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Der Israelit · 1934-11-01 · Heft 44 (1.11.1934) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 44 (1.11.1934)
Date
1934-11-01
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
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Seite 14 Nr. 44 Der Israelit 1. November 1934 Was dann kam, wir haben es ja alle erlebt. Ihn traf es besonders schwer. Kaum, daß er es überwinden konnte. Ungewöhnlich groß war die Beteiligung, da er auf dem Friedhof seiner Wahlheimat beigesetzt wurde. Schluchzende Patienten, Schwestern, Kollegen, die große Zahl seiner Verwandten und Freunde, eine Abordnung aus seiner Gemeinde Randegg mit dem Bürgermeister an der Spitze, die ihren alten Landdoktor nicht vergessen konnten, rraxin S. H. Rabbi Schlomoh Alter ^"Sf Warschau, 26, Okt. Eine Stütze des alten polnischen Chassiduth ging mit Rabbi Schlomoh Alter f"si von dannen. Rabbi Schlomoh, der ein Alter von 80 Jahren erreicht hatte, ist ein Nachkomme der ältesten und angesehensten Rabbidynastien und genoß selber wegen seiner Gelehrsamkeit und Frömmigkeit nahezu den Ruf eines Heiligen. Scharenweise kamen die Menschen zu ihm, um sich Rat zu holen oder tiefe und kluge Worte der großen Ahnen aus seinem Munde zu hören. Der Rabbi, der buchstäblich Tag und Nacht über seinen Büchern saß, verschmähte jegliche Hilfe und Unterstützung von außen und ernährte sich von einem kleinen Handel, den seine Familie betrieb. Bei der Bestattung sah man viele Tausende im Zuge hinter der Bahre, .n"asan SprechsaaL „Die Juden in Schmitten". „ . . , aufrecht und stark, in Haltung und Würde- , . . Zu allem Geiste aber gehöre die Bescheidenheit der Zurückhaltung." (Rabb. Dr. Baeck in der Sitzung der Reichsvertretung vom 15. 10. lt. „Der Schild", Nr. 40). Es darf als allgemein anerkannt vorausgesetzt werden, daß der in aufreibendem Daseinskampf stehende Mensch, der in mühseliger täglicher Arbeit für sich und die Seinen die Mittel für den Unterhalt erwerben muß, einer Ausspannung, bedarf. Diese Ausspannung wird um so dringender und im Interesse der Gesunderhaltung von Körper und Geist um so wichtiger, wenn neben der Berufsarbeit an die Nervenkräfte durch besondere Umstände, deren näherer Anführung es nicht bedarf, noch erhöhte Anforderungen gestellt werden. Man wird es nun in jeder Hinsicht billigen, wenn jüdische Menschen in der heutigen Zeit diese Ausspannung nicht in einem vielbesuchten, mondänen« Badeplatze, sondern an einem kleinen, nicht einmal an einer Bahnlinie gelegenen, bescheidenen Ort suchen, um in der freien Natur, auf Bergen und in Wäldern, einfach und anspruchslos ihrer Gesundheit zu leben. Schon seit Jahren hatte Schmitten im Taunus seine Freunde in jüdischen Kreisen, die angezogen vom Taunus, aber auch von einem einfachen, billigen jüdischen Hotel unter Rabbinatsaufsicht, jedes Jahr dort ihre Ferien verlebten. Die aus den besonderen Umständen der jetzigen Zeit gebotenen Rücksichten brachten es mit sich, daß auch solche Kurbedürftige, die früher andere Badeplätze aufsuchten, sich jetzt dem ruhigen Schmitten zuwandten. Soweit scheint alles in Ordnung. Unter den Juden, die in diesem und im vorigen Jahr in Schmitten waren, haben aber, und nun kommt die Kehrseite, die weitaus meisten nicht das jüdische, sondern die nichtjüdischen Hotels aufgesucht! (Siehe Wochenrundschau in der jüngsten Nummer. Red.). Man greift sich an den Kopf und kann es nicht fassen, immer wieder bekommen es die Juden in deutlichster Weise zuc hören, daß man nichts von ihnen wissen will, daß sie unter sich bleiben sollen, und da bringen es selbst im Sommer 1933 und 1934 Hunderte, nein Tausende von deutschen Juden fertig, jüdische Hotels zu meiden und nichtjüdische Hotels zu frequentieren. Im vorigen Jahre hatte, während der Schreiber dieser Zeilen in Schmitten war, ein solcher Auch- Jude Jahrzeit und besaß die Unverfrorenheit, die im koscheren Hotel wohnenden Glaubensach nein, Stammesgenossen in die Synagoge beordern zu lassen, damit er Kaddisch sagen könne. Nach Beendigung des G'ttesdienstes ergab sich dann das überaus beschämende und herzbeklemmende Schauspiel, daß die geladenen Juden sich nach rechts in ihr jüdisches Hotel begaben, während der Jahrzeit-Begehende mit seinem Troß Trefoh-Esser nach links in das nichtjüdische Hotel abwanderte. Und in diesem Jahr war sogar einer der prominentesten liberalen Führer ebenfalls in einer nichtjüdischen Pension und mied das jüdische Hotel; es wäre ja wohl auch eine untragbare Zumutung für den Herrn liberalen Rabbiner gewesen, koscher zu essen! Braucht man sich nun wundern, wenn wir zugleich mit dem Zeitungsbericht über die Sitzung der Beichsyertretung, in der die oben zitierten Worte von Haltung und Würde, von Bescheidenheit lind Zurückhaltung gesprochen wurden, eine Notiz in der Tagespresse lesen, daß Juden in Schmitten unerwünscht seien? ' Jeder Nichtjude weiß, daß wir Juden besondere Speisegesetze haben, daß das uns gegebene g'ttliche Gesetz u. a. einen Komplex von Vorschriften enthält, wonach es uns nicht gestattet ist, andere als rituell zubereitete Speisen zu genießen. Welche Ach- Jung können nun die legitimen Gäste der nicht jüdischen Hotels vor solchen Juden haben, die ihre Religionsgesetze mißachten und unter Meidung eines am Platze befindlichen, gut geführten jüdischen Hotels die nichtjüdischen Gaststätten aufsuchen, wo man s:e nur aufnimmt, wenn nicht genug andere, Heber gesehene Gaste gemeldet sind? Es. ist nicht nötig, zu sagen, wie die leider an manchen Orten angebrachten Schilder, „Juden sind in.....nicht erwünscht" auf das Ehrgefühl von uns Juden — und sicher auch von sehr vielen denkenden Nichtjuden — wirken müssen; wir können es uns ersparen, darauf einzugehen. Aber besitzen die denkenden nichtfrommen Juden nicht soviel Ueberlegungsvermögen mehr, daß sie sich sagen, daß sie selbst mit die Schuld daran tragen, wenn nun allen Juden die Erholung solchermaßen verbittert oder gar unmöglich gemacht wird, dadurch, daß es Juden gibt, die in Hotels gehen, wo sie nicht hingehören? Es ist für uns Gesetzestreue nicht verwunderlich, daß die Mahnungen der Reichsvertretung, selbst bei den den führenden Männern nahestehenden Kreisen nicht beachtet werden, wenn diese schon den g'ttlichen Geboten keine Beachtung zollen. Wie kann es besser werden, wenn wir nicht endlich die Kraft aufbringen, uns auf uns selbst zu besinnen! Gerade der Fall Schmitten sollte allen Juden, den einfachen Menschen, die im Sommer kurze Zeit ausspannen, besonders aber den Rabbinern aller Schattierungen zum Bewußtsein verhelfen, daß endlich die Forderung im deutschen Judentum sich durchsetzt: Wir müssen Juden sein mit allen Konsequenzen! Es genügt nicht, jüdische Konzerte zu veranstalten und jüdische Boxkämpfe abzuhalten, sondern wir müssen an uns und an alle jüdischen Brüder und Schwestern ohne Ausnahme die dringende, mitreißende Forderung stellen: Endlich Schluß mit allen Halbheiten und zurück, nein vorwärts zur Tauroh! Hugo J, Cahn, Mainz. Vermischtes. Frankfurt a. M.