Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1934)
- Date
- 1934-11-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 45 1934 Die Sehnsucht eines Wasserträgers. Eine Armengeschichte aus dem östlichen Ghetto. Von M. Katz. Der Morgen graut. In der Kammer ist es noch dunkel. Baruch erwacht aus dem Schlummer und spricht zu seiner Frau: „Debora, ich geh' heute zu Nuchim. Den Waisenknaben will ich mir als Beter für meine Seele sichern. Er ist iromm und versäumt kein Gebet. Es ist auch Zeit — man kann nicht wissen . . ." Keine Antwort. Plötzlich erinnert sich Baruch, daß seine Frau bereits auf dem Friedhof ruht . . . Vierzig Jahre lang unterhielten sie sich jeden Morgen vor dem Aufstehen. Baruch schaut auf das aufgeräumte Bett. Tränen stürzen aus seinen müden Augen. Kein Kind und keine Frau. Elend ist er, allein. Erst jetzt sieht er, wie gut er bei ihr aufgehoben war. Jahrein, jahraus trösteten sie sich gegenseitig, daß G'tt sie doch mit einem Kinde beglücken würde. Wie zwei stille Tauben lebten sie in der Hoffnung. Sie flickte seine Kleider so schön und sorgfältig. Unter der Schulter des Rockeslegte sie ganz dick Watte auf, damit ihm der Achselstock, auf den er zwei schwere Holzkannen mit Wasser trug, nicht stark drückte. Immer fand er etwas Appetitliches in seiner Rocktasche zur Erfrischung. Sie verstand es nicht bloß für die paar Kopeken hauszuhalten, sondern erübrigte noch einige Kerzen für das Bethaus. „Wie klug und bescheiden sie war," denkt Baruch. Eine brennende Sehnsucht nach seinem Weibe packt ihn bei dem Gedanken. Er bereut so sehr, warum er erst jetzt das alles so deutlich erkennt. Er war ja stets gut zu ihr, doch glaubt er jetzt irgend etwas versäumt zu haben . . . Mit gesenktem Haupt geht Baruch ins Bethaus. Zwar versteht er wenig von den heiligen Büchern, aber er hörte einst von einem Wanderprediger, daß der einfache Jude mit Psalmensagen bei G'tt dasselbe bewirkt, wie die Gelehrten mit den tiefsinnigen Gebeten. Als Beispiel führte der Volkserzähler an, daß ein Psalmensager wie ein Drehorgelspieler wäre. Man braucht nur zu drehen, — immer Psalmen sagen. Der Kasten spielt, — G'tt versteht schon. Und Baruch Wasserträger dreht unermüdlich für die Seele seiner Frau. „Schade, schade," denkt er. „0, könnte man eine Verbindung mit dem Jenseits herstellen." Er möchte gerne wissen, wie seine Gebete wirken und überhaupt .. . „Drehen, drehen!" hört er eine Stimme von ganz weit her rufen . . . Nach dem Beten geht Baruch zu Nuchim. Keiner fragt ihn, warum er den Kopf so hängen läßt. Jeder kennt sein Elend. Nach fünfzig Jahren schwerer Arbeit fühlt sich der Wasserträger in der Haltung wohler. Dann hat er ein Recht darauf, sein verlorenes Glück zu suchen . . . Auf der Suche hat er einen Buckel bekommen, der seinen Kopf tiefer drückt. Und wenn er keinen anschaut, so nicht deswegen, weil seine Augen haßerfüllt sind. Wen soll Baruch hassen? Seine Mitbrüder sind ohnehin genug gehaßt. Er kann ihnen nicht grollen. Was können sie dafür, daß sein Weib ohne ärztliche Hilfe verschied? Baruch fühlt sich ein wenig schuldig; in der Not hätte er doch zu den Reichen gehen sollen und , . . Ein bitteres Lächeln ergießt sich über sein graubehaartes Gesicht. Sterben an Stelle seines Weibes hätte er gekonnt ... Er beschleunigt die Schritte, wie an Hochzeitstagen seiner Kunden, wenn viel Wasser benötigt wird. Nachdem er Nuchim zum Beter für seine Seele und „Erben" seiner ärmlichen Habe gemacht hat, schreitet