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Der Israelit · 1934-11-29 · Heft 48 (29.11.1934) · page 15

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 48 (29.11.1934)
Date
1934-11-29
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Eblätterr clor jucliscfeen Selbstbesinnung Unter sländiger Mitarbeit von Oberrabbiner Dr. Joseph Carlebach in Altona i, Jahrgang Beilage zum Israelit Frankfurt am Main Nummer 10 Die Bilanz der Reform. (Fortsetzung.) So haben die Weisen des Talmud mit Bedacht alles Edle und Schöne an Fremden beachtet und als nachahmenswert hingestellt, wie sie gewiß in allen religiös neutralen und praktischen Dingen des Lebens, in rein wissensmäßigen, realen Lebenskenntnissen durchaus einverstanden waren, daß wir das Beste nehmen, wo wir es finden. Zum Beispiel haben sie in astronomischen Fragen den Weisen der Völker ohne weiteres den Sieg über die Weisen Israels zuerkannt. (Pessachim 94b.) In der heutigen Zeit sind die europäischen Völker einander weit- £ehendst in allen bloß technischen Lebensgebieten nähergekommen. Die äußere Daseinsordnung ist fast bei allen gleich. Sie ist schlechtweg international und interkonfessionell. Und so gilt sie auch für Juden. Wir können darin nichts Großes sehen, daß man deshalb kein elektrisches Licht in eine Synagoge einführt, weil die Väter Paraffinkerzen gebrannt haben, oder eine Heizung auch heute ablehnt, weil sie beim Bau der Synagoge sich nicht ermöglichen ließ. Und so sehen wir auch in der europäischen Kleidung nichts Wesentliches, solange dieses Kleid nicht einen fremd-religiösen Charakter hat, dezent und keusch ist, and solange zu seiner Bereitung das Schaatnes-Gesetz «ds das Kennzeichen jüdischer Kleiderbereitung beachtet wird. Aber gerade in diesem Letzten, in der Verhütung von Schaatnes, da greift das Jüdische auch in unsere Daseinsordnung hinein, und jeder Jude aller Zeiten und aller Länder kann, welches Kleid immer, mit ruhigem Gewissen tragen, solange dagegen kein Verstoß vorliegt. Das sieht Wiener nicht. Er meint, mit dem Zuschnitt des Kleides hätten wir die jüdische Daseinsordnung verlöre«, während in Wirklichkeit das Wesentliche der jüdischen Kleiderordnung, das Schaatnes - Verbot nach wie vor den Juden mit seinem G'tt und seiner Religion in Verbindung hält. Nach den Erlebnissen unserer Gegenwart hat Max Wiener, der Verteidiger des Liberalismus als der „Religion im Zeitalter der Emanzipation" kein leichtes Amt. Was waren die Motive, aus denen heraus die Reform mit einer vieltausendjährigen Ueberlieferung brach? Richtig fühlt Wiener, daß nicht die Unzulänglichkeit des jüdischen Gesetzes, sondern rein das praktische Lebensbedürfnis der Reform die Flügel gab. „Das Schwergewicht des Praktischen, das durch ein tief eingewurzeltes, so lange wirksam gewesenes Gefühl jüdische Daseinssubstanz geworden war, konnte durch spekulative und metaphysische Erwägungen nicht erschüttert werden. Hier geht, wie immer die ursprüngliche Entstehung dieses Bewußtseins zu denken ist, in der Tat das Leben der Lehre voraus. Die Geltung der Hal'achä ist grundsätzlich etwas Selbstverständliches, und: gedankliche Erörterungen können nur Details der Ableitung, nicht aber die Grundlage berühren. Darum Hat ja für die frühen Reformer nicht wissenschaftliche Kritik das bisherige jüdische Leben ul seiner Gültigkeit problematisch gemacht, sondern, die von außen her einstürmende Emamzipatjqn> rüttelte an