( 24. Okt. Wie die „Frankfurter Zeitung" mitteilt, hatte ein nichtarischer Geschäftsmann, der Anfang Juni 1933 Deutschland verlassen hat, vom Auslande aus Beschwerde gegen den gegen ihn erlassenen Reichsfluchtsteuer-Bescheid erhoben. Darin machte er geltend, daß keine Flucht vorliege, sondern, daß er aus Furcht vor Belästigung ins Ausland gegangen sei. Der Reichsfinanzhof hat diese Beschwerde als nicht begründet zurückgewiesen. Im vorliegenden Falle, so sagt die oberste Instanz, könne von einem „Ausschluß der freien Willensbestimmung auf den Wohnsitz" nicht die Rede sein. Bei den heute in Deutschland bestehenden Verhältnissen sei nicht anzunehmen, daß dem Beschwerdeführer irgend welches Unrecht zugefügt werde. Strafbare Handlungen habe er nach seiner eigenen Angabe nicht begangen. Er hätte deshalb unbedenklich zurückkehren können, und zwar, wenn er seinen früheren Wohnort nicht wieder hätte aufsuchen wollen, an einen anderen Ort in Deutschland. Berlin, 24. Okt. Am 9. Oktober fand die diesjährige Kuratoriumssitzung des Heims Wyk a. Föhr des Jüdischen Frauenbundes in Berlin statt. Ihr ging eine rein ärztliche Fachbesprechung voraus, in der noch einmal genaue Richtlinien über den Kreis der aufzunehmenden und von der Aufnahme auszuschließenden Kinder fakt. Hilusdrüsen-, Lungen- und Darmtuberkulose jeder Form, akute Infektionskrankheiten usw.) festgelegt wurden. — In der Kuratoriumssitzung wurde über das abgeschlossene Geschäftsjahr vom 1. 4. 33 bis 31. 3. 34 berichtet, auch das Halbjahr 1934 bereits vergleichsweise und zur Behandlung immer wiederkehrender Fragen herangezogen. Aus den Berichten gingen eindeutig die Kurerfolge hervor, die im Winter — bei leider geringerer Kinderzahl — besonders gute sind. Auch die Schwierigkeiten, die sich aus wirtschaftlicher Notlage und dem Mangel an guten Hilfskräften ergeben, wurden eingehend erörtert. Es wurde einstimmig be-' schlössen, an der Förderung dieser Arbeit mitzuwirken aus der Erkenntnis, daß das Heim in Wyk als einzige fachärztlich geleitete jüdische Erholungsstätte an der Nordsee besondere Aufgaben in gesundheitlicher, aber auch rein jüdischer Hinsicht zu erfüllen hat. Berlin, 28. Okt. Das Arbeitsprogramm d<jr Agudas JisroeJ-Jugendorganisation in Berlin für November 1934 weist folgende Veranstaltungen auf: "A.Westen," 1. im Hause S. E. H. Rabb. Dr. H. Klein, Solingerstr. 9, am 2. Nov., 19,45 Uhr; 2. im Hause $. IL Rabb. Dr. E.'Äl unk, Sieg: mundshqf 15; nähere Angaben folgen. B. Staat: 3. im Hauge des Herrn Dr. Fritz L e v y, Friedrich: straße 128, am "9. Nov., 19.45 Uhr. .Arbeitsgemeinschaft': Agudismus, Leiter Abr. Wolf, 14tägig ab Sonntag, den 4. Nov. um 20 Uhr im Beth Hamidrasch, Heidereuthergasse 4. Im Rahmen dieser A. G. spricht am 4. Nov. Dozent Dr. Moses Auerbach im Hörsaal 1 des Rabbiner-Seminars, Artilleriestr. 31 (Beginn 20 Uhr). Jugendliche zu allen Veranstaltungen herzlichst willkommen. Der Noar Agudati, Snif Berlin, hat für Noyember folgendes Arbeitsprogramm: Arbeitsgemeinschaft über Erez Jisrael, Leiter Herbert Sonn, 14tägig ab Sonntag, den 11. November um 20 Uhr im Beth Hamidrasch, Heidereuthergasse 4. Der Iwrith- Kurs beginnt in der ersten- November-Woche (nähere Angaben folgen). Meldungen an Herbert Sonn, Berlin NW. 87, Wullenweberstr. 3 oder an Salo Neuberger, N. 24, Artilleriestr. 