Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1934)
- Date
- 1934-11-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 10 Nr. 48 Der Israelit 29. November 1934 Kinderecke. Eine Geschichte vom bösen und guten Trieb. Im Zimmer des Buben, der morgen seinen sieben ten Geburtstag feiern sollte, war es ganz still ge worden, denn er ist gerade eingeschlafen. Auf einmal ließ sich eine feine Stimme vernehmen: „Ach, wie freue ich mich auf das kommende Jahr." „Warum denn?" fragte noch ein feineres Stimmchen. „Weißt Du, der Junge, in dem wir beide wohnen, ich, der böse Trieb, und Du der gute, wird jetzt größer und stärker und da glaube ich, werde auch ich größer und stärker werden und eines Tages wird für Dich fast kein Platz mehr da sein, und vielleicht werde ich Alleinherrscher." „Na, protze nur nicht so, warte erst mal ab.' Aha, da kommt schon seine Mutter, um ihn zu wecken. Jetzt wollen wir mal gleich sehen, wer, stärker ist." Die Mutter ruft: „Bubi, stehe auf!" „Nein, im Bett ist es wärmer als draußen," flüstert ihm der böse Trieb zu. „Stehe auf," sagt ihm der gute ins Ohr, „Nein, ich mag nicht," sagt Bubi, und der böse freut sich. „Du kommst zu spät zur Schule," ruft die Mutter, „Macht nichts," sagt der böse. „Folge," sagt der gute, „es ist nicht schön, seinen Eltern zu widersprechen und seine Erzieher zu ärgern. Alle, haben Dich um so lieber, wenn Du folgst." „Ach, die haben mich doch lieb," denkt Bubi, „und morgen ist mein Geburtstag, hei, was werde ich da für schöne und gute Sachen bekommen." „Ja, hast Du sie aber verdient?" sagt da etwas leise. Erschrocken schaut Bubi nach allen Seiten, wer hatte ihn eben gefragt, ob er das verdient habe' Da er aber ein ehrlicher Junge ist, sagt er laut: Nein „Das ist nicht schlimm," sagt da wieder einer, und Bubi wehrt sich, denn auf einmal ist es ihm gar nicht mehr recht, daß er etwas bekommen sollte, was er nicht verdient hat; es kommt ihm vor, wie gelogen und gestohlen. Er steigt schnell aus dem Bett und beim Anziehen überlegt er, wie er es den Eltern und Geschwistern sagen soll. „Sags frei heraus," flüstert der gute Trieb. „Da wärst Du aber schön dumm,'' sagt der böse, „bedenke doch, was Du da alles Schöne bekommen kannst." Den ganzen Tag ging es so hin und her: „Sag ich's oder nicht." Bis Bubi wieder im Bett lag. „Ich hab's!" rief er laut. „Was denn?" fragte das Kinderfräulein. „Ich sage es morgen früh der Mama." Er hatte es sich so ausgedacht: „Ich nehme alles an, was ich bekomme, dann gebe ich es der Mama, sie soll es aufheben und mir erst wieder geben, wenn sie meint, daß ich es verdient habe. Ich will mir dann die größte Mühe geben, daß es bald sein kann." Bei diesen Gedanken wurde er auf einmal so froh und er meinte, es hätte jemand gesagt: „So ist es recht!" Als Bubi bald darauf eingeschlafen war, ließ sich ein feines Stimmchen hören: „Ich glaube, ich bin größer und stärker geworden." „0 weh," sagte ein anderes, „wenn das so weiter geht, werde ich ganz zusammenschrumpfen." Das war der böse Trieb, und Du guter Trieb wirst recht behalten, daß Du der stärkere bist. ' Kinder dachten,.,. Bald wieder klingt das Moaus zur . . . Fröhlich in unserm Kreise, Noch ein kleines Weilchen nur, Dann erschallt die alte Weise. Das