er gelassen und innerlich beruhigt seiner Kammer zu. Kaum drei Monate ist es her, als man seine Debora von hier forttrug. Still hatte sie gelebt, schweigend nahm sie die Tröstungen entgegen. Die Menschen, die an ihrem Sterbebett standen, waren sündig; sonst hätten sie gesehen, wie G'tt sie durch einen Hauch seines Mundes auf ewig einschläferte . . . Kein Kind und jetzt auch keine Frau! Baruch legt sich ins Bett. Als man ihn zwei Tage nicht mehr sieht, sucht man ihn auf. Man findet ihn in sauberer Wäsche — tot. Hinter der Bahre geht Nuchim, der Waisenknabe, und wie der Grabhügel aufgeworfen ist, sagt er Kaddisch . . . Über Jubiläumsfeierlichkeiten im Judentum. In letzterer Zeit wird in der Presse tagtäglich die Oeffentlichkeit mit Geburtstagen, Jubiläumsfeiern usw. befaßt. Auch in orthodoxen und rabbinischen Kreisen beginnt der Brauch sich einzuführen. Zu dieser Sitte oder Unsitte nimmt das hebräische Organ der Agudas Jisroel in Warschau, "»Jan in einem Artikel Stellung, dessen Inhalt verdient, in weiten jüdischen Kreisen bekannt zu werden. Als man für den Gaon an der Schwelle unseres Jahrhunderts, Rabbi Jizchok Elchonon in Kowno, eine große Feier aus Anlaß seines siebzigsten Geburtstages geplant hatte und er davon Wind bekam, ließ er in den jüdischen Zeitungen bekannt machen, daß er nicht nur jede Feier ablehne, sondern auch verbiete, zu diesem Tage seine Werke als Jubiläumsausgabe herauszugeben oder sie mit Hinweis auf den Geburtstag zu empfehlen und zu verkaufen. Aus dem Wortlaute jener Bekanntmachung sei folgendes wiedergegeben: „Es widerspricht meinem Wunsch und meinem Willen, diesen Tag sonderlich zu beachten. Solche Feste hatte man nie in der rabbinischen Welt gekannt und es gäbe keine größere Beschämung für mich, als hier als erster eine Bresche zu schlagen. Es ist auch in keiner alten oder neueren rabbinischen Schrift nur eine Spur davon zu finden, daß die Großen ihre Geburtstage beachteten oder feierten. Solche Ehrung müßte den Rabbinern zur Entehrung gereichen." Im Werke 3py aaia eines der alten Gelehrten aus Italien lesen wir zu dem Satze aus Koheleth 1-rVin dtö man dv> ym u. a.: „Aus diesem Grunde vielleicht unterließen es unsere Väter und Vätersväter von jeher, ihren Geburtstag zu feiern. Dieser Brauch ist von nichtjüdischer Abstammung und wie sollte er dem Judentume geziemen, da es doch lehrt: maa vibv D*mV ma und "inia av 19 "jaxsn ]nxn b& „Glaube nicht an dich, d. h. arbeite an dir bis zum Tage deines Todes." In der früheren gesetzestreuen Monatsschrift öVsn wird argumentiert: „Wenn es schon heißt pwy l'N "iai bv*»s$ daß man auch nach dem Tode der Großen nicht Denkmäler, sondern ihre Werke für sie zeugen lasse, um wieviel weniger dürfte man sie schon zu Lebzeiten aus rein kalendarischem Anlaß mit dem Nimbus der Vollkommenheit und Vollendung umgeben, da doch der Mensch, der ewig ringende, sich nie für vollendet halten darf." Jizchok Beer Lewinsohn, der, obwohl einer der Klassiker der Haskala, als Gelehrter das Vertrauen der Rabbinen genoß, schreibt in seinem "183 pflVr Seite 34 u. a.; „Bei allen Völkern ist es üblich, die Geburtstage zu begehen, in der Bibel sind aber nicht einmal die Geburtstage der Könige, auch nicht derer, die sich gern der heidnischen Umgebung anpaßten, angegeben. Daß man von dieser Sitte bei den Juden wohl wußte, ist daraus zu ersehen, daß vom Geburtstagsfeste Pharaos die Rede ist, und daß später im Talmud „Abodah Sarah" solche Feste mit heidnischem