Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1934)
- Date
- 1934-11-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2450807-2450853--80876-2538717- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 Nr. 48 De f. Israelit 29. November 1934 Religionsfreiheit und Schechita, Prag, 26. November. Vor einigen Jahren noch hat die Gemeindevertretung in E g e r beschlossen, das rituelle Schlachten zu verbieten. Gegen diesen Beschluß überreichte die Kultusgemeinde in Eger, vertreten durch Dr. Paul Freundlich, eine Beschwerde, welcher von der Bezirksbehörde mit Bescheid vom 25. Oktober 1933 Folge gegeben wurde, indem sie den Staatsvertretungsbeschluß als gesetzwidrig aufhob. Die Behörde verwies darauf, daß das rituelle Schlachten eine religiöse Institution sei, deren Uebung durch die Verfassungsurkunde gewährleistet sei. Die Berufung der Stadt Eger gegen diesen Bescheid wurde von der Landesbehörde abgewiesen und zwar mit der Begründung, daß unter dem Begriffe der Ausübung der Konfession, der Religion oder des Glaubens nicht bloß rein rituelle Zeremonien zu verstehen seien, sondern alles, was durch die betreffende Religionsgemeinschaft an Pflichten den Angehörigen auferlegt wurde. Der Standpunkt der (Beschwerdeführerin verstoße aber, wie bereits die Bezirksbehörde ausführte, gegen die Verfassungs Urkunde, die die freie Religionsausübung in jedem Belange gewährleiste. Das Urteil im Haffkin-Prozeß, Bekanntlich hat der vor fünf Jahren verstorbene Prof. H a f f k i n sein Vermögen im Betrage von etwa einer Million Schweizer Franken dem „Hilfsverein der deutschen Juden" in Berlin mit der Bestimmung vermacht, die Zinsen des Betrages für die bestehenden Jeschiwos des Ostens zu verwenden. Die französische Regierung hat gegen die Ausführung des Testaments gerichtlich Klage eingereicht mit der Begründung, daß ein französischer Bürger nicht das Recht habe, sein Vermögen ausländischen Zwecken zu widmen. Prozeßgegner war der Hilfsverein der deutschen Juden. Das französische Gericht hat nun vor kurzem zu Gunsten des Hilfs Vereins entschieden. Endgültig ist die Angelegenheit damit jedoch noch nicht erledigt, da die französische Regie rung Berufung bei der höheren Gerichtsinstanz eingelegt hat. Da das Vermögen in der Schweiz angelegt ist, trägt es verhältnismäßig bescheidene Zinsen, so daß es sich im ganzen nur um 30—40 000 Mark jährlich (für sämtliche Jeschiwos) handelt. Judeneinwanderung in Syrien. Die Mandatsverwaltung von Syrien hat die Entscheidung getroffen, Juden zur Einwanderung und Niederlassung in Syrien und dem Libanon zuzulassen. Bedingung ist, daß sie Kapital mitbringen. Jedoch ist ihnen verboten, Land an der palästinensischen Grenze zu kaufen, damit nicht später ein Grund bestehen könnte, die Grenze von Palästina zuungunsten der von Syrien zu verändern. Die Tragödie der Juden in Jemen, Jerusalem, 22. November. Aus Aden traf in Jerusalem eine telegraphische Mitteilung ein, daß mehrere jüdische Familien aus dem südarabischen Staat Jemen auf ihrer Durchreise nach Palästina, wo sie sich anzusiedeln gedachten, von der englischen Polizei in Aden festgenomme.n und zurück nach dem Jemen abgeschoben wurden. Man ist um das Schicksal dieser jüdischen Familien besorgt, da im Jemen das System der Judenverfolgungen andauert und Juden, die Anstalten getroffen haben, nach Palästina auszuwandern, das Schlimmste zu gewärtigen haben. Schon seit einiger Zeit gehen die englischen Behörden in Aden, das unter englischem militärischen Protektorat steht und dem Vizekönig von Indien unterstellt ist, sehr scharf gegen nach Aden kommende jemenitische Juden vor. Bereits im September d, J. mußten zahlreiche vor den antijüdischen Verfolgungen im Jemen nach Aden geflüchtete Juden schnell Aden wieder verlassen und unter Lebensgefahr nach dem Jemen zurückkehren. Anscheinend hängt dieses strenge Vorgehen der Behörden in Aden gegen die jemenitischen Juden mit den Verordnungen der Palästinaregierung gegen die illegale jüdische Einwanderung nach Palästina zusammen. Im Mai 1932 war auch Aden der Schauplatz ernster antijüdischer Unruhen der Moslems; diese Vorgänge bildeten den Gegenstand lebhafter Erörterungen im Londoner Joint Foreign Committee und in der Anglo-Jewish Association; sie wurden auch in der Indischen Nationalversammlung behandelt. Wieder Hochflut in Tiberias. Tiberias, 21. November. Am letzten Sonntag prasselte wieder ein Flutregen über die Stadt Tiberias herab und setzte die tiefgelegenen Stadtteile, die sich von der Flutkatastrophe im Sommer noch nicht erholt haben, wieder meterhoch unter Wasser. Die große Synagoge der „Bojaner Chassidim" war ganz