Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1934)
- Date
- 1934-11-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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29. November 1934 D Israelit Nr. 48 Seite 3 Weniger Licht - aber eigenes ä ^(Fortsetzung von Seite 1.) bleibt;* ebenfalls symbolisch, auf dem Weihnachtstische... Sprechen'wir nicht von denen, die, plötzlich über Nacht aus der großen Gemeinschaft hinausgedrängt, sich zu eigenen Gebilden unter der Devise: „Anschluß und Anpassung trotzdem und um jeden Preis!" sammelten; sprechen wir nicht von' den „Verbänden der christlichen Nichtarier" oder der Naumann'schen „Auch- und Trotznationalisten", sie stehen weit weg von der Linie unserer Betrachtung. Aber selbst im neu orienr tierfen jüdischen Leben derer; die sich ganz ehrlich auf ihr Judentum besannen, sind es noch viel) zuviel der falschen, fremden Lichter, die die Menorah überstrahlen. ' Einer jüdischen Schuljugend ist als Gnadengeschenk vom Himmel der freie Sabbat in den Schoß gefallen. Zum zweiten Male hören wir G'ttes Stimme an Moses: njÄ n'nn ,!? ET miü mnu „Köstliche Gabe habe ich ihnen aus meiner Schatzkammer zugedacht, den Sabbat, Qynim *]S künde es ihnen! . . ." Wie wird der neugewonnene Sabbat der Jugend kundgetan? Es fehlt nicht an ehrlichen Bestrebungen der berufenen •oder sich berufen fühlenden Instanzen, Wege zu suchen (als ob die Wege erst gesucht werden müßten!). Aber man braucht nur einen Blick auf die in liberalen und zionistischen Blättern der Jugend Woche für Woche empfohlene S a b - b a 11 e k t ü r e zu werfen, um hierbei weit mehr Weihnachtsgrün zu entdecken, als echtes Sab- *>atlicht . . .*)' Und weiter: Weil man zu den Hallen des allgemeinen öffentlichen Sportlebens, wo man früher schon entweder bei einem Siege in den Huf eines Strebers oder bei einer Niederlage1 in <len eines Schwächlings und Feiglings kam, kei-, nen Zutritt mehr hat, sammelt man sich in'einer eigenen großen Sportgemeinde und feiert M a kk a b i a d e n. „Makkabiade" ist der jüdische, — nicht einmal hebräische —■ Name für die .griechische Olympiade, gegen die die alten Makkabäer ihr Schwert erhoben und ihr Blut verspritzt haben, da sie die Heiligkeit des* Tempels zu trüben drohte. Hier haben wir das typische Beispiel einer Menorah, die auf einem fremden Tische im Glänze fremder Lichter steht. Und liebevolle Mütter haben Tränen der Rührung für das Glück ihrer heldischen Kinder . Darin hat sich in den zwei Jahren nicht viel geändert, nur daß das individuelle Erlebnis zu einem großen kollektiven voll innerer Unnatur ausgewachsen ist. In liberalen Synagogen wird heute mehr denn je zum Judentume gerufen, wobei aber den Hörern nicht mit einem Sterbenswörtchen verraten wird, w o Judentum beginnt und was Judentum ist. wr> .,16 n^inn 'wainv xn vink n^m- „Die Hirten,;—. die Führer, die G't^ im Munde führen, — sagen nicht, wo G'tt ist, und die die Tnöra, angeblich stützen, kennen Ihn n i c h t." '; Besteht aber die Umkehr darin, daß statt des nichtjüdischen Kirchenorganisten der jüdische die Andacht mit Händel und Bach i ankurbelt, sd haben wir „die i Menorah auf dem Weihnachtstisch" samt der kindischen Freude vor zwei Jahren. Man hat in Berlin und in allen Großstädten Kulturbünde zur Pflege jüdiscTTer Kunst und Musik gebildet, was im Interesse der heimat- und brotlos gewordenen jüdischen Künstler und Musiker begrüßt werden muß. Aber ein Asyl für brot- und obdachlose jüdische Künstler bloß hat mit