Kult in Verbindung gebracht werden; worin es auch begründet ist, daß die Juden von diesem Brauche nichts wissen wollten." Wir schließen uns diesen Gedankengängen an und bemerken noch, daß man sich auf die bekannte Stelle im Talmud „Moad katan", die von einem Feste Rabbi Josephs an seinem 60. Geburtstage berichtet, nicht berufen darf. Er feierte diesen 60. Geburtstag im engen Kreise seiner Lehrhauskollegen (pal!» Kao Kav) um, wie an Ort und Stelle begründet wird, nur um seiner Freude Ausdruck zu geben, daß er mit dieser Altersgrenze der ins-Strafe entgangen sei. Mit lauten und rauschenden Geburtstagsfesten und Jubiläumsfeierlichkeiten hat jener talmudische Bericht nicht das Geringste zu tun. Kinderecke, Vater Chilkijahu. Aus dem jüdischen Fabelschatz. Nacherzählt von Saly Geis. In alten Zeiten lebte in Erez Jisrael ein einfacher Bauer mit Namen Chilkijahu, den das ganze Volk wegen seiner Weisheit und Frömmigkeit verehrte und Vater Chilkijahu nannte. Als der Regen ausblieb und Hungersnot drohte, sandte das Volk zwei angesehene Gelehrte zu Chilkijahu, daß er zu G'tt bete. Sie trafen ihn bei der Feldarbeit ,doch er beachtete sie nicht, antwortete nicht und arbeitete bis gegen Abend weiter. Die Abgesandten sahen ihm erstaunt zu und folgten seinen Schritten, als er aufbrach. Er hatte seinen Rock über die eine Schulter, die Hacke und ein Bündel Holz über die andere Schulter und die Schuhe in die Hand genommen. Erst, bevor er einen Fluß durchschreiten mußte, zog er die Schuhe an, um sie nachher wieder auszuziehen und auch noch den Saum seines Kleides hochzustülpen, trotzdem Dorngestrüpp seine Haut ritzte. Aus der Haustür kam Chilkijahu seine Frau in festlicher Kleidung entgegen. Sie trat zuerst ins Haus, dann er, und die Abgesandten folgten nach. Der Tisch stand schon zum Mahl bereit, doch Chilkijahu lud die beiden Männer nicht ein, und voll Verwunderung sahen diese, wie er seinem großen Sohn eine kleine Portion, seinen beiden kleinen Söhnen aber große Portionen zuteilte. Nachher sprach Chilkijahu leise mit seiner Frau, und sie stiegen beide auf den Söller hinauf. Er sagte ihr: „Wir wollen beide zu G'tt beten, bevor die Männer uns auffordern. Nachher ist es den Leuten gegenüber nicht unser Verdienst, wenn Regen fällt und wir werden nicht stolz werden." Sie begannen zu beten. Da stieg von der Seite, wo die Frau stand, eine Wolke auf, wurde größer und größer und zerplatzte zu einem kräftigen Regen. Jetzt stieg Chilkijahu eilig hinab, wandte sich freundlich an die Abgesandten wegen ihres Begehrs und als diese ihren Auftrag mitteilten, lachte er: „Meine Freunde, ihr habt mich nicht nötig, G'tt schickt soeben Regen." Die Männer aber wehrten ab. ,.Durch dein Verdienst hat sich G'tt über Sein Volk erbarmt. — Doch nun erkläre uns dein bisheriges Verhalten, damit wir an Weisheit gewinnen." Chilkijahu willfahrte ihrem Wunsche und begann: „Ich arbeitete für Tageslohn und hatte deshalb kein Recht, meine Arbeit zu unterbrechen. So durfte ich nicht einmal eurem Gruß antworten. Mein Rock ist geliehen. Um die Hacke und das Holz auf der Schulter zu tragen, mußte ich den Rock ausziehen und über die zweite Schulter legen. Viele Menschen ziehen die Schuhe aus, wenn sie durch einen Fluß gehen. Ich machte es umgekehrt, da ich fürchtete, im Schlamm des Flusses auf ein giftiges Tier treten zu können. Mein Kleid raffte ich bei den Dornen hoch. Ein Riß in meine Haut heilt wieder, ein Riß aber im Kleid macht es häßlich."