schöne Fest, Chanuka Durchbricht des Alltags Sorgen. Das Lichterfest ist wieder da, Was kümmert uns das Morgen? Der G'tt, der einst unsern Ahnen Erringen half die große Schlacht, Er lenkt auch uns auf sichern Bahnen, Schützt uns mit seiner großen Macht, Scheint uns die Zeil auch noch so trüb, G'tt schickt sie nur zu unserm Segen. Denn G'tt hat sein Volk Israel lieb, An seinem Schicksal ist ihm gelegen. Jeder Chanuka ruft dir zu, Daß G'tt dich schützt vor allen Gefahren. Gib' deinem müden Herzen Ruh', Denn der Ewige wird stets dich bewahren. Cäcilie Rosenthal, Haßfurt a. M„ 13 Jahre alt, Ein Schabbosaufsatz. Der Schabbos ist ein sehr heiliger und wichtiger Tag, aber sogleich auch ein Freudentag. Er beginnt schon so schön mit dem Freitag Abend. Es ist; so herrlich, wenn meine Mutter die Lichter entzündet, Dann gehe ich in. die Synagoge. Zuerst ort man unc dann singt man das schöne 'in mV, um den Schab' bos in Empfang zu nehmen. Wenn die Synagoge au; ist, dann gehen wir nach Hause. Dann machen wir Kiddusch. Dann gibt es auch ein feines Essen. Wenn wir gegessen haben; singen wir mVvnn w 'Nun kommt das schönste, Das sind die niTar -Gesänge. Wenn wir schön gesungen haben, dann machen unsere Eltern uns eine besondere Freude, sie spielen mit uns einige Spiele. Sodann ist der schöne Freitag Abend zu Ende. Wenn ich morgens aufstehe, wasche ich mich nicht wie an Werktagen, sondern mache meine Hände naß und reibe mein Gesicht ab. Wenn ich meine Haare kämmen möchte, dann denke ich schon daran, heute ist ja Schabbos, dann nehme ich sofort nur die Bürste. Dann putzen wir auch nicht unsere Zähne wie an Werktagen, sondern spülen nur den Mund mit klarem Wasser aus, aber das macht mir ja nicht so viel aus, denn das Zähneputzen tue ich nicht so besonders gern. Wir haben am Schabbos keine Schule, da freuen wir Kinder uns auch sehr. Um ]49 Uhr gehe ich am Schabbos in die Synagoge. In der Synagoge wird sehr viel geort. Am Schlüsse singen dann die Buben U'p^KS Sodann hält der Herr Rabbiner einen wunderbaren Schiur, wenn ich ihn auch manchmal nicht ganz verstehe, dann frage ich meine Eltern und sie. erklären mir manches, wie es der Herr Rabbiner gemeint hat. Wenn ich nachmittags mit meinen Freundinnen spazieren gehe und die schönen Blumen auf der Wiese sehe, <äan gelüstet mich oft, sie abzupflücken, aber ich denk* der liebe G'tt will es nicht haben, dann laß' ich sie stehen. Es tut den Herren auch oft leid, daß sie nicht rauchen dürfen. Man darf auch kein Licht aufdrehen. Man darf auch keine Mukzoh-Gegenstände anrühren, z. B. Bleistifte, Federhalter, Tafel und Schulranzen, aber es macht mir nicht viel aus, denn ch habe in der ganzen Woche genug damit zu tun, Wir können dem lieben G'tt nicht genug danken, daß er uns einen solch' schönen Schabbos gegeben hat. Renate R e g e n s b u r g e r , Ichenhausen (9 Jahre.) Silbenrätselbi — chi — ha — le — — ni — ni — reif — Aus den Silben: arm kel — koh — mah — — u — ter — ve sollen 7 Wörter gebildet werden, deren Anfangs-, und Endbuchstaben, beide von oben nach unten'gelesen, ein bevorstehendes Ereignis nennen, auf das sich alle jüdischen Kinder freuen. (Ch sind 2 Buchstaben.) 