jüdischer Kultur wenig; zu tun. Die Herren, zum Teile .Männer, die bis dahin führend im Musik- und Theaterleben Deutschlands und nicht zum Schaden ihres Vaterlandes waren, empfinden es und, feinfühlig, wie sie sind, deklarieren' sie ihre Gründung nicht als jüdische Kultur,' sondern als Kultur deutscher Juden. Es klingen uns auch hie und da ein paar jüdische Töne entgegen, (so die Jeremias-Aufführung). Aber am Programme im Großen und Ganzen hat sich wenig geändert. Es sind die alten Kulturlichter von früher, die man ans eigene, Kamin stellt, wo man sie bei dem Stürm draußen besser geborgen glaubt. Nicht, daß jene Kulturwerke schlecht wären oder nicht erhebend und bis zum gewissen Grade sogar erzieherisch wirken könnten! Aber wir verständen doch schlecht * die Zeichen der Zeit, gingen wir nicht in der Konsequenz aus den Erlebnissen der letzten zwei Jahre etwas weiter nach innen, bis zum eigenen ' Weinberg, auf den wir immer und immer wieder verwiesen werden, um uns seinen natoirgewachsenen Produkten mehr zuzuwenden, statt fremde. Gewächse auf eigenen Boden zu verpflanzen. Hier hätten wir — wir wollen gerecht sein — auch an den eigenen orthodoxen Kreis ein mahnendes Wort zu richten. Auch hier erleben wir einen Wirbel von Festen und Veranstaltungen in diesem „Winter des Mißvergnügens", die dazu angetan sind, über die trübe Situation hinwegzutäuschen. Angenehme Stunden der Entspannung und des Vergessens! Wer wollte dies wem mißgönnen? Aber ob es in dem Maße und in dem Rahmen geschehen muß, daß alle Welt und wir selbst über unsere Not hinweggetäuscht werden, mit Veranstaltungen, deren einzige jüdische Note in einem alt verwaschenen jüdischen Witze des Ansagers besteht, muß von jedem ernst Denkenden kategorisch verneint werden. Aber, die L e h r h ä u s e r , die jüdischen Hochschulen! hören wir \ sagen. $ie weisen doch mit tausend Lichtern ins eigene jüdische Haus! Ihr Programm ist ausgesprochen jüdisch und in sich geschlossen, es hat auch den alten Begriff des Lernens aufgenommen! Was uns dabei mit Bangen und Zweifel erfüllt, sind neben anderen die Namen und die Aufraachung. Kein Programm und keine Methode ist an sich gut oder schlecht, es kommt auf die Menschen 'aji, die sie ausführen und verantworten; Und daß w(ir — bis auf einige wenige — die Lehrer auf dem Programme als hochansehnliche und wissenschaftlich bedeutende Männer schätzen, aber im Reiche des Judentums, wie wir es verstehen, nicht als zuständig ansehen, ist bekannt. Und dann die Aufmachung! Wir wollen nicht darüber lachen, daß man Dinge, die in unseren Lehrhäusern und in unseren Lernvereinen tagtäglich von früh bis spät als etwas Selbstverständliches gelehrt und gelernt werden, dort unter klingendem Titel wie unter Donner und Blitz verkündet werden, aber die Aufmachung macht uns skeptisch und mißtrauisch. Die Welt liebt die Lichtreklame. Ob sie aber dem Lichte der Thora gut tut, darüber gibt gerade das winzige Chanukahlichtchen, im Vergleich zu den vielen bunten Lichtern der Anderen, eindeutige Antwort. Was soll das heißen „eine Lernstunde über die zweite Responsion der Kedduschah aus Jecheskel III?" Wir in unseren Lernstuben setzen uns gemütlich an den Tisch und lernen das Buch Jecheskel, von Anfang bis zu Ende. Wir sollten nicht so viel über „das Volk der Propheten" sprechen, sondern die Propheten lesen, lernen und leben. Gibt es eine bessere „Einführung in das Judentum", als einen Schiur in „Chaje Odom" oder „Kizzur Schulchan Aruch"? Will