Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1934)
- Date
- 1934-11-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450807-2450850--80838-2538710- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Wll H—H |[öIÖTöire=ö1lö|öl[ö!n IHME Erziehung und Lehre Pädagogische Beilage zum „Israelit" Organ des Bandes gesetzestreuer jüdischer Lehrer Deutschlands m. i° HJ[ KH 3 Verantwortliche Sc'aTiltleitung: L. Kauimann, Sprendlingen (Kreis OHenbach) Erdkundeuntericht in der jüdischen Schule, Vortrag, gehalten in unserer Frankfurter Ortsgruppe am 26. Juni 1934 von Rektor Karl Ochsenmann in Frankfurt a. M. Der jüdische Erdkundelehrer, der nicht in morphologischen Einzelheiten stecken blieb, der in der Erdkunde mehr als eine Topographie der Erdoberfläche sah, hat schon lange vor dem Umbruch unserer Tage, wenn er nur einen Hauch vom Geiste S. R. Hirschs in sich gespürt, eine innige Verknüpfung von jüdischem und profanem Wissen gepflegt. Er hat es nicht bei einigen Angaben über Juden in den verschiedenen Ländern und bei einer etwas ausgiebigeren Behandlung Palästinas neben den sonstigen Lehraufgaben bewenden lassen. Er war sich dessen bewußt, wie die Natur ganz besonders geeignet ist, religiösen Sinn zu wecken, wie die Bewunderung ihrer Erhabenheit und Schönheit, die staunende Betrachtung der Fülle'des Lebens und der Lebens- und Entwicklungsmöglichkeiten auf der Erde, die Erkenntnis der Wirksamkeit der Naturgesetze uns zu dem Scköpfer leiten. „Schon die ersten Blätter des Pentateuchs," so sägt der Gründer unserer Schule, „in welch erhöhtem Maße wird das Licht der dort zu schöpfenden Wahrheit und die Kraft der dort zu nährenden sittlichen Stärke den Weg zu Geist und Herz der Schüler finden, wenn ihrem jugendlichen Geiste bereits die Welt als eine Fülle von nach bestimmten Gesetzen wirkenden Kräften dargestellt und ihnen eine Einsicht i die Entwicklungsgeschichte der Menschen und Völker auf Erden gewährt worden, und sie somit im Stande sind, den Schauplatz in Raum und Zeit denkend zu betrachten, den eben dieses Buch der Bücher unter dem Strahle des G'ttesgedankens , erleuchten und unter eben diesem Strahle den Men-! sehen und Juden orientierend seine Stelle im großen , G'tteshaushalte bewußtvoll erkennen lassen will." Im deutschen Bildungsgut ist der Erdkunde eine zentrale Stellung gegeben, sie eignet sich vorzüglich?ura „organischen Beziehungsunterricht", weil sie Wischen den geisteswissenschaftlichen und mathema- Hsch-naturwissenschaftlichen Bildungsfächern balancierend ausgleichen kann. In dieser ihrer Doppelsiellung liegen für unser Prinzip mancherlei Gefahren, nicht, wo es sich um Tatsachen handelt, wohl aber, wo Theorien in Frage kommen. Außer der stofflichen Bildungsaufgabe — Vermittlung eines Wissens um erdkundliche Dinge — kommt der Erdkunde auch eine formale Bildungsaufgabe zu, den Schüler geographisch denken zu lehren. Gegen genaues Beobachten, klares, gegenstänldiches und aktives Denken ist kein Einwand zu erheben; wohl ..aber.müssen wir;Vorsicht walten lassen bei der Forderung der kausalen und genetischen Betrachtungsweise. . ...... ...... Die Geologie kann unter Umständen zu einer Gefahrenquelle ersten Ranges für unsere Weltanschauung werden. Aber es hieße,, Vögelstraußpölitik treiben, wenn man bei'der .Betrachtung.des Bodens die Oberfläche als Grenze setzen würde. Ein rechter .;Geo,graphieunterricht . kann die Geologie, die nach Johannes Walter die Wissenschaft ist, die sich in zielbewußter Weise mit den Bodenformen, der Bodenzusammensetzung, dem Bodenaufbau, der Wasserführung des Bodens und der gesetzmäßigen Verteilung der Bodenschätze befaßt, nicht ausschalten. In der Volksschule und. auf der Unter- und Mittelstufe der höheren Schule hat der Unterricht, der die Lagerungsverhältnisse der Gesteine, die Erscheinungen der Sedimentation, die Verwitterung, die Schichtverhältnisse, die Wasserführung behandelt, nur vorbereitenden Charakter. Die historische Geologie scheidet aus. Erst in der Uli sind die auftretenden Theorien, . die erdge.sehiehtlich.Gn Fragen nicht zu umgehen. Der Schöpfungsbericht .steht in zwei Punkten mit der Wissenschaft; im Widerspruch. Einmal befindet sich das genaue Erdalter in der Bibel nicht im Einklang mit den Ergebnissen der Wissenschaft, und dann