1. Ostasiatisches Reich; 2. Jüdisches Theater; 3. Schmuckstück; 4. Babylonische Stadt (biblisch): 5. Kanton in der Schweiz; 6. Brennmaterial; 7. Obstpresse. Auflösung des Rätsels aus der vorigen Kinderecke- Esau, Rüben, Elias, Zentner, Jause, Ipswich, Sonne, Rabbi, olim, Esra, Landshut. — Erez Jisroel, Unsere Heimat, Richtige Lösung sandten, ein: E. und Ph. Pfeffer, Dresden; Gustel und Sara Waldmann, Frankfurt am Main; Friedel und Leni Slobotzki. St. Die (Frankreich); Hermann, Leo. Jona und Sam Emanuel, Utrecht; Helene und Lilli Lidzbarski, Frankfurt' a. M-; David Wilder, Dresden; Marianna und Leo Sichel. Nürnberg; Jakob Einstein, Mannheim; Alfred und Jean Jaqües Donath. Yverdon; Hermann-und Joseph Tayer, Frankfurt a.'M.; Frieda, Toni und Salv Hasenkopf, Frankfurt a; M.; Hanna, Lea und Mausche Kahn, Kopenhagen; .Herbert Rosemann. Berlin; Naftali. Moritz und Siegfried Wagschal, Berlin. Bei Rüben wurde aus Versehen des Setzers ein Buchstabe ausgelassen, wodurch sich aber die braven Löser und Löserinnen gar nicht irre machen ließen. Personalien. Oberrabbiner Dr. Feuchtwang 70 Jahre alt. ' I Wien', 24. Nov. Am 27. November feierte der Oberrabbiner von Wien, Dr. David Feuchtwang, seinen 70. Geburtstag. Seit dem Jahre- 1903 in Wien als Rabbiner tätig, wurde.DrJFeüchtwang im Jahre 1928 nach denr Ableben des Wiener Oberrabbinats Dr. Zwi Perez Chajez als'Stellvertreter des Oberrabbiners berufen und späterhin endgültig zum Oberrabbiner von Wien ernannt. Der Jubilar hat eine Reihe von wissenschaftlichen Werken veröffentlicht, die in Fachkreisen berechtigte Anerkennung gefunden haben. Er erfreut sich in allen Schichten des Wiener Judentums, sowie, in christlichen Kreisen großer Wertschätzung. Der Jubilar hat den Wunsch ausgedrückt, daß 'von Ehrungen und Feiern anläßlich seines Geburtstages Abstand genommen werde.; Stuttgart, 26. Nov. Den vielen Trauerg'ttesdiensten für den verstorbenen Kissinger Raw, Dr. Sekel Bamberger b"?!, reihte sich die von der Israelitischen Religionsgesellschaft Stuttgart am Sonntag, den Ii. Kislew veranstaltete in würdiger Weise :an, Im Auftrage des Vorstandes konnte Herr Karl Kahn neben den vollzählig erschienenen Gemeindemitgliedern auch die offiziellen Vertreter des Oberrates' und des Gemeindevorsteheramtes sowie zahlreiche Mitglieder der Hauptgemeinde begrüßen. Unser Rabbiner Dr. Simon Bamberger, Sohn des Heimgegangenen,, zeichnete darauf ein Bild von dem segensreichen Leben seines Vaters. Was der Sohn ausführte, wurde von dem nachfolgenden Redner, Herrn Rabb. Dr. Neuwirth, aufs wirkungsvollste bestätigt, so daß alle das Empfinden hatten: Mit dem Kissinger Raw b"sr ist einer der bedeutendsten deutschen Rabbiner von uns gegangen, dessen Wirken uns Vorbild sein möge in unserem Streben nach jüdischer und menschlicher Vollkommenheit. Umrahmt war die Trauerfeier von den Gesängen unseres Vorbeters, Herrn Zanger, ' Huttengesäß, 26. Nov. Herr Isaac H e ß wird dieser Tage 75 Jahre alt. Herr Heß, seit langen Jahren erster Vorsteher und ehrenamtlicher Vorbeter, hat seine ganze Kraft eingesetzt, die alte kleine Gemeinde in gut jüdischen Bahnen zu erhalten. Möge '"»n ihm die Kraft geben, es noch lange zu tun, in einem heiteren Lebensabend in rüstiger Gesundheit. ETjnny Aurich, 19. Nov. Noch zittert der Schmerz über den herben Verlust unseres