man Jirmejahu lernen, so nenne man das nicht „Hebräische Lektüre des Jeremijah", sondern einen Jeremiasschiur, Jeremijahlehrgang. Was „Lektüre von Mischnah" ist, wissen wir auch nicht, wir lernen Mischnajoth. Was ist „vorsinaitische Offenbarung" und was ist aus einem „Lehrgang über das Buch Daniel und die Zeit der Makkabäer" anders zu erwarten, als ein bibelkritischer Flugrekord über die vier Jahrhunderte, die zwischen Daniel und den Makkabäern liegen? Warum nennt man nicht das Kind beim, richtigen Namen, nicht Vorlesung aus Midrasch, einfach Midraschvortrag, sondern „Einführung in die talmudische Legende" oder ähnlich? Es sind eben andere Kreise, ein anderes Publikum, an das diese Lehrveranstaltungen appellieren, sagt man uns. Aber wird nicht gerade diesem Auditorium einer kulturmüden, ehrlich suchenden Jugend das Einfache und Eindeutige mehr zusagen, als die große Phrase von gestern, aus einer Zeit, die glaubte, Raketenfeuer für gutes solides Licht nehmen zu können? Wir wollen all diese Bestrebungen gewiß nicht bagatellisieren, noch weniger die tapferen Männer, die ihre beste Kraft in den Dienst der Jugend- und Erwachsenenbildung einsetzen, herabsetzen. Ein wenig warnen möchten wir nur, — aus Liebe und Erfahrung, aus Angst um die Sicherstellung der geistigen jüdischen Beute aus den letzten Kampfjahren. In Erinnerung an jenen genügsamen braven' Jungen, der schon glücklich ist, seine Menorah im Lichte des Weihnachtsbaumes zu sehen. . . , *) Auf die, merkwürdige Definition des „Oneg Schabbat" in einein norddeutschen jüdischen Blatte und die dort. erzählten Märchen über den Sabbat der Orthodoxie kommen wir noch zurück. Red. Wochenrundsehaü, Das Vertretungsproblem. Man muß es der Propaganda-Abteilung der „Reichsvertretung" lassen: sie versteht es vorzüglich, die Beirats-Sitzungen und die Berichte darüber so zu arrangieren, daß ' die Oeffentlichkeit wochen- und monatelang'keine klare Vorstellung von den wirklich vorhandenen1 Gegensätzen erhalt, die;da miteinander ringen. Man mußte glauben,-' die" vom Beirat eingesetzte „Warburg"-Kommission werde, 'ihrer ganzen Zusammensetzung nach, den Bestrebungen auf Umwandlung der Reichsvertretung. in eine Vertretung der Großgemeinden . ein' Begräbnis erster Klasse bereiten. Wenn man aber; die Debatten in der Berliner Repräsentanten-Versammlung liest, die der Beiratssitzung vorangingen', und die merkwürdigerweise erst jetzt <e.ns Tageslicht kommen, so scheint es doch, daß die Kräfte, die die Reichsvertretung geschaffen haben, kein ganz so leichtes Spiel haben werden, wie sie glauben. Nachdem der Berliner Gemeindevorstand einmal erklärt hat, er glaube seinen Vorsitzenden aus der Reichsvertretung zurückziehen zu müssen, wenn nicht eine Erweiterung durch Aufnahme von vier Gemeinde-Vertretern erfolge,: wird er — beialler innerer Schwäche der heutigen Berliner Gemeindeleitung — schwer,zurück können, ohne sich durchgesetzt zu haben./,; ]\ ,: •'. Allerdings muß man die Naivität derjenigen Berliner Repräsentanten bewundern, die sich einreden, der heutige „Zustand der Einflußlosigkeit" der Reichsvertretung bei den Behörden werde sich ändern, sobald nur die Berliner Gemeinde darin das Szepter führt. Auch die Autorität der Reichsvertretung nach innen wird dadurch nicht um Haaresbreite größer werden. Die einstimmig angenommene Resolution der Berliner Repräsentanz zur Reichsyertretungsfrage lautete wie folgt: 1. Die Reichsvertretung muß die Autonomie der Gemeinden unangetastet lassen.