlecht hinstellt, das zu der Funktion, für die es unentbehrlich ist, nicht ausreicht. Es müssen vielmehr durch den freudigen Willen der Gesamtheit dem Rabbiner der Jetztzeit wieder Flügel wachsen, den großen Notwendigkeiten des Tages gerecht zu werden. Es sollte Hauptanliegen der Verbände sein, zur Fortbildung von Rabbinen und Lehrern alles aufzubieten. Auf jede Weise sollten ihnen Möglichkeiten zur Wissensmehrung gewährt werden, sei es durch Besuch auswärtiger Jeschiwaus oder durch Monatskurse der Rabbinerseminarien in T'nach und Religionsphilosophie oder endlich durch längeren Besuch des heiligen Landes mit seinen unzähligen Anregungen, die es zu geben vermag. Auch durch die Ermöglichung formaler Selbstausbildung im Rednerischen, in der Kunst der Textbehandlung, der Jugendführung und Jugendleitung sollte man den Einzelnen auf ein höheres Niveau emporheben und dem Stand durch eine gute rabbinische Zeitschrift den gegenseitigen Gedankenaustausch und die gegenseitige Kontrolle schaffen. Es wäre u. E. ferner durchaus zu begrüßen, wenn sich aus den älteren und bedeutenderen Kollegen ein Gremium zusammensetzte, das die dauernde Fortbildung der Rabbinen und ihre amtlichen Leistungen~ verschwiegen und diskret beaufsichtigen würde. Es sollte endlich in jeder Gemeinde die Erkenntnis reifen, daß ein Vorstand ohne die Beratung und Leitung seines Rabbiners nicht befugt ist, in jüdischen Angelegenheiten zu entscheiden. Denn immerhin ist der Rabbiner für alle jüdischen Fragen auch außerhalb des rein Halachischen und Wissenschaftlichen meist der beste Kenner des Judentums in seinem Kreise und derjenige, dem die Entwicklung und segensvolle Ausgestaltung aller Gemeindeeinrichtungen am meisten Herzenssache ist. Laßt die Rabbinen nicht zerbrechen und zugrundegehen an dem tötenden passiven Widerstand, den ihr ihnen entgegensetzt! Laßt ihr Niveau nicht dadurch sinken, weil der Widerhall, die freudige Mitarbeit und Zustimmung der Menschen von geistiger Physiognomie ihnen fehlt. Wisset, jedes Land und jedes Geschlecht hat die Rabbinen, die es „sich gemacht hat", die es ver dient. (Dieser Aufsatz war der Redaktion des „Morgen" angeboten, worden, wurde abec mit der Begründung^ abgelehnt, daß man dort die Diskussion nicht fortsetzen wolle.)