Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1934-11-08 · Heft 45 (8.11.1934) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 45 (8.11.1934)
Date
1934-11-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2450807-2450850--80828-2538700
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

8. November 1934 Der Israelit Nr. 45 Seite 3 Die Wiedereroberung des Sabbat. {Fortsetzung von Seite 1.) ob es sich dabei um Jugendg'ttesdienste am Freitag Abend, am : miP Vor- oder Nachmittag, oder ob es sich um Oneg Schabbat, Jugendfeiern und dergl, handelt. Dem jüdischen Kinde wird dabei nur ein Teil des mW nahegebracht: nur der nilP außerhalb des Hauses und darüber hinaus außernalb der Gemeinschaft der Erwachsenen, Der jugendliche Mensch hat aber kein Verständnis für Teillösungen, für Notbehelfe und Kompromisse. Der jugendliche Mensch will das Ganze; oder er verzichtet ganz darauf, „Nur keine Halbheiten" ist sein Wahlspruch; und er hat recht damit. Denn dieses Suchen nach der Ganzheit, diese Ablehnung alles Kompromißhaften ist ja in Wahrheit echt jüdische Haltung. Die Jugend also will den ganzen mW' oder sie will ganz darauf verzichten. — Können die deutschen Juden denn ihren Kindern diesen ganzen rUE7 geben? Die Meisten von ihnen sind doch am fintP zur Arbeit gezwungen! Ein raU7 aber, an dem die Eltern arbeiten müssen, ist doch, kein ganzer rQW, auch wenn das häusliche Milieu ganz auf den rnw zugeschnitten wird! So wird uns entgegengehalten werden. — Ganz gewiß! Das ist ja gerade die Kernfrage: Solange die Eltern am nill? Werkarbeit verrichten, ist jede sabbatliche Veranstaltung in den Augen der Jugend — und auch inunser enAugen — nurStückwerk. Müssen wir darum auf die Ausgestaltung des rnw für unsere Schuljugend verzichten?. Nein, und tausendmal nein! Die Einzigartigkeit der Situation, in der wir uns heute befinden, muß uns Ansporn sein, den Kampf um den r\2W' den Kampf für den rOW' der bisher ohne den genugenden Elan geführt wurde, von neuem aufzunehmen und energisch durchzuführen. Der größte Teil der erwachsenen deutschen Juden arbeitet heute am nntP' und die Meisten dieser Männer und Frauen werden uns erklären, die wirtschaftliche Situation zwinge sie dazu. Ohne die sabbatliche Arbeit würde die Existenz vernichtet werden. Bei bestem Willen sei Sabbatheiligung nicht möglich; sie sei gleichbedeutend mit wirtschaftlichem Selbstmord. In den letzten Jahrzehnten hatte man sich auf allen Seiten mit dieser Beweisführung stillschweigend abgefunden. Aber heute dürfen und ^rauchen wir es nicht! Wir dürfen es nicht: denn es ist unsere Aufgabe, immer wieder für das Ideal einzutreten, auch wenn es nicht beachtet wird. Wir müssen immer wieder den niW predigen und vorleben, ganz gleich, ob in unserem Zeitalter Viele oder Wenige für diese Botschaft empfänglich sind. Gerade in Krisenzeiten dürfen wir nicht den „wohlgemeinten Rat" annehmen, Kompromisse zu schließen, es den Menschen „leichter zu machen". Wir haben die Verpflichtung, den-mW in seiner Ganzheit zu proklamieren, ihn in seiner ganzen Größe den Menschen der Gegenwart vor Augen zu führen und sie so zur Entscheidung zu zwingen: Durch ftattf zum ewigen Judentum, oder durch Nichtfi3ü> zur Zerstörung des Judentums. Aber wir brauchen uns auch nicht mit den Argumenten der am mW Arbeitenden abzufinden. Denn, Hand aufs Her^! sind diese Argumente überhaupt stichhaltig? Kann man heute noch behaupten, daß derjenige, der am mtP arbeitet, im. Wirtschaftskampf besser bestehen könne? Wie ist denn heute die wirtschaftliche Situation