Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1934)
- Date
- 1934-11-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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8. November 1934 Der i s r a e I i t Nr. 45 Seite 7 dend -und lebenserneuernd wirken kann. Durch •die Arbeit, besonders die des Bauern in Erez Jisrael, die Gemeinschaft bei Wahrung der- Familie als Lebensraum, die hebräische Sprache werden cüe.'alten Werte, Limmud TJicra und jüdische Verinrieflichung bereichert, und in einen größeren jüdischen Rahmen gestellt. Es wurde jedoch erkant, daß der agudistische Kibbuz allein nicht geschichtliche Wirkung haben kann. Eikann nicht wirtschaftlich gestaltend sein; .er kann nicht soziale Fragen nach der Thora lösen. Die agudistischen Arbeiter müssen aus Selbsterhaltung' gelegentlich einen Streik mitmachen. Der agu-; distische Kibbuz kann nicht sprach- und kunstschaffend sein, er kann nicht die nationale Thora ersetzen. Die Thora wird im nationalen Raum erst durchgeführt durch den thoratreuen Jischuw, durch eine derartige Summe thoratreuer Siedlungen, die wirtschaftsgestaltend, sprachschaffend, , Vplksmeinung und Volksgefühl schaffend sein kann, — Jischuw Haschlischi, Auf diesen Namen kommt es nicht an, sondern auf das, was damit gemeint ist.. Am Nachmittag sprach Herr- Dozent Julius Ehrentreu über „Geschichte und Mentalitätdes alten Jischuw". ,,Im alten Jischuw ruhen die stärksten Kräfte der Orthodoxie Palästinas. In Frontstellung zu ihm wird ein neuer orthodoxer Jischuw niemals gedeihen können. Die deutsche Jugend, die sich den praktischen Aufbau des Landes in einem thoragemäßen Jischuw zum Ziel gesetzt hat, muß in den Zadikim des alten Jischuw, die al Hathora w'al Haowoda ihr Leben verbringen, ein Ideal jüdischer Lebenaauffassung erblicken, das sie nicht nachzumachen, aber als solches anzuerkennen hat. Die Gedoleh Hathora des1 alten Jischuw sind ihre oberste Autorität, von denen des Verhältnis von Talmid le'Raw zu gewinnen ihr Streben ist. Auch der Chinnuch des neuen deutschen orthodoxen Jischuw wird nur dann erfolgreich sein, wenn er sich nicht mit der Duldung der dortigen Gaonim begnügt, sondern wenn er mit ihrer Haskamah Und nach ihrem Willen eingerichtet wird.' Das wird dann wohl der Fall sein, wenn die zu schaffenden Talmud Thora-Institutionen sich das als oberstes Ziel setzen, was Ziel des jüdischen Chinnuch seit Jahrtausenden war: die Jugend zu wirklichen Lomdim zu machen, ein Ziel, das die deutsche Schule infolge der Anforderungen der Aufsichtsbehörden und der wirtschaftlichen Notwendigkeiten nicht mehr zu erreichen im Stande waren." Höhepunkt des zweiten Teils der Pegischah, über den das Wort Erlebnis gesetzt werden konnte, bildete Simchath Thora. Bei Erlebnissen ist es wohl immer so; sie werden zum kleineren Teil gestaltet, bewußt geformt und vorbereitet. Als wir bei den Hakofoth am Vormittag mit der Sefer Thora tanzten, da waren wir. selbst überrascht über das, was über uns kam. Nicht, wir trugen die Sifre Thora, nicht wir tanzten um sie. Die Sifre Thora zogen selbst rings durch; den Raum und umgaben sich mit tanzenden und-: singenden, freudigen Menschen. Nicht wir machten die Freude, die Freude erfüllte.uns und be-j wegte.alle if± einheitlichem.Erleben. Nach Jahren; der Erstarrung, der religiösen Formt.,d.er Verblas-j sung ihres Glanzes, der Veräußerlichung, wieder; ein neuer Einbruch des Ostens durch, unsere „östjüdischen . Chawerim''. W a h r h a f;f i g e, s- Erleben, Tiefe des Gefühls. Stark war die Erez Jisrael-Note bei unserem Simchath Thora. Es ist nicht zu gewagt, zu hoffen, daß die Synthese des Thorawestens und des Thoraostens auf dem Boden Israels gelingen wird, daß die neuen Formen, des , jüdischen Lebens nicht uns in ihren .Bann ziehen und fremdes Feuer in unseren; > Herzen anzünden werden, sondern daß wir sie in unseren Bann ziehen, sie an uns assimilieren werden. Im- Rahmen der Nachmittagsfeier richtete der' Raw, Rabbiner Josef J. Horowit.z, eine gehaltvolle Ansprache an . uns.