Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1934)
- Date
- 1934-11-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Feuilleton- Tk^^m Ic««««» #*114 Nummer 48 Beilage MJ&1T ISrSidll 1934 Josef von Sevilla. Erzählung aus der Zeit der Inquisition. (Fortsetzung.) Wie schnell hatten sich seine erst kurz vorher ausgesprochenen Worte bewahrheitet: ,,Rettung liegt nur in der Flucht." ,.Folgt mir, meine Brüder. Wir sind verraten." Bei diesen Worten öffnete er durch Druck auf einen geheimen Knopf eine sonst nicht zu erkennende Türe und trat mit seinen Genossen in einen dunklen, engen Gang. „Wir müssen hier einige tausend Schritte in dem dunklen Gange vorwärtsgehen, dann kommen wir in einem anderen Stadtviertel wieder auf die Straße." Nur langsam ging es vorwärts.. Da endlich sah man einen Lichtschimmer. Es war dies das Ende des Ganges. Doch was war das? Waren dort nicht am Eingange des Schachtes Menschen, die laut miteinander sprachen. Waren es Leute, die zufällig da standen, oder sollte der geheime Gang verraten worden sein und sollten da am Eingange Soldaten stehen, um sie zu fangen? Don Manuel war nicht lange im Zweifel. Mit Schrecken sah er beim Näherkommen, daß der Ausgang tatsächlich von Soldaten besetzt war. Ihre Flucht war vereitelt. ,,Wir sind verloren," rief Don Manuel mit schmerzerfüllter Stimme seinen Genossen zu. „Halt!" rief ihnen der Anführer der Hermandad zu. „Gebt Ihr Euch gefangen?" „Wir sind Deine Gefangenen," sagte Don Manuel einfach. In einem Moment lagen sie alle gefesselt am Boden, um nach dem Kerker gebracht zu werden. Doch was war das? Täuschte sich Don Manuel oder war .es die Wirklichkeit, Beim Scheine der Fackeln glaubte er das höhnische Gesicht Juda's, eines jungen Mannes, den er am Abend am Sedertische vermißt hatte, zu erkerinen. Er wollte es nicht; glauben. Sollte sich der junge Mann dermaßen durch Gold habe blenden lassen, um an seinem Wohltäter zum Verräter zu werden? Es blieb ihm jedoch keine Zeit zum Nachdenken. Mit den anderen Gefangenen zusammengekettet, wurde er alsbald von den rohen Soldaten nach dem Gefängnisse gebracht. Was Manuel jetzt erblickte, war keine Täuschung. Wieder sah er das höhnische und schadenfrohe Gesicht. Es war kein Zweifel, es war Juda. Schmerzerfüllt wandte sich Manuel ab, um dem höhnischen Lächeln zu entgehen. Was hatte er diesem getan, daß er an ihm, seinem einstigen Wohltäter, zum Verräter geworden war? Hatte er da noch Gnade' von den fanatischen Inquisitoren zu erwarten, nachdem sein eigener Glaubensgenosse um des schnöden Goldes willen zu den Feinden übergegangen war? Bei diesen für ihn so schmerzlichen Gedanken war man im Gefängnis angelangt. IV. Die Zelle, in die man die Gefangenen brachte, war ein öder, feuchter Kellerraum; das einzige an der Decke angebrachte Fenster, das vergittert war, warf nur ein spärliches Licht in den Kerker, und wenn der M. nrl von Zeit zu Zeit seine Strahlen in den Gefängnisraum warf, beleuchtete er die vor Angst verzerrten Gesichter der so plötzlich Eingekerkerten. Dumpfe Verzweiflung malte sich auf ihren Gesichtern. Allmählich kehrte ihre Geistesgegenwart zurück, und ruhiger dachten sie über ihre .La^e .