Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1934)
- Date
- 1934-11-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 45 Der Israelit 8. November 1934 „In einer von vielen Tausenden besuchten Mas senversammlung in Gelsenkirchen zeigte der Gau leiter von Franken, Julius Streicher, u. a. auch die Hintergründe des verbrecherischen Treibens an der Saar auf. Wir glauben, so sagte er, den Feind zu sehen und sehen ihn nicht. Nicht die Völker, nicht das französische Volk ist unser Feind, Feind ist allein der getarnte Jude, der an der Saar Matz Braun heißt Dann wies dieser gründliche Kenner der Judenfrage nach, wie auch das französische Volk in der G' schichte und heute mehr als je (Stavisky-Skandal usw.) vom völkerzerfleischenden Judentum ausgebeutet und verhetzt wurde. Er leuchtete hinein in die Geschichte und ließ für jene Ungläubigen, die von einer Ueberschätzung der Judenfrage sprechen möchten, bekannte Juden sprechen. So zitierte er den jüdischen Staatsmann Israeli, der sagte: „Die Rassenfrage ist der Schlüssel zur Weltgeschichte", und den deutschen Juden Walter Rathenau, der bekannte daß 300 Männer, die sich untereinander kennen und durch das Blut miteinander verbunden sind, die Ge schicke der Welt lenken. Julius Streicher konnte auch für den Vernichtungskampf, den das Welt Judentum ihm als unerschrockenen Aufklärer angesagt hat, seinen jüdischen Kronzeugen nennen; AI berti Sittenfeld, der sagte, wer es wage, dem Juden tum den Kampf anzusagen, der werde mit viehischer Brutalität und den gemeinsten Mitteln bekämpft und vernichtet. Der Redner wurde immer wieder von tosendem Beifall unterbrochen." Eine Massenkundgebung des Centraivereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Berlin; 1. Nov. In den Logenräumen in der Kleiststraße fand eine Kundgebung des Centraivereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Lan desverband Berlin, statt. Die Beteiligung war so groß, daß eine überfüllte Parallelversammlung in einem weiteren Saale des Logenhauses abgehalten werden mußte, wo durch Lautsprecher die Rede von Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil übertragen wurde. Rechtasnwalt Dr.. Bruno Weil, der stellvertretende Vorsitzende des Centraivereins, gab einen umfassenden Rechenschaftsbericht über die Veränderungen und Ereignisse der vergangenen eindreiviertel Jahre. Er ging von dem zahlenmäßigen Stand der deutschen Juden in den letzten 60 Jahren aus. Zwischen 1871 und 1925 habe sich das deutsche Judentum durch Einwanderung etwas vermehrt. Von 1925 bis 1933 sei, so führte er aus, seine Zahl relativ und absolut gesunken. 65.000 Menschen haben wir durch Abwanderung und Sterbeüberschuß verloren. Heute werden schätzungsweise noch 475.000 Juden in Deutschland leben. Wenn man die etwa 300.000 nichtjüdischen Nichtarier hinzurechnet, so beziehen sich die Maßnahmen, die gegen die Nichtarier getroffen worden sind, auf kaum V-ja Proz. der deutschen Bevölkerung. Dr, Weil gab sodann einen Ueberblick über die Auswanderung in dem letzten Jahre, Von etwa 60.000 bisher Ausgewanderten gingen 30.000 nach Frankreich. Eine große Zahl ging nach Palästina, das heute, wie auch ein Nichtzionist bekennen muß, eine andere Stellung in unserem Denken einnimmt als früher, weil eben ein Teil deutscher Juden dort hingegangen ist. Nach lägneren Ausführungen nahm der Redner Stellung zu der Frage: „Ist die Emanzipation zusammengebrochen?" Dr. Weil sagte: „Wir wollen jede Dissimilation vermieden haben. Wo das Gesetz sie uns aufzwingt, nehmen wir sie hin. Aber von uns aus können wir sie nicht unterstützen. Für einen nicht feststellbaren Zeitpunkt wollen wir weiter Vertreter unserer Grundanschauung bleiben. Wir sehen uns als Glieder der Kette, die unzerreißbar ist. Nichts deutet darauf hin, daß es mit dem deutschen Judentum zu Ende ist. Unauslöschlich über das Leben des Einzelnen hinweg," so schloß Dr. Weil seinen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag, „bleibt die Hoffnung unserer Gemeinschaft