- Dann der Ausklang der Feste, unseres Feierns. Noch einmaldie'; Hände'1-gefaßt zum Tanz, noch'einmal die Thora' herumgebracht, hoch über den Häuptern getragen vor: v-ielen Armen, die sich zu ihr hinaufreckten. . Jesch lanu Thora wehi emunathenu, schekulanu jachad niwne: eth Arzenu . . . Am nächsten Tag beginnt der dritte Teil der Pegischah, einige Tage der ernsten und gründlichen Arbeit in kleinen Kreisen, fast nur aus Th.aluzim und Chaluzoth bestehend. Verschiedene Sichoth, — Iwrith, Aussprachen über Gemeinschaftskasse, die Rolle des Kollektiven in unserer Gemeinschaft, Beteiligung der ' einzelnen Chawerim an der Gesamtverantwortung der Hachschara, einige Schiurim aus T'nach und Gemara. Hervorzuheben sind zwei Unterhaltungen: Die Stellung der Frau im Judentum; menschliche Höhe gemessen durch den weiten Umfang der sie verpflichtenden Mizwoth und durch die historischen Frauengestalten. Dann aber die Aufzeigung des Lebensraumes der Frau. Die Frau erfüllt ihr© eigentliche Aufgabe nicht im politischen und öffentlichen, nicht im Gemeinschaftsleben, sondern dem Manne, dem Hause, dem Kinde zugewandt. Es kommt darauf an, daß die Frau von der Größe und der in der Zukunft wirkenden Bedeutung ihres Tuns erfüllt ist und es gering erachtet, Zugang zu den Lebensgebieten zu besitzen, auf denen nicht die Möglichkeiten ihrer besten Leistung liegen. Die Chaluzah in der Hachschara, die doch Vorbereitung sein soll für die erstrebte Lebensform in Erez Jisrael, soll also eigentlich nicht Chawera sein. In einer anderen gründlichen Aussprache wurde die Forderung der Aufrichtung der nationalen Thora in Erez Jisrael (Jischuw Haschlischi) erarbeitet. Die Gründe für die Auflösung eines Ghetto, der Verlust, der Vielen für die Korrespondenzen- Deutsches Reich. Schändung des jüdischen Friedhofes in Bad Homburg. Frankfurt a. M., 2. Nov. Die uns bereits vorige Woche mitgeteilte Grabschändung in Bad Homburg bestätigt sich leider. 57 Gräber sind auf dem dortigen jüdischen Friedhofe von unbekannter Bübischer Hand demoliert worden. Der „Taunus-Bote", das in Homburg erscheinende amtliche Organ, berichtet darüber in folgender Weise: „Unbekannte Täter haben in einer der letztvergangenen Nächte den Friedhof der Israelitischen Kultusgemeinde in Bad Homburg in geradezu barbarischer Weise heimgesucht, Zahlreiche Grabsteine wurden umgeworfen und zum Teil schwer beschädigt, so daß der Friedhof ein'e'iitraurigen Anblick 'bietet . . \ Man sollte es nicht für möglich halten,; daß 'Deutsche sich zu so einem gemeinen und häßlichen Tun hinreißen lassen," das nicht nur''den Friedhof schändet, sondern auch ' die Ehre ihres Volkes in den Augen jedes guten Deutschen, jedes anständigen Menschen und der Welt befleckt. Das nationalsozialistische deutsche Volk hat mit Lumpen, die hier ihr Werk verrichteten, nichts gemein, und besonders alle Homburger wenden sich mit Abscheu von ihrem üblen Tun ab. Sollte es immer noch Deutsche geben, die nicht wissen) wie sehr solch grabschän-. derisches Handeiri s nicht nur ihnen und der eigenen Ehre, sondern auch erst :recht dem, "deutschen Volk und seiner guten Sache schadet und unseren Gegnern' Material zu• verstärkter Hetze in die Hände gibt? Wir hoffen, daß es gelingt, die Täter bald..zu. fassen;; und der Verdienten Strafe zuzuführen, die ..gar. nicht' streng genug sein kann. Die