Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1934)
- Date
- 1934-11-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 45 Oer Israelit 8. November 1934 setzt werden soll. Lord Cecil gab in diesem Zusammenhang seiner Bewunderung für die großzügigen Leistungen der Juden in Frankreich, England, Amerika und anderen Ländern für das Hilfswerk Ausdruck und stellte fest, daß die Bemühungen nichtjüdischer Kreise in dieser Hinsicht sich mit denen der Juden nicht messen können. Es sei auffallend, daß auch dort, wo 20 Proz. der Ausgewanderten Nichtjuden sind, nur 3—4 Proz. der Hilfsgelder aus nichtjüdischen Quellen stammen. Der Plan des High Commissioner Macdonald, eine besondere Versamm lung zur Heranziehung neuer leistungsfähiger Kreise einzuberufen, könne nur begrüßt werden. Lord Cecil gab bekannt, daß der Verwaltungsrat dem Vorschlag zugestimmt hat, der High Commissioner James G. Macdonald solle in nächster Zeit ir Amerika eine Besprechung mit den wichtigsten jüdischen und nichtjüdischen Landesorganisationen und internationalen Verbänden abhalten, die in der Lage sind, Mittel für die notwendige Auswanderung und Ansiedlung zur Verfügung zu stellen. Ferner habe der Verwaltungsrat sein Einverständnis gegeben, daß der High Commissioner mit den Regierungen der Länder, die für eine größere Einwan derung aus Deutschland in Frage kommen, an Ort und Stelle Verhandlungen führe, und habe sich den Vorschlag des Beirats der Privatorganisationen zu eigen gemacht, daß durch Verhandlungen mit den hierfür maßgebenden Stellen eine Milderung der Ueberweisungsschwierigkeiten angestrebt werde. Unterhausdebatte über die jüdischen Auswanderer aus Deutschland. London, 4. Nov. Im Verlauf der Debatte über die Expiring Laws Continuance Bill im Unterhaus erklärte Major Nathan u. a.: ,,Es ist mir Bedürfnis, dem Innenministerium für die Art, in der es die unglücklichen Auswanderer aus Deutschland, meine Glaubensgenossen, aufgenommen hat, zu danken. Ich und eine Anzahl Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft Englands haben die Verpflichtung übernommen, daß kein deutscher Jude in England den öffentlichen Einrichtungen zur Last fällt. Jene Einwanderer, die hier ihr Geld in Unternehmungen anlegten, begegneten keinen Schwierigkeiten. Die in den von diesen Einwanderern errichteten Unternehmungen Beschäftigten, mögen sie englische Untertanen oder Angehörige fremder Staaten sein, unterstehen den Gewerkschaftsbedingungen. Die Zahl der Arbeiter unter den Eingewanderten war verhältnismäßig klein, es handelt sich meist um Personen, die über besondere technische Kenntnisse verfügen und als Vorarbeiter .in Betracht kamen. In einem nicht unbeträchtlichen Maße haben Einwanderer aus Deutschlnad englischen Menschen Arbeit verschafft. Eine neu gegründete Spielzeugfabrik beschäftigt rund 200 englische Arbeiter." Zum Schluß fragte Major Nathan, wie es kommt, daß einem weltberühmten Arzt, einer führenden europäisehen Autorität in seinem Spezialgebiet, vom Innenministerium die Erlaubnis verweigert wurde, in England seinen Beruf auszuüben. Die Bestimmungen der Bill hinsichtlich der Ausweisung von Fremden, die der öffentlichen Wohlfahrt zur Last fallen, bedürfen durchaus einer Verbesserung. Der Unterstaatssekretär im Innenministerium, Captain Crockshank, erwiderte, die weitere Geltung der Fremden-Verfügungen sei notwendig; es gehe nicht um die politischen oder religiösen Ansichten der Einwanderer, sondern darum, ob irgend einer von ihnen der inneren Verwaltung Ungelegenheiten macht. Die Bill wurde in dritter Lesung angenommen. Frankreich. Die Bestattung Baron Edmond de Rothschilds. P a r i s , 6. Nov. Ein einfaches jüdisches Begräbnis schloß ein reiches, großes Leben ab. Man sah keinen Prunk, keine Kränze und Blumen und hielt keine Grabreden. So hatte es der Baron selber gewollt, so hatte es auch die Familie gewünscht, die das Anerbieten der zionistischen Organisation, eine Art Nationalbe g r ä b n i s für den „Vater des Jischuw" zu veran stalten, mit Dank ab lehnt e. Trotz allem fehlte es nicht an stiller Größe bei der Totenfeier, die Montag vormittag auf dem Pariser Friedhof Pere Lachaise stattfand. Unter den gut 10.000 Menschen, die