diesem lieben*) selber, machte, es schlechterdings umnogljch und/führte zueiner nachträglichen pnirolö^sch-nistbriscHeir Bemümmg, ein1 Jfödentüm von leHr" .ve'rtdürihtenr Ge- ^fzescharakrerl zuretten?!' (S.. 14l) *). Von: uns hervorgehoben. I£ed, Das sind verständige Worte. Der Verstand war immer williger Diener unserer Wünsche und Begierden. Nicht weil man an der Gültigkeit des Sabbatgesetzes zweifelte; nicht weil man die heiligende Wirkung der Speisegesetze verkannte, wollte man Sabbat und Speisegesetze verändern oder abschaffen; sondern weil man sie abschaffen wollte als Hemmungen und Hindernisse der Karriere, als störend für die volle Ausschöpfung aller Lebensmöglichkeiten, darum suchte man ihre Gültigkeit zu relativieren, suchte hinter angeblicher Zeitgebundenheit dieser Gesetze die eigne Untreue zu verdecken. Aber waren denn die Menschen der Orthodoxie besser? Haben sie nicht auch dem Zeitgeist Opfer gebracht? „Es wäre verfehlt, zu glauben, daß diese Tendenzen der Assimilation auf die Kreise des Liberalismus und~ religiösen Indifferentismus begrenzt blieben. Vielmehr zeigt auch der religiöse Konservativismus im Judentum, was die Einstellung seiner Träger zur modernen Kultur und selbst zur Hyperkultur angeht, ein Bild, das sich kaum von der in liberalen Kreisen anzutreffenden Gesinnung und Uebung unterscheidet (!). Ja, vielleicht kann man glauben, daß das Judentum des 19. Jahrhunderts völlig unabhängig von seinen Richtungen sich darum so kultur- und fortschrittsfreudig empfand, weil es seinen religiösen Gehalt ZU einer gewissen inselhaften Stellung in den Gemütern seiner Anhänger verengt und das Problem Religion und Kultur darum gar nicht in seinem ganzen Ernst und in ssiner Schärfe spürte. So hatten hier oft genug auf die Spitze getriebene Observanz und Teilnahme an übersteigerter Zivilisation in seltsam anmutender Unbefangenheit in einer Seele Raum. Was nicht verboten, erschien als erlaubt, und Maßlosigkeiten des Luxus und Mode konnten sich an der Toilette einer „frommen" Dame mit dem Scheitel, der doch aus asketischen Gründen ihr Haupthaar verdeckt, anscheinend wohl vertragen." (S. 18.) Bisher galt es wohl immer als ein Gebot der Gerechtigkeit, eine Idee oder eine Geistesrichtung nicht nach Einzelnen ihrer Träger zu beurteilen, sondern sie entweder in ihrer Idealität, in ihrer theoretischen Selbstcharakteristik und Selbstbestimmung zu würdigen oder ihre Besten, Hervorragendsten als die Repräsentanten zum Maßstab 211 nehmen. Die geringste Forderung, der Billigkeit wäre, das Urteil auf die Gebarung und Führung der Masse zu richten, auf die breite Uebung, wie sie allgemein gehandhabt wird. Für Wiener gilt dieses Grundgebot der Gerechtigkeit nicht. Er sucht sich bei der Orthodoxie zu ihrer Kennzeichnung Menschen übersteigerter Zivilisation heraus, jene „frommen" Damen, die ihr Dekollete mit einem Scheitel in ihrer Seele als zusammenstimmend halten konnten. Natürlich hat nie die Orthodoxie jene Damen als fromm, sondern als unfromm empfunden, haben alle Rabbinen gegen derartige Entgleisungen des Geschmacks, jene zur Schau getragene Oberflächlichkeit gekämpft, hat selbst der schlichte Mann die Sinnwidrigkeit und Heuchelei solcher amhaarazisch-gespreizten Art mit Kritik überschüttet. Und diese „Frommen" selbst haben auch nie in Unbefangenheit gehandelt, sondern in vollem Bewußtsein ihres Unrechts, wie jeder Mensch genau weiß, daß, wenn er dem High life frönt', eidkmitgegen die Grundgesetze der Bescheidenheit: und: Keuschheit" verstößt; daß1 er sich eben' nurdeshalb diese Freir heiferi eVfauftt, weil1 die- Mode: und' die allgemeine Eitelkeit sie zulassen. Die „Orthodoxie" hat sich aber in dieser Beziehung nie fortschrittsfreudig empfunden. Wo wirklich Thora und Sündenfurcht zu Hause war, hat man alle Hyperkultur als ein welkes Blatt am Baum des Judentums angesehen. Aber wenn Wiener sich nicht scheut, die gegnerische Anschauung in der Karikatur einiger Outsider zu kennzeichnen, dann wäre es doch für ihn auch angebracht, sich einmal zu fragen: wie hat die liberale Religion der Emanzipationsepoche in den eigenen Reihen gewirkt? Das hat Wiener leider ganz vergessen. Er erzählt nichts davon, daß in den eigentlichen liberalen Gemeinden, d. h. in denjenigen, die nicht durch die Nebenbuhlerschaft einer konservativen Gemeinde immer wieder einen Impuls und religiösen Antrieb erhalten haben, die erdrückende Mehrheit kaum jüdisch, lesen kann, von Religion, von jüdischer Geschichte, von den Gefühlen höheren Lebens keine Ahnung hat, daß das „Dreitagejudentum" dort floriert, daß man nur durch bezahlte Kräfte am Sabbat ein Minjan aufrechterhalten kann und die Dienste der Liebe an den Toten nur für Geld geleistet werden, daß in Synagogen christliche Chöre das Sch'ma singen, daß die Mischehe grassierte, die Gesellschaften ein Bild der laxesten Moral boten. Ueber alles dies ist er ganz aus Versehen mit Stillschweigen hinweggegangen. Betrachtet man von dieser Warte aus den Liberalismus, der sich die Begriffe der Keuschheit vollkommen von der Umwelt diktieren läßt und alles schön findet, was gefällt, dann ist jene Dame im Scheitel und Dekollete noch ein Triumph der Moral und haben die welkesten Blätter am Baum der Orthodoxie noch mehr Religion in Haus und Familie, in Gebet und Andacht, in religiösen Interessen und Thoraliebe wie die Mehrheit derer, die sie verspotten. Aber man hat nach Wieners Meinung die Motive der Modernen verkannt oder nicht tief genug verstanden; S. R. Hirsch als Wortführer der Orthodoxie ist ihnen nicht gerecht geworden. „Wenn auch sein Blick die mögliche Gefahr streift, daß der nun gewonnene weitere Lebensspielraum Israel zu dem verabscheuten Besitz- und Genußstreben verführen könne, so ist das eben doch nur ein Moment, das pädagogische Maßregeln notwendig machen könnte. Es bietet ihm jedoch keinen Anlaß, sich dieses sogenannte Besitz- und Genußstreben der anderen einmal auf seinen prinziziellen Gehalt anzusehen, um so vielleicht doch zu begreifen, daß die Anziehungskraft des außerjüdischen Lebens möglicherweise noch andere Ziele in sich birgt als nur gemeine Genußsucht." (S. 73.) Einen tiefen Blick läßt Wiener uns hier in seine und der ganzen Reform kennzeichnende Gemütsverfassung tun, wenn er Hirsch den Vorwurf macht, er hätte sich das Besitz- und Genußstreben der anderen einmal auf seinen „prinzipiellen" Gehalt ansehen sollen, um so vielleicht doch zu begreifen, daß die Anziehungskraft des außerjüdischen Lebens möglicherweise noch andere Ziele in sich birgt als nur gemeine Genußsucht. Wir bekennen ihm, auch wir wären neugierig, diese andersartigen Motive kennenzulernen. Hirsch hat zwar nicht behauptet, daßes immer g e m e i n e Genußsucht sein muß; es kann auch eine edhe Genußsucht sein. Bei jeder Awera gibt es auch Seiten, die sie in einem

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