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Der Israelit · 1934-11-01 · Heft 44 (1.11.1934) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 44 (1.11.1934)
Date
1934-11-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
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Seite 12 Nr. 44 Der Israelit 1. November 1934 erderschütterndem Kanonendonner vom Süden, her, der ganzen Küste entlang. Man war an diese Musik schon so gewöhnt, daß man sie anfänglich gar nicht mehr beachtete. Um die Mittagszeit aber, gerade als das Getöse etwas nachließ, machte sich eine fieberhafte Nervosität auf der Straße bemerkbar. Vor dem Militärlazarett sah man verwundete Soldaten, die kaum auf den Füßen, stehen konnten, mit ihrem Gepäck sich von dannen schleppen, andere wurden fortgeschafft. Militärbeamte liefen erregt hin und her. Es ging etwas vor, man wußte nicht was. Die Türken waren reisefertig, das zeigte sich in jeder Minute mehr. Der Apotheker des Lazarettes, ein mir befreundeter Araber, flüsterte mir im Vertrauen zu, daß er alles wisse. Das türkische Heer habe eine entscheidende Niederlage erlebt, die Engländer seien bereits in Chedera und alle Militärstationen in Sichron und Umgebung. hätten den Befehl erhalten, ihre Positionen sofort zu räumen. Obwohl mir diese Mitteilungen als tiefes, Geheimnis anvertraut wurden, konnte ich sie nicht für mich behalten. Ich zitterte vor Erregung und . mußte Entspannung suchen. Ich sprang wie besessen von Haus zu Haus, hielt jeden auf der Straße an und raunte ihm die Botschaft zu. Da wurde ich mitten in eine Emigrantenfamilie hineingeschneit, die gerade beim .Mittagstisch saß. Ein mageres Armenmahl, bestehend aus einer dicken Mehlsuppe und hartem Brote, Es waren gute Bekannte aus Jaffa und ich durfte hier etwas lauter und offener meinem Herzen Luft machen, „Masol Tow!" schrie ich in den friedlich kauenden Kreis hinein, „die Engländer sind in Chedera!" Der Familienvorstand, ein hochgewachsener, breitschultriger Mann in mittleren Jahren, schaute mich verständnislos an und wehrte mit der flachen Hand ab. „Unsinn!" „Nein, volle Wahrheit," verteidigte ich meine Botschaft, „Eben Berichte aus Chedera angelangt. Schaut nur hinaus, die Türken verlassen auch schon Sichron." Der Mann legte den Löffel hin und sagte im Tone eines Verweises, in dem aber auch schon freudige Hoffnung mitklang: . „Willst uns anführen? Man treibt mit solchen Dingen keinen Scherz." Da führte ich ihn statt der Antwort ans Fenster. Auf der Straße bewegten sich Soldaten. Auf großen Leiterwagen wurden alle möglichen Gegenstände verstaut. Man sah wenig Juden, die wenigen aber hielten sich ganz abseits und sahen gespannt dem Vorgange zu. Einige Minuten stand der Mann, das Gesicht ganz an die Fensterscheibe gedrückt, da, ganz bleich, sein großer massiver Körper zitterte. Und plötzlich wandte er sich um und fiel mir um den Hals, „Nach Hause zurück! Nach 'Hause!" jubelte ,er. Dann packte er seinen Jüngsten, der nichts verstehend vor Schreck den Löffel fallen ließ und wirbelte mit ihm im wilden Tanz durch den Raurn. „Nach Hause.;zurück! Nach Hause! . . Die Mutter wollte mit ihrem Manne zanken, daß er das Kind unnütz quäle. Et möge doch den Unsinn lassen. Aber statt der Worte drang ein lautes Schluchzen aus ihrer Kehle, „Ist es wirklich wahr, daß wir bald zurück nach Hause können?!" Es war wirklich wahr. Der Abtransport ging in fliegender Eile vor sich. Nach wenigen Stunden war kein einziger türkischer Soldat mehr in der Kolonie zu sehen. Die ersten Engländer, ein Offizier mit einigen Soldaten, wurden von der ganzen Kolonie mit einem frenetischen Jubel empfangen. Eigentlich waren sie gekommen, um nachzusehen, ob sich nicht in den Judenhäusern Soldaten versteckt hielten, aber nach dem Empfang sahen sie von jeder weiteren Untersuchung ab, standen auf der Straße, schmatzten an den kurzen Pfeifen und unterhielten sich vergnügt mit den Juden, die: in einem drolligen Gemisch von Englisch, Deutsch und Hebräisch ihre Huldigung dem großen England darbrachten und ihre Hoffnungen ausdrückten. Bald folgte ein englisches Militärauto, das wiederum laut begrüßt wurde. Sogar der Chauffeur mußte warme Händedrücke zum Gruße einstecken. Eine Flasche vom besten Roten aus der Kellerei tauchte auf und Gläser wurden herumgereicht, Juden warfen sich zu Boden und reinigten die Räder des Autos vom Staube der Straße, andere berührten ehrerbietig wie kosend das kleine Maschinengewehr, das auf dem Wagen aufgepflanzt v/ar. Nur die Alten blieben etwas abseits und warnten vor allzu geräuschvollen Ovationen. Wer wußte, ob nicht bald von der anderen Seite wieder die Türken kamen? Man hatte schon so vieles erlebt in diesen schlimmen Tagen und Wochen. . . . Eine Stunde später sauste eine englische Radfahrerkolonne durch den Ort.' Jetzt waren, alle Bedenken verstummt. Aus Kellern und Verstecken kamen viele junge Leute ans Licht, die sich dort bislang verborgen hielten. Eine Anfreundung begann, Juden und Engländer tanzten auf der Straße die Horra. Ein Taumel setzte ein, eine Hausse auf Wagen, Esel und Kamele. Noch in der gleichen Nacht wollten viele zurück nach Hause, jeder wollte der erste sein, um die alte Heimat unter dem neuen englischen Regime zu begrüßen. Ganze Gruppen von Jugendlichen tra'ten den Nachtmarsch unter „Hallelujah" und „Hatikwah" zu Fuß an. Wiederum eine Prozession, aber dieses Mal von eitel Jubel und Freude begleitet. „Kleinigkeit," sagten die Leute und ihre Augen liefen über vor Freude und Hoffnung, „die Engländer, die .Freunde der Bibel, des heiligen Landes und Israels. Und dann die Technik! Paßt auf, sollte uns wundern, wenn nicht in Jaffa bereits die elektrische. Stadtbahn "durch die Straßen saust, die Telefone klingeln, schon am Hafen gebaut, wird ... Kleinigkeit, die Engländer, seht euch nur die frühere Wüste in Aegypten an , . ." „Und das jüdische Militär, die jüdische Polizei, die jüdische Verwaltung? Davon sprecht ihr nicht?" ärgerten sich Andere gekränkte Eine goldene Zukunft leuchtete den Rückwanderern entgegen, die nicht, wie früher, in weiter Ferne lag, sondern ihren Augen immer näher und näher rückte. Den Wanderstab in der Hand und den Ranzen auf der Schulter, reihte ich mich den Fußgängern an, jauchzte und sang laut mit. Da drang mitten in den Jubel die brüchige Stimme eines Alten: „Juden, Juden freut euch nicht gar zu früh, und zu laut! Noch sehe ich M o s c h i a c h nicht vor uns gehen, es gibt keine volle Freude auf dieser Welt! . . ." War mir nicht die Stimme schon bekannt? Wo hatte ich sie schon einmal gehört? Freilich, der alte Jemenite, der damals mit dem Hinweis auf die Mahnung der Mischna zur Enthaltsamkeit es abgelehnt hatte, das Wasserglas bis zur Neige, zu leeren. V , j : >'* , Em kleiner Mißton war in;;die Freude, hineingeklungen, aber schon war er: wieder verdrängt durch den hündertstimmigen Jubel: „Nach Hause zurück! Nach Haüse! . . '." In den achtzehn Jahren, die seitdem! verliefen, mußte ich oft genug an die dämpfenden Worte des alten Jemeniten denken , , . Eine Frankfurter Huldigung JVloses Montefiores vor 50 Jahren. In vielen jüdischen Zeitungen wird an den 15 0. Geburtstag von Sir Moses Montefiore erinnert. Man kann darüber verschiedener Meinung sein, ob der Geburtstag eines längst Heimgegangenen Anlaß zu Feiern gibt. Im nächsten Jahre wird, sich aber ein halbes Jahrhundert seit dem Tode dieses jüdischen Fürsten runden, und man wird dann Gelegenheit haben, all das, was Sir Moses Montefiore dem Judentum seiner Zeit gewesen ist und gegeben hat, wie er fast bis zu seinem 100. Lebensjahre alle Kraft seinem Volke in der Diaspora und dem Heiligen Lande geweiht hat, in allen Einzelheiten in Erinnerung zu bringen. Heute sei hier nur eine Frankfurter Reminiszenz wiedergegeben. . Im Marcheschwän 1884 — der Tag fiel damals auf den 27. Oktober — feierte buchstäblich die gesamte jüdische Welt in Ost und West, im Orient wie im Okzident, den 10 0. Geburtstag des damals noch sehr rüstigen und mit allen Fasern seiner Seele seinem Volke ergebenen großen Juden. Die Chronik verzeichnet auch eine sehr würdige Feier in der Realschule der Israelitischen R e 1 i g ix> n s g e s e 11 s c h a f t zu F r a n k f u r t a m Main, bei der Direktor Dr. Mendel Hirs ch eine begeisterte Huldigungsrede zu Ehren Montefiores hielt. Er stellte ihn den Schülern als Muster dafür hin, daß man bei strenger religiöser Gesinnung und Betätigung doch auf der 'Höhe der Kultur stehen und höchste Würden und Stellungen einnehmen kann. Der Vorstand der Israelitischen Religionsgesellschaft Heß aber eine künstlerisch ausgeführte Adresse dem Jubilar in London überreichen, die folgenden Wortlaut hatte: Hochwohlgeb'orener; Hochzuverehrender Herr! Der ergebenst unterzeichnete Vorstand der israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M, folgt nur dem Drange seiner Hochachtung und Verehrung, wenn derselbe Ew. Hochwohlgeboren bittet, diese schlichten Zeilen als schwachen Ausdruck seiner und seiner Gemeinde innigen Anschluß an die Segen und Heil wünschenden Gefühle entgegennehmen zu wollen^ welche Ihr herannahender hundertjähriger Geburtstag auf, weitem Erdenrund in der Brust aller jüdischen Genossen wachruft. Ist doch die jüdische; Welt gewohnt, in dem Namen Montefiore das Bild der opferfreudigsten Menschenliebe,, der thatkräftigsten Hingebung für die Rettung und Heilesförderung leidender und von; Gefahr bedrohter Brüder zu verehren; ist doch der Name Montefiore der lebendigste Commentar zu dem G'ttesworte "]jn m by l»yn »b und das weithin leuchtende Beispiel, wie ein edler jüdischer Mann die Mahnung salomonischer Spruchweisheit (Prov, 24) zu begreifen und zu bethätigen weiß: 0">rnp>^ bun lirnn DK'snnV D'Bmnin^ und wird doch Ihr glorreiches und erfolgreiches Eintreten .und Auftreten für un- . ter Druck und Verfolgung leidende Brüder für alle Zeit der zu gleichem Liebeswerke für. allgemeines Interesse weckende Aufruf bleiben. Mögen Sie, hochverehrter Herr, sich der Lebensdauer der, Patriarchen erfreuen und Ihnen deren ungetrübter . Segen b's boa beschieden sein; mögen Sie-die Zeit erleben, welche die. Erfüllung der Wünsche bringen wird., die Sie in einem so langen Leben für das Heil . der, Menschen im Allgemeinen und für Ihrer Brüder Heil im Besonderen auf Ihrem Herzen getragen, die Zeit, in welcher nach den. Worten des Propheten: „G'ttes Hand die Thräne von jedem Angesicht trocknen und die Schmach seines Volkes von der ganzen Erde hinwegnehmen wird." Mögen die guten Wünsche alle in Erfüllung gehen, die jeder Menschenfreund und jeder Freund des jüdischen Heiles Ihnen zu Ihrem hundertjährigen Geburtstage zuwendet, und die wir,, sowie die Gemeinde, die wir vertreten, aus vollem Herzen teilen. Mit aufrichtigster Hochachtung und Verehrung Der Vorstand der israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M. Frankfurt a. M., 27. October 1884 im Marcheschwän 5645. „Unser Weg." Die jüngsten zwei Nummern des. in. Warschau erscheinenden hebräischen Organs der Agudas Jisroel zeigen die Entwicklung in aufsteigender Linie. Alle jüdischen Probleme der Gegenwart, insbesondere aber die von Israel, Agudas Jisrael und Erez Israel.-finden;eingehende Erörterung, Das :F' e U i 11 et O n, ist lebendig gehalten und spricht zum Gemüt, der ,-iN'a c h r i c h t e n t e i 1. vortrefflich ausgebaut. In einer eigenen Rubrik unter dem Titel .-nnm mw . werden Aeußerungen und Gutachten großer .geistiger Führer über Programm und Aufgaben der Agudas Jisroel veröffentlicht; Briefe aus verschiedenen Ländern geben ein Bild vom Stand der Bewegung in der Welt. v Die Nummer 3 steht in ihrem ersten Teil ganz im Zeichen von Rabbi Meiir Schapiro b'"zi, dem Lubliner Raw, aus Anlaß der ersten Jahrzeit. „Darkenu" sollte in allen westeuropäischen Orts- und Jugendgruppen der „Agudas Jisroel" regelmäßig gemeinsam gelesen und auch als Grundlage für die hebräischen Sprech - Uebungen benutzt werden. Ein Artikel über die U n s i 11 e d e r Jubiläumsfeierlichkeiten im jüdischen Kreis, ebenso .ein Aufsatz unter dem Titel lYi <*po» über Takt und Anstand im politischen Kampf und die von der Jugend einzuhaltende Respektgrenze gegen die Führer entwickeln Gedankengänge, die wohl verdienen, auch in den orthodoxen Kreisen des Westens verbreitet zu werden. Der belletristische Teil der Wochenschrift erfährt in den nächsten Nummern eine wesentliche Bereicherung durch die hebräische Wiedergabe des Schachnowitz'schen Romans „Licht, aus. dem Westen" unter dem Titel '3-iynn *i> -------.. - ■ ""'

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