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Der Israelit · 1934-11-01 · Heft 44 (1.11.1934) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 44 (1.11.1934)
Date
1934-11-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 44 1934 Die Austreibung aus Jaffa und Tel Awiw. Von J. Duschmann. (Schluß.) Nachdem Jaffa und Petach Tikwah von den Engländern genommen waren, konzentrierte sich der Strom der Auswanderung auf Sichron Jacob. Dort blieben alle hängen, die das Kriegsgebiet verließen und den Rückzug nun abgescnnitien sahen. Das Komitee der Kolonie nahm wohl alle auf, aber wegen der grassierenden Epidemien erst nach gründlicher Untersuchung, Reinigung und Desinfektion der Kleider wie des Gepäcks. Es trat damals der gefährliche Flecktyphus auf, und so bestand der Arzt der Kolonie darauf, daß alle Flüchtlinge ganz kahl geschoren werden. Dagegen sträubten sich aber mit aller Gewalt die Frauen und Mädchen, die von der späteren Mode des „Herrenschnittes" damals noch nichts wissen konnten.' Die jungen Mädchen verteidigten ihren natürlichen Schmuck, die langen Zöpfe, bis zum Letzten. Nur der Gewalt weichend konnte am Ende der Haarschmuck unter der Hand des Schnitters fallen. Das ging oft nicht ohne ergreifende Szenen vor sich. Ich sehe noch vor mir jenes einsame blasse junge Mädchen, das in harrendem Beben auf seinem Koffer sali. Dieses junge Weib war, wie ich bald erfuhr, gewaltsam von Mutter und Bräutigam getrennt worden, die in Petach Tikwah blieben. Nun wartete sie in der Quarantäne des Beamten, um ihm ihr Gepäck vorzuzeigen. Wie würde es aber mit ihren Haaren werden? Das Mädchen hatte ein kränkliches,- nicht unbedingt schönes Gesicht, aber die wallenden Haare in zwei dicken langen Ketten zusammengefaßt, verliehen dem Gesichte und der Gestalt einen gewissen Liebreiz. Ich zitterte mit ihr um diesen ihren einzigen Reichtum. Da stand schon der Beamte vor ihr mit der Liste in der Hand und rief ihren Namen auf. ,,Ich," meldete sie sich tonlos und folgte ihm verschüchtert mit dem Koffer. „Es geht doch nur um den Koffer, nicht wahr?" versuchte sie in bebender Sprache zu erfahren, Der Beamte besah sich ihren Kopf, schaute ihr ins Auge und sagte nicht ohne Mitleid: ,,Ich fürchte leider, die Zöpfe werden auch daran glauben müssen. Es wird nicht anders gehen." „Nein, nie und nimmer," schrie das Mädchen auf, „lieber wollte ich . . ." „Sie müssen doch verstehen," redete der Beamte sänftiglich auf sie ein. „Es ist eine Zeit, in der Menschen viel mehr opfern müssen. Haare wachsen wieder an. Heute aber bedeuten sie eine schwere Gefahr für Sie selbst wie für die ganze Kolonie." „Aber ich lasse sie doch nicht abschneiden. Wer kann mich mit Gewalt zwingen?" „Gewalt gibt es bei uns nicht," behielt der Beamte seine Ruhe. „Aber aus der Quarantäne kommen Sie mit Ihren Haaren nicht hinaus und auf Unterkunft und Unterstützung vom Komitee können Sie auch nicht rechnen." Auch meine Intervention nützte nichts. Der Beamte zeigte ein aufrichtiges menschliches Mitleid. Aber Menschenleben ständen höher als der Haarschmuck eines Mädchens. Wollte man in diesem einzigen Falle Nachsicht üben, keine Frau und kein Mädchen würden sich mehr der Verordnung des Arztes unterwerfen. .Und man wisse, wieviel Opfer die Epidemie bereits in Kfar Saba gekostet hatte. Eine Weile schwieg das Mädchen. Ihr Gesicht überzog eine krankhafte Röte, sie fieberte offenbar. Dann folgte sie