fehlt im Schöpfungsbericht der Entwicklungsgedanke. Dr. Isaak Breuer gibt uns in seinem „Der neue Kusari" eine wertvolle Handreichung: 5694 Jahre sind es her, seit der erste Mensch zum ersten Mal G'ttes Schöpfung als das Immerwährend und Ueberall erkannt hat. Daß die Natur- und Menschengeschichte eine Vergangenheit von 5694 Jahren hat, ist kein Gegenstand naturwissenschaftlicher Erkenntnis, sondern Inhalt metageschichtlicher Offenbarung. Diese Metageschichte gibt dem anfang- und endlosen Strom der Menschenzeit Woher und Wohin. Woher — Entsprungen aus dem Sabbat der Schöpfung. Wohin — Zum Sabbat der Menschheit. Die Menschenzeit ist nicht die gradlinige Fortsetzung der G'ttesz e i t. Sechs G'ttestage der Schöpfung sind zu Ende. Nun legt sich der siebte Tag, auf sechs Schöpfungstagen G'ttes aufgebaut, in Menschenzeit auseinander. Wir können die Schöpfung nicht in die Menschenzeit verlegen. Wenn wir über den Zeitraum von 5694 Jahren vorstoßen, stoßen wir ins Leere, Die Wissenschaft kann sich ausrechnen, welche Zeiträume wohl erforderlich wären, um das- Entstehen der uns heute vorliegenden Erscheinungen unter der als konstant erachteten Herrschaft der uns bekannten Naturgesetze erklärbar zu machen. Die sechs. Werktage stehen außerhalb jeder Wissenschaft. Kein Finger der Wissenschaft vermag die Revolutionen aufzuspüren, die G'ttes Schöpfung während der sechs Werktage planmäßig durchzumachen gehabt hat. Kein Schluß der Wissenschaft vermag diesen Revolutionen, die sich außerhalb der Menschheit vollzogen, den Maßstab der Menschenzeit anzulegen. Selbst im Rahmen unseres Zeitablaufs findet die Wissenschaft Vorgänge, die unter anderen Voraussetzungen mit bedeutend erhöhter Geschwindigkeit verlaufen, wie z. B. das Gerbverfahren ' und die synthetische Herstellung des Erdöls. Die mathematisch-astronomische Geographie wird von unserem Standpunkte aus keine sonderlichen Schwierigkeiten bereiten. Der Gegensatz — Erdkugel — vier Enden der Erde — ist leicht zu erklären, ebenso ptolemäisches-kopernikanisches System. Die übrigen Disziplinen der allgemeinen Erdkunde geben zu besonderen Bemerkungen keinen Anlaß. Unserem Bestreben, profane Fächer in jüdischem Geiste zu führen, geben die „Richtlinien" gar nichts, sie reichen noch nicht einmal an die primitivsten Versuche dieser Art heran. In der dabei empfohlenen ergänzenden Anhangsmethode liegt eine schwere Gefahr für die Wertschätzung des Judentums. Wenn man bei Ländern und Städten sich darauf beschränkt, als Ergänzung jüdische Merkwürdigkeiten anzufügen,' so erscheint ihre Winzigkeit gegenüber den Kulturgütern anderer Völker nicht sehr imponierend, weshalb die jüdische Durchdringung des Erdkundestoffes sich damit nicht zufrieden geben darf. Die Richtlinien haben, aus der bisherigen Praxis übernommen, bei jüdischen Persönlichkeiten, die sich in irgend einem Bereiche der Wissenschaft besondere Verdienste erworben haben, auf die Zugehörigkeit zum jüdischen Stamme hinzuweisen. Das kann selbstver-; ständlich in der Erdkunde geschehen. Aber normalen Menschen dürfen wir dabei nicht Ueberlebensgröße verleihen. Bei Sven Hedin, der irgendwo einmal auf seine jüdische Abstammung hinweist, brauchen wir den Blutszusammenhang nicht zu verschweigen, ebenso wenig die Tatsache, daß der 'Münchener Merzbac,her Hervorragendes in der Erforschung des Kaukasus geleistet hat. Es interessiert die Kinder, bei Durchnahme der Entdeckungen zu hören, daß unter den Matrosen des Columbus mindestens drei Juden waren, von denen Luis de Torres als erster den amerikanischen Boden betritt, daß Alfonso. d'Abuquerke an Vasco de Gamas Weltumsegelung teilnahm. Daß der Direktor des Potsdamer Astrophysischen Instituts, Karl Schwarzschild, zu den bedeutendsten Astronomen des 19. Jahrhunderts zählte, dürfen wir mit Fug und Recht behaupten, ebenso, daß Mäistre Jaime den Kompaß verbesserte, daß wir LevL b. Gerson den Jakobsstab zur geographischen Ortsbestimmung verdanken. Wenn wir bei der Inbeziehungsetzung jüdischer Bildungselemente zur Erdkunde ehrlich bleiben, uns vor Ueberhöhungen hüten wollen, müssen wir davon abstehen, durch Gegenüberstellung jüdischer und allgemeiner Momente konkurrieren zu wollen, wir müssen die Sache .ganz anders aufziehen. Zunächst müssen wir uns davor hüten, die Erdkunde