auf Gleichheit und Gerechtigkeit." Rassenpolitik und Rassenbewertung. , B e r l i n , 4. Nov. Wie das „Berliner Tageblatt" mitteilt, wandte sich der Leiter des rassenpolitischen Amtes, Dr. Groß, in einem vor asiatischen Studenten gehaltenen Vor trag gegen den dem neuen Deutschland gemachten Vorwurf, es sei überheblich und benutze seine Ras senlehre. dazu, um andere Völker und Kulturen als minderwertig herabzusetzen. Dieser Vorwurf treffe nicht zu. Die Frage, ob irgend ein Volk oder irgend eine Rasse oder irgend.eine Kultur wertvoller sei als eine andere, habe mit den nationalsozialistischen Anschauungen nichts zu tun. Wenn Deutschland, er klärte der Redner, die besondere Art der rassischen Zusammensetzung seines Volkes wieder hochhält und schützt, so liege darin nicht die geringste Herab Setzung gegen andere Völker und Rassen. Wir erziehen unser Volk lediglich zur Achtung vor der echten rassischen Eigenart, mag es die unsere sein oder die anderer großer Menschengruppen. Das neue Deutschland beansprucht für sich das Recht, seinen Staat und seine Kultur nach seiner eigenen Art zu gestalten. Aber gerade deshalb lehnt es jeden Versuch ab, andere Rassen oder Völker zwangsweise politisch oder kulturell zu erobern, mit Gedanken, die vielleicht für uns Wert haben, für andere Rassen oder Völker aber nachteilig oder schädlich sein können. Heilstätten für jüdische Lungenleidende. Berlin, 5. Nov. Die Zentralwohlfahrtsstelle der d e u t sehen Juden teilt auf mehrfache Anfragen mit, daß Lungenleidende in zwei vorzüglich ausgestatteten, fachärztlich geleiteten jüdischen Anstalten, der M. A. v. Rothschild'schen Lungenheilstätte in Nordrach i. bad. Schwarzwald (nur für weibliche Kranke) und der Kuranstalt für Israeliten in Bad Soden a, Taunus (für männliche und weibliche Kranke) Aufnahme finden können. Beide Anstalten liegen in landschaftlich bevorzugter Gegend und verfügen über alle Kurhilfsmittel wie Liegehallen, Terrassen usw. In beiden Heilstätten werden alle modernen Behandlungsmethoden, auch solche chirurgischer Art, angewandt. Besonders wird darauf hingewiesen, daß Winterkuren im allgemeinen zweckmäßiger sind als Sommerkuren. Privatpatienten, sowie Versicherte und von jüdischen Organisationen verschickte Patienten finden Aufnahme und ärztliche Betreuung zu mäßigen Sätzen. Die Reichsversicherungsanstalt für Angestellte, sowie die Landesversicherungsanstalten belegen die Anstalten seit vielen Jahren und tragen entsprechenden Anträgen von Kranken, die auf rituelle Verpflegung Wert legen, im allgemeinen Rechnung. In diesem Zusammenhang wird darauf hingewiesen, daß Versicherte, die ihre Stellung verloren und das freiwillige Weiterkleben der Beitragsmarken für die Versicherung unterlassen haben, ihre Anwartschaft auf Versicherungsleistungen wieder herstellen können, wenn sie innerhalb von zwei Jahren nach Verlust der Stellung die fehlenden Marken nachkleben. Weitere Auskünfte erteilt die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, Abt. Tuberkulosefürsorge, Berlin-Charlottenburg 2, Kantstr. 158, sowie die Reichsversicherungsanstalt für Angestellte oder ihre Vertrauensmänner an den einzelnen Orten. Wo Juden nicht erwünscht sind. Regensburg, 5. Nov. Die „Bayerische Ostmark" in Regensburg schreibt aus Kehlheim: „Am Wolfgangsmarkt am Mittwoch haben sieben jüdische Geschäftsleute ihre Marktstände aufgeschlagen und sich am Markt mögsichst breit gemacht, um die ländliche Bevölkerung mit ihrem sattsam bekannten Geschäftsgebaren wieder einmal übers Ohr zu hauen. Für eine Anzahl kleinerer Geschäftsleute aus Regensburg, Ingolstadt und der Umgebung war kein Platz mehr vorhanden. Da bäumte sich der gesunde Instinkt der einheimischen Bevölkerung auf und nahm Stellung gegen die jüdischen Händler, mit denen man hier nichts mehr zu tun haben will. Als diesen unerwünschten Gästen dann bedeutet wurde, daß sie am besten täten, so rasch als möglich aus dem Bannkreis der Stadt zu verschwinden, um ernstere Folgen zu vermeiden^ packten