überschwemmt. Einige Gelehrte der Jeschiwah „Or Thora", die beim Anbruch des Unwetters in die Stadt hinuntergingen, um nach ihren Familien zu sehen, gerieten in eine Wassergefahr und konnten nur wie durch ein Wunder gerettet werden. Wenn auch der Schaden nicht so groß ist wie damals und es auch G. s. D. keine Menschenopfer kostete, so ist die Aufregung infolge der Überstandeneri Schrecken in der Stadt sehr groß. Man darf darin einen Fingerzeig vom Himmel sehen, die Eindeichungs-.; arbeiten, mit denen man nach der ersten Katastrophe begonnen hat, zu beschleunigen und zu Ende zu führen, bevor, was G'tt verhüten mag, wieder ein großes Unglück zu beklagen wäre. Die Verteilung der deutschen Einwanderung in Palästina. Jerusalem, 27. November. Ueber die Verteilung der deutschen Einwanderer werden folgende Zahlen bekanntgegeben: Es sind heute ca. 18 000 deutsche Einwanderer in Palästina. Von diesen sind in Hotels, Cafes, Läden, Pensionen usw. (von denen man meist annJmmt, daß sie den Großteil der deutschen Einwanderung absorbieren) nicht mehr als 2500 beschäftigt. Unter den 18000 wären 500 Äerzte, von denen 300 in ihrem. Beruf geblieben sind", und zwar 3U in den Städten, der Rest in den Kolonien. 200 Äerzte haben ändere Berufe ergriffen, von ihnen sind 60—70 in die Landwirtschaft gegangen. Von den 300 Anwalten, die ins Land kamen, haben sich 135 der Prüfung unterzogen, um in ihrem Beruf zu bleiben, der Rest ist in andere Berufe und 50 davon sind zur Landarbeit übergegangen. In Tel Awiw sind von der deutschen Einwanderung 2500 als Arbeiter in Handwerk, Industrie und Bau beschäftigt, in Haifa 1600, in Jerusalem 500. Im letzten Jahre wurden von Deutschen 67 Industrieunternehmungen ins Leben gerufen, die 800 Arbeiter beschäftigen und eine Anzahl von Werkstätten, in denen 1300 Menschen arbeiten. Banken, Import, Export nahmen gegen 1800 Menschen auf. Die New-Yorker Orthodoxie kämpft für das Kaschruth. New York, 23. November. Die glaubenstreue Bevölkerung hat unter Führung der Rabbiner den energischen Kampf gegen die Verwilderung im Kaschruthwesen aufgenommen. Leicht ist dieser Kampf in der Vielmillionenstadt nicht. Die Rabbinatskommission erleichtert die Arbeit dadurch, daß sie den von ihr approbierten Schochtim Siegel und Plombe verleiht, womit sie das von ihnen geschachtete Geflügel als koscher zu zeichnen haben. In Aufrufen wird die Bevölkerung dringend davor gewarnt, Fleisch und Geflügel, das solches Zeichen nicht trägt, ins Haus zu bringen. Natürlich setzten sich die Geflügelhändler kräftig zur Wehr, und ihrer mancher wurden auf dem Markte gegen die kontrollierenden Rabbineri sogar tätlich, so daß die Polizei eingreifen mußte. Nun wurde in dem größten Beshamidrsach ein Cherem und Issur von Seiten des Waad Harabbanim verkündet gegen alles Fleisch und Geflügel, das das Koscherzeichen des Rabbinates nicht aufweist. Die Proklamation geschah bei Anwesenheit von über 2000 Menschen unter Beteiligung aller angesehenen Rabbiner und Rebbes der amerikanischen Metropole. Polizei mußte alle Kraft aufbieten, um den gewaltigen Andrang abzuwehren. Der Senior der Rabbinen, Rabbi Benjamin Fleischer, erschien in SargeneSj Talith und Tefillin auf dem Almemor, um den Cherem zu verkünden. Es brannten sämtliche Lichter im G'tteshause. Nach ihm sprachen noch andere Rabbiner und entflammten die große Versammlung für Kaschruth, für den Sabbat und alle jüdischen Angelegenheiten. Man darf hoffen, daß dieser feierliche und ergreifende Akt nicht wirkungslos verhallen wird. Gründung einer deutsch-jüdischen Gemeinde in Chile. Santiago de Chile, 14, November. Eine Gruppe im letzten Jahre aus Deutschland eingewanderter Juden hat gemeinsam mit den. früher in Chile ansässig gewesenen deutschen, und ungarischen Juden eine Kultusgemeinde deutsch sprechender Juden gegründet. Die neue. Gemeinde will eine eigene Synagoge errichten, die gleichzeitig als Versammlungsraum für die Einwanderer aus Deutschland dienen soll. Ferner ist die Errichtung einer Bibliothek geplant, in der von Zeit zu Zeit Vorträge veranstaltet werden sollen. Für die traditionell-religiöse Erziehung der Jugend soll gesorgt werden. Von nichtjüdischen Jugendlichen in Santiago1 ist die Initiative zur Gründung eines jüdischen Theaterklubs ausgegangen. Sie teilen in einer Erklärung mit, daß sie ihre Vorurteilsfreiheit und. ihre Hochschätzung für die jüdische Kolonie dadurch bekurfden wollen, daß sie ihren Verein nach einem „gesunden und edlen Volk" benennen. Zum Ehrenpräsidenten des neuen Vereins haben! sie den Vorsitzenden der Zionistischen Föderation Chiles, zum Ehrenvizepräsidenten den Vorsitzenden der „Bikkur Cholim" gewählt.