stumm und. resigniert dem Beamten, um nach einiger Zeit mit einem schwarzen Tuch um den Kopf gebunden, von der anderen Seite herauszukommen. In der Geschichte des Jischuw wird diese Maßnahme „Gserath Hasaaroth" (Das Haarverhängnis) genannt. Schwer war das Leben der Flüchtlinge in Sichron Jakow. Die Leiden und Beschwernisse des Weges hatten ihren Lebensmut stark herabgedrückt. Nur ein kleiner Teil fand Arbeit und Verdienst in der Kolonie, der große' Rest ging ohne Arbeit herum und lebte von der kleinen Unterstützung. Diese reichte bei weitem nicht zur Lebensfristung aus, so konnte man sehen, wie auf den Feldern der Kolonie zur Erntezeit die alte Institution von „Nachlese" und „Eckenernte" wieder buchstäblich auflebte. Greise und Kinder gingen hinter den Schnittern, auch hinter den heimfahrenden Erntewagen her und lasen den Abfall auf, stritten und rauften um jede Aehre. Natürlich hatten die Kinder und die Jungen den Vorsprung. Die Bauern sahen dem traurigen Schauspiele zu und sagten nichts, deren Frauen warfen sogar unversehens manches Bündel vom Wagen, auf das sich die Armen gleich stürzten. Oft schrie ein Bauer in einen Haufen Kinder hinein, daß sie nicht so stürmisch über die Beute herfallen und auch den Greisen und schwachen Frauen etwas lassen. Unter dem Eindruck der Verwarnung stoben die Kinder für eine Weile zurück, welche Gelegenheit die Alten mit der Eile, die ihnen ihre schwachen Beine und Hände gestattete, ausnutzten. Bald aber waren die Jungen wieder da und beherrschten den jyiarkt. Für die Flüchtlinge war der große Raum der Kelterei als Asyl eingerichtet. Dorthin pflegten sie auch ihren Armenanteil an der Ernte hinzubringen, und am Abend begann die Arbeit des Auskernens und Mahlens. Alles bis zum Kneten und Backen wurde mit den bloßen Fingern besorgt. Diese Kellerräume, groß und dunkel, an den Wänden mit Riesenfässern angefüllt, bildeten jetzt eine Welt für sich, eine Welt des Jammers, der Seufzer und der Tränen. Mit Anbruch des Abends legte sich die Stimmung des neunten Aw über die Räume und die Menschen. An einem dieser Abende muß ich heute noch denken. Aus einiger Entfernung kommt der gedämpfte Widerhall vom Blöken einer Schafherde. Ein dünner scharfer Lichtstreifen der untergehenden Sonne gespenstert auf die goldgelben Aehren und die bleichen Gesichter der dabeisitzenden Menschen. Stille ringsumher. In das große graue Schweigen webt jeder seine eigenen Gedanken und Träume hinein. Da sitzt ein ganz alter Mann, den müden Kopf an die Wand gestützt und das Auge sehnsuchtsvoll auf den letzten Sonnenstrahl gerichtet. Die Traurigkeit des ganzen jüdischen Golus spiegelt sich auf seinem Gesichte wider. Seine Gedanken sind leicht zu erraten. Er sieht sich rm Traume im Bethaus seiner Kolonie N e w e S c h a 1 o m , wo er seit gut zwanzig Jahren Tag für Tag um diese Dämmerstunde den von der Arbeit heimgekehrten Bauern den Agadaschiur aus En Jaakow vorliest und darauf das Maariwgebet yorbetet. Wie liebte er diese Stunde, wie lauschten die Menschen auf seine Worte, wie süß und hingebungsvoll klang dann zum Abschluß das Gebet des Abends! Wie lange ist es schon her, daß er aus seinem Paradiese, er weifJ nicht warijm, getrieben wurde) Völker, Könige und Fürsten waren aneinander geraten, er hatte sich wahrlich nicht eingemischt. Und da jagten sie ihn aus seinem Heiligtum, aus seinem Glücke, sperrten ihn in einen Keller. Herr der Welt, wie