erschienen waren, sah man die besten Männer Frankreichs, prominente Vertreter der Politik, der Kunst und der Wissenschaft. Neben offiziellen Vertretern der Regierung waren zahlreiche Senatoren, Deputierte und Führer der Wirtschaft und Großfinanz erschienen. Von der Entsendung be sonderer'Delegationen seitens der zahllosen Verbände und Körperschaften bat die Familie Abstand zu nehmen. Deren Vertreter, auch die der Jewish Agency, konnten nur als Privatmänner der Beisetzungsfeier beiwohnen. Der große Philantrop lehnte Dank ab und dabei mußte es über sein Grab hinaus bleiben. Ei war in den Zeitungen auch bekanntgegeben, daß Kränze und Blumenspenden nicht erwünscht seien. Die Beisetzung mit all ihren Vorarbeiten gingen unter peinlicher Einhaltung aller religiösen Vorschriften vor sich. Der Pariser Oberrabbiner Julian W e i 11 hielt eine kurze Gedenkrede und sprach ein Gebet. Der ältere Sohn trug das Kaddisch vor und damit war die Feierlichkeit zu Ende. Trauerkundgebungen in Palästina und in der Golah. Aus Jerusalem und allen Städten und Kolonien des alten wie des neuen Jischuw wird über ergreifende Trauerkundgebungen und Gedenkfeiern zu Ehren „des Baron" berichtet. Von überall her kommen Beileidstelegramme, die „den Vater des Jischuw" beweinen. Alle öffentlichen Versammlungen, Theatervorstellungen und künstlerischen Veranstaltungen wurden in Palästina für die ganze Trauerwoche abgesagt. An einer Gedenkfeier der Exekutive, bei der Nachum S o k o 1 o w bekanntgab, daß neue Gebiete in Palästina auf den Namen des Baron Edmond de Rothschild erworben und angelegt werden, sprachen u. a. Oberrabbiner Kuk, M. M. Ussischkin und Isak Ben Z w i. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland drückte in einem Telegramm an den ältesten Sohn, Baron James de Rothschild, der der Vorsitzende der PICA ist, ihre Trauer und Teilnahme aus. In Amerika löste die Todeskunde tiefste Trauer aus. Die gesamte Presse, auch die politische, widmet große Artikel „dem größten Philantropen unseres Jahrhunderts". Aus Warschau wird berichtet, daß der Präsident der Jüdischen Gemeinde M a s u r schon für Sonntag, den 4. November, eine außerordentliche Vorstandssitzung einberufen hat, die dem Andenken des großen Toten gewidmet war. An die Pariser Jüdische Gemeinde, deren Ehrenvorsitzender der Verstorbene war, sowie an die Familie wurden Beileidstelegramme gerichtet. Mehrere Organisationen entsandten Vertreter zu der Beisetzung nach Paris. Personalienviktor Wreschner b^i. Breslau, 3, Nov. Am 13. Marcheschwan hat die Gemeinde Breslau, und ganz besonders der orthodoxe Kreis daselbst einen Verlust erlitten, der eine unausfüllbare Lücke hinterließ und der Gemeinschaft kaum ersetzbar ist. Viktor Wreschner ist nach kurzer Krankheit mitten aus seiner emsigen und reichhaltigen Arbeit für den K'lall kurz vor Vollendung seines 38. Lebensjahres urplötzlich abberufen worden. Fast zwei Jahrzehnte hat er in Breslau gelebt und gewirkt. Getreu der Tradition seines rabbinischen Elternhauses war es ihm schon in jungen Jahren Sache des Lebens, die gesetzestceue Jugend zusammenzufassen, zum Thorastudium und zur eifrigen Betätigung der heiligen Ueberlieferung anzuspornen und ihr innerhalb der Gemeinde Breslau, wo die Wiege seiner Ahnen gestanden, Geltung zu verschaffen. Starke Unterstützung fand er in seinen; jugendlichen Bestrebungen in der tatkräftigen Persönlichkeit seines leider allzufrüh dahingegangenen Schwagers Bankier Georg Loewy ^"STdessen Mitarbeiter er gewesen ist und dessen;geistiges Erbe er sowohl innerhalb des Gemeindelebens als auch bei der Betreuung seiner hinterlasseneh Kinder sorgfältigst bewahrte. Ob es sich um Förderung des Thoralernens, um Intensivie- Durch Hilfe zum Aufbau! Erwerbt die blaue Beitragskarte für Hilfe und Aufbau! rung des K'hillohlebens oder um die Verwirklichung der Ziele der Agudas Jisroel handelte — er hatte stets mit voller Kraft und mit innigstem Verständnis, ohne Zeit und Mühe zu sparen, diesen sich gestellten Aufgaben mit völliger Hingabe gelebt. Nur eine jüdische Persönlichkeit, die in innerer Harmonie und Ausgeglichenheit Tauroh und Awaudo erlebte und in ihnen das Ziel seines Erdenwallens erblickte, vermochte es, sein