zu einer Art Baedekerwissenschaft zu ernied-i rigen. Für Raschis Aufenthalt in Worms liegt kein; bodenständiger Grund vor, es handelt sich um einezufällige Tatsache. Wohl aber ist es mit der Erdkunde vereinbar, zur Begründung auf die Ansiedlung der Juden am Rhein hinzuweisen^ wie diese im Gefolge der Römer erscheinen, als römische Kultur durch die Burgundische Pforte und aus Gallien nach Norden vordringt, wie Thoragelehrte von den Fürsten als notwendig erachtet werden zur Erhaltung jüdischer Zentren — Kalonymos in Mainz. Weiterhin ist die Forderung aufzustellen, Erdkunde nicht als jüdische Erdkunde zu betreiben. Es gibt eben so wenig eine jüdische wie eine evangelische oder katholische Erdkunde. Wohl aber trägt es zur Belebung des Interesses bei, Belange des Judentums in feinsinniger Art einzubeziehen. -- (Schluß folgt.) Die jüdische Religionslehrerakademie in Köln, Die von den vergangenen Regierungen vorgenommene Neuordnung des Lehrerbildungswesens in Preußen hat zur Folge gehabt, daß das seit 1867 bestehende jüdische Lehrerseminar in Köln sich in seiner Organisation und in seiner Zielsetzung neu gestaltete. Seit dem 1. April 1933 ist das Kölner Seminar in eine jüdische Religionslehrerakademie umgewandelt worden. Daß es sich bei dieser Umwandlung nicht nur um eine Konzession an behördlichen Zwang handelt, beweist der ausführliche, bis in alle Einzelheiten des Lehrplans und der Unterrichtsverteilung ausgearbeitete Plan, den der heimgegarigene Direktor des Kölner Seminars, Rabb. Dr. Emanuel Carlebach s. A., bereits im Jahre 1925 dem Seminarkuratorium vorgelegt hat. Schon seit langem ist es hier als eine innere Notwendigkeit im Interesse des jüdischen Lebens und unserer jüdischen Gemeinden in Deutschland erkannt worden, daß es wieder Lehrer bei uns gäbe, die, bei aller Weltaufgeschlossenheit und inneren Verbundenheit mit den lebendigen Kräften der Gegenwart, schon in ihrer Ausbildung den entscheidenden Nachdruck auf die Mehrung ihrer jüdischen Substanz haben legen können und durch Beschränkung und Spezialisierung auf die jüdischen Bildungsgüter größere Meisterschaft und Tüchtigkeit gerade auf den jüdischen Gebieten erlangt haben. Es ist aber eine unbestreitbare und durch jahrzehntelange Erfahrung auf allen jüdischen Lehrerbildungsanstalten erhärtete Tatsache, daß dieses Ziel bei der Ueberlastung der Zöglinge durch die Staatlichen Anforderungen nur äußerst selten und höchst unvollkommen erreicht werden kann. Dagegen bietet... das Programm der Kölner Akademie, das, abgesehen von einer vollwertigen pädagogischen und methodischen Ausbildung, alle Kräfte und die ganze Zeit ihrer Schüler auf die jüdischen Fächer — Thora mit Kommentaren, Nach, Mischnah und Talmud, Dinim, hebräische Sprache, jüdische Religionsphilosophie, Gebete, Liturgik und Kantorat — konzentriert, die Gewähr für die Heranbildung von Lehrern, die in einer nach jüdischen . Werten mehr denn je durstenden Zeit dazu berufen sind, religiöse Führer der von ihnen zu betreuenden Gemeinden, vor allem deren heranwachsender Jugend, zu werden.; Wir glauben, daß gerade eine Stadt wie Köln, eine Stadt pulsierenden jüdischen Lebens und auch großer allgemein bedeutsamer geistiger Institutionen, den besten Rahmen, für diese Ausbildung gibt. Eine eigene jüdische Uebungsschule, die Volksschule .jMoriah", bietet Gelegenheit zu Hospitationen und zu praktischen Unterrichtsübungen. Der große Kreis der an den im Seminargebäude untergebrachten Schulen wirkenden Pädagogen gibt den Zöglingen Möglichkeit der fachlichen Anregung auch im privaten Verkehr. Die alte Tradition der Kölner Anstalt bringt dem Zögling eine Fülle wertvoller Erfahrungen auf allen Gebieten des Unterrichts entgegen und kann für den alt-neuen Aufgabenkreis in voller Weise ausgenutzt werden. Die bewährten früheren Lehrkräfte des Seminars haben sich dem neuen Werk zur Verfügung gestellt. Die bei der Aufnahme der Hörer grundsätzlich geforderte allgemeine und jüdische Vorbildung stellte die Anstalt von vorneherein auf ein so hohes geistiges Niveau, daß die Arbeit, in allen Fächern auf das für einen Lehrer denkbar höchste Ziel zusteuern durfte. Ende Juli ds. Js. konnte bereits der erste Kurs der Religionslehrerakademie mit dem Befähigungszeugnis für den Religionslehrerberuf entlassen