Tat, die einen Verrat Thora durch das Fortfallen der inneren Bindung der jüdischen Gemeinschaft und der Schwächung der Autorität des Raws wurdenin Beziehung gebracht zur Verkleinerung des Wirkungsbereiches der Thora im Leben der früher tragenden „Schicht",: also der Jereim. Zwei Forderungen: Erweiterung des Wirkungsbereiches der Thora im Leben der Jereim (Beruf, Wirtschaft, Din Thora, Massenerlebnisse seien als Sichtpunkte genannt) und stärkere Bindung aller Juden aneinander, damit die Jereim wieder 'die tragende Schicht werden können. Bestenfalls innere Autonomie der Juden, heute durch das Nebeneinanderleben in Erez Jisrael, Einflußminderung eines thoratreuen Jischuw der Charedim. Am Schabath Bereschith war der letzte Tag der Pegischah. Schiur und eine Seudah Schiischith bei Dr. Isaak Breuer knüpften noch einmal ein Band um alle Chawerim und Chaweroth. Der Abschied vom Bund, der Abschied von den Festen, der Schrittzurück in den Alltag, in die harte Arbeit, in die Gemeinschaft, die jeden Tag mit seelischen Opfern jedes Einzelnen neu geschaffen werden muß, wurde uns allen nicht leicht. Unser nicht leicht übersehbarer Weg liegt mit größerer Klarheit als bisher vor ihnen. Der Einzelne fühlt sich als Glied seiner engeren Gemeinschaft und dieser als Teil des Bundes stärker als zuvor. Ueber den gemeinsamen Weg des Bundes wird eine Beziehung zu Erez Jisrael sichtbar. Der geistigen Arbeit der Hachscharazentren im Winter ist Richtung und Stoff vorgezeichnet. Und nicht zuletzt bleibt uns die Erinnerung an die Pegischah als Ganzes in mancher Hinsicht als Wegzeichen für die Art des neuen Thoralebensstiles in Erez Jisrael. am deutschen Volk bedeutet, verlangt härteste Sühne." _ Arbeitsvermittlung der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden. Berlin, 1. Nov. Die blaue Beitragskarte für Hilfe und Aufbau stellt im Monat November die Arbeitsvermittlung in den Mtitelpunkt ihrer Werbung. Im'Aufrufe heißt es u. a.; „Zahlreiche jüdische Existenzen sind in den letzten Jahren schwer betroffen worden; viele tüchtige Kräfte wurden nach jahrelanger Tätigkeit entlassen; viel Not ist über fleißige, arbeitsfreudige Menschen gekommen. Helft uns, sie wieder in das Wirtschaftsleben einzureihen! Helft uns, ihnen wieder ein erfülltes Dasein zu schaffen! Helft uns, ihrem Leben wieder Sinn zu geben! Die Regierung hat durch die Anordnung vom 28. August 1934 über die Verteilung von Arbeitskräften eindeutig klargelegt, daß es ihr jetzt nicht nur auf die Einstellung von Arbeitslosen ankommt, sondern darüber hinaus zunächst auf Einstellung von Kräften, die lange erwerbslos sind, die in vorgerücktem Alter stehen, die Familien zu versorgen haben,. Auch wir Juden müssen es uns zur Pflicht machen, in erster Linie für diese Kräfte zu sorgen, besonders für unsere Familienväter, für unsere Mütter, die allein im Leben stehen und für ihre Kinder zu sorgen haben. Die Sorge für die junge Generation bleibt daneben bestehen. "Wir können dieser Aufgabe nur voll gerecht werden, wenn unsere behördlich genehmigten Arbeitsnachweise so ausgebaut werden, daß sie in der Lage sind, die Arbeitslosigkeit nach besten Kräften zu bekämpfen, und die jüdischen Arbeitgeber über ihre Pflicht voll aufzuklären. Wer mit uns den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit aufnimmt, stützt unser Werk. Die Erfüllung dieser Aufgabe ist daher die vornehmste Pflicht eines Jeden, der noch in der Lage ist; zu geben. Erwerbt die blaue Beitragskarte für Hilfe und Aufbau!" Eine Rede Streichers. Berlin, 5. Nov. Das;„ D e u t s c h e N a c h ri c h t e.n b ü r o " berichtet über eine Rede des Gauleiters Julius Streicher in Gelsenkirchen wie folgt: