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Der Israelit · 1934-11-29 · Heft 48 (29.11.1934) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 48 (29.11.1934)
Date
1934-11-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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3, r Israeli Ein Centraiorgan für das orthodoxe Judentum / Begründet von Dr. Lehmann in Mainz Frankfurt a. M. 29. November 1934 ~22TKislew 5695 Nummer 48 Studentendetnonstrationen gegen Deutsche und Juden in Prag und gegen Tschechen und Juden in Wien. Die großen, zum Teile blutigen Straßendemonstrationen in Prag, die für die gesamte Presse das Ereignis der Woche bildeten, hatten einen ausgesprochen juden feindlichen Charakter. Die Schlachtparole hieß: „Gegen .Deutsche und Juden!" In Prag bestehen seit 1882 zwei Universitäten nebeneinander, eine deutsche und eine tschechische, von denen die letztere sich für die eigentliche Nachfolgerin der alten Karlsuniversität hält. Die I n s i g n i e n samt anderen historischen Denkwürdigkeiten, die bislang in der deutschen Universität gut aufgehoben waren, mußten jetzt an die tschechische ausgeliefert werden, was nicht ohne Schlägereien und große Demonstrationen abging. Mit Juden und Judentum hat die Sache nicht das Geringste zu tun. Da aber von jeher, schon in der österreichischen Zeit, die Juden in Prag die Vertreter der deutschen Sprache und Kultur waren, so wirkte sich dieser Kampf gewohnheitsgemäß gegen die Juden aus. Juden und Deutsche sind für den Tschechen der Straße wie der höheren Bildungsschicht identisch. So zog die Schar der Demonstranten wie vor das Deutsche Haus, das Deutsche Theater auch vor das zionistische B e t h H a a m und verwüstete da wie dort, was ihr in die Finger kam. Viele jüdische Geschäfte weisen eingeschlagene Fensterscheiben auf. Straßenredner forderten zur „Abrechnung mit jüdischen Geschäftsleuten" auf. Die Juden mußten, getrennt von der gemeinsamen Abwehraktion, bei der Regierung um eigenen Schutz der jüdischen Bevölkerung nachsuchen, der ihnen auch zugesichert wurde. Schon diese Zusage veranlaßt die Ultranationalisten, die Regierung als Beschützerin von Deutschen und Juden" hinzustellen und zu bekämpfen. Die Tschechen haben wenig hinzugelernt. Den dicken Trennungsstrich, den heute die deutsche Welt zwischen Deutschen und Juden macht, nahmen und nehmen sie nicht zur Kenntnis. Für sie ist nach Wie vor der Jude ein Deutscher. Das bringt sogar manchen Berichterstatter reichsdeutscher Zeitungen in Verlegenheit. So spricht die Berliner Zeitung „Der Montag" von einer Verquickung gegensätzlichster Haßgefühle, in Prag aber weiß man, daß es der gleiche Haß ist, mit dem die Deutschen wie die Juden bedacht werden. Und zur gleichen Zeit haben die Gegendemonstrationen in Wien, in erster Reihe gegen die tschechische Richtung, unverkennbar auch einen judenfeindlichen Einschlag. Alle Kundgebungen gehen von den Kreisen aus, die. den Judenhaß auf ihren Schild geschrieben haben, und so ist es denn unvermeidlich, daß bei der Abwehr der tschechischen Uebergriffe in Prag auch manch hartes Wort gegen die Juden in die Massen geworfen wird. Indessen kann in Prag die Regierung für die Vorgänge nicht verantwortlich gemacht werden. Die übernationale Welle auf der Straße hat ihren Rückhalt in der Opposition gegen die Regierung, die die Versöhnung will und weit davon entfernt ist, durch die kleinlichen Studentenplänkeleien den Frieden unter der Bevölkerung zerbrechen zu lassen. So