der Juden? Viele tausend -jüdische Handelsvertreter leben kaum von der Hand in den Mund. Ihr Kundenkreis ist so klein, daß sie ihn auch ohne flltZ? -Arbeit bequem bewältigen können. Der kleine jüdische Geschäftsinhaber muß sich gewiß heute sehr quälen. Aber er hat im allgemeinen einen festen Kundenstamm. Dieser besteht z. T. aus jüdischen Käufern, die sich bald daran: gewöhnen würden, wenn das Geschäft am mty geschlossen bleibt. Diejenigen nichtjüdischen Käufer, die aus Prinzip nicht beim Juden kaufen, kommen auch nicht, wenn das Geschäft am naw offen ist. Die Arideren aber werden sich nicht zurückziehen, wenn der Geschäftsinhaber seine Verbundenheit mit dem Judentum durch sabbatliches Schließen seines Ladens bekundet. Im Gegenteil wird dadurch die Achtung vor dem charaktervollen Juden, der bereit ist, für seine Religion Opfer zu bringen, steigen. Ganz allgemein würde dadurch das Prestige des deutschen Juden gehoben werden. Denn das wäre die beste Widerlegung der Auffassung, der Jude gehe im Geschäft auf; der Wunsch, Geld zu verdienen, sei seine einzige Triebfeder. Der jüdische Großkaufmann kann, wenn die Firma ihm nicht allein gehört, — so daß er das Geschäft am niW nicht schließen kann — zumindest sich selbst am rQW frei machen, um zusammen mit seinen Angehörigen den DIU? zu begehen. Der jüdische Angestellte, soweit er beim Juden beschäftigt ist, wird am nilP frei bekommen, wenn die Propagierung des mW mit genügender Durchschlagskraft durchgeführt wird. Ein Teil der nichtjüdischen Arbeitgeber würde, wenn der mtP im Bewußtsein des jüdischen Menschen erst wieder der Ruhetag geworden ist, den jüdischen Angestellten freigeben. Bleiben noch die jüdischen Arbeitslosen, die bisher, obgleich sie dazu in der Lage sind, den nicht beobachten, und manche Angestellte jüdischer Behörden, die zwar DStP frei haben, diesen Tag aber nicht in jüdischer Weise begehen. Alle diese Menschen zum echten rOTtf zu erziehen, ist eine lohnende Aufgabe, des Schweißes der Edlen wert. Wir sehen also, daß ein beträchtlicher Prozentsatz der-'Elterngeneration wieder zum miP hingeführt werden kann, wenn nur eine Kraft vorhanden ist, die diesen Menschen die Qual der Entscheidung spart. Gehörte es bisher in weitesten Kreisen zum guten Ton, am n3W zu arbeiten, somußjetzt eineneue öffentliche Meinung entstehen, die den ganze mW fordert und den mW blbfl verpönt. Wenn sich die offiziellen jüdischen Instanzen in den Dienst dieser mtt>-Propagierung stellen und in der jüdischen Presse nicht mehr wie bisher dem Publikum suggeriert wird, eine Heiligung des mtP sei den meisten Juden der Gegenwart nicht möglich und deshalb seien neue Formen notwendig, sondern wenn umgekehrt Presse und Oeffentlichkeit die Heilighaltung des nnV fordert und Wege aufzeigt, wie der Einzelne, zu dieser Heilighaltung kommen könne, dann wird der Erfolg gewaltig sein. Man unterschätze doch nicht die suggestive Kraft der öffentlichen Meinung und des Milieus! Ein beträchtlicher Prozentsatz unserer Jugend wird voraussichtlich einst nach auswandern. Diesen Menschen jetzt schon den wahren rnw zu geben, ist eine unabweisbare pädagogische Notwendigkeit im Interesse der Eltern und im Interesse des yiKJI fM* denn nur so können ganze, bewußte, wurzelhafte jüdische Menschen entstehen, die in btf'ltt" pK jüdische Arbeit leisten können. Dadurch wird auch die seelische Umstellung der Einwanderer erleichtert; denn die meisten Probleme des Aufbaus entstehen aus der Schwierigkeit, sich seelisch aus ajüdischen Europäern in ganze Juden umzugestalten. Das