lange noch, Haschiwenu! , . , Auf einem eisernen Bette eine Frau, etwa dreißigjährig, zwei kleine Kinder spielen zu ihren Füßen mit ihren Aehren. Sie kann den ganzen Vorgang kaum begreifen. Sie flüchtete mit' den kleinsten Kindern voraus, ihr Mann wollte mit den anderen nachkommen und die nötigsten Hausgeräte mitbringen. Nun war der Weg abgeschnitten, sie allein hier mit den Kleinsten. Wenn sie nur wenigstens den Waschtrog hier hätte! Nicht einen Tropfen Milch hat sie für ihre Kinder und daheim im Stall sind drei Ziegen da, die wohl zugrunde gehen, vielleicht schon längst von den Türken oder anderen Soldaten weggeführt worden sind . . . Zehn Jahre ihres Lebens wollte sie opfern, könnte sie jetzt nur einen Blick auf ihr Haus, ihren Garten, ihre Ziegen werfen. „Herr der Welt, was habe ich denn so schwer gesündigt, daß du deinen ganzen Zorn über mich ausgegossen hast? . . ." Da sitzt eine frische Sechzehnjährige, den Kopf in beide Hände gestützt. Ihre Tragödie ist, von uns aus gesehen, nicht sehr erschütternd, aber es ist ihr doch sehr weh zumute. Sie wird durch diesen gezwungenen Ausflug ein ganzes Jahr von ihrem Seminarstudium verlieren. Sie hatte wohl alle ihre Lehrbücher mit in die Verbannung genommen, aber hier im Keller ist die Luft für das Studium nicht günstig, auch fehlt ihr der Freund, der aufgeschossene Primaner, der ihr bei der grausamen Mathematik aus dem Gestrüpp der Zahlen und Striche zu helfen pflegte. Wo dieser heute stecken und wem er heute helfen möchte? Für diese Trennung von Schule und Freund macht sie einzig die Engländer verantwortlich. Erst mußten sie in den Weltkrieg ungebeten eingreifen und dann kamen sie nicht ... Ihr gegenüber das schon mir bekannte Gesicht, das Mädchen mit dem schwarzseidenen Kopftuch. Sie trauerte ihren Haaren nach, ihrem schönsten Schmuck, den sie als Opfer dem Gesundheitsamt hergeben mußte. Ihre Sorgen sind leicht zu erraten. Was wird ihr Verlobter zum Verluste ihrer Zöpfe sagen? Aber ich finde, daß der traurige Zug ihr sehr gut zum Gesichte steht, fast die schönen Haarketten ersetzt . . . Hier vor dem Riesenfasse gruppiert sich eine ganze Schar um einen Jüngling, der aus einer jüdisch-deutschen Zeitung etwas vorliest und „verdeutscht". Balfour! 'Deklaration! Die Worte fallen in die Herzen wie frischer Tau auf die durstende Landschaft. Seufzer entringen sich der beladenen Brust, Seufzer der Hoffnung, der Erlösung. Einer muß die Botschaft mit eigenen Augen sehen, sie mit den Fingern berühren, obwohl er keinen Strich von den deutschen Lettern entziffern kann. „Schehechejonu", betet ein anderer. „Die Spuren vom Messias," begeistert sich wieder einer. „Warum auch nicht? Das konnte ja auch ein Blinder sehen, die Kämpfe von Gog Megog, die Völker sammelten sich um Jerusalem, ganz wie es im Propheten Secharia heißt . . ."' Dumpf und trübe ringsherum, dunkle Schatten tanzen durch den Raum, nur an der Stelle vor dem Faß, wo die jungen Menschen Botschaft vernehmen und verkünden, bildet sich ein Lichtkreis, der wächst und bald den ganzen Raum erfaßt . . . Naph wenigen Tagen, mitten in der Verzweiflung, schlug die erwartete Stunde. An einem Donnerstag war es, dem kritischen Tag für den Jischuw seit Kriegsausbruch, der bis jetzt alle Katastrophen brachte, gerade an Donnerstag erstrahlte das gr.pße Lichjt in der Finsternis. Der Tag fing an mit furchtbarem*

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