darf man hoffen, daß ihr bald gelingt, die volle Ruhe wieder herzustellen. Aus dem Inhalt; Religionsfreiheit und Schechita in der Tschechoslovakei ........Seite 2 Judeneinwanderung in Syrien .... Seite 2 Tragödie der Juden in Jemen .... Seite 2 Newyorker Orthodoxie kämpft um Kaschruth..........Seite 2 Die Aktion der Wiener Schiffschul . . Seite 4 Die Tragik der Halb juden......Seite 4 Die „verbesserte" biblische Geschichte Von Rabb. Dr. Merzbach .... Seite 5 Dreifaches Denken und Tun Von Rabb. W. Jacobson.....Seite 4 Zur geistigen Vorbereitung für Erez Jisroel.........Seite 6 Die Beisetzung des Amsterdamer Oberrabbiners . . Seite 7 Palästinaberichte .......Seite 7 u. 8 Kinderecke ............Seite 10 Beilage: „Golah und Geullah". Weniger Licht - aber eigenes! Es war vor zwei Jahren in einer größeren Stadt Hessens. Im Anschluß an einen Vortrag kam eine geruhige Aussprache in -Fluß über die Art, wie wir am besten unsere Kinder für das Judentum gewinnen. Eine Dame, die sich als liberal vorstellte, stand auf, um zu konstatieren, daß eine Hinwendung der Jugend, selbst der jüngsten, zu positiver jüdischer Lebensart tatsächlich zu bemerken sei. ,,Mein Junge," erzählte sie, „hatte dieses Jahr nur einen brennenden Wunsch, er wollte eine Chanukahm e n o r a h als Weihnachtsgeschenk. Wirklichsteilten wir ihm einen achtzackigen Leuchter unter den Baum auf den Weihnachtstisch. Und da hätten Sie die Freude des Kindes sehen sollen!" Der Dame selbst traten beinahe die Tränen in die Augen in Erinnerung an jenes Erlebnis. Andere im Saale lächelten oder lachten halblaut. Dem Redner — der Schreiber dieser Zeilen ist — war aber dabei sehr ernst zumute, und er nahm dieses ehrliche Staunen einer Mutter, die auf dem Wege über ihr Kind im Lichte des Weihnachtsbaumes etwas Judentum erlebt, zum Anlaß, um in einem Schlußworte die ganze Tragik eines Suchens, dem kein klares Ziel gesetzt ist, eines Sehnens ohne Erfüllung aufzuweisen. „Judentum am Rande", nannte er dieses aus Baum und Lampe zusammengesetzte Doppellicht, bevor noch Joachim' Prinz dieses Wort in anderem Sinne geprägt hatte. Die Dame verstand das nicht , , . Man darf hoffen, daß sie es inzwischen begriffen hat. Wiederum auf dem Wege über ihr Kind, das nun so weit sein dürfte, um sich an einer Menorah ohne Weihnachtslichter zu erfreuen. Es ist uns in dieser Zwischenzeit so oft und so deutlich demonstriert worden, wo wir hingehören, daß man hoffen darf, es seien nunmehr auch in den liberalen Häusern, wo man glaubte, altes trautes jüdisches Familienglück mit fremden Kulten und Bräuchen stützen zu müssen, die Weihnachtslichter erloschen. Ist darum die Chanukahmenorah in ihrem vollen Lichterglanze erstrahlt? Das Symbolische und Symptomatische in jenem mütterlichen Berichte ist heute noch aktuell, womöglich noch weit aktueller als damals, und Elijahus Mahnung 'D^s'son w dtioid ühk "»na nsr an eine Schar geistiger Heimkehrer, die zwischen Weihnachtsbaum und Chanukahlampe schwanken, berührt heute noch so lebendig und gegenwärtig wie am ersten Tage. Nach dem ersten Schrecken, dadurch hervorgerufen, daß sich große Teile des Judentums aus hundertjährigem Schlummer und aus allen Himmeln " gerissen sahen, beginnt man nun, sich nach den-gegebenen veränderten Umständen im eigenen Hause, so gut es geht, einzurichten. Man holt, symbolisch gesprochen, auch die alte Menorah aus der Rumpelkammer hervor. Aber sie (Fortsetzung auf Seite 3.)

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