gilt nicht nur für die „Neuen", sondern auch für Viele, die schon Jahrzehnte im Lande sind. Wollen die Eltern ihren Kindern diese seelischen Konflikte ersparen, so müssen sie sie als ganze Juden aufziehen. Das ist aber ohne einen echten rotP fast unmöglich. Wird so das Wort der Thora erfüllt: 1D{?,1 nfp ü,T>JtP, dann wird es kein Problem mehr sein, wie man den mW der Jugend näherbringen könne. Dann gehen Alte und Junge gemeinsam zur Synagoge, dann begehen sie gemeinsam den Freitagabend und die übrigen Sabbatmahlzeiten, dann feiern sie gemeinsam den r\2W mit Lernen und Lied. Ist uns aber wieder der riHW gegeben, so brauchen wir für unsere Zukunft nicht zu bangen. Denn der ist der Garant der ewigen Existenz der Judenheit und des Judentums! lo^iyV ipn jra biw 'ja pai Wochenrundschau. Rabbiner Amiel und seine misrachistischen Gegner« In der letzten Nummer des Jerusalemer „Hator" rechnet Rabbiner Amiel mit seinen Parteifreunden Oberrabbiner U s i e I, Tel Awiw, Rabbiner Nissenbaum und Dr. Gottesdiener ab, die in verschiedenen Blättern den Gedankengängen Rabbiner Amieis, wie er sie in seiner Schrift über die ideologischen Grundlagen des Misrachi entwickelt hat, entgegengetreten sind. Auch diese Abrechnung zeichnet sich durch besondere Präzision und Gedankenschärfe aus und verdient darum gerade vom agud istischen Standpunkt aus ganz besonders gewürdigt zu werden. Rabbiner Amiel formuliert das, was ihn von seinen Gegnern innerhalb des Misrachi trennt, kurz und scharf wie folgt: „Was bedeutet die Zugehörigkeit des Misrachi zur zionistischen Organisation? Bildet diese Zugehörigkeit Wesen oder nur Form des Misrachi?" Alle Kritiker Amieis stehen,' wie dieser feststellt, auf dem Standpunkt, daß die bedingungslose Zugehörigkeit zur zionistischen Organisation eine der ideologischen Grundlagen, ja geradezu das Rückgrat oder besser gesagt die Seele des Misrachi darstellt. Das aber bestreitet Amiel. Die Zugehörigkeit zur zionistischen Organisation gehört nach ihm nicht nur nicht zu den ideologischen Grundlagen des Misrachi, sondern sie steht in einem vollendeten Gegensatz zu diesen. Diese Zugehörigkeit kann nach Amiel nur als ein vorüb ergehendes Zugeständnis an die Bedürfnisse der Stunde angesehen werden und sie kann verschwinden, ohne daß das Wesen des Misrachi sich änderte. Eine weitere Differenz zwischen den heute tonangebenden Misrachisten zionistischen Schlages und Rabbiner Amiel besteht, wie dieser ausführt, darin, daß jene die zionistische .Organisation, wie sie auf Grund des Baseler Programms aufgebaut worden ist, verwechseln mit Klall Jisroel und Erez J i s r o e L Die Beziehungen zu Erez Jisroel und zu Klall Jisroel gehören gewiß zum Wesen des Misrachi und darin könne sich nie etwas ändern. Dagegen sei die zionistische Organisation, auch wenn ihre Mitgliederzahl sich verdoppelte und verdreifachte, niemals zu identifizieren mit Klall Jisroel, denn auch die heutigen Führer des Misrachi gäben doch gewiß zu, daß ein Klall Jisroel ohne Thora ein Widerspruch in sich selbst sei. Die zionistische Organisation, die die absolute Gebundenheit des jüdischen Volkes an die Thora jedoch grundsätzlich bestreitet und ein Wiederaufleben des jüdischen Volkes in seinem Lande ohne Thora für denkbar hält, kann von einem thoratreuen Juden, niemals als Verkörperung des Klall Jisroel betrachtet werden.;i, Rabbiner Amiel geht nach dieser grundsätzlichen Widerlegung seiner Kritiker dazu über, auch die Einstellung des Misrachi zur E r z i e -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.