31. Hamburg, 22. Okt. Die Synagoge Kohlhöfer, die, im Jahre 1856 eingeweiht, im Sanierungsplan der Stadt gelegen ist, fällt nunmehr dem Schicksal der Zerstörung anheim. Die Stadt erwarb das Grundstück, auf welchem sich ebenfalls das Gebäude der ehemaligen Talmud-Thora-Schule sowie die Maz- Zoth-Fabrik befindet. Schon vor dem Kriege schwebten Verhandlungen mit dem hamburgischen Senat wegen eines Verkaufs, da infolge des Fortzugs des größten Teiles der Gemeindemitglieder aus der inneren Stadt in das Wohnviertel Harvestehude die neue Synagoge am Bornplatz entstand und die Unterhaltungskosten für das alte G'tteshaus nicht mehr aufgebracht werden konnten. Trotz großer Schwierigkeiten wurde jedoch der G'ttesdienst in .dieser ehrwürdigen Synagoge, die einst zu den schönsten Deutschlands zählte, bis in die letzten Tage aufrecht erhalten, da immerhin, namentlich an den Jomim nauroim, die Besucherzahl eine recht hohe war. Ein nicht kleiner Kreis wird den Verlust dieser Andachtsstätte schmerzlich empfinden. Der letzte G'ttesdienst am gestrigen Sonntag gestaltete sich zu einer erhebenden Feier. Der weite Raum vermochte kaum die Zahl der Erschieneneri zu fassen, ein Beweis, wie innig dieses alte G'tteshaus mit der Hamburger Judenheit verwachsen ist. In seiner Ansprache ab Herr Rabbiner Dr. Lewin in bewegten Worten em Schmerz über das Schicksal dieses G'tteshauses Ausdruck und ließ aufs neue ein getreues Bild der Vergangenheit entstehen. Die zündende Ansprache umrahmten Mincho- und Maariw-Gebet, der Vortrag sowie Psalmgesänge der Herren Oberkantor Bürger, Kantor Norden und des Synagogenchors. Besonders feierlich war die Herausnahme der Seforim. Ein Schofarton kündete das Ende dieser denkwürdigen Stunde, J, Familien-Nachrichten. Geburten: Eine Tochter, Alfred Kosiner und Frau Lea geb. Beer, Leipzig, Nordeneyerweg 9 a. — Eine Tochter, Naphtali und Beatrice Abrahams-Goldschmidt, Den Haag, Amalie v. Solmstr. 72. — Eine Tochter, Kantor W. Brünn und Frau Babette geb. Schenkolewski, Schlüchtern, 28. 10. Barmizwoh: Erich, Sohn des Herrn Hermann Diefenbronner, Wittelsbacher Allee 9, mv "fi rav, Synagoge Friedberger Anlage- — Simon, Sohn des Herrn Adolf S. Goßels, Emden, OstfriesL, nibin 'S na». 75. Geburtstag: Frau S. Rödelheimer geb. Löb, Eysseneckstr. 4. November. Die Frankfurter Woche- Sitzung der Gemeindevertretung der Israelitischen Gemeinde am 31. Oktober. Im Mittelpunkte der am Mittwoch Abend stattgefundenen Sitzung der Gemeindevertretung der Israelitischen Gemeinde stand eine Vorstandsvorlage: Erhöhung der Kultussteuer für das laufende Rechnungsjahr um 2% Pr.oz. durch Einziehung eines halben 5. Steuerquartals. Mit 17 gegen 6 Stimmen und einigen Stimmenthaltungen fand der Antrag Zustimmung. Man hofft, das im Rechnungsjahr bereits entstandene Defizit von rd. 13.000 Mk. (Mindereingänge an Steuern, erhöhte Anforderungen der Wohlfahrtspflege) dadurch auszugleichen. Eine sehr lebhafte Debatte, die allerdings in der öffentlichen Sitzung nicht zu Ende geführt wurde, da der Gemeindevorsitzende, Herr Justizrat Dr. Blau, Aufklärungen erst in nichtöffentlicher Sitzung geben wollte, loste den Punkt „Verhandlungen über die anderweitige Zusammensetzung des Präsidialausschusses der Reichsvertretung'' aus. Sowohl von volksparteilicher wie konservativer Seite wurde bemängelt, daß die Ge^eindeyertretung zwar über jede Repafaturbewilligung,' wenn auch ," oft nach deren Ausführung üin ihre G^en^hmigpng, befragt werde, ab%x übler die entscheiägnde nicht orientiej:f' worHen sei." ^pn konservativer Seite wurde die"'^(fftirch^^.'.a|isg^spr^c^en,v'da§ Vei "äj?m Wahlmodujä: fjirdgft ^u^ajtjän^iau^scl&gß. der JR'eichsvertreßing' jyiecj^^m 'djie" %^erYi^Y^'^S^^^^^?^ kanien. Aligjejfjg wurde getont, <ja{i die 'Autorität 4er l|eiefysve!rtre£urig *m Keiner $feise' angegriffen wejdep dürf«?. ' " " " ' -

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