unvergeßlichen Lehrers B. Wolff ^"Xl in uns nach, noch isi diese tiefe Wunde im Herzen unseres Gemeindelebens nicht vernarbt, als schon eine neue Trauerbotschaft uns heimsuchte. Wieder hat der unerbittliche Tod am 5. Kislew eine andere Säule unserer Gemeinschaft mit Abraham van Dyk hingerafft. Weit über die Grenzen unserer engen Heimat hinaus war er bekannt, schätzte und liebte man ihn. Durch sein jüdisches Fühlen und Arbeiten hat er Großes in unserer Gemeinde geleistet, deren Traditionen hochzuhalten er als heiligste Pflicht betrachtete. Er war eine nicht alltägliche Erscheinung. Mit seinem scharfen Geiste hat er min f jüdische Wissenschaft nicht nur gelernt, sondern sie auch gelehrt. So ist es denn auch zu begreifen, daß sich durch die übergroße Beteiligung an der ,viV am 7. Kislew. die Wertschätzung des Verstorbenen auchöffentlich zeigte. In dem G'tteshause, wohin auch die Wirksamkeit desselben durch sein Amt als erster Vorsteher fällt und woselbst die sterbliche Hülle aufgebahrt ward, fan<3 eine ergreifende Gedenkfeier statt. Als erster Redner gab der Prediger der Gemeinde,, Herr Lehrer Moses, ein abgerundetes Lebensbild des Entschlafenen. 38 Jahre stand van Dyk an der Spitze unserer Gemeinde. Bei ihm fand jeder stete Hilfsbereitschaft, seine Freundlichkeit und Geduld waren erhebend. Wenn auch seine übergroße Bescheidenheit jedes Lob ablehnte, so konnte er es doch nicht verhindern, daß ihm schon in jungen Jahren der Chower zu seinem siebzigsten Geburtstage vor drei Jahren der min-Titel verliehen wurde. Auch Herr Landrabbiner Dr. Blum, Emden war aus der Ferne herbeigeeilt, um dem. bewährten Kämpfer für mm und nnax herzliche Abschiedsworte zuzurufen, während Herr Jakob Wolff dem Vorgänger bewegt aufrichtige Worte des Gedenkens widmete. Namens des Talmud Tauroh-Vereins. dessen Gründer ■ der Verstorbene war, sprach Herr Simon Samson. _ n^avan Vermischtes. Limburg (Lahn), 17. Nov. Vor dem Schwurgericht hatte sich der frühere Kassengehilfe Peter. R ö s s e l Montabaur wegen Totschlags zu verantworten. Er hatte, am 19. Juni den Viehhändler. Simon s s e 1 b äic h e r aus Isselbach derart mit einem Gewehrschaft auf den Kopf geschlagen, daß dieser nach mehreren Tagen den erlittenen Ve rl e t z u n - «n erlag. i, , -i: Der Angeklagte hatte nach Verlassen' einer Wirtschaft unverständliche Aeußerungen getan, war nach Hause gegangen, hatte dort eine Kleinkaliberbüchse geholt und traf dann mit dem Viehhändler, den er gar nicht kannte, auf der Straße zusammen, der dort auf ein Auto wartete. Erst wollte er auf den Viehhändler schießen, a'ber das Gewehr war nicht geiden. Darauf schlug er dem Viehhändler mit dem ewehrschaft auf den Kopf. Für die Anklage wegen ^Totschlags wurde zwar dem Angeklagten Schuldausschließung nach § 51 (Bewußtlosigkeit oder krankhafte Störung der Geistestätigkeit des Täters) zugebilligt. Das Gericht i< erurteilte ihn jedoch zu e i n e m Jahr drei M o- £ n a t e n Gefängnis wegen A 1 k o h o 1 m i ß - >•' brauchs. In der.Urteilsbegründung heißt es, daß 1 es bei der Tat nicht darau fangekommen sei, daß esj/ sich um einen J u d e n gehandelt habe. Rössel hab'e : den erstbesten Menschen, der ihm entgegengekom-j men sei, in seinem Zustande zusammengeschlagen; -