^ach. Wie plötzlich war das Unglück über sie hereingebrochen; und welches Schicksal stand ihnen bevor? Der Weg aus dem Gefängnis führte zum Scheiterhaufen. Das wußten sie. — Da leuchtete Manuel ein Gedanken ein. Der einzige Weg zur Freiheit war der durch das Fenster an der Decke. Es galt zunächst, die Eisenstäbe an demselben zu entfernen. So schwierig dieses Mittel war, es mußte versucht werden. Auf den Schultern eines der Gefangenen stehend, suchte Josef, der Jüngste aber Kräftigste unter ihnen, die Eisenstäbe zu lockern, und der Versuch gelang wider Erwarten zum Jubel der Eingekerkerten. Der erste Schritt zur Rettung war getan. Die Hauptschwierigkeit stand noch bevor. Das Fenster war von einem Einzelnen ohne Hilfe nicht zu erreichen. Wer sollte bei der Flucht den Letzten, der durch das Fenster entkam, unterstützen? „Wir wollen losen," rieten einige. „Nein, ich bleibe im Gefängnisse zurück," rief Josef. „Weder das Eine noch das Andere," entschied Don Manuel, „sondern ich bleibe zurück, während Ihr Euch zu retten sucht. Bin ich doch die Veranlassung, daß Ihr in diese traurige Lage gekommen seid." Keine Widerrede seiner Genossen konnte Manuel bestimmen, seinen einmal gefaßten Vorsatz aufzugeben. Schmerzerfüllt nahm Manuel von seinen Freunden Abschied. Würde er sie jemals wiedersehen, welches traurige Schicksal wartete seiner? Er wagte nicht daran zu denken. Da wurde er in seinem Hinbrüten aufgeschreckt. Die Gefangenen waren glücklich aus dem Gefängnis entkommen und suchten ihr Heil in der Flucht. Nur Josef war noch zurückgeblieben: nochmals versuchte er Manuel umzustimmen, doch vergebens bat er ihn, zu fliehen, während er zurückbleiben wollte. „Was liegt mir am Leben. Ich habe weder Vater noch Mutter, noch Geschwister, auf die ich Rücksicht zu nehmen hätte; also lasse mich zurück und fliehe Du. Denke Du an Deine Familie, an Deine Gattin, die Du zur Witwe machst, an Deine Tochter, die zur Waise wird. Fliehe, rette die Deinen, solange es noch Zeit ist, denn bald wird es zu spät sein." Schmerzlich wurde Manuel betroffen, als ihn Josef so an seine Familie erinnerte. Hatte Josef nicht recht, war er es nicht seinen Angehörigen schuldig? Doch nein, er wollte bleiben. Konnte ihn nicht G'tt hoch retten? Denn war er durch die Flucht schon gerettet, wenn es für ihn bestimmt war, jetzt zu enden? „Ich bleibe hier, und Du gehst," entschied Manuel mit einem Tone, der keinen Widerspruch duldete. „Wenn Du etwas für mich tun willst, dann höre mich an: Sobald Du aus dem Gefängnis kommst, gehst Du nach meinem Hause, packst das Nötigste zusammen und schließt Dich mit meinem Weibe und meiner Tochter den anderen Flüchtlingen an. Sei vorsichtig. G'tt schütze Dich, sowie er auch mir helfen möge." ' „Ich werde Dir zu Hilfe kommen, hoffe auf mich, nichts werde ich unversucht lassen, Dich zu retten, vor keinem Mittel schrecke ich zurück, um Deine Fesseln zu zerreißen. Denn wisse, morgen wird mein Ruf ergehen und von allen Nachbarorten werden jüdische, Jünglinge mit bewaffneter Hand herbeieilen, um Deine Kerkermauern zu zerbrechen und Dich zu befreien, noch lebt der alte jüdische Geist, noch ist Israel nicht gänzlich vernichtet. Auch der Wurm krümmt sich, wenn er getreten wird. Wehe den Unterdrückern, sie sollen uns kennen lernen." Josef hätte dies mit einer solchen Begeisterung .gesprochen, daß selbst