Hislahawuth auf andere zu übertragen und die um ihn sich scharenden Kreise zu religiösem Tatenleben in solch hohem Maße anzuspornen. Auch G'milloth Chessed hatte er in rührendster Weise und in weitestgehendem Maße geübt, durch sein Matan Basseser wie durch seinen fachmännischen, klugen Rat hat er viele wankende Existenzen gestützt und neu aufgerichtet. Sein religiöses Sehnen ist seit jener Zeit zur vollen Auswirkung gelangt, da er, vor 7% Jahren, ein Haus gründete, in welchem ihm eine gleichgesinnte und von Tatendrang beseelte Esches Chajil zur Seite stand. Dieses Haus ward zu einem Beth waad lachachomim und p'suach lirwocho, und, wie es von g'ttlichem Geist erfüllt war, so strömte von ihm auch weit hinaus anregend und Beispiel gebend echt-jüdischer Familiensinn. Die große Teilnahme und tiefe Trauer bei der Beerdigung war ein Zeugnis dessen, was Viktor Wreschner in der kurzen Zeit seines Erdenwallens vollbracht hat und eine sichtbare Würdigung der Erfolge seines Wirkens in den leider so wenig ihm zugemessenen Jahren. Herr Rabbiner Dr. Hoffmann brachte in ergreifender Weise zum- Ausdruck, was die Gemeinde Breslau an ihm besessen und was sie verloren hat. Er verkündete den Beschluß des Bethhamidrosch-Vereins, ein Mischnajoth-Lernen so zu organisieren, daß die schischo Sidre Mischne in jedem Jahr zu Ende gelernt und am Jahrzeitstage von Viktor Wreschner der Sijum gefeiert werde. Darauf nahm der greise Vater, Rabbiner Dr. Wreschner, Bad Homburg, mit einem von Seelengröße getragenen und in den Sphären höchsten Bitochauns sich bewegenden Hesped Abschied von seinem geliebten Sohn, von dem er sagen konnte: wajelchu sch'nehem jachdow, daß er mit seinem Vater und seinen großen Ahnen von der Wiege bis zum Grabe gleichen Zieles und gleichen Schrittes seinen Erdengang vollendete. Herr Rabbiner Dr. Singermann, Berlin und Rabbiner Dr. Ephraim, Kissingen rühmten die einzigartige Familientreue und die hervorstechenden menschlichen Tugenden ihres tiefbetrauerten , Schwagers. — Während der Schiwoh haben im Trauerhause Rabbiner Dr. Jakobovits, Berlin, der jüngere Bruder des Heimgegangenen, Herr Rabbinatskandidat Theobald Wreschner, Herr Dr. Feilchenfeld u, a. zu Herzen gehende Hespedim gehalten. Sie gipfelten alle in dem Wunsche, daß der Lenker der Lebensgeschicke die Trauernden, insbesondere die Gattin und die verwaisten vier Sprößlinge aufrichten möge, wie in der Ueberzeugüng, daß die Lebensarbeit von Viktor Wreschner fortwirken und das gesegnete Andenken, das er sich gestiftet, nie entschwinden werde. rraxan« Berlin, 4. Nov. Herr San.-Rat Dr. D. Teitz in Fürth in Bayern konnte am 21. Oktober in erfreulicher körperlicher und geistiger Rüstigkeit sein goldenes Doktor-Jubiläum begehen. Der Jubilar hat nach vollendeten Studien in Berlin und Marburg an der letzteren Universität am 21. Oktober 1884 promoviert. Die Fakultät hat aus dem Anlaß des 50jährigen Jubiläums das Diplom erneuert mit dem Ausdruck der Wertschätzung und Dankbarkeit für die an den Kranken, der Wissenschaft und dem Stand geleistete Arbeit. — Herr San.-Rati Dr. Teitz besitzt, ein großes talmudisches Wissen, das ihn weit über die Grenzen seiner Gemeinde bekannt werden ließ. Vielen Armen und Kranken wurde seine aufopfernde Hilfe in großzügigster Weise zuteil. — Mit der Jüdischen Gemeinde in Fürth ist Herr San.-, Rat Dr. Teitz insbesondere durch seine langjährige Tätigkeit als Hospitalarzt des Israelitischen Hospitals seit dem 1. Juli 1900 verbunden. Im Krieg richtete er daselbst sofort ein Lazarett ein und leitete dasselbe ehrenamtlich die ganzen Kriegsjahre und wurde er mit dem Besuch einer bayerischen Prinzessin und einem Orden von höchster Stelle ausgezeichnet. Seiner persönlichen unermüdlichen ' Werbetätigkeit gelang es, auch in amerikanischen jüdischen Kreisen die Mittel zu sammeln, um' das jüdische Hospital mit den modernsten Einrichtungen so auszustatten, daß es für Fürth eine Musteranstalt wurde, welche auch jahrelang gerne von christlichen Patienten besucht wurde. — Die Israelitische Kultusgemeinde Fürth hat die Gelegenheit des Jubiläums dazu benutzt, um dem Jubilar für seine aufopfernde Tätigkeit im Dienste der Gemeinde aufrichtig zu danken. . '