sie ihre Siebensachen wieder zusammen undzogen unterdem stürmischen Beifall der Bevölkerung ab. Schweiz. Vertagung des Berner Prozesses um die „Protokolle der Weisen von Zion". Bern, 2. Nov. Der Prozeß wurde am Mittwoch Mittag unterbrochen und wird wahrscheinlich erst Mitte Dezember wieder aufgenommen werden können. Das Verschleppungsmanöver "der übrigens sehr kleinlauten Angeklagten ist unverkennbar, Sie haben als ihren Experten den bekannten Antisemitenpfarrer Münchmeyer aus Borkum angegeben, der jedoch, wie das Gericht mitteilt, zur Zeit unauffindbar ist. Nun soll Oberstleutnant a. D. Fleischhauer, Erfurt an seiner Stelle das Gutachten abgeben, womit sich die Kläger einverstanden erklären. Es steht noch nicht fest, ob Fleischhauer den Auftrag annimmt, jedenfalls wird die Ausarbeitung des neuen Gutachtens mindestens einen Monat beanspruchen. Vor der Vertagung konnte noch die Zeugenvernehmung zu Ende gefühtr werden. Justizrat Dr. Max Bodenheimer, der jetzt in Amsterdam wohnt, kann als Mitbegründer des Zionismus, enger Freund Herzls und Teilnehmer an sämtlichen Verhandlungen und Kommissionssitzungen des Kongresses, auch der Audienz Herzls beim deutschen Kaiser, bezeugen, daß keine einzige Geheimsitzung in Basel stattgefunden hat und daß es keine anderen Beschlüsse gab, als die, w"elche im offiziellen Protokoll enthalten sind. Die Unsinnigkeit der „Protokolle" gehe schon daraus hervor, daß sie behaupten, die jüdische Finanzw e 11 habe sich in Basel gegen die europäischen Mächte verschworen, während damals gerade die jüdischen Finanzmänner ohne Ausnahme, wie überhaupt der begüterte Teil der Judenheit, im schärfsten Gegensatze zum Zionismus standen. Die Krone aller Lügen sei, den stillen und geistigen A c h a d H a a m als Verkünder und Initiator jener Gewaltpolitik hinzustellen. Der bekannte Schweizer Freimaurer Dr. W e 11 i bestätigt die Aussagen seines Gesinnungsfreundes T o b 1 e r , daß die jüdischen Logen mit der Freimaurerei nie etwas zu tun hatten. Es werden christliche Stenographen und Zeitungsmänner, die am ersten Kongresse teilgenommen haben, vernommen. Alle erklären sie, daß es keine Geheimsitzungen gab und zu sämtlichen Verhandlungen Jedermann Zutritt hatte. Nur der von den Beklagten geladene Publizist Dr. Zander sagt aus, daß er an die Echtheit der „Protokolle" glaube. Er sagt, er sei Autorität auf diesem Gebiete, was im Gerichtssaale mit großer Heiterkeit aufgenommen wird. Sie müßten echt sein, weil er sie als Antisemit den Juden zutraue . . . Am Mittwoch kam es zu der bereits mitgeteilten Vertagung, nachdem der Vertreter der Kläger, Professor Dr. M a 11 i, eine Erklärung abgegeben hatte, daß seine Klienten gegen jeden Verschleppungsversuch Einspruch erheben und je früher je lieber eine Klärung der Angelegenheit wünschen. Auch Professor Baumgarten, der ein ausführliches Gutachten dem Gerichte eingereicht hat, bedauert lebhaft, daß der Prozeß nicht unter dem frischen Eindruck der Verhandlungen zu Ende gehen kann. Das Gutachten Professor Baumgartens von der juristischen Fakultät der Universität Basel umfaßt 120 Druckseiten und ist seinem Inhalte nach inzwischen durch auszugsweise Veröffentlichung in der Schweizer Presse bekannt geworden. Das Gutachten verdient um so mehr Interesse und Beachtung, als sich Baumgarten keineswegs darin als. Freund der Juden und des Judentums erweist. Der Antisemitismus beruhe seiner Meinung nach nicht allein auf Bosheit und Mißverständnis, sondern habe seine Wurzeln zum Teile auch in den schädlichen Auswüchsen des jüdischen Geistes, in der negativen Einstellung vieler Juden zu Dingen, die den Wirtsvölkern heilig sind. Alle großen Kulturvölker, zu denen das jüdische unzweifelhaft gehöre, hätten neben ihren eigentümlichen Vorzügen auch hre Defekte und Einseitigkeiten. All dieses hindere ihn nicht, nach bestem Wissen und Gewissen auszusprechen, daß die „Protokolle" ein Märchen' und eiiie historische' Fälschung darstellen, geschaffen um 1901, mit dem Zwecke, e in er ju-