Manuel davon, hingerissein war; doch nur einen Augenblick, da hätte er wieder seine gewohnte Ueberlegung. ■■■i/f v.' v:m ■.. „Will die Mücke gegen den Löwen kämpfen? Was wollt Ihr Knaben gegen ein Heer von Waffen ausrichten? Hütet Euch vor einem derartigen Unternehmen! Nur zu neuen Greueltaten wird es Anlaß geben und neue Qualen werden unsere Glaubensbrüder erleiden müssen Folge dem Rate eines erfahrenen Mannes und tue, was ich Dir sagte. Mir wird G'tt schon helfen." Endlich nach langem Weigern verstand sich Josef dazu, mit Hilfe Manuels zu entfliehen. Jetzt war Manuel wieder allein und seine Lage kam ihm jetzt recht zum Bewußtsein. Solange seine Freunde bei ihm waren, hatte er seine Ruhe bewahrt, aber jetzt brach er ohnmächtig zusammen. Die Aufregung des Abends war zu groß gewesen. V. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich am anderen Morgen die Nachricht von der Gefangennahme Don Manuels und seiner Genossen. Jubelnd zogen die Volkshaufen nach dem Gerichtshause, um die Verurteilung der Juden mit anzuhören. Stand ihnen doch wieder das schönste Schauspiel, das Autodafe, das sie so lange entbehren mußten, bevor. Dichtgedrängt von Zuschauern war der Saal, in dem die Verhandlung stattfinden sollte, und gespannt warteten alle, bis der Großinquisitor die Verhandlung mit den Worten eröffnete: „Man bringe die Gefangenen." Erwartungsvoll schauten alle nach dem Eingange, nur der Großinquisitor und die übrigen Richter behielten ihre gleichgültig kalten und grausamen Gesichter. Da endlich, nach langem Warten, öffnete sich die Türe und herein trat, geführt von zwei Wärtern, mit stolz erhobenem Haupte Don Manuel. Man konnte meinen, er sei der Aufseher und die ihn begleitenden Wärter die Angeklagten, SO entsetzt waren ihre Gesichter. Was sollten sie zur Flucht der übrigen Gefangenen sagen? Sie waren für ihre Gefangenen verantwortlich, und welche Strafe drohte ihnen! Da wurden sie in ihrem Nachdenken durch den Inquisitor unterbrochen. „Warum bringt Ihr nicht gleich die übrigen Gefangenen, wie ich Euch befahl?" Entsetzen malte sich auf der beiden Antlitz. Was sollten sie antworten? „Sie sind nicht mehr da," stammelte endlich der mutigste von ihnen. „Willst Du mich necken, Du Hund, was soll diese Sprache?" „Verzeihet, Ehrwürden, die Gefangenen sind nicht mehr da, sie sind entflohen." „Wie ist das möglich, sind denn die Zellen nicht vergittert, daß die Flucht unmöglich ist?" „Das wohl, Ehrwürden," entgegnete der Aufseher, durch das verhältnismäßige leutselige Wesen des Inquisitors mutig geworden, „aber diese Hunde von Juden haben die Eisenstäbe losgerissen und Sind SO entkommen, nur der Eine ist zurückgeblieben." „Da wird uns ja dieser Hund Auskunft geben können," wandte sich der Inquisitor jetzt zornig an Manuel. „Sage, sind Deine Genossen entflohen?" „Ja," antwortete Manuel fest. „Und Du hast ihnen dabei geholfen?" „Ja!" „Und warum'bist Du nicht auch entflohen?" „Ich half meinen Gefährten das Fenster zu erreichen, es mußte einer zurückbleiben. Deshalb bin ich auch nicht entflohen." Ein Zug von Rührung über das aufopfernde Handeln Manuels glitt über des Inquisitors Gesicht, doch nur auf einen Augenblick, dann wandte er sich mit noch grausamerem Gesicht wieder an Manuel. (Fortsetzung folgt.)